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"Männern ist Wohlgestalt in Rom nützlich"

"Lustknaben" im Vatikan: Spektakuläres Outing vor 500 Jahren

Vor genau 500 Jahren – im Jahr 1520 – wetterte Ulrich von Hutten gegen Homosexualität in der katholischen Kirche. Als Kirchenkritiker war er so etwas wie Martin Luthers "kleiner Bruder".


Ulrich von Hutten auf einem Holzschnitt von Erhard Schön (um 1522)
  • Von Erwin In het Panhuis
    31. Oktober 2020, 04:17h, 9 Kommentare

Der spätere Kirchenkritiker und Publizist Ulrich von Hutten (1488-1523) wurde auf Schloss Steckelberg geboren und verbrachte dort auch den größten Teil des für ihn sehr ereignisreichen Jahres 1520. Schon bei seiner ersten Italienreise 1512 war ihm das Verhalten der katholischen Kirche negativ aufgefallen und er kritisierte es. In den späteren Jahren verschärfte er seinen Ton, und aus seiner humanistischen Kirchenkritik wurde der Wunsch nach einem radikalen Befreiungsschlag.

Mit seiner Schrift "Vadiscus, oder die römische Dreifaltigkeit" (1520) holte er dann zu einem Rundumschlag aus: Er kritisiert darin den Ablasshandel, fehlenden Glauben, die finanzielle Habgier und (angeblich) ausgelebte gleichgeschlechtliche Sexualität des Klerus. Die Passagen über Homosexualität werde ich nachfolgend in den Fokus stellen.

Mehrere frühe Biografen machen aus Huttens Leben und Werk eine Legende und betonen die Besonderheit dieser Schrift: Keine Schrift habe so viel Aufsehen erregt wie diese (Schubart 1791, S. 77); sie sei das Freieste und Stärkste (Bürck 1846, S. 157) bzw. das Heftigste und Freimütigste (Strauß 1877 [zuerst 1858], S. 282), was Hutten je gegen die römisch-katholische Kirche geschrieben habe. Ich werde allerdings auch aufzeigen, wie sich der Blick auf Hutten mit den Jahrhunderten veränderte.

Ulrich von Hutten und Martin Luther


Martin Luther. Gemälde aus der Werkstatt Lucas Cranachs des Älteren (1528)

Aufgrund seiner Kirchenkritik wurde Hutten von seinen Zeitgenossen, trotz aller Unterschiede, an der Seite des Kirchenreformers Martin Luther (1483-1546) gesehen. Beide Männer standen in persönlichem Kontakt, und Hutten bezeichnete Luther später als "Freund und Bruder". Es ist gut belegbar, was sie im Rahmen von Kirchenkritik verband bzw. unterschied und wie sie sich gegenseitig beeinflussten.

Bis 1520 publizierte Hutten in der Gelehrtensprache Latein und wollte eine Veränderung der Kirche zunächst nur gemeinsam mit den Einflussreichen und Mächtigen erreichen. Im Gegensatz dazu wirkte Martin Luther in breitere Bevölkerungsschichten hinein, weil er ab 1518 in deutscher Sprache und mit großer Ausdruckskraft allgemeinverständlich schrieb.

Hutten ließ sich hiervon anregen und gab sein zuerst auf Latein im April 1520 publiziertes Werk unter dem Titel "Vadiscus, oder die römische Dreifaltigkeit" auch in deutscher Sprache heraus (Herbst 1520). Huttens in diesem Buch verwendetes Stilmittel der dreiteiligen Antworten hat Luther für eine seiner Schriften übernommen, die er einige Monate später unter dem Titel "Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche" publizierte.

Der Hutten-Biograf Christian Jakob Wagenseil (1800, S. 58) sieht vor allem die Unterschiede zwischen beiden: Luther habe die "Reinigung der christlichen Religion von menschlichen Erfindungen und Zusätzen" gewollt, Hutten hingegen – viel radikaler – "die Befreiung Deutschlands von dem Druck der römischen Hierarchie".

Für beide Männer war Albrecht von Brandenburg (1490-1545) – Erzbischof von Mainz und damit zugleich der Landesherr des Erzstifts Mainz – wichtig. Für Hutten war er ein Mäzen, von dem er ein festes Gehalt bekam. Für Luther gaben die unlauteren Methoden des in Albrechts Auftrag tätigen Ablasspredigers Johann Tetzel den Anlass zu seinen 95 Thesen, die er angeblich am 31. Oktober 1517 eigenhändig an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt haben soll.

