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Offener Brief an Kanzlerin Merkel

Trans Kinder brauchen vollkommene Akzeptanz ihres Geschlechtsempfindens

In einem Offenen Brief an die Bundeskanzlerin fordern die Eltern eines 12-jährigen trans Mädchens mehr Einsatz für trans, inter und nichtbinäre Menschen – und kritisieren einen "Sachverständigen" der Union.


Symbolbild. Im Offenen Brief heißt es u.a.: "Ein Kind, das in seinem innersten Empfinden, in seinem ureigensten Sein immer wieder in Frage gestellt wird, kann sich weniger gut entwickeln, weniger gut lernen, weniger gut wachsen, als ein Kind, das sich mit seiner ganzen Persönlichkeit angenommen fühlt" (Bild: mccutcheon / pexels)

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel,

am 2. November findet im Bundestag eine öffentliche Anhörung zum Selbstbestimmungsgesetz statt . Wir sind Eltern eines zwölfjährigen trans Mädchens, deshalb ist diese Anhörung für uns von enormer Wichtigkeit, und wir sind in Sorge. Wir sind in großer Sorge, auch wenn unsere Tochter ihre Vornamens- und Personenstandsänderung bereits gerichtlich erwirken konnte und inzwischen auch ihre Schulzeugnisse – in diesem Alter wohl die wichtigste amtliche Angelegenheit – auf ihren korrekten Namen erhält.

Unsere Tochter ist ein trans Mädchen. Das heißt, dass wir sie nach ihrer Geburt fälschlicherweise für einen Jungen hielten, während sie bereits in ihren ersten Lebensjahren konsistent und nachhaltig mitgeteilt hat, dass diese Zuordnung für sie so falsch ist, dass sie mit ihr nicht leben kann. Es hat lange gedauert und viel Auseinandersetzung gebraucht, bis wir das wirklich verstanden haben. Unserer Tochter geht es heute gut. Aber sie hat aus dieser Zeit, in der sie sich unverstanden und oft beschämt gefühlt hat, seelische Verletzungen zurückbehalten, die sie leider bis heute in manchen Dingen beeinträchtigen.

Durch unser Kind ist uns klar geworden, wie notwendig es ist, dass alle Menschen von Anfang an vollkommene Akzeptanz für ihr eigenes Geschlechtsempfinden erfahren – nicht nur diejenigen, bei denen sich das eigene Empfinden mit der Zuordnung deckt, die sie von außen erfahren haben. Diese Notwendigkeit bezieht sich nicht nur auf den engsten Familienkreis, sondern auf alle Lebensbereiche, beispielsweise auch auf pädagogische, medizinische und rechtliche Kontexte. Ein Kind, das in seinem innersten Empfinden, in seinem ureigensten Sein immer wieder in Frage gestellt wird, kann sich weniger gut entwickeln, weniger gut lernen, weniger gut wachsen, als ein Kind, das sich mit seiner ganzen Persönlichkeit angenommen fühlt.


Dr. Alexander Korte vom Klinikum der Universität München warnt vor einem "Trans-Hype" – die CDU/CSU-Fraktion lud ihn als Sachverständigen für die Anhörung zum Selbstbestimmungsgesetz ein

Aus diesem Grund sind wir sehr besorgt darüber, dass die CDU/CSU Fraktion Herrn Dr. Alexander Korte von der LMU München als Experten in diese öffentliche Anhörung berufen hat. Dr. Korte verfolgt im Hinblick auf Kinder wie unseres einen Behandlungsansatz, der von unserer zwölfjährigen Tochter, die seit ihrem siebten Lebensjahr überall in ihrem Umfeld als Mädchen akzeptiert ist, verlangen würde, in den nächsten Jahren eine Pubertät unter Einfluss von Testosteron zu durchleben. Das würde für sie irreversible körperliche Veränderungen mit sich bringen wie Stimmbruch, Bartwuchs, breite Schultern. Später, nach Abschluss der Pubertät könnte sie versuchen, diese Spuren mit ungewissem Erfolg und unter vielen Schmerzen und Kosten zu tilgen. Bis dahin müsste sie sie ertragen.

