Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?37319

Schauspieltalent

Montgomery Clift: Hollywoods offen schwulster Star

Heute vor genau 100 Jahren – am 17. Oktober 1920 – wurde Montgomery Clift geboren. In seinen Filmrollen war er sensibel und auf eine faszinierende Weise androgyn – sein Privatleben sorgte für Skandale.


Montgomery Clift (1920-1966) erhielt im Laufe seiner Filmkarriere insgesamt vier Oscar-Nominierungen. Er starb mit nur 45 Jahren an einem Herzinfarkt
  • Von Erwin In het Panhuis
    17. Oktober 2020, 04:14h, 7 Kommentare

Montgomery Clift (1920-1966) war ein US-amerikanischer Film- und Theaterschauspieler, der besonders häufig sensible bzw. tragische junge Männer verkörperte und im Laufe seiner Filmkarriere insgesamt vier Oscar-Nominierungen erhielt. Bei mehreren seiner Filme lassen sich Bezüge zur Homosexualität aufzeigen, was für diese Zeit außergewöhnlich ist.

Neben seinen Filmen lohnt sich ein Blick auf sein schwierig verlaufendes Privatleben. Wenn nicht anders vermerkt, beziehe ich mich bei den Seitenangaben auf die Biografie von Robert LaGuardia "Monty. Die erste umfassende Biographie über das skandalumwitterte Leben des Weltstars Montgomery Clift" (1982). Wichtige Anregungen habe ich auch aus Vito Russos "The Celluloid Closet" übernommen (Zitate nach der deutschen Ausgabe "Die schwule Traumfabrik", 1990).

"Panik am roten Fluss" (1948)

Der Film – auch in Deutschland wohl besser bekannt unter dem Titel "Red River" – wurde 1946/1947 gedreht, kam aber erst ein Jahr später in die Kinos. Mehrere Szenen haben einen homoerotischen Subtext. In der bekanntesten zeigen sich Matt Garth (Montgomery Clift) und Cherry Valance (John Ireland) gegenseitig ihre Revolver, die als Phallus-Symbole inszeniert erscheinen. Es wirkt wie ein Schwanzvergleich, getreu dem Motto "Zeig mir deinen, dann zeig' ich dir meinen". In der Dokumentation "The Celluloid Closet" (1995, 32:10-33:15 Min.) wird diese Szene gezeigt, wobei der Schriftsteller und Drehbuchautor Arthur Laurents ausdrücklich darauf verweist, dass die beiden Schauspieler den schwulen Subtext dieser Szene kannten.

Vera Cuntz-Leng geht in ihrem Buch "Harry Potter que(e)r: Eine Filmsaga im Spannungsfeld von Queer Reading. Slash-Fandom und Fantasyfilmgenre" (2015, S. 64) auch auf die Beziehung zwischen Toom Dunson (John Wayne) und seinem Ziehsohn Matt Garth (Montgomery Clift) ein, wo sie "durchaus homoerotisches Potenzial" sieht.


Toom Dunson (John Wayne) und sein Ziehsohn Matt Garth (Montgomery Clift). Aus: "Panik am roten Fluss" (1948)

Damit können u.a. folgende Szenen gemeint sein: Garth trägt ein Armreif, den er von Dunson geschenkt bekommen hat und der vorher der Geliebten von Dunson gehörte (Erster Teil, 24:40 Min.). Später will Garth für Wayne ein Paar rote Schuhe mitbringen, das zunächst für eine Frau bestimmt war (Erster Teil 1:06:25-1:07:10). Das Verhältnis zwischen Wayne und Clift wird als "Liebe" bezeichnet (Zweiter Teil, 43:30 Min.), was allerdings als Liebe zwischen Vater und Sohn zu verstehen ist.

"Die Gezeichneten" (1948)

In diesem Film verkörpert Clift einen in Deutschland stationierten US-Soldaten, der sich um einen elternlosen zehnjährigen Jungen kümmert. Während der Dreharbeiten für eine Flussufer-Szene wollte Montgomery Clift den Jungen aus dem Stegreif mit den Worten trösten: "Weine doch nicht, mein Liebling", bat dann aber die Verantwortlichen, diesen Take nicht zu verwenden, weil er Angst hatte, "das Publikum könne ihn für homosexuell halten, wenn er einem Knaben gegenüber das Wort Liebling gebrauche. Er zeigte sich sehr besorgt um die Wirkung seiner Handbewegungen. Unzählige Male befragte er Freunde, ob diese nicht etwas effeminiert wirkten" (S. 96). Die Befürchtung einer Gleichsetzung von Homo- und Pädosexualität war zu dieser Zeit leider gerechtfertigt.


