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Queerer Pionier

Als trans Mann offiziell anerkannt vor genau 100 Jahren

Diese öffentliche Bekanntmachung war historisch: Ab dem 8. November 1920 durfte Berthold Buttgereit rechtswirksam seinen männlichen Wahlvornamen führen. Viele Jahre hatte der Berliner dafür gekämpft.


Berthold Buttgereit nach und vor seiner Transition. Die beiden Fotos veröffentlichte Magnus Hirschfeld in seinem Buch "Geschlechtskunde"
  • Von Erwin In het Panhuis
    8. November 2020, 04:05h, 7 Kommentare

Berthold Buttgereit wurde am 23. Februar 1891 in Berlin geboren, jedoch auf einen weiblichen Vornamen getauft. Einem Gutachten zufolge war er schon als Kind energisch und zielbewusst und benahm sich, wie es von einem Jungen erwartet wurde: "Sie jagte die Mädchen fort, die mit ihr spielen wollten, hatte nur Interesse für die Spiele der Knaben und äußerte schon den Wunsch, Hosen zu tragen."

Es liegen keine genauen Angaben vor, ob sich Buttgereit eine körperliche Geschlechtsangleichung wünschte (solche Operationen wurden wohl erst ab den Dreißigerjahren ausgeführt – s. die Hinweise auf Lili Elbe). Buttgereit erreichte es durch ein Gutachten jedoch, Männerkleidung tragen zu dürfen, und scheute keine Auseinandersetzungen, um den Vornamen amtlich ändern zu lassen und die langjährige Lebenspartnerin heiraten zu dürfen.

Die beiden Fotos von Buttgereit

Der Arzt und Homosexuellenaktivist Magnus Hirschfeld (1868-1935) veröffentlichte die beiden oben abgebildeten Fotos von Buttgereit, eines in Frauen- und eines in Männerkleidung, in dem Abschnitt "Totale Transvestiten" in seinem Buch "Geschlechtskunde" (1930), ohne hier Buttgereits Namen zu nennen. Dass sich der "Transvestitismus" im Fall von Buttgereit auf die gesamte soziale Geschlechterrolle bezog, war – nach Hirschfelds Angabe – typisch für die von ihm begutachteten "Fälle". Das linke Bild sollte dabei offensichtlich Hirschfelds emanzipatorische These bekräftigen, wonach "Transvestiten" in der Öffentlichkeit nicht auffielen. Auf dem rechten Bild wurde die "Weiblichkeit" nicht nur durch Kleidung und Schmuck, sondern auch durch Blumen inszeniert.

Die Rechtssituation bei "Transvestitenscheinen"

Das Tragen der Kleidung des "anderen" Geschlechts in der Öffentlichkeit war damals – von Ausnahmen abgesehen – nicht prinzipiell verboten. Die Polizei hatte jedoch z B. bei "Erregung öffentlichen Ärgernisses" die Möglichkeit einzuschreiten. Um zu verhindern, dass trans Menschen so in die Mühlen von Polizei, Justiz und Presse gerieten, hatte es Hirschfeld erreicht, dass sie eine behördliche Genehmigung zum Tragen von Kleidung des "anderen" Geschlechts erhalten konnten. Weil dies jedoch gesetzlich nicht grundsätzlich verboten war, konnte auch keine Erlaubnis ausgestellt werden. Den betreffenden Personen wurde deshalb zunächst lediglich die polizeiliche Zurkenntnisnahme ihrer Identität oder Neigung auf der Grundlage ärztlicher Gutachten schriftlich bestätigt.

Es ist zu vermuten, dass solche von der Polizei ausgestellten "Transvestitenscheine" ihre Inhaber*innen vor der Einleitung juristischer Schritte schützen konnten. Für eine solche Bescheinigung waren ärztliche Gutachten (s. Wikipedia) eine wichtige Voraussetzung. Die Praxis der "Transvestitenscheine" scheint in der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre sehr verbreitet gewesen zu sein. Sofern ein befürwortendes Gutachten vorlag, scheint es kaum Schwierigkeiten bei der Ausstellung gegeben zu haben. Genaue Zahlenangaben liegen jedoch nicht vor.

