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Heimkino

"Adam": Doch nicht trans, sorry!

Dem ersten Film von "Transparent"-Produzent Rhys Ernst wird Homo- und Transphobie vorgeworfen, doch die Meinungen sind gespalten. Ernst, selbst trans, verteidigte sich. So schlecht ist die Coming-of-Age-Rom-Com nicht, doch es bleibt ein großes Aber.


Gillian hält den 16-jährigen New-York-Besucher Adam für einen trans Mann ist – und der traut sich nicht, das Missverständnis aufzuklären (Bild: Edition Salzgeber)

Adam ist sichtlich überfordert. Der 17-Jährige vom Land besucht seine zwei Jahre ältere Schwester Casey in New York. Dort findet der etwas schüchterne, nerdy und auch komische cis hetero Typ sich in einer völlig fremden Welt wieder: in einer alternativen, überwiegend weiblich dominierten queerfeministischen Community. Was für ein Schock.

Doch Adam lässt sich darauf ein. Er besucht mit seiner Schwester eine queere Party, wo er die attraktive Gillian kennenlernt. Er findet sie heiß, er verhält sich klischeehaft unbeholfen, lernt sie doch kennen, sie mag ihn auch. Das Problem: Sie denkt, Adam sei ein trans Mann. Adam weiß das. Und klärt die Sache nicht auf.

Er will es ihr sagen, übt sogar – ebenso klischeehaft – im Bad, wie er es sagen soll, welche Worte er finden könnte, um das Missverständnis aufzulösen. Irgendwann hat sich Adam jedoch so in Lügen verstrickt (und so in Gillian verknallt, wie es nur ein 17-Jähriger tun kann), dass er es einfach nicht schafft. Er schaut deshalb unzählige Youtube-Videos, in denen trans Männer von ihrer Geschichte erzählen, er liest sich in die ganze queere Thematik ein, er lernt Wörter wie heteronormativ oder Mastektomie, um überzeugender lügen zu können. Es gelingt ihm. Er eignet sich eine komplette trans Identität an, die ihm auch abgekauft wird.


Adam stolpert direkt aus der Provinz in die queerfeministische Community von New York City (Bild: Edition Salzgeber)

Kompars*innen beim Dreh misgendert

"Adam" ist also eine Mischung aus vielen erprobten Filmrezepten: Eine klassische Romantic Comedy, in der zwei Menschen zueinander finden, die eigentlich nicht zusammenpassen. Eine Verwechslungskomödie, in der eine Person für etwas anderes gehalten wird als sie ist, und sich daraus immer absurdere Situationen ergeben. Gerade die Verwechslung von Geschlechtsidentitäten hat eine jahrhundertelange Tradition. Und schließlich eine Coming-of-Age-Geschichte, in der das erste Verliebtsein und allgemein Unsicherheiten im Vordergrund stehen und Protagonist*innen am Ende reifer, weiser und erwachsener sind.

So weit, so simpel und bekannt. "Adam" hat dennoch für eine wahre Empörungswelle gesorgt. Noch bevor der Film in den USA im Kino lief, hagelte es Boykottaufrufe. Das liegt auch daran, dass der Film auf einem gleichnamigen Roman von Ariel Schrag basiert, der bereits von der trans Community scharf kritisiert wurde. Dann mehrten sich Berichte darüber, dass trans Kompars*innen am Set misgendert und respektlos behandelt wurden. Einige haben auf Twitter davon berichtet, dass sie nicht einmal wussten, für was für einen Film sie vor der Kamera stehen, und auf Fragen, ob es sich um eine Adaption des Romans handelt, keine klare Antwort erhalten haben. Dass Kompars*innen teilweise nicht wissen, für was genau sie da im Hintergrund stehen, ist allerdings gängige Praxis, die bei sensiblen Themen jedoch überdacht werden könnte.

Der Film wiederholt manche Fehler des Romans nicht


Poster zum Film: "Adam" läuft ab 5. November 2020 als VoD im Salzgeber Club

Regisseur Rhys Ernst, selbst trans Mann und Produzent der Serie "Transparent", nahm diese Vorwürfe sehr ernst. Damit konfrontiert, sagte er, ihm sei es extrem wichtig gewesen, ein möglichst inklusives Set zu schaffen. Für das ganze Team haben vorher Trainings dazu stattgefunden. Dennoch gab er zu, beim Dreh hätte durchaus jemand unabsichtlich misgendert werden können. Es gebe einfach kein perfektes Set. Die allgemeine Sorge über eine Adaption des Romans könne er gut verstehen. Er versicherte jedoch, sein Film erzähle die Geschichte durch eine "trans Linse".