Clift hatte Angst, wegen dieser Szene für homo- bzw. pädosexuell gehalten zu werden. Aus: "Die Gezeichneten" (1948)

Heute kann man sich den Film in seiner vollständigen Fassung online ansehen, wozu auch die Flussufer-Szene (1:22:35-1:27:10) gehört. Ich sehe hier einen großartigen Film und insbesondere in dieser fürsorglichen Szene mit dem Jungen jene Form von Clifts ambivalenter Maskulinität, die Millionen von Menschen faszinierte. Wenn man heute einen Film über "neue Männlichkeit" machen wollte, also über Männer, die maskulin sind und sich fürsorglich um Kinder kümmern, könnte man diese Szene heute 1:1 übernehmen.

"Verdammt in alle Ewigkeit" (1953)

Der später verfilmte Roman "From here to Eternity" von James Jones (1951) über US-Soldaten auf Hawaii 1941 geht an mehreren Stellen auf Homosexualität ein: "Ein ambivalentes Verhältnis pflegen die Soldaten zu den in Honolulu ansässigen Homosexuellen: man hat teils freundschaftlichen Umgang, teils werden die Schwulen erpresst und ausgenommen. Infolge dieser Aktivitäten kommen Prewitt und Maggio ins Militärgefängnis" (Wikipedia).

Die britische Tageszeitung "The Guardian" erwähnte mehrfach, dass der Roman ursprünglich noch deutlicher sein sollte und nun in einer neuen unzensierten Ausgabe auch deutlicher auf Blowjobs unter Männern eingehen werde. Nach einer Auskunft der Tochter des Autors wollte ihr Vater in dem Roman Homosexualität behandeln, ohne diese zu beurteilen oder zu pathologisieren ("The Guardian", 13.11.2009 und 5.4.2011).

Zwei Jahre nach seinem Erscheinen wurde der Roman mit Montgomery Clift (als Prewitt), Frank Sinatra und Burt Lancaster 1953 verfilmt (hier online). Nach Vito Russo wurden die schwulen Szenen "zurechtgestutzt", um Soldaten auf diese Weise vor homosexuellen Andeutungen zu schützen. "Die Buddy-Beziehung von Soldaten im Krieg war geheiligter als die von Western-Helden und Topsportlern" (Russo, S. 111). Der Film – ohne für mich erkennbare schwule Szenen – wurde mit acht Oscars ausgezeichnet.

"Plötzlich im letzten Sommer" (1959)

Dieser Spielfilm entstand nach einem Drehbuch von Gore Vidal und basierte auf dem gleichnamigen Theaterstück von Tennessee Williams. Hier steht die junge Catherine (Elizabeth Taylor) im Mittelpunkt, die nach dem Tod ihres schwulen Cousins Sebastian psychiatrisch behandelt wird. Catherines exzentrische Tante (Katharine Hepburn) versucht mit Hilfe eines Neurologen (Montgomery Clift), das Mädchen einer ruhigstellenden Gehirnoperation zu unterziehen, um damit die Wahrheit über die Homosexualität und den gewaltsamen Tod ihres Sohnes zu unterdrücken.

Im Film wurden – im Gegensatz zum Theaterstück – alle direkten Hinweise auf Homosexualität entfernt. In der Dokumentation "The Celluloid Closet" (1995, 42:55-46:10 Min.) werden einzelne Szenen des Films gezeigt und vom offen schwul lebenden Drehbuchautor Gore Vidal treffend kommentiert. Der homosexuelle Sebastian – dessen Gesicht man nicht sieht und dessen Stimme man nie hört – wird am Ende des Films von vielen jungen Männern ermordet, wobei in der Dokumentation durch Parallelschnitt Bezüge zur Ermordung des Monsters in "Bride of Frankenstein" (1935) vermittelt werden.


