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Roman

Sex, Schmerz und Sehnsucht in der Asylunterkunft

Khaled Alesmaels Roman "Selamlik" zeichnet ein vielschichtiges Porträt eines schwulen Geflüchteten aus Syrien, der auch in seiner neuen Heimat Schweden von Homophobie verfolgt wird.


Khaled Alesmael wurde in Syrien geboren. Er studierte englische Literatur in Damaskus und arbeitete als Journalist in verschiedenen Großstädten Europas und des Nahen Ostens. 2014 beantragte er Asyl in Schweden und lebt dort heute als schwedischer Staatsbürger (Bild: Khaled Alesmael / wikipedia)

Furat ist 19, "glatt und jungfräulich", als die Welt noch eine andere war. Das Jahr 2000, keine Spur von Bürgerkrieg. Er besucht seine älteste Schwester in Aleppo, wo er das erste Jahr studiert hatte, bevor er nach Damaskus zog. Die Hauptstadt wäre heute nicht wiederzuerkennen. Unglaublich, dass Damaskus einmal das Traumziel vieler schwuler Europäer und US-Amerikaner war, dass der Stadtteil Dscharamana vor nur zwei Jahrzehnten das Vorbild insbesondere für religiöse und ethnische Diversität in Syrien darstellte, von der auch schwule Männer profitierten.

Der junge Student Furat taucht gerade erst in die Welt der Hamams, Pornokinos und anderer geheimer Treffpunkte ein, als der Bürgerkrieg beginnt, das Land zu verwüsten. Furats erstes Mal im Hamam scheint nicht anders zu sein als der erste Besuch in einer westlichen Schwulensauna: Er muss lernen, die Codes zu lesen, und schaut sich Verhaltensweisen ab. Ein kleines Detail unterscheidet sich dann doch: die Angst vor der Polizei, die jeden Moment hereinkommen könnte, oder die in Form eines Undercover-Beamten schon ganz nahe lauern kann.

Im Leo-Jockstrap im Boot nach Griechenland

Es sind beeindruckende Einblicke in ein Land, das wir eigentlich nur noch als Bürgerkriegsland kennen, die Autor Khaled Alesmael in seinem Roman "Selamlik" versammelt. Sein Protagonist Furat ist über Nordsyrien und die Türkei schließlich nach Südschweden geflohen. Dort schreibt er seine Erinnerungen an die Vergangenheit und seinen Alltag als geflüchteter schwuler Syrer auf.

Dramaturgisch äußerst geschickt wechseln sich die Zeitebenen ab. Er schildert Kindheitserinnerungen in einem vornehmen Stadtteil der Stadt Deir ez-Zor im Osten Syriens, am Euphrat gelegen, der auf Arabisch Furat heißt und ihm als Namensgeber diente. Dann seine Studienzeit, das Erwachen der Begierden, die Erregung und Scham nach dem ersten Sex im Studentenwohnheim in Aleppo, wo beide Angst haben, dass doch plötzlich die Geheimpolizei vor der Tür stehen könnte.

Die Zeit in Istanbul, wo "Mama Nabilas" Wohnung als billiges Bordell und Büro für die Geschäfte der Menschenhändler gleichzeitig und abwechselnd dient, wo er direkt nach einem Sexdate seinen Schlepper trifft, weshalb er bei der gefährlichen Überfahrt in die EU einen Leoparden-Jockstrap trägt. Dann die Ankunft in Schweden, wo er in einem kleinen Kaff in Småland auf Nachrichten der Asylbehörde wartet, zu schreiben beginnt und wildeste Sexphantasien hat.

Wie das Leben schwuler Geflüchteter (auch) aussah


"Selamlik" ist im Albino Verlag erschienen

Das klingt dann zum Beispiel so: "Dann füllte er meinen After mit Spucke und rammte das Glied des attraktiven Bären mit einem Stoß hinein. Weil der Fuß des Mannes aus Damaskus mir immer noch den Mund stopfte, konnte ich weder schreien noch atmen." – Und es geht noch weiter und hatte eine Vorgeschichte.

Doch man würde "Selamlik", den die schwedische Tageszeitung "Dagens Nyheter" bereits zum "werdenden Klassiker" erklärt hat, Unrecht tun, ihn auf diese – wenn auch ziemlich ausgereiften und gelungenen – Phantasien zu reduzieren. Khaled Alesmael erschafft eine schwule Fluchtgeschichte, zeigt uns, wie das Leben der vielen queeren Geflüchteten auch ausgesehen haben könnte, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben.

Der Roman kommt vielleicht genau zur richtigen Zeit

Dazu thematisiert er das große Problem der Homophobie, die viele Geflüchtete natürlich nicht abgelegt haben, als sie nach Europa kamen, und die Furat im Schwedischkurs und im Geflüchtetenheim begegnen: Der Albtraum ist immer noch da. Überhaupt, die kahle Unterkunft mit Blick auf einen Friedhof, die kühlen Begegnungen, die er mit der schwedischen Bürokratie macht – keine Anklage, sondern eine nüchterne Darstellung, in der durchaus eine Sehnsucht nach der alten Heimat steckt. Und die auch von der sehr harmonischen Übersetzung profitieren, die englischen Kapitel hat Joachim Bartholomae, die arabischen Christine Battermann übersetzt.

"Selamlik" kommt vielleicht genau zur rechten Zeit: 2015, die Jahreszahl, die so symbolisch aufgeladen ist, dass alle wissen, was man meint, wenn man sie nennt, die so zum Nomen geworden ist, dieses 2015 also ist fünf Jahre her, vieles hat sich gelegt und beruhigt. Gleichzeitig wird, genauso abstrakt und gebetsmühlenartig, gefordert, ebendieses 2015 dürfe sich nicht wiederholen. Für die Mehrheit jedenfalls hat sich vieles beruhigt, die Betroffenen selbst kommen medial vor allem in Form von Statistiken und als homogene Gruppe vor, das Interesse ist abgeflacht.

Da schafft "Selamlik" es, einen Gegenpol zu setzen – einen, der eine spannende, hier poetische und da drastische Geschichte erzählt.

Infos zum Buch

Khaled Alesmael: Selamlik. Roman. Übersetzt von Joachim Bartholomae (Englisch) und Christine Battermann (Arabisch). 256 Seiten. Albino Verlag. Berlin 2020. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-86300-302-9). E-Book: 17,99 €


#1 gayflecktarnhoseProfil
  • 24.10.2020, 13:04hBremen
  • Romane mit einem derartigen Inhalt sollte es
    eigentlich noch viel mehr geben, aber leider hat ja
    ein grosser Teil der Bevölkerung zu derartigen
    Themen kein Bezug, es geht ja um Homosexuelle.
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#2 swimniAnonym
  • 24.10.2020, 15:50h
  • bei meiner flüchtlingsarbeit wird die homosexualität auch nicht selten ignoriert. man muss immer mit nachdruck alles einfordern. habe das buch bereits soeben für unseren lokalen verteiler beantragt. mal sehen was passiert.
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