Durch Luthers Thesen und Huttens Schrift geriet Albrecht, obwohl er eigentlich dem Humanismus nahestand, in einen Konflikt mit der lutherischen Reformationsbewegung und mit Huttens Anstellung an seinem Hof. Anfangs suchte Albrecht zu vermitteln und eine allgemeine Reform der Kirche zu erreichen. Luther und Hutten setzten deshalb zunächst Hoffnungen in ihn, wurden aber schnell enttäuscht.

Homosexualität im Mittelalter und in der Reformationszeit

Zum zeitlichen Hintergrund: Im Mittelalter und im 16. Jahrhundert war gleichgeschlechtliches Sexualverhalten ein theologisches und strafrechtliches Thema. Es galt als todeswürdiges Verbrechen und viele "Sodomiter" – wie sie damals bezeichnet wurden – wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt.


Verbrennung des Ritters Richard Puller von Hohenburg gemeinsam mit seinem Knecht Anton Maetzler 1482 wegen "Sodomie"

Als Begründung für die Todesstrafe bezog man sich auf das Alte Testament, wo u a. steht: "Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau, es ist ein Gräuel." Vieles spricht dafür, dass sich die Strafform des Verbrennens von "Sodomitern" ebenfalls am Alten Testament orientierte, wo davon die Rede ist, dass Gott die Städte Sodom und Gomorrha mit Feuer vernichtet habe.

Viele neuere Publikationen über Homosexualität im Mittelalter und in der Reformationszeit stammen von dem offen schwul lebenden Historiker Bernd-Ulrich Hergemöller, der von 1996 bis 2012 einen Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Hamburg innehatte. Zu seinen grundlegenden und wichtigen Publikationen gehört u.a. das Buch "Sodom und Gomorrha. Zur Alltagswirklichkeit und Verfolgung Homosexueller im Mittelalter" (1998, überarbeitete Neuausgabe 2000).

Die Homo-Vorwürfe in "Vadiscus, oder die römische Dreifaltigkeit"


Als Spintriae werden heute Münzen mit sexuellen Motiven bezeichnet

Das Werk ist als Dialog verfasst. Mit Bezug auf die heilige Dreifaltigkeit werden auf die Fragen häufig jeweils drei Antworten gegeben. Nachfolgend zitiere ich aus drei recht unterschiedlichen Übersetzungen, von denen zwei online verfügbar sind.

Die erste Hutten-Übersetzung, die hier zitiert werden soll, stammt von David Friedrich Strauß ("Gespräche", 1860, S. 99-185). Ein Ernold wird gefragt, was er davon halte, dass zu den drei "Waren" der römischen Handelsleute auch "Weiber" gehörten, worauf dieser antwortet: "Wären es doch nur Weiber, und beschränkten sie sich auf dieses Geschlecht!" (S. 121-122). In Rom seien drei Dinge verbreitet, u.a. die "Wollust des Fleisches". Nach Ernolds Ansicht trachteten die Leute in Rom "auch nach Abwechslung und denken seltsame und abenteuerliche Arten derselben aus, wogegen die Erfindungen eines Tiberius nichts sind" (an dieser Stelle verweist eine Fußnote des Herausgebers auf den römischen Historiker Tacitus und seine "Annalen VI /I" – ein dezenter Hinweis auf den Missbrauch von Knaben durch Kaiser Tiberius). Dem Leser wird schnell deutlich, dass es um Dinge geht, "von denen wir uns schämen müssen, hier zu reden" (S. 124-125). In Huttens Dialog werden drei Arten von Bürgern in Rom benannt, u a. "das Volk von Gomorrha" (S. 127), was sich in Anlehnung an die in der Bibel genannte Stadt auf sündige Menschen bzw. auf solche bezieht, die gleichgeschlechtlichen Sex haben. Der Anhang von Roms Würdenträgern bestehe aus Banditen, Mördern und "Lustknaben" (S. 129). In Rom würden nicht nur Pferde und Hunde, sondern auch "oh der Schande! Lustdirnen und Lustknaben" gehalten (S. 183).

