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Der schwule Zwilling hat Krebs

Obwohl mit Lars Eidinger und Nina Hoss prominent besetzt, ist das klischeeüberladene Krebs-Drama "Schwesterlein" nur ein akzeptabler Fernsehfilm, der auf der großen Leinwand nichts zu suchen hat.


Der berühmte Bühnendarsteller Sven (Lars Eidinger) ist an einer aggressiven Leukämie erkrankt (Bild: Weltkino)

Die Familie, um die es geht, hat laut Abspann keinen Nachnamen. Wie könnte sie wohl heißen, Linde oder Wagner oder Voigt vielleicht, irgendetwas Einfaches, Bürgerliches, doch gleichzeitig Wohlklingendes, Intellektuelles. Sven Voigt, Lisa Wagner. Eine West-Berliner Künstlerfamilie, aber keine von den 68ern, sondern eher Typ Bildungsbürgertum, wo Mutter Kathy (Marthe Keller) sich zurückerinnert an die gute, alte Theaterzeit, wo die Bühne noch politisch war und Bertolt Brecht und so weiter.

In dieser Familie also hat Sven Leukämie, weshalb er vorübergehend wieder in die große Altbauwohnung der Mutter einzieht. Seine Zwillingsschwester Lisa tut alles dafür, ihn so gut es geht zu unterstützen. Vor allem will sie, dass ihr Bruder wieder auf der Bühne steht, den Hamlet in der Wiederaufnahme spielt, wie er es schon so oft – 357 Mal – getan hat. Ein Schauspieler, der nicht spielen darf, hat keinen Lebenswillen.

Man muss Lars Eidinger nicht mögen, aber schauspielern kann er


Poster zum Film: "Schwesterlein" startet am 29. Oktober 2020 in deutschen Kinos

Lisa selbst lebt in irgendeinem Schweizer Bergdorf, in dem es nichts gibt als das elitäre Internat, das ihr Mann Martin leitet. Sie hat genug davon, will wieder zurück nach Berlin. Tja, sagt ihr Mann, dann schreib einen Bestseller für uns, um die Familie zu ernähren. Geschrieben hat Lisa aber schon lange nichts mehr.

"Schwesterlein" wird natürlich getragen von den zwei Hauptdarsteller*innen Lars Eidinger und Nina Hoss. Zum Selbstdarsteller-Narzissten Eidinger, der Leder-Aldi-Tüten für 550 Euro verkauft, kann man stehen wie man will, aber schauspielern kann er. Noch deutlicher brilliert Nina Hoss in ihrer Rolle als verzweifelt-hoffnungsvolle Schwester, Ehefrau und Tochter zugleich.

Sven lenkt sich von seinem Ex ab – mit einem Klo-Blowjob

Doch der beste Cast kann die teils hölzern-konstruierten Dialoge nicht ausmerzen, und, wichtiger, die durchschnittliche Geschichte nicht aufhübschen. "Schwesterlein" ist ein Krebsdrama, das sich von Klischee zu Klischee hangelt und zunehmend vorhersehbar wird.

Natürlich trägt Sven immer besonders alberne, schlecht sitzende Perücken, weil er sich ja nicht ernst nimmt und noch lachen kann, aber dieser Moment wird so ausgepresst, dass nichts mehr übrig bleibt. Da gibt es einen Hoffnungsschimmer, einen Moment der Ekstase, der sofort abbricht, und sowieso muss Sven über seinen Ex oder Nicht-Ex Lukas, so genau weiß man es nicht, hinwegkommen, und lässt sich auf einer Toilette einen blasen, was aber nicht so ganz funktionieren will.


Immer neue bunte Perücken für Sven (Bild: Weltkino)

Vor allem aber nervt das Milieu, in dem wir uns bewegen. Die Schweiz, ja, wunderschön und malerisch mit den Bergen und dem Schnee, vor allem von oben – haben wir irgendwann kapiert. Und das kleine Dorf, eine Welt der Range Rover und teuren Daunenjacken.

Selbstreferentialität auf einer neuen Stufe

Dann, der Kontrast, zumindest geografisch, das Berliner Bildungsbürgertum und die Theaterwelt. Da spielt der begnadete Schaubühne-Regisseur Thomas Ostermeier den Schaubühne-Regisseur David, aber eigentlich ja doch sich selbst. Da soll Hamlet wiederaufgenommen werden, und Sven, aber eigentlich viel eher Lars Eidinger selbst, zerbricht daran, wenn er seine Zweitbesetzung spielen sieht. Lars Eidinger kann sich wieder selbst darstellen und um sich selbst drehen, die Selbstreferentialität noch eine Stufe weiter oben.

"Schwesterlein", immerhin der Schweizer Beitrag für den Fremdsprachen-Oscar im nächsten Jahr, hat seine Momente. Insbesondere das Verhältnis der ruppigen, fast abgeklärt ehrlichen Mutter Kathy, die schon im seidenen Morgenmantel die erste Zigarette raucht, zu ihren zwei Kindern ist interessant.

Dennoch fühlt sich das Drama durchgehend an wie ein zu gut besetzter Fernsehfilm. Kaum neue Ideen, nichts, was hängenbleibt, die Emotionen sehr berechnend gesetzt – einfach kein Film fürs Kino. Wer eine gute Krebs-Geschichte sehen will, die vor erzählerischen wie filmischen Einfällen sprüht, dem sei "Euforia" der italienischen Regisseurin Valeria Golino empfohlen.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer

Infos zum Film

Schwesterlein. Drama. Schweiz 2020. Regie: Stéphanie Chuat, Véronique Reymond. Darsteller*innen: Nina Hoss, Lars Eidinger, Marthe Keller, Jens Albinus, Thomas Ostermeier. Laufzeit: 101 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. Verleih: Weltkino. FSK 12. Kinostart: 29. Oktober 2020


#1 AthreusProfil
  • 29.10.2020, 11:33hSÜW
  • Ich komme leider nicht einmal über Ich bin der beste Schauspieler der Welt, Ich kann jeden Film besser machen und Ich bin der beste Faller Deutschlands hinweg. Wenn dann noch das uninspirierte deutsche Kino dazukommt, dass sich seine Stoffe in aller Welt zusammenklaut, weil man der Meinung ist, mit der Kopie bereits mehrfach verfilmter Muster könnte man sich ein Stück des monetären Erfolgskuchens abschneiden, mag das vll nicht allzu realtitätsfern sein, aber mit der hohen Kunst, die Eidinger meint, in unerreichter Qulität zu vertreten, hat das nichts zu tun. Künstler erschaffen und kopieren nicht.
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#2 StaffelbergblickAnonym
  • 29.10.2020, 13:24h
  • Wenn ich mir den Inhalt so angucke .. na ja, das sind erstmals "alte Bekannte". Hoss und Eidinger nebst Stresow haben zur gleichen Zeit in Berlin das Schauspielerhandwerk erlernt. Ostermaier von der Schaubühne, an der Eidinger als die exponierte Schauspielerpersönlichkeit arbeitet. Und obendrein sein Paradebeipiel Hamlet. Hört sich an, als hätten gute alte Freunde einen Film gedreht auf einer anderen Ebene.
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