Montgomery Clift an der Seite von Elizabeth Taylor (r.) und Katharine Hepburn (l.). Aus: "Plötzlich im letzten Sommer" (1959)

In seinem schwulen Filmlexikon "Gewalt und Leidenschaft" (1989) bezeichnet Hermann J. Huber den Film zu Recht als eine Art kannibalistisches Sebastians-Martyrium. Huber geht aber irrtümlich davon aus, dass Clift den homosexuellen Sebastian verkörpere, was dann tatsächlich eine "Idealbesetzung" gewesen wäre. Hubers Annahme erscheint – auch weil man Sebastians Gesicht im ganzen Film nicht sieht – durchaus verständlich.

"Freud" (1962)

Über Sigmund Freud, den Begründer der Psychoanalyse, entstand 1962 ein Biopic, in dem Clift die Hauptrolle des Freud und John Huston die Regie übernahm. Huston hatte zwar von Clifts Homosexualität erfahren, glaubte aber zunächst nicht daran.

Das änderte sich, als er Montgomery Clift mit seinem Freund Jean zu sich nach Hause einlud und am nächsten Morgen ohne anzuklopfen ihr gemeinsames Gästezimmer betrat. Er reagierte mit einem "Das ist ja widerwärtig!" und begann "Monty mit alttestamentarischer Strenge die Leviten zu lesen. Monty dürfe während seiner Mitwirkung an dem Film keinerlei homosexuelles Gebaren an den Tag legen, keine homosexuellen Beziehungen unterhalten. Normales Benehmen sei Voraussetzung."

Monty war zwar außer Fassung, beugte sich jedoch Hustons Vorstellungen (S. 301-303). Bei den Dreharbeiten wurde anschließend viel getuschelt: "War John [Huston] im Grunde homosexuell und unterdrückte seine Neigungen? War Monty der Masochist, dessen heimliche Liebe John galt?" (S. 308).

Für den Film wurde auch eine Szene mit Freuds homosexuellem Patienten Carl von Schlosser gedreht. Weil die Produzenten zunächst Angst davor hatten, gegen den gültigen (wenn auch nicht mehr beachteten) Hays Code zu verstoßen (S. 327), kam anfangs nur eine Filmfassung in die Kinos, in der u.a. diese Szene fehlte (S. 329).

In einer spanischen und heute online verfügbaren 134-Min.-Fassung des Films (bei "Restzeit", 1:39:30-1:31:10) ist diese Szene enthalten und erkennbar, wie mit "pinky ring", Halstuch und der Nennung des Namens Arthur Rimbaud homosexuelle Andeutungen vorgenommen wurden.


Ein homosexueller Patient würde gerne einen Soldaten küssen und umarmen. Aus: "Freud" (1962)

In der Szene versucht Freud, seinen Patienten daran zu hindern, einen Kleiderständer zu umarmen und zu küssen, an dem vorher eine Soldatenuniform hing. Danach folgt eine Traumsequenz, in der Freud an einem Seil eine Bergwand erklimmt und auf Schlosser trifft. Dass sie anschließend beide in die Tiefe stürzen, sollte im Film als Ausdruck gemeinsamer Identifizierung als homosexuelle Männer verstanden werden. Von Clifts Charisma, das seine früheren Filme ausmacht, ist in diesem Film leider nichts mehr zu spüren.

"Spiegelbild im goldenen Auge" (1967)

Mitte der Sechzigerjahre gab es in Hollywood Pläne, den Roman "Spiegelbild im goldenen Auge" von Carson McCullers zu verfilmen. Der Roman behandelt den Major und Ehemann Weldon Penderton, der mit seiner Frau Leonora glücklich verheiratet zu sein scheint, jedoch seine homosexuellen Neigungen unterdrückt. Für die Rolle der Leonora wollten die Studio-Bosse unbedingt Elizabeth Taylor haben, die allerdings nur unter der Bedingung zusagte, dass Clift die männliche Hauptrolle bekam.

Clifts Drogenprobleme waren zu diesem Zeitpunkt jedoch schon bekannt. Weil es deshalb Zweifel an Clifts Zuverlässigkeit gab, entstand ein Gerangel um die Besetzung, das Elizabeth Taylor recht unkonventionell löste: Sie setzte ihre Gage von einer Million Dollar als Sicherheit für Clifts Zuverlässigkeit ein. Im Herbst 1966 sollten die Dreharbeiten beginnen. Am 23. Juli 1966 wurde Montgomery Clift tot in seiner Wohnung gefunden, woraufhin Marlon Brando seine Rolle übernahm (S. 348-349).