Die zweite Hutten-Übersetzung stammt von Richard Zoozmann (1905), ich zitiere sie hier nach dem Buch "Andere Lieben. Homosexualität in der deutschen Literatur" (Hrsg. Joachim Campe, 1988, S. 85-87). Sie ist – zumindest bei zwei Textstellen – deutlicher im Vergleich zur Ausgabe von 1860. So wird verwiesen auf "Kaiser Tiberius und seine Lustknaben, die man spintriae nennt" (S. 86; mit dem Begriff "Spintriae" werden heute antike Münzen mit sexuellen Motiven bezeichnet, etymologisch verweist der Begriff auf männliche Prostituierte bzw. deren Schließmuskel). Auch eine weitere Textstelle über Prostitution habe ich so deutlich in keiner anderen Übersetzung gefunden: Einem Mann wird nachgesagt, dass er reich geworden sei, "weil er sich in Rom nicht wie ein Mann gehalten habe. Frauen und Männern ist Wohlgestalt in Rom nützlich" (S. 87).

Die älteste heute online verfügbare Hutten-Übersetzung stammt von Ulrich Varnbüler (1544). Auch hier gibt es den Hinweis, dass es bei den Klerikern in Rom beim Sex nicht "alleyn bey den weibern" bleibe (S. 33, 2.-3. Zeile). Diejenigen, die in Rom unkeusch "alleyn der natur nach" seien (also nur auf "natürliche" Weise mit dem anderen Geschlecht), würden dort verspottet. An dieser Stelle fehlt die Anspielung auf Tiberius (S. 36, 12. Zeile). Der Hinweis auf die biblische Stadt Gomorrha (S. 38, letzte Zeile) ist enthalten, ebenso wie der auf Lustknaben, die hier "schandtbůben" heißen (S. 40, letzte Zeile).


Hinweis auf Lustknaben bzw. "schandtbůben" (unten links) in einer Ausgabe von 1544

Am Ende wird die Kritik Huttens am Klerus deutlich: Der Klerus in Rom erhalte Geld von den Bürgern, womit die Geistlichen sich nicht nur Pferde und Hunde, sondern (was am schändlichsten sei) auch Huren und "schandtbůben" hielten (S. 104, unteres Drittel).

Drei weitere Homo-Vorwürfe von Hutten

Im Rahmen ähnlicher Kirchenkritik bezog sich Hutten noch in weiteren Schriften direkt und indirekt auf gleichgeschlechtliches Sexualverhalten. In dem Text "Der durch den heiligen Petrus von der Himmelspforte zurückgewiesene Papst Julius II." (in: "Auserlesene Werke", 1822, 2. Bd., S. 405-465, hier S. 425) erzählt der Papst Julius II. dem Apostel Petrus, dass ihm vom Herzog von Ferrara u.a. "Knabenliebe" vorgeworfen werde. Vermutlich ging es Hutten hier nur darum, dass "Sodomiter" nicht in den Himmel kommen.

In einer "Vergleichung der Bäbst Satzung gegen die Lehr Christi Jesu" (in: "Sämmtliche Werke", 1825, Band 5, S. 132-148, hier S. 138) stellt Hutten Äußerungen von Jesus Christus fiktiven Aussagen des Papstes entgegen, um zu verdeutlichen, wie weit sich der Klerus vom Glauben entfernt habe. Einer Aussage Jesu über die Keuschheit und die Ehe (Matthäus 19) setzt er die fiktive Aussage des Papstes entgegen, die Kleriker "und Priester sollen […] Sodomei treiben, – das wehr' ich ihn nit". Damit stellt er die Sodomie – die hier mit Homosexualität gleichzusetzen ist – als etwas dar, was der Papst angeblich seinen Priestern gestatte. (Ein Topos in den Schriften von Kirchenkritikern der Reformationszeit).

Hutten hält "Zärtlinge, Venus- und Bachussklaven" für "unrühmlich", weil sie noch mehr als Frauen der "Unthätigkeit" ergeben seien (hier zitiert nach "Des teutschen Ritters Ulrich von Hutten auserlesene Werke", 1. Bd., 1822, S. 34). Diese Textstelle ist ein typisches Beispiel dafür, wie sich Kritik an fehlender Männlichkeit mit antifeministischen Positionen verbinden kann. (Und außerdem ein Beispiel dafür, dass Sexualität nicht als isolierte Sünde gesehen wurde, sondern in enger Verbindung mit anderen Untugenden – wie auch im "Vadiscus", wo die "wollust des fleyschs" direkt zusammen mit Kleiderluxus und Hochmut genannt wird. Das ist ein Beispiel, dass es im Verständnis der damaligen Zeit eben nicht um eine Identität als "Homosexueller" ging, sondern um eine schwere Sünde, der sich schlechte Menschen ebenso ergeben können wie irgendwelchen anderen Sünden.)

