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Autobiografie

Ein queeres "Flüchtlingsgesicht" und seine Lust an der Provokation

In seinem Buch "Kafir – Allah sei Dank bin ich Atheist" berichtet Amed Sherwan von seiner Flucht aus Irakisch-Kurdistan und seinem Einsatz für Meinungsfreiheit und LGBTI-Rechte in Deutschland.


Als Hetero setzt sich Amed Sherwan für LGBTI-Rechte ein: Nach seiner Ankündigung vor zwei Jahren, beim Berliner CSD mit "Allah is gay"-T-Shirt mitzulaufen, erhielt er Morddrohungen (Bild: amed sherwan / twitter)

Amed Sherwan lief 2018 in einem Regenbogenoutfit mit dem Schild "Allah is gay" bei der Berliner CSD-Parade mit. Er hatte dies vorher mit einiger Reichweite auf seinen Social-Media-Kanälen angekündigt und erhielt postwendend sehr ernsthafte Drohungen, so dass er während seines gesamten Aufenthalts in der Hauptstadt und gelegentlich auch danach unter Polizeischutz stand (queer.de berichtete). Dabei ist Amed Sherwan selbst gar nicht schwul, hat aber viele schwule Freunde und Bekannte und fühlt sich der LGBTI-Community verbunden, auch durch sein Coming-out als Atheist und seine Positionierung als Ex-Muslim.

Der Untertitel "Allah sei Dank bin ich Atheist" führt nicht nur mitten hinein ins Thema seines autobiografischen Buches "Kafir" (das arabische Wort für "Ungläubiger"), sondern vermittelt auch einen Eindruck von der gelegentlichen Widersprüchlichkeit und nicht immer gleich einzuordnenden Verortung des Autors.

Der am Freitag vor 22 Jahren im Nordirak geborene junge Mann hat den Band mit Unterstützung seiner Freundin Katrine Hoop verfasst, die wie er in Flensburg lebt und anders als er der dänischen Minderheit angehört. Amed Sherwan hingegen bezeichnet sich als "Flüchtlingsgesicht", ein Ausdruck, den er auch in seinen Social-Media-Posts über seine Erfahrungen in Deutschland gern und oft verwendet. Diese werden von seiner Freundin auf Basis seiner Gedanken ins Schriftdeutsche übertragen – eine bewährte Zusammenarbeit, die auch dem Buch zugutegekommen ist.

Als Junge heimlich einen Koran verbrannt


Amed Sherwans autobiografisches Buch ist Anfang Oktober in der Edition Nautilus erschienen

Amed Sherwan stammt aus einer gläubigen muslimischen Familie im kurdischen Teil des Iraks. Mit 14 Jahren stößt er auf einen religionskritischen Text, der ihn anspricht. Er forscht weiter im Internet und kommt zunehmend zu der Überzeugung, dass es Allah nicht gibt. Er stellt ihn sogar gewissermaßen auf die Probe, in dem er heimlich einen Koran verbrennt – voller Angst, dass doch etwas passieren könnte.

Als nichts passiert, außer dass eben der Koran verbrennt, wächst sein Mut. Er outet sich gegenüber seinem Vater und dann beginnt ein bis heute andauernder Konflikt in einer ansonsten sehr liebevollen Familie, die bei jedem Wiedersehen zu widersprüchlichen Gefühlen und schwierigen Diskussionen führt. Sein Vater zeigt ihn bei der Polizei an, um ihn auf den "richtigen Weg" zurück zu bringen. Als er gefoltert, bedroht und gequält wird, setzt er sich für seine Freilassung ein. Sein Fall wird öffentlich, und sein Leben in Erbil und das seiner Familie sind nicht mehr sicher. So entscheidet er sich mit 15 Jahren zur Flucht und landet schließlich in Deutschland.