Clift wird auch mit einigen anderen – im weiteren Sinne schwulen – Filmrollen in Verbindung gebracht, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mit ihm besetzt wurden. Dabei ging es um Rollen in "Die Katze auf dem heißen Blechdach" (S. 185) und den beiden Hitchcock-Filmen "Strangers on a train" (Russo, S. 80) und "Cocktail für eine Leiche" (so Marc Eliot in "Jimmy Stewart. A Biography", 2006, S. 221; zum schwulen Subtext dieses Films s. meine Rezension auf queer.de).

Clifts Privatleben bis 1950

Der "frühe Monty" wird von seinem Biografen LaGuardia als hinreißend schön beschrieben (S. 9). Zu Clifts ersten Liebhabern gehörte ein gewisser Rick, den er Anfang 1946 kennen lernte und mit dem ihn das Interesse an Theater und Musik verband. Während dieser Zeit hatte Clift auch einige Freundschaften mit älteren Frauen und Sex mit jüngeren Frauen, was Rick bekannt war. Bei den Freundschaften zu Frauen geht LaGuardia von einem bestimmten Muster aus, weil "sensitive homophile junge Männer" wie Clift eine sexuelle und emotionale Anziehungskraft auf diese Frauen ausübten (S. 77-79).

Eine dieser Frauen war Elizabeth Taylor. Sie erzählte, wie Clift ihr den "feurigen Liebhaber" vorgespielt habe und sie sich "sehr nahe" gekommen seien, dass er dann aber bei den Dreharbeiten "mit irgendeinem jungen Mann" aufgekreuzt sei, den er "irgendwo aufgelesen hatte". Clift schien sich Frauen gegenüber leicht outen zu können und auch zu wollen, um so "befreiter lieben" zu können (S. 122).

Sein Freund Rick lebte nicht offen schwul und auch Ricks Bruder wusste nichts von ihrem Verhältnis. Das änderte sich, als Clift in Gegenwart von Ricks Bruder im betrunkenen Zustand immer wieder laut "Ich liebe dich!" zu Rick rief (S. 125). Zu dieser Zeit verkehrte Clift auch freundschaftlich mit Truman Capote, der nicht verstehen konnte, warum er teilweise mit, nach seiner Ansicht, sehr merkwürdigen Typen abhing (S. 128, 137).

In seiner Biografie beschreibt LaGuardia auch seinen eigenen persönlichen Kontakt zu Clift. Während dieser Zeit wohnte LaGuardia noch bei seinen Eltern. Manchmal sei Clift für ein paar Tage in LaGuardias Wohnung mitgekommen. "Wir nahmen ziemlich oft das Boot und hatten Sex im Boot, in den Wäldern, bei Mondlicht. Mit Monty klappte es sexuell immer..." (S. 90).

Clifts Privatleben ab 1951

Im März 1951 kam es zu einem Treffen Clifts mit dem noch unbekannten Schauspieler James Dean. James Dean wollte zwar Montgomery Clift kennen lernen, dieser gab sich jedoch zugeknöpft und legte offenbar keinen Wert darauf, Dean kennen zulernen, der ihm vom Typ durchaus ähnelte (S. 131).

Ab ca. 1951 unterhielt Clift sexuelle Beziehungen nur noch mit Männern, wobei sein Sexleben immer destruktiver wurde. Freunde nahmen Monty zunehmend als roh und kaltherzig wahr. So berichtete Rick, dass er von Monty mit einem Gürtel geschlagen worden sei, dieser habe sich später aber an nichts mehr erinnern können (S. 172-175). Sein Verhalten auf Partys sei "betont heterosexuell gewesen. Er habe sich mit Frauen unterhalten, und zwar in einer Weise, als ob er mit ihnen ins Bett zu gehen wünsche und nicht mit einem Mann" (S. 172-175). Unter Drogen sei Clift oft schon "zu high [gewesen], um Scham zu empfinden" (S. 207).