Wir plädieren keinesfalls dafür, leichtfertig Entscheidungen über pubertätsblockierende oder geschlechtsangleichende Maßnahmen zu treffen. Aber wir schließen uns klar der Einschätzung des Deutschen Ethikrats in seiner Ad-Hoc-Stellungnahme vom 21. Februar diesen Jahres an:

Nutzen und Schaden der medizinisch-therapeutischen Maßnahmen, die im Einzelnen umstritten sind, müssen in jedem individuellen Fall sorgfältig abgewogen werden. Wie die Risiken, (Neben-)Wirkungen und langfristigen Folgen (einschließlich möglicher Infertilität), die dem/der Minderjährigen durch aktives medizinisch-therapeutisches Eingreifen entstünden, müssen auch solche berücksichtigt werden, die durch das Unterlassen von Maßnahmen drohen. Gerade angesichts der Streitigkeit einzelner Handlungsoptionen haben Betroffene und ihre Eltern einen Anspruch auf eine ausgewogene Beratung und Aufklärung.

Diese Stellungnahme ist das Ergebnis einer öffentlichen Veranstaltung des Deutschen Ethikrates in der Reihe "Forum Bioethik" am 19. Februar 2020 in Berlin. Auch bei dieser Veranstaltung war Herr Dr. Korte als Experte geladen und hatte Gelegenheit, seine Argumente und Erkenntnisse vorzubringen. Es wurde allerdings im Laufe der Veranstaltung deutlich, dass er mit seinen Einschätzungen sowohl von anderen ärztlichen Kolleg_innen aus den Fachrichtungen Psychiatrie und Endokrinologie als auch von betroffenen Eltern und ehemaligen trans Kindern erheblichen Widerspruch erzeugte. All das lässt sich in der Dokumentation der Veranstaltung des Ethikrats sehr gut nachvollziehen. Herr Dr. Korte nimmt also in seinem Fachgebiet eine ausgesprochene Extremposition ein.

Dass die CDU/CSU sich diese Extremposition zu eigen macht und Herrn Dr. Korte im Bundestag die Gelegenheit gibt, seine Argumente ausführlich darzulegen, erschüttert uns. Die rechtliche Situation von trans, inter und nicht-binären Personen muss in Deutschland unbedingt verbessert werden. Hierzu waren wir im Übrigen auch schon mit einigen Ihrer Parteikolleg_innen in Kontakt, und wir wissen, dass auch in der CDU/CSU Menschen zu finden sind, die dem Schutzbedarf von Menschen wie unserer Tochter gerecht werden wollen.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel, wir bitten Sie von Herzen, Ihren Einfluss innerhalb der Partei und der CDU/CSU-Fraktion geltend zu machen, um für trans, inter und nicht-binäre Personen ein gesundes, glückliches Aufwachsen, vollständige Chancengleichheit und eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe wahr werden zu lassen.

Wenn Sie sich selbst ein genaueres Bild über die Situation von trans Kindern verschaffen wollen – lernen Sie unsere Tochter und uns kennen. Wir berichten Ihnen gerne von unseren persönlichen Erfahrungen und von den vielen Familien, die wir auf unserem Weg getroffen haben, und mit denen wir den Wunsch teilen, unsere Kinder glücklich und selbstbewusst aufwachsen zu sehen.

Mit freundlichen Grüßen

Mutter und Vater von Paula, 12 Jahre alt



#1 AthreusProfil
  • 01.11.2020, 13:44hSÜW
  • Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Frau Bundeskanzlerin diesen Brief jemals in ihren eigenen Händen hält oder gar persönliche Worte zurückrichtet. Da kommt eine vorgefertigte Antwort, die dem Wortlaut einer Pressemitteilung entspricht.