Buttgereits "Transvestitenschein"


Der "Transvestiten-Reisepass" von Buttgereit

1912 – also im Alter von 21 Jahren – erhielt Buttgereit aufgrund eines Gutachtens einen "Transvestitenschein" und vom Kölner Polizeipräsidium 1918 zusätzlich eine Art "Transvestiten-Reisepass". Das entsprechende Gutachten war von Magnus Hirschfeld und dem Psychiater und Nervenarzt Ernst Burchard (1876-1920) ausgestellt worden. Im Zusammenhang mit dieser Genehmigung wechselte Buttgereit den Wohnort – offensichtlich von Berlin nach Köln. Es erscheint naheliegend, dass es auch darum ging, sich mit dieser Erlaubnis in einer anderen Stadt ein neues Leben aufzubauen.

Mittels dieser Bescheinigung konnte Buttgereit ab 1912 in der Öffentlichkeit uneingeschränkt als Mann leben. 1919 betonte Buttgereit: "Niemals bin ich während dieser 7 Jahre in irgendwelche Konflikte in meiner beruflichen Stellung, in der Öffentlichkeit oder in meinem Privatleben geraten." Weil sich der "Transvestitenschein" in Buttgereits persönlichem Besitz befand, ist er nicht als Teil der Akten überliefert. Er wird jedoch ähnlich wie der hier abgebildete "Transvestiten-Reisepass" ausgesehen haben. Dieser mit einem Lichtbild und einigen persönlichen Angaben versehene Ausweis trägt auf der Rückseite den handschriftlichen Vermerk: "Bertha Buttgereit, der Inhaberin des Ausweises, ist das Tragen von Herrenkleidung nicht untersagt, P.[olizei] Pr.[äsident] Cöln […] v. 26.08.1912".

Die Rechtssituation bei Vornamensänderungen

Gesetzliche Grundlagen, um in amtlichen Dokumenten den Vornamen ändern zu lassen und um damit als Person des "anderen" Geschlechts wahrgenommen und akzeptiert zu werden, gab es erst in der Weimarer Republik. Ab November 1919 gab es eine Neuregelung für die Änderung des Familiennamens. In Verbindung mit einer Verfügung des preußischen Justizministers vom 21. April 1920 waren die Amtsgerichte auch zur Änderung des Vornamens ermächtigt. Seit dieser Zeit setzte sich der dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) nahestehende Rechtsanwalt Walther Niemann für Namensänderungen von trans Menschen ein.

In der Praxis traf jedoch nicht das zuständige Amtsgericht, sondern das Justizministerium die Entscheidung. Im Unterschied zu den "Transvestitenscheinen" wollte das Justizministerium eine Vornamensänderung nicht von einem ärztlichen Gutachten abhängig machen, auch wenn seiner Entscheidungspraxis erkennbar Hirschfelds Argumente zugrunde lagen. Zunächst wurden die Personen nur ermächtigt, einen geschlechtsunspezifischen Vornamen wie z.B. Alex zu tragen, und erst später wurde diese Regelung auch auf eindeutig weibliche oder männliche Namen erweitert. Über die Anzahl der vorgenommenen Vornamensänderungen liegen keine verlässlichen Angaben vor.

Buttgereits Vornamensänderung

Zur Beantragung der Vornamensänderung holte Buttgereit von den Medizinern Ernst Burchard und F. Lehmann neuerliche Gutachten ein und stellte am 22. August 1919 einen entsprechenden Antrag, also sogar noch kurz bevor durch entsprechende Regelungen eine Vornamensänderung überhaupt möglich wurde. Dass dieser Antrag von Berlin aus gestellt wurde, kann damit zusammenhängen, dass sich Buttgereit mit Hilfe des WhK bessere Chancen als von Köln aus erhoffte.

In den Gutachten wurde darauf hingewiesen, dass sich die "sinnlichen Strebungen" Buttgereits nur auf Frauen richteten. Weder Buttgereit selbst noch die Ärzte vertraten die Meinung, dass hier eine gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung vorliege, sondern die Gutachten betonten, dass ein männliches Streben und männliches Empfinden gegenüber anderen Frauen vorlägen und dass sich Buttgereit weder als Frau fühle noch sich als solche betätige. Das spätere Entgegenkommen von Behörden sollte nicht mit Liberalität verwechselt werden. Durch die Namensänderung wurde in ihren Augen aus einer lesbischen eine heterosexuelle Lebensgemeinschaft.

Buttgereit sah die Vornamensänderung als Voraussetzung für eine Heirat mit seiner Lebenspartnerin und betonte, dass der Heiratswunsch von den Verwandten beider Seiten geteilt werde. Ob die Angehörigen von Buttgereits Partnerin sich über Buttgereits trans Identität im Klaren waren, ist unbekannt.