Im Mai 1956 überlebte er schwer verletzt einen Verkehrsunfall, der auch im Gesicht irreversible Veränderungen hinterließ. Nach dem Unfall wurde es sogar zu einem makabren Amüsement, zu raten, welche Filmszenen in "Das Land des Regenbogens" (1957) wohl vor oder nach dem Unfall entstanden seien (S. 196-203, 215-216). Sein Psychiater wurde der schwule William Silverberg, der in dem Ruf stand, einen negativen Einfluss auf ihn zu haben, während Clift ihn wie einen Halbgott verehrte (S. 235-236).

Clifts Sexpartner erlebten ihn häufig alkoholisiert und verwirrt (S. 238-241). Wenn er Stricher auflas und mit nach Hause nahm, konnte er sich am nächsten Morgen nicht mehr an die letzte Nacht erinnern und erschrak, wenn er morgens einen Mann in seinem Bett vorfand (S. 243).

Seine besonderen Freundschaften zu Frauen blieben bestehen. Aufgrund der persönlichen Fürsprache von Elizabeth Taylor bekam er die Filmrolle in "Plötzlich im letzten Sommer" (1959) (S. 264, 267, 272). Bei den Dreharbeiten von "Das Urteil von Nürnberg" (1961) lernte er einige Jahr später die Schwulenikone Judy Garland kennen und freundete sich auch mit ihr an (S. 294).

Clifts Privatleben ab 1960

Clifts Beziehung zu Jean, den er Ende der Fünfzigerjahre kennen lernte (S. 244-246), wurde Anfang der Sechzigerjahre immer destruktiver. Jean trank und nahm ebenfalls Drogen, wodurch sich auch Clifts Zustand verschlechterte (S. 335). Als Jean Mitte 1963 wegen Alkoholismus in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, bekam Clift einen eigenen Pfleger, der sich rund um die Uhr um ihn kümmerte (S. 337). Sein Alltag wurde zunehmend von Muskelkrämpfen und Sehstörungen bestimmt.

Der Biograf LaGuardia berichtet von einem Artikel von 1966, worin der Autor eine Begegnung mit Clift aus dem Jahre 1964 beschreibt: Aufgrund des Autounfalls seien ihm dessen Gesicht wie eine Maske und die Augen wie erloschen erschienen. Clift konnte kaum noch gehen (S. 340-342). Mitte der Sechzigerjahre wurde er auf schwulen Partys als ziemlich heruntergekommen wahrgenommen: "Er wurde zum Gegenstand des Tratsches all jener geschwätzigen, alkoholisierten Gays, die sich darüber erregen mochten, wie tief ein so großer Filmstar sinken konnte" (S. 343).

Später äußerten sich auch einige Prominente über Clifts Entwicklung. Der Schriftsteller Arthur Miller sah bei ihm das Scheitern eines Menschen an überkommenen Moral- und Schuldvorstellungen. Miller ging davon aus, dass Monty seine Homosexualität nicht bewältigt habe und dass er vielleicht noch am Leben wäre, wenn er nicht diese "Sensibilität gegenüber gesellschaftlichen Konventionen" gehabt hätte. Nach Ansicht des Schriftstellers und Drehbuchautors Arthur Laurents litt Clift "wegen seiner Homosexualität unter entsetzlichen Schuldgefühlen". Der Schriftsteller James Jones schrieb, Clift habe "vorsätzlich seinen Selbstruin" betrieben, was jedoch nicht an seiner Homosexualität gelegen habe (S. 256-258). Am 23. Juli 1966 wurde Montgomery Clift nach einem Herzinfarkt tot in seiner Wohnung gefunden. Er wurde 45 Jahre alt.

Dokus und andere Filme über Montgomery Clift

Der Originalität halber möchte ich auf einen Gastauftritt von Montgomery Clift in der Spiele-Show "What's my line?" vom 20. Januar 1963 (hier online 16:05-20:30 Min.) hinweisen. Es handelt sich um ein Spiele-Show-Format, das in Deutschland seit 1955 als "Was bin ich?" mit dem Moderator Robert Lembke sehr bekannt und beliebt war.