    Wichtiger ist die Frage, wie man auf die Idee kommt, in der aktuellen Sache würde Frau Merkel sich dafür interessieren wie es jungen Transmenschen geht? Sie hat doch bei menschen- und bürgerrechtlichen Jahrhundertfragen wie Adoptionsrecht oder der Ehe für Alle ihre "unguten Gefühle" ins Feld geführt, also mehr als deutlich gemacht, dass sie bei der Gleichstellung von LGBTQ kein Interesse an einer sachlichen Argumentation oder wissenschaftlichen Studien hat, sondern ihre religiös bedingte Homophobie den Ausschlag gibt und sie diese, weil sich das eben unschön anhört, diese als ungute Gefühle verklausuliert.
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#2 KaiJAnonym
#3 Ralph
  • 01.11.2020, 14:30h
  • Wenn ausgerechnet jemand, der in Fachkreisen eine weitgehend abgelehnte Extremposition einnimmt und dessen Aussagen sogar von Laien als nicht nachvollziehbar und widersinnig erkannt werden, als vermeintlicher Experte geladen wird, dann ist von vornherein klar, dass diejenigen, die ihn vorgeschlagen haben, ihre eigene Ablehnung einer vernünftigen Reform auf seine Außenseiterposition stützen wollen. - Als lüde man zu einem Symposion über den Klimaschutz gerade erst recht einen Leugner des Klimawandels ein.
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#4 AthreusProfil
  • 01.11.2020, 14:53hSÜW
  • Antwort auf #2 von KaiJ
  • Ich denke, wenn wir uns endlich in einen echten sekulären Staat verwandeln würden, bräuchte es diese und ähnliche Debatten gar nicht. Solange Bundesminister aber die römisch-katholische Kirche sogar an der Ausarbeitung neuer Gesetze beteiligt, liegt das noch in sehr weiter Ferne. Auch erinnere ich daran, dass wir, nimmt man allein Kohl und Merkel, 32 Jahre CHRISTLICH REGIERT wurden und noch werden.

    Deine Idee finde ich insofern gut, da durch die Übertragung von Phoenix und durch die Presse, der Brief dann einer breiteren Öffentlichkeit bekannt würde. Im Parlament selbst würde er aber auf bekannte Weise behandelt: Die Fraktion des Vorlesers klatscht, die anderen Fraktionen lesen Zeitung, schauen währenddessen aufs Handy, studieren Akten oder er prallt am ganz einfach am Unwillen, parteiexterne Debatten aufzunehmen, ab.
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#5 AthreusProfil
#6 PaulinaAnonym
  • 01.11.2020, 20:50h
  • Aus eigner Anschauung kann ich nur bestätigen das es zu schweren psychischen Schäden kommen kann wenn dem Wunsch des Kindes nicht Rechnung getragen wird. Ich habe dies vor etwa 50 Jahren so erlebt. Ich möchte nicht weinerlich wirken, aber in meinem Leben wäre sicher einiges einfacher gewesen wäre ich ernstgenommen worden und als Mädchen ohne Pubertät als Junge aufgewachsen. Diese Rückgängig zu machen ist teilweise auch nicht mehr möglich, auch die Stimme von vor der Pubertät lässt sich nicht mehr herstellen, das ist ein Schaden bis heute. Es ist wichtig das Kindern der Weg nicht schwerer gemacht wird als es sein muss, ein leichtfertiger Umgang mit dem Thema ist natürlich auch nicht hilfreich, aber was Herr Dr. Korte vorschlägt entspricht nicht dem Menschenrechten.
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#7 FinnAnonym
  • 02.11.2020, 10:35h
  • Es wird höchste Zeit, dass die rechtliche Situation von Trans- und Intersexuellen endlich grundlegend und umfassend reformiert wird.

    Aber nicht wieder so ein Schwachsinn wie die letzten Entwürfe von Union und SPD.

    Und auch nicht sowas wie beim angeblichen Verbot von Konversionatherapien, womit Union und SPD es de facto noch schlimmer gemacht haben, weil es jetzt ab einer gewissen Altersgrenze explizit erlaubt ist, was vorher Grauzone war. Und damit ist auch der psychische Druck auf Minderjährige extrem gestiegen.
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