Darin sind sich tatsächlich die meisten Kritiker*innen, die sowohl Roman als auch Film kennen, einig: Der Film, obwohl (oder weil) das Drehbuch von Ariel Schrag stammt, wiederholt einige der Fehler des Romans nicht. So hat Adam in der Romanvorlage Sex mit Gillian und gibt vor, dabei einen Umschnalldildo zu benutzen. Klar, dass das an "corrective rape" erinnert oder es sogar ist. Im Film schnallt sich Adam tatsächlich den Dildo um.

Ein cis hetero Typ, der Sex mit einer lesbischen Frau hat und dabei einen Umschnalldildo nimmt, sorgt vielleicht für manche billig einkalkulierte Lacher, ist vor allem aber die Spitze der Verwechslungs-Kopfschüttel-Absurdität. Neben dieser Änderung sind einige Beziehungen anders gelagert, etwa die ausgebaute Freundschaft von Adam zu Ethan, dem trans Mitbewohner seiner Schwester. Ausgerechnet von ihm lernt Adam, was Männlichkeit wirklich ausmacht.

"Weißer, cis-zentrischer Inspiration Porn"

Nach der anfänglichen Aufregung um "Adam" haben sich auch einige Stimmen in der trans Community gefunden, die dem Film aus verschiedenen Gründen etwas abgewinnen. Dazu gehört etwa Jude Dry von "Indiewire". Jude findet, der Film und Rhys Ernst als Regisseur verdienten Unterstützung für die sensible Darstellung. Ganz anders sieht das etwa Samantha Riedel vom Onlinemagazin "Them". Samantha fasst "Adam" zusammen als "mäandernde, 90-minütige Runderneuerung des weißen, cis-zentrischen Inspiration Porn".


Zu den Stärken des Films gehören die vielen queeren Nebenfiguren (Bild: Edition Salzgeber)

Der Film hat, das muss man ihm lassen, einige starke Szenen. Allen voran in den (Sex-)Clubs herrscht eine filmisch sehr gelungen umgesetzte, farbenfrohe und erotische Stimmung. "Adam" ist hin und wieder auch wirklich lustig, spielt mit Wortwitz und Situationskomik und kümmert sich ganz gut um die Nebenfiguren.

Die Geschichte der langweiligsten Figur

Vielleicht sind gerade die aber das größte Problem: Nicht nur, dass die Grundidee der Story sich instinktiv irgendwie komisch und falsch anfühlt. Je länger der Film dauert, desto mehr hat man das Gefühl, dass Adam eigentlich der uninteressanteste Charakter ist. Alle anderen Bewohner*innen der WG hätten spannendere Geschichten zu erzählen: Seine Schwester Casey, die sich auslebt und noch nicht ganz selbst gefunden zu haben scheint, die Mitbewohnerin June, die heftig in sie verliebt ist, von Casey aber nur ausgenutzt wird, und Ethan, ein trans Mann, der noch an seiner Jugendliebe hängt.

Die trans feminine Hazel, der trans maskuline Casey (beides Lover von Adams Schwester Casey) sind, obwohl sie nur kleine Rollen spielen, ziemlich ausgearbeitet und hätten wahnsinnig viel Potenzial. Gerade wegen der spannenden und diversen Nebencharaktere fühlen sich Adam und seine Probleme umso belangloser und die "Lösung" sowieso zu flapsig und geschönt an. Das größte Manko von "Adam" ist wohl, die Geschichte der falschen Figur zu erzählen.

Vimeo / Salzgeber Club | Deutscher Trailer zu "Adam" und Möglichkeit, den Film direkt anzuschauen

Infos zum Film

Adam. Romantic Comedy. USA 2019. Regie: Rhys Ernst. Darsteller*innen: Nicholas Alexander, Bobbi Salvör Menuez, Margaret Qualley, Leo Sheng, Chloë Levine, Mj Rodriguez. Laufzeit: 95 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Edition Salzgeber. Ab 5. November 2020 im Salzgeber Club als Video on Demand


#1 VicvonderElbeProfil
  • 06.11.2020, 13:54hHamburg
  • Ich freue mich auf den Film, habe vie Jahren das Buch gelesen und fand es köstlich. Wie wäre die Welt, wenn es andersrum wäre und cis Leute stealth leben würden, weil sie fürchten die Zuneigung ihrer Umwelt zu verlieren? Mit so einer Leichtigkeit und Humor erzählt, es war mir ein Vergnügen.
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#2 NonononAnonym
  • 06.11.2020, 14:03h
  • Lesbische Frau? Wohl doch eher queer, bi, pan oder was immer, wenn die auch auf ( Trans) männer steht.
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