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Das Buch zum FIlm

Das homoerotische Knastleben in Chile

Der chilenische Roman "Der Prinz", geschrieben Anfang der Siebziger, taucht plötzlich auf einem Flohmarkt auf – und hat jetzt in Deutschland erstmals einen Verlag gefunden. Die Geschichte des hübschen Jaime, der als Mörder ins Gefängnis kommt, ist brutal und faszinierend.


Szene aus der gleichnamigen Verfilmung von "Der Prinz", die in diesem Monat in der Queerfilmnacht läuft und am 19. November 2020 regulär im Kino startet (Bild: El Otro Film)
  • Von Fabian Schäfer
    7. Oktober 2020, 07:53h, noch kein Kommentar

Ehrlich gesagt ist die Geschichte des Romans "Der Prinz" mindestens so faszinierend wie der Roman selbst. Sebastián Muñoz, Art Director verschiedener chilenischer Filme, findet auf einem Flohmarkt einen kurzen Roman, ein kleines Heftchen nur, nicht einmal in einem richtigen Verlag erschienen. Was er liest, hat es in sich.

Am Anfang ist ein Mord. "Der Prinz" handelt vom jungen und hübschen Jaime, der ziemlich betrunken in einer Mischung aus Wut und Eifersucht einen Kumpel in einer Bar ersticht. Er kommt in ein Gefängnis, in eine Viererzelle. Dort wartet schon der junge Hengst, "El Potro", auf ihn. Der, (anders als im gleichnamigen Film) nur ein paar Jahre älter, hat sofort ein Auge auf Jaime geworfen, umsorgt ihn und vergewaltigt ihn gleich in der ersten Nacht.

Eine Milieustudie über Gewalt und Sex im Knasr


Der Roman "Der Prinz" ist im Albino Verlag erschienen

Es entwickelt sich eine ganz schwer zu fassende Beziehung, die sich irgendwo zwischen den Polen Demütigung, Hingabe und Fürsorge einpendelt, mit Ausschlägen in alle Richtungen. Sie vertrauen einander, hören dem Anderen zu, und "El Potro" wird eifersüchtig, wenn der Prinz, sein Prinz, mit einem anderen duscht. "El Potro" hat im Knast einen guten Ruf, der auf Jaime abfärbt. "El Potro" beschützt ihn, er wird respektiert, oder, in Jaimes Worten: "Nicht mal die brutalsten und fiesesten Typen hätten mich gefickt."

"Der Prinz" ist ein derber und brutaler Roman, aber das ist der chilenische Knast Anfang der Siebziger, noch vor der Pinochet-Diktatur, eben. Er ist eine Milieustudie, die bei lauter roher Gewalt und expliziter Homoerotik doch Platz für sensible Schilderungen findet – etwa über Jaimes Vater und seine Kindheit, seine Zukunftsträume, seine Ängste, Unsicherheiten und Sorgen.

Was macht Sebastián Muñoz also mit diesem brisanten Roman, der die queere Literaturgeschichte des Landes neu schreibt? Florian Borchmeyer, leitender Dramaturg an der Berliner Schaubühne, berichtet in seinem ausführlichen Nachwort davon: Muñoz will den Stoff verfilmen, "Der Prinz" soll sein erster Langfilm werden. Dafür muss er aber natürlich die Rechte besorgen. Und das ist bei einem Roman, der nie in einem Verlag publiziert wurde, noch dazu von einem Autor, Mario Cruz, über den nichts herauszufinden ist, gar nicht so einfach.

Streit mit Mario Cruz über die Verfilmung


Mario Cruz veröffentlichte seinen Roman "El Principe" 1972 im Selbstverlag

Nach intensiver Spurensuche finden seine Produzentin und er im Jahr 2010 schließlich den Schriftsteller, der unter dem Pseudonym Mario Cruz geschrieben hat. Das Leben des damals weit über 70-Jährigen würde genug Stoff für ein Biopic abgeben: Florian Borchmeyer nennt seine Biografie "so unglamourös prekär, dass sie eigentlich echt sein muss".

Mario Cruz muss ein ziemlicher Kauz sein. Er lebt heute am Stadtrand von Santiago de Chile, hat sich als Journalist und Theatermacher versucht und glaubt noch immer daran, seinen Roman selbst verfilmen zu können, bei sich zu Hause, ganz alleine. Ist es Übermut, Realitätsverweigerung, unbändige Hoffnung? Man weiß es nicht. Genauso ein Rätsel bleibt, woher er den Gefängnisalltag so gut kennt. Aber man weiß, dass es im Anschluss an den Besuch Streitigkeiten gab über die Filmrechte, dass Sebastián Muñoz heute keinen Kontakt mehr zu ihm hat, dass Mario Cruz nicht einmal wollte, dass ein Freund Muñoz' seine Theaterstücke auf die Bühne bringt.

Was für eine Geschichte hinter diesem Roman und seiner Verfilmung! Und was für eine Pionierleistung, dass "Der Prinz" nun erstmals überhaupt in einem Verlag veröffentlicht wird, ausgerechnet in Deutschland, ganz weit weg von seinem Entstehungsort.

Infos zum Buch

Mario Cruz: Der Prinz. Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von JJ Schlegel. 104 Seiten. Albino Verlag, Berlin 2020. Taschenbuch: 18 € (ISBN 978-3-86300-294-7). E-Book: 12,99 €