Ein Jahr später – im September 1920 – war der Antrag auf Vornamensänderung immer noch in Bearbeitung. Buttgereit reichte nun zur Beschleunigung des Verfahrens den in Köln auf den Namen "Berth. Buttgereit" ausgestellten "Transvestiten-Reisepass" nach. Der Antrag wurde nun endlich genehmigt, und der Beschluss wurde mit der Verkündigung am 8. November 1920 im "Deutschen Reichsanzeiger" und im "Preußischen Staatsanzeiger" rechtswirksam.


Die öffentliche Bekanntmachung im "Deutschen Reichsanzeiger" vom 8. November 1920

Wie jede genehmigte Namensänderung musste auch diese Anzeige auf Kosten des Antragstellers in den Amtsblättern bekanntgemacht werden. Mit der Veröffentlichung wurden Menschen wie Buttgereit amtlich geoutet – inklusive Deadname, Geburtsdatum und postalischer Adresse. Noch am selben Tage bedankte sich Berthold Buttgereit beim Amtsgericht Berlin-Mitte für die Genehmigung. Die Bedeutung des 8. November 1920 für ihn lässt sich nur erahnen.

Die Heirat der Freundin

Im Anschluss an die Namensänderung wollte Buttgereit seine (namentlich nicht genannte) Freundin heiraten. In einem Gutachten wurde darauf verwiesen, dass beide bereits seit acht Jahren zusammenlebten und dass diese lange "Probezeit" als Garantie für "Stetigkeit und Harmonie" in der Ehe angesehen werden könne. Als sich das Standesamt nach Vorlage der Geburtsurkunde weigerte, die Anmeldung zur Trauung anzunehmen, wandte sich Buttgereit nochmals, nun mit der Bitte um Änderung der Geburtsurkunde, an das Amtsgericht Berlin-Mitte: "Wenn wir nicht getraut würden und alsdann eine sogenannte wilde Ehe eingehen, hätte dies ein moralisch niederdrückendes Zusammenleben zur Folge." Über den Ausgang des Verfahrens, in dem sich Buttgereit von dem (dem WhK nahestehenden) Berliner Rechtsanwalt Walther Niemann vertreten ließ, finden sich in den Akten keine Unterlagen.

Buttgereits weiterer Lebensweg

In den Kölner Adressbüchern wird Buttgereits Vorname von 1920 bis 1983/84 fast durchgängig mit "Berthold" angegeben. Den dort angegebenen Berufsbezeichnungen ist zu entnehmen, dass er sich vom "Buchhalter" (1920-1925) über die Position eines "Buchvorstehers" (1926-1942) bis zum "Büroleiter" (1950-1957) in einer nicht genannten Firma hocharbeiten konnte. Offenbar ist Buttgereits trans Hintergrund in diesen Jahren zumindest im beruflichen Arbeitsumfeld nicht aufgefallen.

Dass Buttgereit den Nationalsozialismus offensichtlich unbeschadet überstand, ist erst einmal bemerkenswert, da beim Polizeipräsidium Köln die Angaben über sein Geburtsgeschlecht bekannt waren. Offensichtlich blieben trans Menschen im Nationalsozialismus "meist unbehelligt", sofern sie "keine homosexuellen Handlungen erkennen" ließen oder "öffentliches Ärgernis" erregten (Rainer Herrn, in: Zeitschrift für Sexualforschung, Jg. 2013, Heft 4, S. 330-337). Ab 1958 – d.h. ungefähr ab dem 67. Lebensjahr – wird Berthold Buttgereit in den Kölner Telefonbüchern als "Pensionär" bezeichnet. In den letzten Lebensjahren – bis 1983/84 – wohnte er über 90-jährig in der Lützowstraße 23.

Weiterführende Literatur

Dieser Artikel basiert vor allem auf Magnus Hirschfelds "Geschlechtskunde" (Band 4, 1930, S. 593, Abb. 883, 884) und einer Akte im Landesarchiv Berlin (LA A Rep. 341-04, Nr. 1087). Weitere Informationen zu Buttgereit und den Hintergründen habe ich auch Rainer Herrns sehr gut recherchiertem Buch "Schnittmuster des Geschlechts. Transvestitismus und Transsexualität in der frühen Sexualwissenschaft" (2005) entnommen. Die Biografie Buttgereits habe ich für mein Buch "Anders als die Andern. Schwule und Lesben in Köln und Umgebung 1895-1918" recherchiert (2006, CD-Rom: S. 82-83, hier im Volltext online), wo alle Fundstellen belegt sind und bei Interesse jederzeit nachgelesen werden können.