Die Doku "Montgomery Clift" (1983) aus der Serie "Hollywood: The Rebels" (Regie: Claudio Masenza. 1983) zeigt viele private Filmaufnahmen von Clift. Äußerungen zu seinem schwulen Leben sind hier allerdings selten und – noch typisch für die Achtzigerjahre – auch recht verschwurbelt, wobei der Biograf Robert LaGuardia – auf dessen Biografie ja auch ich mich beziehe – sich als Interviewpartner noch recht deutlich und reflektiert über Clifts Homosexualität äußert (29:15-30:00; 56:40-57:50).

Die Kommentare des Schauspielers und Freundes Kevin McCarthy über Homosexualität und Psychiatrie (41:20-42:08) müssen befremden. Diese Äußerungen kommentierte Vito Russo in seinem Buch "The Celluloid Closet" so: "Die pure Dummheit von Clifts Freunden, von der Interviews vor der Kamera zeugen, ist erstaunlich. Der Schauspieler Kevin McCarthy gibt Clifts Psychiater die Schuld an der Homosexualität, denn da dieser selbst schwul war, habe er 'zugelassen', daß Montys 'latente Homosexualität' zutage trat" (Russo, S. 236).

Bei den Dokumentationen aus den Neunzigerjahren habe ich oben schon auf "The Celluloid Closet" (1995) Bezug genommen, wo Szenen aus "Red River" und "Plötzlich im letzten Sommer" gut dokumentiert und kommentiert werden. Zwei weitere Dokus über schwule Filmgeschichte enttäuschen allerdings: In "The silver screen. Color me lavender" (1997, 47:20 und 54:05-54:20) kommen Clift und seine Filme nur in zwei kurzen Szenen vor. In "Gay Hollywood: The Last Taboo" (2009, 2:37-2:50) wird sogar nur kommentarlos eine Szene aus "Ein Platz an der Sonne" (1951) gezeigt, in der Clift seine Filmpartnerin Elizabeth Taylor küsst.

Von den neueren Dokumentationen geht "Making Montgomery Clift" (2018) wohl am deutlichsten mit seiner Homosexualität um. Montgomery Clifts jüngster Neffe hat hier das Familienarchiv geöffnet und zeigt unterschiedliche Facetten von Clifts Persönlichkeit. Die Doku versucht, dem Mythos entgegenzuwirken, dass Clift ein Schrank-Homo gewesen sei, der sich Mühe gegeben habe, sein geheimes schwules Leben zu verbergen. Er soll sogar ziemlich offen in Bezug auf seine Affären mit Männern (und teilweise Frauen) gewesen sein. Im Gegensatz zu Schauspielern wie Rock Hudson habe er sich geweigert, Kompromisse einzugehen (s. dazu die ausführlichen Rezensionen in "Gay and Lesbian Review" und in der "Irish Times"). Anlässlich von Clifts 100. Geburtstag kommt das Biopic heute – am 17. Oktober 2020 – erstmals in die deutschen Kinos (queer.de rezensierte).

Wer sich gerne einfach nur – in unkommentierter Form – alte Filmszenen mit Clift ansehen möchte, als würde man in einem alten Familienalbum blättern, sei auf zwei Kompilationen auf Youtube verwiesen, die mit angenehmer Hintergrundmusik Szenen aus seinen Filmen zeigen und so einen Eindruck von seinem schauspielerischen Talent vermitteln (hier online in 3:54 Min. bzw. in 4:21 Min.).

Bücher über Montgomery Clift


Die Biografie von Robert LaGuardia: "Monty" (1982)

Es hätte den Rahmen dieses Artikels gesprengt, neben LaGuardias Clift-Biografie auch noch die anderen Biografien auszuwerten, die über ihn bisher erschienen sind. Zu den mehr als zehn verfügbaren Büchern gehören Barney Hoskyns' "Montgomery Clift: Beautiful Loser" (1992), Patricia Bosworths "Montgomery Clift: A Biography" (2012) und Elisabetta Girellis "Montgomery Clift, Queer Star" (2013). LaGuardias Clift-Biografie ist wohl die einzige, die auch in deutscher Sprache erschien.