Die Folgen der Schrift, Huttens Flucht und Tod

Es muss schon als recht naiv angesehen werden, dass Hutten so massiv gegen die römisch-katholische Kirche wetterte und dabei die möglichen Konsequenzen für sich nicht sah. Als der Papst Leo X. Kenntnis von seinen Schriften erlangte, forderte er 1520 mit einem Schreiben an den zuständigen Erzbischof die Einleitung entsprechender Maßnahmen. Albrecht von Brandenburg sah sich zum Handeln gezwungen, entließ Hutten aus seinen Diensten und untersagte ihm den Zutritt zum Hof, womit Hutten in Mainz sozial isoliert war. Sein ehemaliger Mäzen lehnte auch eine persönliche Aussprache ab und war nun vor allem ein mit Rom eng verbundener Erzbischof. Zeitgleich wurde Hutten der kirchliche Bann angedroht und es kam zu Morddrohungen.

Noch Ende 1520 fand Hutten in Franz von Sickingen einen einflussreichen Gesinnungsgenossen, der die reformatorische Bewegung förderte und ihm auf seiner Ebernburg Schutz vor Verfolgung bot. Einen solchen Schutz hatte Sickingen zuvor schon anderen gewährt oder – wie bei Martin Luther – zumindest angeboten. Erst in dieser Situation fing Hutten an, sich mit Luther zu solidarisieren. Der Tod Franz von Sickingens im Mai 1523 markiert das Ende von Huttens publizistischem Krieg gegen den Klerus. Hutten floh vor der drohenden Exekution der inzwischen gegen ihn erwirkten Reichsacht in die Schweiz, wo er im selben Jahr wohl an den Folgen einer Syphiliserkrankung starb.

Rezeption der Homo-Passagen – Beispiele aus dem 18. Jahrhundert

Am ausführlichsten beschäftigte sich der Philosoph Christoph Meiners (1747-1810) in seiner Biografie "Leben Ulrichs von Hutten" (1797, S. 164-194) mit den Homo-Passagen in Huttens Schrift und griff dabei auf eine mir nicht bekannte oder seine eigene Übersetzung zurück: Zu den drei Dingen, die in Rom sehr weit verbreitet seien, gehörten "fleischliche Lüste, welche man nicht nur auf allen natürlichen Wegen, sondern auch auf so vielen unnatürlichen Wegen sucht, daß selbst die erfinderischsten Wollüstlinge und Wollustlehrer des Alterthums von ihnen lernen könnten". Auch hier wird "das Volk von Gomorrha" erwähnt (beides S. 175). Zu den drei Dingen, die man in Rom lernen könne, gehöre auch "die Kunst sich allen natürlichen und unnatürlichen Lüsten zu überlassen" (S. 182). Meiners' Deutlichkeit hat mich nicht wirklich gewundert, weil er auch schon in seinen "Betrachtungen über die Männerliebe der Griechen" ("Vermischte Schriften", 1775, 1. Bd., S. 61-119) nicht davor zurückscheute, das Thema gleichgeschlechtlich liebender Männer deutlich zu behandeln und sich davon deutlich zu distanzieren.


Kupferstich im Bestand der Universitätsbibliothek Leipzig (Bild: Universitätsbibliothek Leipzig / flickr)

Moderne Rezeption seit dem 20. Jahrhundert

In der Hutten-Biographie von Otto Flake "Ulrich von Hutten" (1930, S. 212-270) bin ich ein wenig über die Formulierung gestolpert, dass Hutten "naiv und dazu weicher [ist], als es den Anschein hat". Im Laufe seines Lebens habe er bei vier Männern "um eine im besten antiken Sinn platonische Freundschaft" geworben, diese Männer hätten jedoch darauf nicht reagiert. Flake betont ausdrücklich: Huttens "Bedürfnis nach einer Frau gehört hierher" (S. 214, 249).