Was bleibt

Was bleibt, ist, dass wir mit Berthold Buttgereit recht ausführlich die Biografie eines Menschen nachzeichnen können, dessen Geburtsgeschlecht und Geschlechtsidentität nicht zusammenfielen. Zum Glück sind auch die Bilder und der Reisepass bekannt, ohne die wir uns die Lebenssituation wohl kaum vorstellen könnten.

Ein früherer Kollege vom Centrum Schwule Geschichte in Köln teilte mir im Laufe der Recherchen zu meinem Buch 2005/2006 eher beiläufig mit, dass er seit Anfang der Achtzigerjahre ebenfalls in der Kölner Lützowstraße einige Häuser entfernt von Buttgereits Wohnung wohnte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er Buttgereit öfter mal auf der Straße begegnet ist. Es ist schade, dass wir nicht schon zu dieser Zeit auf diese Biografie aufmerksam wurden. Buttgereit hätte dem Centrum Schwule Geschichte bestimmt noch viele spannende Geschichten zu erzählen gehabt.



#1 Ralph
  • 08.11.2020, 09:43h
  • Das ist erstaunlich. Ich weiß nicht mehr, wann genau ich zum ersten Mal von Transidentität erfuhr. Es war die ältere Schwester (vermeintlich der ältere Bruder) eines früheren Schulkameraden. Zur selben Zeit wurde eine Ärztin öffentlich bekannt, die eine geschlechtsanpassende Operation hinter sich gebracht hatte (als Patientin). Das gab jener jungen Frau den Mut, das auch zu tun. Sie musste damals dafür in die Schweiz, weil das in Deutschland noch nicht gemacht wurde. Es muss wohl um 1980 gewesen sein. Der hier beschriebene Sachverhalt war unbekannt. Damals gingen die ersten Berichterstattungen in Presse und Fernsehen davon aus, dass man es mit einem gänzlich neuen Phänomen zu tun habe, besser gesagt, dass noch nie vorher jemand in Deutschland gewagt habe, eine Geschlechtsanpassung amtlich oder operativ durchzuführen.
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#2 AthreusProfil
  • 08.11.2020, 10:42hSÜW
  • Was eine außergewöhnliche Geschichte. Ich kann mir nur im Ansatz vorstellen, was Berthold Buttgereit für einen Mut haben musste, zu dieser Zeit konsequent seinen Weg zu gehen. Das verlangt mir allerhöchsten Respekt und Bewunderung ab. An Erwin In het Panhuis: vielen Dank für diesen Einblick in die deutsche Transgeschichte. Ich wünschte mir viel mehr solcher Beiträge. Diese Biografie wäre es doch wert, literarisiert zu werden.
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#3 audeasAnonym
#4 Patroklos
#5 sweet transvestiteAnonym
#6 WillieAnonym
  • 08.11.2020, 19:02h
  • Hallo Erwin,
    danke für den schönen Artikel.
    Zur Ergänzung: Ich meine, dass Hysterektomien und Mastektomien bei ftm Transvestiten (heute: trans Männer) schon deutlich vor den 1930er Jahren durchgeführt wurden, habe aber grade keine Quelle dabei.
    Hirschfeld hat übrigens auch die Existenz von schwul empfindenden ftm Transvestiten anerkannt (Fussnote in Die Homosexualität des Mannes und des Weibes). Dh. es ging ihm nicht darum, Homosexuelle zu normalisieren, indem er sie zu Heterosexuellen Transsexuellen umbaut.
    In Die Transvestiten beschreibt er sogar Hetero Ehepaare, bei denen die Geschlechtsidentität "vertauscht" war, heute würde man wohl sagen, ein trans Mann ist mit einer trans Frau verheiratet. Dadurch "queert" er sogar die heterosexuelle Ehe.
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#7 DramaQueen24Profil
  • 09.11.2020, 00:38hBerlin
  • Gehört zu den "nice to know" Geschichten. Erzählt aber nicht, wie es in der Weimarer Republik und im Kaiserreich den so genannten "Transvestiten", die in Wirklichkeit TS waren, ergingen, besonders, wenn es umgekehrt (Mann-zu-Frau) war. Die konnten nämlich von Glück sprechen, kamen sie "nur" in den Knast, und nicht gleich in die Klapse.
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