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Buch des Jahres

Ein Jahrhundert schwule Liebe in Fotografien

350 Fotos schwuler Paare aus den Jahren 1850 bis 1950 vereint der großartige Bildband "Loving" – Schnappschüsse wie Studioaufnahmen, eindeutige und subtile Liebesbekundungen, Arbeiter und Anzugträger. Was sie gemeinsam haben: Zuneigung, Vertrautheit, Liebe.


Die Sammlung des New Yorker Ehepaars Hugh Nini und Neal Treadwell gewährt berührende und spannende Einblicke in bisher unbekannte Fotografien von schwulen Paare (Courtesy of the Nini-Treadwell Collection © "Loving" by 5 Continents Editions / Elisabeth Sandmann Verlag)

Liebe, Anziehung, erotische Spannung – all das gab es schon immer, auch unter Männern. Das ist so eine der Gewissheiten, die man zunächst noch sich selbst, später Homophoben gegenüber gerne anführt, um zu beweisen: Wir sind keine Modeerscheinung, wir sind keine Erfindung des Westens. Nur die Beweise, die Bilder und Erzählungen davon, die sind rar – abgesehen mal von antiken griechischen Vasen. Ist ja auch kein Wunder, schwule Liebe wurde (und wird) unterdrückt, Repräsentation und Sichtbarkeit unmöglich gemacht.

Und nun endlich gibt es einen Bildband, der schwule Liebe zeigt und der ihre Geschichte damit auch beweist und ins kollektive Bewusstsein zurückholen kann. "Loving" sammelt 350 Fotografien männlicher Paare aus den Jahren 1850 bis 1950, also fast seit Anbeginn der Geschichte der Fotografie. Sie waren nie zur Veröffentlichung gedacht, sondern waren private Aufnahmen, Andenken, Postkarten – und damit auch kein Teil des fotografiehistorischen Kanons.

Das Kriterium für die Fotos: der Blick

Die Fotografien stammen aus der privaten Sammlung der US-Amerikaner Neal Treadwell und Hugh Nini, die sie im Vorwort als "Zufallssammlung" bezeichnen: Das Paar hat einfach angefangen, historische Fotografien schwuler Paare zu sammeln – und nicht aufgehört. An eine Ausstellung oder sogar Buchveröffentlichung haben sie nie gedacht, bis sie ein Händler dazu ermutigt hat.

Das Paar, laut eigenen Angaben seit 1992 verheiratet – offiziell natürlich erst später -, hat ein bestimmendes Kriterium für die Aufnahme in ihre Sammlung, das so simpel wie einleuchtend lautet: der Ausdruck in den Augen der abgebildeten Männer. "Dieser Blick voller Zuneigung und Liebe, der Gefühle verrät, die so stark sind, dass die Paare sie unmöglich verbergen können", wie der französische Soziologe Régis Schlagdenhauffen im Vorwort erläutert.

Und diese Sammlung, von der nur ein Teil in "Loving" Platz gefunden hat, ist beeindruckend. Die meisten der Fotografierten lebten in den USA, doch finden sich auch Fotos aus Großbritannien, Frankreich, Italien, Deutschland, Bulgarien, Kroatien, Serbien, Ungarn, Australien, Japan, Singapur, China, der damaligen Tschechoslowakei, Estland, Russland, Portugal sowie aus Südamerika.

Manche Posen scheinen die Zeiten zu überdauern


"Loving", erschienen im Elisabeth Sandmann Verlag, ist seit 12. Oktober 2020 im Buchhandel erhältlich

Die Männer stammen aus allen Schichten, sind Arbeiter oder Anzugträger, noch Teenager oder schon in ihren Vierzigern, haben sich professionell in einem Studio fotografieren lassen, saßen in einem Fotoautomaten oder wurden am Strand auf einem Schnappschuss festgehalten. Manche von ihnen sind richtig cool, andere wirken eher schüchtern. Sie posieren vor einem Auto oder in einer Kutsche, manche knutschen oder sind eng umschlungen auf einer Picknickdecke, bei anderen sind es ganz sachte Berührungen oder nur verstohlene Blicke, die zeigen, dass da mehr als Freundschaft ist.

Denn auch das zeigt der Bildband: Schwule Liebe und schwule Paare waren schon immer vielfältig. Auf diesen 350 Fotografien sind flamboyante und muskulöse Männer, sind Soldaten, Matrosen oder Studenten. Einige Abbildungen wirken erstaunlich modern, und manche Posen überdauern offensichtlich die Zeiten, denn sie finden sich heute noch ganz genauso: Der kleinere lehnt den Kopf auf die Schulter des Größeren, der schmiegt seinen Kopf sanft an ihn.

Eine Liebeserklärung an die Liebe

"Loving" hat auch ein paar ganz besondere Schätze zu bieten: So die womöglich erste dokumentierte "Eheschließung" zweier Männer, in den USA wohl um das Jahr 1900 entstanden. Zwei junge Männer im rechten Teil des Bildes und unter einem hellen Regenschirm – das Hochzeitssymbol schlechthin – tauschen die Ringe aus, links hält ein junger Mann die rechte Hand wie zum Schwur nach oben und liest aus einem Buch – womöglich der Bibel. Ein weiteres Highlight ist das vielleicht älteste Selfie eines schwulen Paares, mehr als hundert Jahre vor dem Hashtag #gaycouple: Das Männerpaar hat eine Kamera auf eine Kommode gestellt und sein Spiegelbild mit Hilfe einer frühen Form eines Selbstauslösers abgelichtet. Hätte damals bestimmt auch schon viele Likes bekommen.

Der Bildband ist ein wertvolles zeitgeschichtliches Dokument, vor allem aber geht er direkt ins Herz. Er lässt einen schmachten, er lässt einen fantasieren über die Geschichten der Männer, etwa der zwei Soldaten, die im Schnee liegen, oder der zwei Arbeiter, die auf einer Mauer vor dem Eiffelturm sitzen und in die Kamera lächeln. "Loving" ist eine echte Liebeserklärung an die Liebe.

Infos zum Buch

Neal Treadwell, Hugh Nini (Hrsg.): Loving. Männer, die sich lieben – Fotografien von 1850-1950. 336 Seiten. Gebundene Ausgabe. Format: 22 x 28cm. Elisabeth Sandmann Verlag. München 2020. 49 €. ISBN: 978-3-945543-82-5
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#1 goddamn liberalAnonym
  • 12.10.2020, 05:54h
  • Gut, dass es nicht nur griechische Vasen gibt. Die Jungs auf dem Cover z. B. sind echt gut.

    Auch die 'schwarzen' Befreier in US-Uniform sind ein wichtiges und schönes Dokument.

    Erst nach unserer Befreiung wurden sie auch in der US-Armee 1948 formal gleich gestellt. Zumindest in einer Hinsicht.

    Ob die beiden die Entscheidung des US-Supreme Courts von 2015 noch erlebt haben?

    Hm, schwule Geschichte geht nie ohne Melancholie.
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#3 PetterAnonym
#4 TimonAnonym