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Heimkino

Mya Bollaers brilliert als verstoßene trans Tochter

Im Roadmovie "Lola und das Meer" müssen sich Lola und ihr transfeindlicher Vater, von dem sie nach dem Coming-out rausgeworfen wurde, zusammenraufen, um den letzten Wunsch der verstorbenen Mutter bzw. Ehefrau zu erfüllen.


Für ihre einfühlsame Darstellung der 18-jährigen Lola wurde Mya Bollaers als erste trans Schauspielerin für den belgischen Filmpreis Magritte nominiert (Bild: Edition Salzgeber)
  • Von Fabian Schäfer
    22. Oktober 2020, 05:22h, 1 Kommentar

"Es gibt keine Familie mehr" – kein Satz, den man unbedingt nach einer Trauerfeier hören möchte. Philippe sagt ihn zu seiner Tochter Lola, misgendert sie konsequent, will, dass sie sich beruhigt. Beruhigen? Der Vater hat seine Tochter nicht zur Trauerfeier ihrer Mutter eingeladen. Und Lola soll sich beruhigen?

Lola, noch gar nicht so lange 18 Jahre alt, pinke Haare mit deutlich sichtbarem Ansatz, kleine Tattoos auf den Armen und abgeblätterter Nagellack, beruhigt sich nicht. Ganz im Gegenteil: Sie ergreift einen günstigen Moment und nimmt die große Urne aus dunklem Holz kurzerhand mit, packt sie einfach in ihren Rucksack ein. Schmeißt auf dem Weg nach draußen noch schnell die Scheibe des Ladens ihres Vaters ein und fährt in die Unterkunft, in der sie lebt, seit der Vater sie nach ihrem Coming-out als trans rausgeschmissen hat.

Und, was genau willst du damit?, fragt ihr schwuler bester Freund Samir sie. Ja, das weiß sie auch nicht so genau. Lola muss sich das auch gar nicht überlegen, denn es dauert nicht lange, bis ihr Vater den Urnendiebstahl merkt und weiß, wo er seine eingeäscherte Frau findet. Eigentlich wollen Vater und Tochter sowieso dasselbe: Den letzten Wunsch von Catherine erfüllen, nämlich an der belgischen Küste beigesetzt zu werden. Da müssen die zwei sich wohl zusammenraufen, um das durchzuziehen.

Wen hat Gott mehr bestraft: Vater oder Tochter?


Poster zum Film: "Lola und das Meer" läuft ab 22. Oktober 2020 als VoD im Salzgeber Club

"Lola und das Meer" entwickelt sich dann recht schnell zu einem Roadmovie, die beiden fahren bei einem schweren Gewitter durch die belgische Landschaft. Philippe versucht es mit Smalltalk, doch Lola hat darauf keine Lust. Catherines iPod, der die Musik auf der Fahrt bestimmt, spuckt plötzlich Maria Callas aus, die die Arie "Vissi d'arte" aus Puccinis Tosca singt.

"Warum, o Herr, warum dankst du mir das so?", schmettert sie, Gott fragend, warum ausgerechnet sie so bestraft wird – und beide Figuren nehmen die Klage jeweils für sich in Anspruch: Warum wird Lola damit bestraft, dass ihre Mutter gestorben ist und ihr Vater sie nicht akzeptiert, und warum wird Philippe damit bestraft, dass seine Frau gestorben ist und seine Tochter (für ihn immer noch: sein Sohn) trans ist?

Das Vater-Tochter-Verhältnis verbessert sich etwas, als Philippe über die Vergangenheit und Catherine erzählt, und kurz schleicht sich die Angst ein, eine Fahrt ans Meer könnte einen transphoben Vater ganz einfach läutern. Nein, so leicht macht es sich "Lola und das Meer" nicht – zum Glück. Das Drama ist kein Feelgood-Movie und will es auch nicht sein.


Vater und Tochter im Dauerstreit: "Lola und das Meer" will kein Feelgood-Movie sein (Bild: Edition Salzgeber)

Das klischeehafte Bordell ist verzeihlich

Auch sonst macht der zweite Film des belgischen Regisseurs Laurent Micheli sehr viel richtig: Er findet ein gutes Tempo, erzählt von Lolas Transition genau wie von Transphobie in einer Apotheke – aber eher nebenbei und ohne das übermäßig zu betonen. Vor allem hat er mit Mya Bollaers eine unglaublich talentierte Darstellerin. Sie wurde für ihr Debüt zurecht als erste trans Person überhaupt mit dem belgischen Filmpreis Magritte ausgezeichnet. Auch Benoît Magimel überzeugt in seiner Rolle Philippe als sturer, uneinsichtiger Vater, dem die Trauer über den Verlust dennoch anzumerken ist.

Da sind einige kleine Schwächen sehr verzeihlich, etwa dass ein Plot-Twist zwar überrascht, vor allem aber verwundert. Und auch das Bordell, in dem Lola und Philippe auf der Reise ans Meer absteigen müssen, ist ein wenig zu klischeehaft-romantisiert gezeichnet – abgehalfterte, aber ganz weise Puffmutter inklusive.

"Lola und das Meer" ist ein berührender, stellenweise amüsanter und träumerischer Film, der doch mehr vom Leben als vom Sterben handelt – und der durchaus auch international noch mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Vimeo / Salzgeber Club | Deutscher Trailer zu "Lola und das Meer" und Möglichkeit, den Film direkt anzuschauen

Infos zum Film

Lola und das Meer. Drama. Belgien, Frankreich 2019. Regie: Laurent Micheli. Darsteller*innen: Mya Bollaers, Benoît Magimel, Els Deceukelier, Sami Outalbali, Jérémy Zagba. Laufzeit: 90 Minuten. Sprache: französisch-flämische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 12. Verleih: Edition Salzgeber. Ab 22. Oktober 2020 im Salzgeber Club als Video on Demand


#1 HyenadykeProfil
  • 22.10.2020, 10:51hKöln
  • Na also, geht doch.

    Eine trans Frau, gespielt von einer trans Frau. Und nicht von einem verkleideten Mann.
    Ob da wieder einige "völlig Unglaubwürdig, so sehen doch keine Transgender* (insert slur if needed) aus!" schreien werden?
    Tja, Konditionierung halt.
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