Weil sich der römische Historiker Tacitus sowohl in seinen "Annalen" als auch in seinen "Historien" häufig mit gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten auseinandersetzte, sind auch die Äußerungen von Arnold Becker in seiner Dissertation "Ulrichs von Hutten polemische Dialoge im Spannungsfeld von Humanismus und Politik" (2013) spannend, der in seinem Kapitel "Hutten und die Tradition des lukianischen Dialogs" (S. 77-120) darauf verweist, dass Huttens Lukian-Studien wie eine Initialzündung auf seine Dialoge gewirkt hätten (S. 81). Bei Becker geht es allgemein darum, welche Anregungen Hutten von Lukian erhalten hat, wie die literarische Form des satirischen Dialogs, die Motive wie Kritik an Rom und auch Lukians (homo)sexuelle Anspielungen.

Schon Paul Kalkhoff hat in seiner Biografie "Ulrich von Hutten und die Reformation" (1920) in seiner Einleitung "Die Notwendigkeit einer Nachprüfung der romantischen und der ultramontanen Legende" (S. 1-23) darauf verwiesen, wie sich das Bild von Hutten über viele Jahre zu einer Legende entwickelte und wie es sich im Laufe der Jahrhunderte veränderte: vom "Liebling der naiven Romantik (Goethe, Herder)" über die "Ausbildung der Legende durch die aufgeklärte Romantik (Strauß)" bis zu seiner "Überschätzung als Mensch und als ausschlaggebende Persönlichkeit neben Luther".

Auch spätere Autoren weisen auf diese Veränderung hin. Heiko Wulfert verweist in seinem Buch "Die Kritik an Papsttum und Kurie bei Ulrich von Hutten (1488-1523)" (2009) auf den Wandel des Hutten-Bildes, das von Ablehnung bzw. Verehrung (16./17. Jahrhundert) über die Darstellung als Märtyrer der Freiheit (18./19. Jahrhundert) bis zur Darstellung als Nationalist (NS-Zeit) reichte (S. 8-20).

Helmut Spelsberg betont in seinem Buch "Aber Hutten kehrte nicht um. Betrachtungen zu Leben und Werk Ulrich von Huttens" (2015, S. 11), wie sich im Laufe der Jahrhunderte "eine von der Person Hutten eigendynamisch abweichende Hutten-Legende" entwickelte. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts "wurde er zum Märtyrer der deutschen Freiheit mystifiziert, nach 1871 als Leitfigur des Deutschen Reiches aufgefasst und vom Nationalsozialismus bewusst falsch interpretiert und ideologisch missbraucht". Nach "einer längeren Pause der Vernachlässigung" hat erst mit seinem 500. Geburtstag "1988 eine neue, um Objektivität und Gerechtigkeit bemühte Rezeptionsphase eingesetzt".

Moderne schwule Rezeption

Eine schwule Rezeption von Huttens Schriften ist selten. In der bedeutenden von Manfred Herzer herausgegebenen "Bibliographie zur Homosexualität" (1982) fehlt ein Hinweis auf seine Schrift. Sie wäre hier die älteste deutschsprachige Quelle gewesen, die nicht im Kontext der Bibel oder des Strafrechts steht.

Der Literaturwissenschaftler Joachim Campe geht in der von ihm herausgegebenen Anthologie "Andere Lieben. Homosexualität in der deutschen Literatur" (1988, S. 85-87) auf einigen Seiten auf Huttens Schrift ein. Durch Campe wurde ich auf Hutten aufmerksam. Die heute auch online verfügbaren betreffenden Texte habe ich in den ersten und zweiten Teil meiner Bibliografie mit aufgenommen und dort verlinkt.

Der Historiker und Germanist Helmut Puff scheint der Einzige zu sein, der Huttens Schrift in seinem wichtigen Buch "Sodomy in Reformation Germany and Switzerland 1400-1600" (2003, S. 145, 249) gut in einen sexualgeschichtlichen Kontext einbindet. Danach beschreibt Hutten, wie der Klerus nach immer neuen Wegen suche, um seine unersättlich scheinenden sexuellen Wünsche zu befriedigen (dieser Topos wurde später als "Übersättigung" bezeichnet). Nach Puff stellt Hutten den gleichgeschlechtlichen Sex als eine Art Zeitvertreib der Oberschicht dar, was Hutten und andere als geeignetes Argument gegen den päpstlichen Hof in Rom ansahen.


