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Autobiografie

Ein queeres "Flüchtlingsgesicht" und seine Lust an der Provokation

In seinem Buch "Kafir – Allah sei Dank bin ich Atheist" berichtet Amed Sherwan von seiner Flucht aus Irakisch-Kurdistan und seinem Einsatz für Meinungsfreiheit und LGBTI-Rechte in Deutschland.


Als Hetero setzt sich Amed Sherwan für LGBTI-Rechte ein: Nach seiner Ankündigung vor zwei Jahren, beim Berliner CSD mit "Allah is gay"-T-Shirt mitzulaufen, erhielt er Morddrohungen (Bild: amed sherwan / twitter)
  • Von Ansgar Drücker
    17. Oktober 2020, 05:56h 14 5 Min.

Amed Sherwan lief 2018 in einem Regenbogenoutfit mit dem Schild "Allah is gay" bei der Berliner CSD-Parade mit. Er hatte dies vorher mit einiger Reichweite auf seinen Social-Media-Kanälen angekündigt und erhielt postwendend sehr ernsthafte Drohungen, so dass er während seines gesamten Aufenthalts in der Hauptstadt und gelegentlich auch danach unter Polizeischutz stand (queer.de berichtete). Dabei ist Amed Sherwan selbst gar nicht schwul, hat aber viele schwule Freunde und Bekannte und fühlt sich der LGBTI-Community verbunden, auch durch sein Coming-out als Atheist und seine Positionierung als Ex-Muslim.

Der Untertitel "Allah sei Dank bin ich Atheist" führt nicht nur mitten hinein ins Thema seines autobiografischen Buches "Kafir" (Amazon-Affiliate-Link ) (das arabische Wort für "Ungläubiger"), sondern vermittelt auch einen Eindruck von der gelegentlichen Widersprüchlichkeit und nicht immer gleich einzuordnenden Verortung des Autors.

Der am Freitag vor 22 Jahren im Nordirak geborene junge Mann hat den Band mit Unterstützung seiner Freundin Katrine Hoop verfasst, die wie er in Flensburg lebt und anders als er der dänischen Minderheit angehört. Amed Sherwan hingegen bezeichnet sich als "Flüchtlingsgesicht", ein Ausdruck, den er auch in seinen Social-Media-Posts über seine Erfahrungen in Deutschland gern und oft verwendet. Diese werden von seiner Freundin auf Basis seiner Gedanken ins Schriftdeutsche übertragen – eine bewährte Zusammenarbeit, die auch dem Buch zugutegekommen ist.

Als Junge heimlich einen Koran verbrannt


Amed Sherwans autobiografisches Buch ist Anfang Oktober in der Edition Nautilus erschienen

Amed Sherwan stammt aus einer gläubigen muslimischen Familie im kurdischen Teil des Iraks. Mit 14 Jahren stößt er auf einen religionskritischen Text, der ihn anspricht. Er forscht weiter im Internet und kommt zunehmend zu der Überzeugung, dass es Allah nicht gibt. Er stellt ihn sogar gewissermaßen auf die Probe, in dem er heimlich einen Koran verbrennt – voller Angst, dass doch etwas passieren könnte.

Als nichts passiert, außer dass eben der Koran verbrennt, wächst sein Mut. Er outet sich gegenüber seinem Vater und dann beginnt ein bis heute andauernder Konflikt in einer ansonsten sehr liebevollen Familie, die bei jedem Wiedersehen zu widersprüchlichen Gefühlen und schwierigen Diskussionen führt. Sein Vater zeigt ihn bei der Polizei an, um ihn auf den "richtigen Weg" zurück zu bringen. Als er gefoltert, bedroht und gequält wird, setzt er sich für seine Freilassung ein. Sein Fall wird öffentlich, und sein Leben in Erbil und das seiner Familie sind nicht mehr sicher. So entscheidet er sich mit 15 Jahren zur Flucht und landet schließlich in Deutschland.

Der Djinn, der von ihm Besitz ergriff

Liebevoll erzählt er von seinem Djinn, einer Art muslimischen Geist, der laut seiner Darstellung nach einer Art gewaltsamem Exorzismus, den die Familie ihm noch im Irak auferlegt hatte, von ihm Besitz ergriffen hat. Er steht im Buch stellvertretend für seine psychischen Ticks, die er offen schildert, was ihn durchaus angreifbar macht, aber auch sehr authentisch und offen rüberkommen lässt. Die dahinterstehende posttraumatische Belastungsstörung blieb lange quasi hinter seinem ADHS versteckt.

Wer jetzt aber klagende Krankengeschichten befürchtet, sieht sich getäuscht: Auch die Kapitel, die von seinem Djinn handeln, sind humorvoll und flott geschrieben, auch wenn das Buch insgesamt viele tragische und bewegende Passagen enthält. Diese Widersprüchlichkeit der Gefühle dürfte sein Leben ebenso prägen wie sie das Buch durchziehen – das Sittenbild eines ebenso tragischen wie faszinierenden jungen Mannes, der nach eigener Aussage wie ein Pinguin läuft und als völlig unsportlicher Klassenclown seine erste Anerkennung fand.