Der Djinn, der von ihm Besitz ergriff

Liebevoll erzählt er von seinem Djinn, einer Art muslimischen Geist, der laut seiner Darstellung nach einer Art gewaltsamem Exorzismus, den die Familie ihm noch im Irak auferlegt hatte, von ihm Besitz ergriffen hat. Er steht im Buch stellvertretend für seine psychischen Ticks, die er offen schildert, was ihn durchaus angreifbar macht, aber auch sehr authentisch und offen rüberkommen lässt. Die dahinterstehende posttraumatische Belastungsstörung blieb lange quasi hinter seinem ADHS versteckt.

Wer jetzt aber klagende Krankengeschichten befürchtet, sieht sich getäuscht: Auch die Kapitel, die von seinem Djinn handeln, sind humorvoll und flott geschrieben, auch wenn das Buch insgesamt viele tragische und bewegende Passagen enthält. Diese Widersprüchlichkeit der Gefühle dürfte sein Leben ebenso prägen wie sie das Buch durchziehen – das Sittenbild eines ebenso tragischen wie faszinierenden jungen Mannes, der nach eigener Aussage wie ein Pinguin läuft und als völlig unsportlicher Klassenclown seine erste Anerkennung fand.

Auf dem Weg nach Schweden gestrandet in Flensburg


Amed Sherwan lebt seit 2014 in Flensburg (Bild: Florian Chefai)

Sein Leben in Deutschland startet eher zufällig: Eigentlich will er nach Schweden, kommt aber nicht über die dänische Grenze und strandet in Flensburg. Zunächst wohnt er in einem Kinderheim, wo er seinen ersten Sex mit einem Mädchen hat, aber auch einen Suizidversuch überlebt. Lesenswert ist das Zusammentreffen und langsame Verlieben mit seiner heutigen Freundin Katrine. Auch wenn sie leicht genervt davon ist, zeigt er sich auf Social-Media-Kanälen gern spärlich oder gar nicht bekleidet – ein Genuss neuer Freiheiten für ihn. Ein Video, bei dem er sich nackt im Schnee wälzt, geht viral und führt zu neuen Bedrohungen gegen ihn. Er löscht es schließlich, weil die Existenz dieses Filmchens für seine Eltern bedrohlich wird.

Seine eigene Coming-out-Erfahrung, seine gefühlte Schicksalsverbundenheit und sein untypisches und wenig traditionelles Mann-Sein führt ihn immer wieder in die Nähe von Schwulen, sei es auf Partys oder Dragshows, als Freunde und Bekannte im Alltag oder bei einer Begegnung mit dem schwulen Imam Ludovic-Mohamed Zahed. Auf Homopartys küssen er und seine Freundin sich viel ungenierter, weil sich dort niemand an ihrem beträchtlichen Altersunterschied stört.

Streitbare Positionen und falsche Freunde

Inzwischen kennt Amed Sherwan die Vorwürfe, er würde den Islam angesichts des um sich greifenden antimuslimischen Rassismus in Deutschland in ein schlechtes Licht rücken. Manchmal suchen falsche Freunde von rechts seine politische Nähe, um gemeinsame Sache gegen den Islam zu machen – er lernt aus solchen Begegnungen und schärft sein Urteilsvermögen und differenziert seine Position weiter aus. Er verbittet sich die Erwartung, seine negativen und zum Teil gewaltvollen Erfahrungen mit Menschen, die sich in ihrem Tun auf den Islam berufen, in der Demokratie in Deutschland weiterhin verschweigen zu sollen. Diese Haltung wird sowohl politisch als auch persönlich nachvollziehbar geschildert.

Als er auf einer Demo für die Rechte des palästinensischen Volkes mit dem Bild eines jüdischen Israelis und eines muslimischen Palästinensers auftaucht, die sich küssen, eskaliert die Situation einmal mehr. Ein Interview zu Meinungsfreiheit mit der Deutschen Welle anlässlich 60 Jahre Grundgesetz wird aufgrund von Drohungen gegen ihn gelöscht. Amed Sherwan liebt die Provokation aber nicht um ihrer selbst willen – er verspürt einen inneren Druck, seine Erfahrungen auch öffentlich zu verarbeiten und seine streitbaren Positionen ebenso wie seine Abscheu vor toxischer Männlichkeit sichtbar zu machen.

