Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?37274

Sachbuch

Die kluge Unterfütterung von "Futur Drei"

Wer noch nicht genug hat vom queer-postmigrantischen Film des Jahres, findet im Katalog "I See You" spannende Interviews, kritische Anmerkungen und kluge Essays zum Film. So erhält "Futur Drei" noch weitere Ebenen und umso mehr Potenzial.


Ein junger, postmigrantischer, queerer und nicht verklemmter Film: Szene aus "Futur Drei" (Bild: Edition Salzgeber)

Sie haben viel zu sagen. Sie, das ist das "Jünglinge"-Kollektiv, das mit "Futur Drei" die Kinolandschaft in diesem Jahr deutlich bereichert, vielleicht sogar durcheinandergewirbelt hat. "Futur Drei", der Film über Parvis, der in zweiter Generation in Deutschland lebt, und sich mit den aus dem Iran geflüchteten Geschwistern Banafshe und Amon anfreundet und sich in letzteren verliebt, hat gezeigt, wie deutsches Kino auch sein kann: jung, queer, postmigrantisch, voller ernster Themen, aber genauso lustig und ästhetisch ausgefeilt. Das wurde bereits mit einer Vielzahl an Preisen belohnt.

Doch die "Jünglinge" haben noch mehr zu sagen, und deshalb haben sie mit "I See You – Gedanken zum Film" einen Katalog veröffentlicht. Einen dicken und gehaltvollen Katalog, der vom inhaltlichen Anspruch eher an Programmhefte von Theatern- oder Operninszenierungen erinnert. Und diese doch übertrifft!

Wie klingt "knackendes Eis aka Kristall"?


Der Katalog "I See You" ist in der Edition Assemblage erschienen

In drei großen Kapiteln – "Woher wir kommen", "Wir begegnen uns", "Wohin wir gehen" – umfasst der Katalog ganz verschiedene Texte. Die meisten sind trotz der teilweise komplizierten Themen und Verschränkungen gut zu lesen – ein Glossar hilft zur Not weiter – und nur ganz wenige gefallen sich etwas zu sehr in ihrem akademischen Ton. "I See You" versammelt unter anderem lange Interviews, etwa mit den Hauptdarsteller*innen über ihre persönlichen Erfahrungen und das politische Potenzial von Kunst, aber auch mit dem Migrationsforscher Erol Yıldız, was noch einmal ganz neue und aufschlussreiche Perspektiven auf den Film eröffnet.

Am Film Beteiligte erklären und reflektieren den Entstehungsprozess, etwa Raquel Kishori Molt das lange Casting der Rollen oder Jakob Hüffell die Arbeit an Musik und Sound – besonders persönlich und spannend als E-Mail-Gespräch mit der Lehrperson für Musiksoziologie an der Universität Hildesheim Johannes Salim Ismaiel-Wendt.

Sound und Musik, die sowohl vom Publikum wie auch von der Kritik meist eher randständig betrachtet werden, erhalten hier eine Aufwertung. Die komplexen Gedanken und Assoziationen sind so beeindruckend, dass man den Film nochmal sehen möchte, nur um ganz genau auf die Heckenschere, "gemütliche Bettwäsche" oder "knackendes Eis aka Kristall" zu achten.


Regisseur Faraz Shariat erhielt auf der diesjährigen Berlinale zwei Teddys für "Futur Drei", den Teddy Readers' Award powered by queer.de und den Preis für den besten Spielfilm (Bild: Diana Rasch)

Auch (Selbst-)Kritik ist dabei

Diese sehr nah am Film stehenden Texte werden ergänzt durch Essays oder Kolumnen, die die großen Themen verhandeln, um die es im Text geht: Hengameh Yaghoobifarah kommentiert in "Nicht dein Ausländer" Parvis' Grindr-Date, Zuher Jazmati macht sich in "Eine verschämte Angst" Gedanken zur Angst queerer Communitys vor toxischer Männlichkeit, die von Männern of Color ausgehen – sehr persönlich und horizonterweiternd.