Auf dem Weg nach Schweden gestrandet in Flensburg


Amed Sherwan lebt seit 2014 in Flensburg (Bild: Florian Chefai)

Sein Leben in Deutschland startet eher zufällig: Eigentlich will er nach Schweden, kommt aber nicht über die dänische Grenze und strandet in Flensburg. Zunächst wohnt er in einem Kinderheim, wo er seinen ersten Sex mit einem Mädchen hat, aber auch einen Suizidversuch überlebt. Lesenswert ist das Zusammentreffen und langsame Verlieben mit seiner heutigen Freundin Katrine. Auch wenn sie leicht genervt davon ist, zeigt er sich auf Social-Media-Kanälen gern spärlich oder gar nicht bekleidet – ein Genuss neuer Freiheiten für ihn. Ein Video, bei dem er sich nackt im Schnee wälzt, geht viral und führt zu neuen Bedrohungen gegen ihn. Er löscht es schließlich, weil die Existenz dieses Filmchens für seine Eltern bedrohlich wird.

Seine eigene Coming-out-Erfahrung, seine gefühlte Schicksalsverbundenheit und sein untypisches und wenig traditionelles Mann-Sein führt ihn immer wieder in die Nähe von Schwulen, sei es auf Partys oder Dragshows, als Freunde und Bekannte im Alltag oder bei einer Begegnung mit dem schwulen Imam Ludovic-Mohamed Zahed. Auf Homopartys küssen er und seine Freundin sich viel ungenierter, weil sich dort niemand an ihrem beträchtlichen Altersunterschied stört.

Streitbare Positionen und falsche Freunde

Inzwischen kennt Amed Sherwan die Vorwürfe, er würde den Islam angesichts des um sich greifenden antimuslimischen Rassismus in Deutschland in ein schlechtes Licht rücken. Manchmal suchen falsche Freunde von rechts seine politische Nähe, um gemeinsame Sache gegen den Islam zu machen – er lernt aus solchen Begegnungen und schärft sein Urteilsvermögen und differenziert seine Position weiter aus. Er verbittet sich die Erwartung, seine negativen und zum Teil gewaltvollen Erfahrungen mit Menschen, die sich in ihrem Tun auf den Islam berufen, in der Demokratie in Deutschland weiterhin verschweigen zu sollen. Diese Haltung wird sowohl politisch als auch persönlich nachvollziehbar geschildert.

Als er auf einer Demo für die Rechte des palästinensischen Volkes mit dem Bild eines jüdischen Israelis und eines muslimischen Palästinensers auftaucht, die sich küssen, eskaliert die Situation einmal mehr. Ein Interview zu Meinungsfreiheit mit der Deutschen Welle anlässlich 60 Jahre Grundgesetz wird aufgrund von Drohungen gegen ihn gelöscht. Amed Sherwan liebt die Provokation aber nicht um ihrer selbst willen – er verspürt einen inneren Druck, seine Erfahrungen auch öffentlich zu verarbeiten und seine streitbaren Positionen ebenso wie seine Abscheu vor toxischer Männlichkeit sichtbar zu machen.

Was Amed Sherwan erlebt hat, musste raus – und das ist gut so. Das Buch beeindruckt durch seine kurzen, lebendig und oft selbstironisch geschriebenen Kapitel, die es auch zu einer anregenden Lektüre zwischendurch machen. Der Schreibstil ist authentisch, selbstkritisch und selbstbewusst zugleich – und zeichnet seinen Weg zu einem reflektierten und politisch ambitionierten jungen Mann in Deutschland nach, der sich mehr als einmal falscher Freunde erwehren muss.

Direktlink | Amed Sherwan über sein Buch
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Infos zum Buch

Amed Sherwan, Katrine Hoop: Kafir. Allah sei Dank bin ich Atheist. 240 Seiten. Edition Nautilus. Hamburg 2020. Taschenbuch: 18 € (ISBN 978-3-96054-238-4). E-Book: 14,99€ (ISBN 978-3-96054-239-1)

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-w-

#1 Peck_SEhemaliges Profil
  • 17.10.2020, 09:46h
  • Wie krank muss man eigtl. sein, um seinen eigenen Sohn wegen Atheismus anzuzeigen und foltern zu lassen? Ist ja sonnenklar gewesen, was da hinter Gittern blüht, wenn Amnesty schon davon weis.
    Das zeigt mal wieder, dass Religion (aller Arten) das Potential hat, psychisch krank zu machen. Sah man übrigens gestern auch wieder, als ein 18jähriger nahe Paris auf offener Straße einen Geschichtslehrer geköpft hat, weil dieser Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte, um sie mit den Schülern zu besprechen.

    Dem Autor des Artikels danke für die Info über das Buch, dem Autor des Romans danke für die Unterstützung von LGBTQ Menschen und viel Kraft und Mut, weiterhin dem Hass und den Drohungen entgegentreten zu können, wie bisher. Wird gekauft.
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#2 Taemin
  • 17.10.2020, 10:26h
  • Bewundernswert.

    Totalitäre Systeme funktionieren, indem sie ihre Ideologie in jede Familie einflanzen, so dass Abweichler sofort gemeldet werden. Das war bei den Nazis nicht anders und nicht bei Mao. Nicht umsonst zeigt der ägyptische Wissenschaftler Hamed Abdel-Samad überzeugend Parallelen zwischen Faschismus und zeitgenössischem Islam auf. Sehr lesenswert sein Buch "Der islamische Faschismus", erschienen bei Droemer.
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#3 goddamn liberalAnonym