Zum 500. Geburtstag Ulrich von Hutten erschienen im Jahr 1988 Gedenkbriefmarken sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR

Was bleibt

Was anhand von Hutten hier dokumentiert ist, ist für das Mittelalter bzw. für den Anfang des 16. Jahrhunderts nicht untypisch und lässt sich gut im Kontext der zu dieser Zeit üblichen kirchenkritischen und konfessionellen Polemik betrachten. Sie variiert bestimmte Topoi, die sich seit dem 15. Jahrhundert herausbildeten und in der Reformationszeit ausformuliert wurden.

Zu den frühen Verbreitern dieser antikatholischen, auf sexuelle Denunziation abzielenden Topoi gehören in besonderem Maße humanistische Autoren. In Deutschland wurde diese antiklerikale Polemik wie auch bei Ulrich von Hutten mit nationalistischen Elementen verbunden. Dazu gehört auch die Behauptung, alles Laster komme vom Papst / von Rom / von Italien her, während die Deutschen eigentlich bieder und sittsam seien. Das knüpft an die ältere Zuschreibung an, dass "Sodomie" besonders ein Laster der Italiener sei. Homosexualität wird als Waffe verwendet, um politische Gegner zu belasten. In meinem Artikel "Homosexuelle Denunziation als Waffe in der Reformation" hier auf queer.de habe ich diese Hintergründe schon am Beispiel von Jean Calvin zu verdeutlichen versucht.

Gleichgeschlechtliche Sexualität als Vorwurf zu verwenden ist aus heutiger Sicht illegitim und war es auch schon vor 500 Jahren. So gesehen ist Ulrich von Hutten mit seiner hier vorgestellten Publikation weder ein Held noch ein Vorbild. Diese Angriffe sind, vollkommen unabhängig davon, ob sie frei erfunden, vermutet oder sogar belegt sind, zu verurteilen.

Ansonsten kann man zu Huttens Kampf durchaus janusköpfig eingestellt sein. Auf der einen Seite verdient Hutten Respekt, weil er gegen die verlogene, homophobe und bigotte römisch-katholische Kirche kämpfte. Wie auch Martin Luther hat er sich persönlich in Gefahr begeben, um sich für eine nicht von Religion dominierte Gesellschaft einzusetzen. Andererseits kommt man mit etwas sachlicher Distanz schnell zu dem Schluss, dass Hutten und Luther nur für eine andere Art von Religion kämpften, die genauso intolerant sein konnte – und kann – wie die katholische Kirche. Das gilt ganz besonders für Luther – man denke nur an seine Hetzschriften gegen die Juden! Von den letzten Jahrzehnten einmal abgesehen wurde gleichgeschlechtlicher Sex bzw. Homosexualität von den protestantischen Kirchen nicht weniger verdammt wie von der katholischen Kirche.

Spannend sind für mich auch die Hintergründe, die sich hier für einen schwulen Historiker auftun. Welche Sprache hatte man für gleichgeschlechtliches Sexualverhalten? Wie zeigt sich das Tabu Homosexualität? Bei einem Thema sehe ich Parallelen: Selbst Jahrhunderte später schwurbelten die Hutten-Biografen sprachlich herum, weil sie Huttens Syphilis-Erkrankung nicht verschweigen, aber auch nicht benennen wollten – als würden eine Geschlechtskrankheit und ein Held sich gegenseitig ausschließen.

Für die meisten Menschen wird Martin Luther – als Initiator der Reformation – weiterhin die wichtigste Person bleiben, die in der kollektiven Erinnerung die Reformationsbewegung verkörpert. Woran lag es wohl, dass heute Martin Luther und nicht Ulrich von Hutten an erster Stelle in den Geschichtsbüchern steht? Luther bediente sich nicht nur virtuos der deutschen Sprache, sondern traf mit seiner Kirchenkritik einen Nerv der Zeit. Gleichzeitig war er gelehrter Theologe und schaffte es, sich mit bestimmten Obrigkeiten zu verbünden. Auch seine Bibel-Übersetzung ist ein wichtiger Faktor für sein Nachwirken. (Dabei hätte Luther ohne die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern kurz zuvor erst gar nicht wirken können).

Nach dem Biografen Christian Jakob Wagenseil ("Ulrich von Hutten", 1800, S. 58-59) soll Hutten zu Luther gesagt haben: "Dein Werk […] ist aus Gott und wird bleiben, meines ist menschlich und wird untergehen." Huttens Werk ist zwar nicht untergegangen – wie auch dieser Artikel aufzeigen kann. An den Ruhm von Luther reicht er jedoch bei weitem nicht heran.