Der Katalog spricht auch (selbst-)kritische Punkte an, etwa die Frage der Repräsentation von Women of Color (von Kemi Fatoba) oder die Problematik der Legitimation: Wer erzählt die Geschichte von geflüchteten Menschen und wer profitiert davon, fragt die intersektionale und antikoloniale Aktivistin Selin.

All diese und die anderen Texte werden so zum theoretischen Überbau, zur klugen Unterfütterung von "Futur Drei". Sie geben spannende Produktionseindrücke und geben Raum für weitere Perspektiven und Interpretationen auf den Film, die man vorher vielleicht noch nicht eingenommen hat. Der Katalog erweitert den Film und schöpft das aktivistische Potential noch weiter aus. Ein mehr als gelungener Band für alle, die noch nicht genug hatten von "Futur Drei"!

Direktlink | Offizieller Trailer zu "Futur Drei"

Infos zum Buch

Arpana Aischa Berndt, Raquel Kishori Molt: I See You – Gedanken zum Film FUTUR DREI. Farbiger Katalog. Klammerheftung. 123 Seiten. 21,0 x 29,7 cm. Verlagskollektiv Edition Assemblage. Münster 2020. 15 €. ISBN: 978-3-96042-097-2
Galerie:
Futur Drei
14 Bilder


#1 Sailor VenusAnonym
  • 10.10.2020, 17:16h
  • "Futur Drei" ist der beste deutsche Film, den ich seit langer Zeit gesehen habe. Ich habe mich nicht nur in den queeren Aspekten realistisch repräsentiert gefühlt, sondern konnte mich auch mit den postmigrantischen Erfahrung eines "Doppellebens" identifizieren.
    Dass man sich zu den zahlreichen interessanten Themen, die in dem Film angeschnitten werden, nun noch einiges interessantes anlesen kann, gibt dem Ganzen den Eindruck eines "Gesamtpakets". "Futur Drei" ist nah am Leben und wirkt nach. Es fordert uns auf, uns kritisch mit der Situation zu beschäftigen, in der Flüchtlinge, Migranten und deren Kinder in Deutschland leben.
    Ich persönlich freue mich nun sehr auf die Lektüre von "I See You"!
  • Antworten » | Direktlink »
#2 audeasAnonym
  • 10.10.2020, 19:29h
  • Ich kann es kaum erwarten diesen Film zu sehen. Nicht zuletzt auch weil ich mich endlich in einem deutschen Film wiederfinden kann.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 EnolaAnonym
  • 10.10.2020, 20:48h
  • Bisher war im deutschen Film ja fast nur der nicht enden wollende Detlef-Witz angesagt, natürlich nur als ganz doll lieb gemeinte "Parodie". Mögen diese Zeiten ein für alle mal vorbei sein!
  • Antworten » | Direktlink »
#4 queergayProfil
  • 10.10.2020, 21:51hNürnberg
  • Dieser Film ist als autobiograhisches First-Steps-Movie eines 26-jährigen sicherlich sehenswert, ihn aber gleich als Meisterwerk einordnen zu wollen, das halte ich schon für übertrieben.
    Die Handlung plätschert mehr so dahin, könnte für meine Begriffe filmisch stärker und intensiver umgesetzt werden. Interessant wäre eine filmische Fortsetzung mit "Futur Drei - Teil 2", abgedreht mit denselben Darstellern in 20 Jahren.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 Oder soAnonym
  • 13.10.2020, 00:31h
  • Ich finde die Eloge auf den Film auch sehr übertrieben. Ich bin wegen dieser ganzen Vorschusslorbeeren in den Film gegangen, aber fand ihn thematisch überfrachtet und sehr schwarz-weiß gezeichnet in seinem Gesellschaftsbild. Ich habe den Gang ins Kino nicht gerade bereut, aber ein zweites Mal wurde ich ihn mir nicht anschauen.
  • Antworten » | Direktlink »