Was Amed Sherwan erlebt hat, musste raus – und das ist gut so. Das Buch beeindruckt durch seine kurzen, lebendig und oft selbstironisch geschriebenen Kapitel, die es auch zu einer anregenden Lektüre zwischendurch machen. Der Schreibstil ist authentisch, selbstkritisch und selbstbewusst zugleich – und zeichnet seinen Weg zu einem reflektierten und politisch ambitionierten jungen Mann in Deutschland nach, der sich mehr als einmal falscher Freunde erwehren muss.

Direktlink | Amed Sherwan über sein Buch

Infos zum Buch

Amed Sherwan, Katrine Hoop: Kafir. Allah sei Dank bin ich Atheist. 240 Seiten. Edition Nautilus. Hamburg 2020. Taschenbuch: 18 € (ISBN 978-3-96054-238-4). E-Book: 14,99€ (ISBN 978-3-96054-239-1)


#1 Peck_SProfil
  • 17.10.2020, 09:46hFrankenthal
  • Wie krank muss man eigtl. sein, um seinen eigenen Sohn wegen Atheismus anzuzeigen und foltern zu lassen? Ist ja sonnenklar gewesen, was da hinter Gittern blüht, wenn Amnesty schon davon weis.
    Das zeigt mal wieder, dass Religion (aller Arten) das Potential hat, psychisch krank zu machen. Sah man übrigens gestern auch wieder, als ein 18jähriger nahe Paris auf offener Straße einen Geschichtslehrer geköpft hat, weil dieser Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte, um sie mit den Schülern zu besprechen.

    Dem Autor des Artikels danke für die Info über das Buch, dem Autor des Romans danke für die Unterstützung von LGBTQ Menschen und viel Kraft und Mut, weiterhin dem Hass und den Drohungen entgegentreten zu können, wie bisher. Wird gekauft.
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#2 Ralph
  • 17.10.2020, 10:26h
  • Bewundernswert.

    Totalitäre Systeme funktionieren, indem sie ihre Ideologie in jede Familie einflanzen, so dass Abweichler sofort gemeldet werden. Das war bei den Nazis nicht anders und nicht bei Mao. Nicht umsonst zeigt der ägyptische Wissenschaftler Hamed Abdel-Samad überzeugend Parallelen zwischen Faschismus und zeitgenössischem Islam auf. Sehr lesenswert sein Buch "Der islamische Faschismus", erschienen bei Droemer.
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#3 goddamn liberalAnonym
#4 Peck_SProfil
  • 17.10.2020, 14:39hFrankenthal
  • Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Täter werden wieder zu Opfern verklärt. Zu Opfern totalitärer Staaten, die Gehirnwäsche betreiben und eine ominöse Saat einpflanzen.

    Würde man dieser Logik folgen, käme man zu dem Schluss, dass Amed Sherwan der Radikalste von allen sein müsste, weil er im Gegensatz zu seinen Vorfahren seit seiner Geburt in einer radikalen Familie, in einer indoktrinierenden Schule und in einem gehirnwaschenden Staat aufgewachsen ist. Aber er hat sich gerade für das Gegenteil entschieden, was doch diese Theorie sprengt und beweist, dass jeder Mensch weis, was richtig und was falsch, was wahr und unwahr, was menschlich und unmenschlich und was verbrecherisch ist. Und in diesem Wissen fällt man eine Entscheidung. Die einen folgen ihrem naturgegebenem Gewissen, die anderen werden zu Tätern und Mittätern, die ihre Mitmenschen zum Scharfrichter führen und eigeninitiativ Leben in wertvoll und unwert teilen.

    Und dann gibt es noch besondere Menschen, die Unrecht nicht nur erkennen, sondern ungeachtet erwartbarer Konsequenzen mit dem Finger darauf zeigen und die Wahrheit und das Unrecht öffentlich benennen. So wie es Friedrich von Spee, Christoph Probst und Alexander Schmorell taten und heuer ein Joshua Wong tut.
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#5 Ralph
  • 17.10.2020, 17:18h
  • Antwort auf #4 von Peck_S
  • Wo und von wem werden hier Täter zu Opfern verklärt? Ich habe lediglich den Mechanismus beschrieben, nach dem die totalitäre Ideologie ihre Anhänger rekrutiert. Wer sich ihr anschließt, wird immer Teil des Systems und kann niemals als dessen Opfer betrachtet werden.
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#6 TheDadProfil
  • 18.10.2020, 10:14hHannover
  • Antwort auf #3 von goddamn liberal
  • ""atheistische Kulturmuslime""..

