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Lesbische Rotarmistinnen mit Kinderwunsch

Das Drama "Bohnenstange" des russischen "Regie-Wunderkinds" Kantemir Balagov erzählt eindrucksvoll und aus weiblicher Perspektive von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und einer komplexen Liebesbeziehung.


Iya und Masha haben beide an der Front gekämpft und sind nun zurück in Leningrad, wo sie ihren Alltag stemmen. Masha, obwohl unfruchtbar, wünscht sich ein Kind, und geht dafür bis zum Äußersten (Bild: eksystent distribution)
  • Von Fabian Schäfer
    22. Oktober 2020, 16:12h, noch kein Kommentar

Mashas Sorge schlägt schnell in optimistische Freude um, als Iya sich übergibt. Sie entschuldigt sich sogar dafür, aber immerhin wäre das ein Zeichen dafür, dass es geklappt hat. Dass sie schwanger ist. Nichts wünscht sich Masha mehr. Sie und ihre Freundin Iya haben beide an der Front gekämpft, doch Iya konnte wegen Anfällen früher zurück nach Leningrad. Erst jetzt, im ersten Herbst nach Kriegsende, kehrt auch Masha zurück.

Seit sie erfahren hat, dass ihr an der Front geborener Sohn Pashka, der mit Iya zurückging, gestorben ist, beherrscht diese Leerstelle ihr Leben. Masha tut alles dafür, wieder schwanger zu werden, obwohl sie weiß, dass sie unfruchtbar ist. Schließlich hat sie auch keine Skrupel davor, Iya zu überzeugen, eher zu zwingen, mit ihrem Chef zu schlafen.


"Bohnenstange" Iya ist schon von weitem zu erkennen(Bild: eksystent distribution )

Eine weibliche Perspektive voller Sensibilität

"Bohnenstange" ist ein Film, der sich einfacher und erst recht einseitiger Charakterisierungen entzieht. Das macht auch ihre Beziehung zueinander so komplex, sie lässt sich nicht auf ein Wort reduzieren. Beide Frauen teilen sich Schicksale, haben den Krieg an vorderster Front erlebt und ein Kind verloren. Sie gehen anders damit um, auch ihre Körper reagieren unterschiedlich, um das Erlebte zu verarbeiten. Iya, nach der der Film benannt ist – Bohnenstange ist der Kosename der groß gewachsenen, schmalen Frau – verfällt immer wieder in eine Art Schockstarre. Dann scheint sie wie weggetreten, kann kein Wort mehr sprechen, sondern nur noch stammeln und röcheln.

Das mit Preisen überschüttete Drama des erst 29-jährigen Kantemir Balagov braucht Zeit, und die nimmt es sich. Diese Zeit muss man bereit sein, dem Film zu geben, denn er hat sie verdient. "Bohnenstange" widmet sich Details, Kleinigkeiten und den Geschichten der Nebenfiguren. Er bildet den Mikrokosmos der Unterkunft, in der die zwei Frauen leben, genauso ab wie das Krankenhaus, in dem sie arbeiten und Soldaten behandeln. Das russische Drama behält dabei stets eine weibliche Perspektive und zeigt ein ganz feines Gespür für Sensibilität und Intimität.

Ästhetik in den grauenhaften Szenen


Poster zum Film: "Bohnenstange" läuft seit 22. Oktober 2020 im Kino

In langen Plansequenzen erzählt der als "Regie-Wunderkind" gekrönte Balagov vom Wiedersehen der zwei Liebenden und der Offenbarung, dass der Sohn nicht mehr am Leben ist, oder folgt ihnen durch die große Dusche, in der sich sämtliche Frauen waschen. In manchen grauenhaften Szenen entfaltet "Bohnenstange" eine enorme Ästhetik, die das Gesehene noch intensiver, deutlicher und auch trauriger machen. Dabei kommt das Drama ganz ohne Musik aus.

Farblich bewegt es sich oft in warmen, gelblichen Tönen, die nur von Iyas leuchtend grünen Pullover, der neuen grünen Wandfarbe oder dem ebenfalls grünen Kleid von Masha durchbrochen werden. Das Grün ist fast grell, die Farbe der Hoffnung, die beide Frauen nicht verlässt. Masha probiert es an, dreht sich erst langsam, dann immer schneller, fast ekstatisch, sie dreht sich, bis sie durchdreht.

Beide Darstellerinnen, die Newcomerinnen Viktoria Miroshnichenko als Iya und Vasilisa Perelygina als Masha, spielen beeindruckend. Eindrucksvoll verkörpern sie diese vergessene, ausgeblendete Seite der Geschichte der etwa einer Millionen Frauen, die in der Roten Armee gekämpft haben. Nicht zuletzt sie beide machen "Bohnenstange" zu einem ganz besonderen Film.

Vimeo / eksystent distribution | Offizieller deutscher Trailer

Infos zum Film

Bohnenstange. Drama. Russland 2019. Regie: Kantemir Balagov. Darsteller*innen: Viktoria Miroshnichenko, Vasilisa Perelygina, Andrey Bykov. Laufzeit: 139 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: eksystent distribution. Kinostart: 22. Oktober 2020