#1 swimniAnonym
  • 31.10.2020, 09:40h
  • und der papst sagt, schwulsein ist eine modeerscheinung.

    ich glaube den katholiken nicht ein wort, sie sind es nicht wert.
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#2 Ralph
  • 31.10.2020, 10:27h
  • Mir scheint Ulrich von Hutten ein Vorläufer Maximilian Hardens zu sein. Beide glaubten, politische Gegner am ehesten durch die Beschuldigung, homosexuell zu sein, erledigen zu können. War es bei Hutten der päpstliche Hof, so war es bei Harden der Umkreis Wilhelms II., vor allem der Fürst zu Eulenburg. Nicht anders handelte wenige Jahre nach dem letzteren die SPD, die Ernst Röhm wegen seiner Homosexualität angriff, und Hitler hielt es kurz später nicht anderes, als er den Generalobersten von Fritsch durch Vorwurf der Homosexualität aus dem Amt drängte (was in den 80ern Verteidigungsminister Wörner bei General Kießling wiederholte). Mit vermeintlichen Lichtgestalten wie dem Antisemiten Martin Luther und dem Schwulenhasser Hutten sollte endlich aufgeräumt werden, Dass Hutten die elende Heuchelei in der kath. Kirche angriff, mindert nicht seine Teilmnahme an der christlichen Homosexuellenverfolgung eben gerade durch diesen Angriff. Im Übrigen hat sich in der Kirche insoweit bis heute wenig geändert. Angebliche Sekretäre, Neffen und Cousins begleiten viele Kleriker noch heute.
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#3 AthreusProfil
  • 31.10.2020, 10:34hSÜW
  • In der heutigen Zeit sollte man vll. nicht vergessen zu erwähnen, dass der hier genannte Humanismus den bestehenden Judenhass aufgegriffen hat und Luther ein glühender Antisemit war, der im Dritten Reich gerne rezipiert wurde. Der hier erwähnte Franz v. Sickingen galt als "Luthers Schwert" und Ulrich von Hutten hat sich, ebenfalls erwähnt, auch Luther angeschlossen. Was Hitler im Übrigen auch bewog, die Hutten-Klasse (Panzerschiffe) bauen zu lassen und Hutten-Zitate ins nationalsozialistische Jahrbuch >Ewiges Deutschland< zu drucken. Man wollte kurz nach der Jahrhundertwende (1500) das gesamte jüdische Schrittum einziehen und die Juden zur Konversion ins Christentum nötigen. Kostprobe: "Die Belange der Rasse gelten immer nur so weit, wie sie dem Volksganzen nützlich sind.
    Das Judentum ist die geistleibliche Vergiftung unserer Rasse." Kirchenhistoriker Kaufmann spricht bei Luthers Schriften "von der literarischen Endlösung der Judenfrage". Was die heutige prostestantische Kirche Deutschlands gerne als Anti-Judaismus verharmlost.

    Nur für den Fall, dass hier jemand "Humanismus" mit "Humanität" verwechselt.
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#4 gastAnonym
  • 31.10.2020, 10:52h
  • Als ich die Todesursache las - Spätfolgen einer Syphillis - hörte ich auf zu lesen.
    Zu groß das geistige Spruchbanner um es zu ignorieren:
    Wasser predigen - Wein saufen!
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#5 goddamn liberalAnonym
  • 31.10.2020, 14:40h
  • Antwort auf #4 von gast
  • Klar.

    Der Artikel ist aber wieder mal sehr lesenswert! Vielen Dank!

    Interessant ist, wie alt das Klischee vom katholischen Priester ist, das gerade in den protestantischen Milieus in Deutschland seit jeher sehr verbreitet ist.
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#6 SchleicheRAnonym
#7 MartAnonym
  • 02.11.2020, 09:27h
  • an dieser Stelle mal ein ausdrücklicher Dank für diese interessante Abhandlung. Dank Corona-Lockdown habe ich heute auch mal die Zeit, einen von diesen ab und an unerwartet auftauchenden langen wissenschaftlichen Artikeln bei Queer.de bis zu Ende zu lesen. Es war mir eine Freude!
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#8 FinnAnonym
#9 goddamn liberalAnonym