    Warum muß man Menschen die sich von iihren "dahergebrachten" und durch die Familien auf oktroyierten "religiösen Strukturen" gelöst haben eigentlich als "Kultur-Religiöse" beleidigen ?

    Menschen die ohne eine solche "Religion" leben werden auch nicht auf irgendwelchen "mystischen Umwegen" zu Teilnehmern an diesem Hokus Pokus..

    Zu solchen verbalen Attacken gegenüber diesen Menschen besteht überhaupt keine Veranlassung..

    Was Amed Sherwan betrifft, der mit dem Titel seines Buches exakt den Kern des Problemes erfasst hat, und diese "Gläubigen" anhand ihrer "Glaubens-Inhalte" vorführt, weil sie nicht sehen wollen, wenn es so etwas wie einen "Allah" gibt, dann hat der auch die "Ungläubigen" und die Atheisten geschaffen, und ihnen steht damit dann auch kein "Recht" zu diese zu beleidigen oder irgendwie anders zu bekämpfen..
    Von diesen Menschen braucht unsere Gesellschaft dringend noch sehr viele, denn das gesellschaftliche Problem der "um die Ressourcen" buhlenden "Religionen" wird ja nicht wirklich besser..
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#7 TheDadProfil
  • 18.10.2020, 10:20hHannover
  • Antwort auf #4 von Peck_S
  • Hier muß man dann auch mal deutlich weiter gehen und der Öffentlichkeit bewußt machen daß man es bei vielen Gruppen dieser "Christen" mit Radikalen zu tun hat, bei einigen der "Evangelikalen" sogar mit einem Pendant zum DAESH..

    Das Angehörige dieses "Deutschen DAESH" dann ihre Vertreter in den Bundestag entsenden, wie einen Volker Kauder, mag ein "besonderes Merkmal der Demokratie" sein, wünschenswert ist es aus gesellschaftlicher Sicht aber auf keinen Fall, daß solche Leute die Inhalte von Gesetzen bestimmen..
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#8 thorium222Profil
  • 18.10.2020, 11:05hMr
  • Ein sehr mutiger Mann! Echt traurig, dass ich mich vieles von dem, das er macht, als Deutscher in Deutschland nicht trauen würden. Ich habe keinen Bock auf Leben unter Polizeischutz.
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#9 goddamn liberalAnonym
  • 18.10.2020, 12:14h
  • Antwort auf #6 von TheDad
  • Man muss erst mal gar nichts.

    Aber genauso wie in Bundesländern, die ganz überwiegend konfessionsfrei sind Weihnachten gefeiert wird, genauso ist das islamische Erbe, etwa seine Bauten, auch für agnostische Türk*innen oder Iraner*innen Teil des nationalen kulturellen Erbes, der ihnen sehr wichtig ist. Auch der Schweinsbraten kommt da fast nie auf den Tisch.

    Zentral ist aber das Recht auf Atheismus, das im orientromantisch-kulturrelativistischen Deutschland alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist.
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#10 Girlygirl
  • 18.10.2020, 15:13h
  • Antwort auf #9 von goddamn liberal
  • Der Islam ist eine große Religionsgemeinschaft, die auf der ganzen Welt verteilt ist. Muslime sind daher so vielfältig, wie die Nationen. Ein nigerianischer sunnitischer Moslem hat mit einem iranischen schiitischen Moslem wahrscheinlich nur den Verzicht auf Schweinefleisch gemeinsam. Deutsche Atheisten, die sich zu Weihnachten beschenken, würden wir nie als "Kulturchristen" bezeichnen und daher sollten wir Atheisten aus muslimisch geprägten Ländern nicht als "Kulturmuslime" bezeichnen.
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