Immer noch sehr lesenswert ist der Artikel "Ruin einer Prinzessin". Er erschien im "Spiegel" anlässlich der Biografien von Bosworth und LaGuardia ,die – so der/die anonyme Rezensent*in – "wieder mal eine Hollywoodlegende" zerstörten ("Der Spiegel", 7. August 1978, hier als Reprint und als PDF). Das Magazin geht dabei ausführlich auf Clifts Alkohol- und Tablettensucht ein und darauf, dass er ab einem bestimmten Zeitpunkt keinen Hehl mehr aus seiner Homosexualität gemacht habe. Seine New Yorker Luxuswohnung sei zu diesem Zeitpunkt ein "Tummelplatz für Strichjungen, männliche Modelle und Revueknaben" gewesen.

Die Biografin Patricia Bosworth stilisiert Clift zum Pionier einer neuen "'androgynen' Geschlechtlichkeit", in der das Feminine und Maskuline vereint seien. Clifts wichtigste Freundin sei Elizabeth Taylor gewesen: "Sie war für Clift zugleich Kumpel, Sexidol, Mutter, Krankenschwester und Traumgattin. Bei seinem Autounfall kletterte sie als Erste in den zerstörten Wagen und bettete Clifts blutüberströmten Kopf in den Schoß ihres seidenen Partykleides."

Was bleibt, sind große Filme und große Namen

Montgomery Clifts frühe Filme sind bis heute absolut sehenswert. Mit seinen Filmen ist und bleibt er Teil des Hollywood-Mythos, auch wenn er nicht an die Bedeutung von Cary Grant, Rock Hudson, James Dean, Marilyn Monroe und Elizabeth Taylor heranreicht.

Clift war mit zwei Schauspielerinnen befreundet, die mittlerweile Schwulenikonen sind: Judy Garland und Elizabeth Taylor. Die Bedeutung von Elizabeth Taylor als Schwulenikone beruht auf ihrem wiederholten Auftreten in Filmadaptionen von Werken schwuler Autoren (Tennessee Williams, Edward Albee) und in Filmen, die offen oder verdeckt von Homosexualität handeln ("Die Katze auf dem heißen Blechdach", "Plötzlich im letzten Sommer", "Spiegelbild im goldenen Auge"), sowie auf ihren Freundschaften mit bisexuellen bzw. homosexuellen Kollegen (Montgomery Clift, Rock Hudson). Als ihr Freund Rock Hudson an den Folgen von Aids erkrankte und 1985 starb, nutzte sie als erste Persönlichkeit in den USA ihre Prominenz, um für Aids zu sensibilisieren (queer.de berichtete). Auch zu Montgomery Clift hatte sie sich stets als sehr gute Freundin bewiesen und sich unter großem Einsatz für ihn eingesetzt.

Von vielen Biograf*innen und Prominenten kennen wir ihre Sicht auf Montgomery Clift, die mittlerweile in vielen Büchern und Filmen dokumentiert ist. Marilyn Monroe – die Montgomery Clift von den Dreharbeiten zu "The Misfits" (1961) kannte – nannte ihn "die einzige Person, die ich kenne und die in schlechterer Verfassung ist als ich". Am bekanntesten ist aber wohl das Zitat von Clifts Schauspiellehrer Robert Lewis, der Clifts spätere Karriere als "den längsten Selbstmord in der Geschichte Hollywoods" bezeichnete.



#1 56James35Anonym
#2 Elmar KraushaarAnonym
  • 17.10.2020, 14:10h
  • Jetzt wird es auch noch hierarchischer: offen schwul offen schwulster! Geht es noch blöder? Schlimm genug, dass alle erst einmal offen sein müssen, ehe man öffentlich über sie redet bzw. schreibt. Entweder man weiß, ob jemand schwul ist, dann kann man es auch sagen bzw. schreiben. Oder man lässt die Information weg.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 Ralph
#4 Torsten2Anonym
#5 DasGibtBilderAnonym
#7 TommAnonym
  • Gestern, 03:22h
  • Diese Biographie von LaGuardia habe und schätze ich auch, ich kaufte sie mal in einem Bookshop in Hollywood. Der Niedergang von Monty wird auch als "Hollywoods längster Selbstmord" bezeichnet. Ebenso wie Rock Hudson und wohl auch James Dean (den Donald Spoto in seiner Elizabeth-Taylor-Biographie glasklar als gay bezeichnet) lebte Monty in ständiger Angst, geoutet zu werden. Das wäre damals das Karriereende gewesen.
  • Antworten » | Direktlink »