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Queeres Streaming

Bolsonaro's Drag Race

Mit "A Queen is Born" ist auf Netflix ein weiteres Reality-Format erschienen, das die therapeutische Kraft der Drag-Kultur ins Zentrum rückt. Die Show kommt mit Brasilien ausgerechnet aus einem Land, in dem Queerfeindlichkeit boomt – und das ist auch in jeder Folge Thema.


Gloria Groove und Alexia Twister machen in ihrer Makeover-Serie "A Queen is Born" Drag-Träume wahr
  • Von Arabella Wintermayr
    14. November 2020, 06:04h, noch kein Kommentar

Bereits der Look des Intros macht klar, dass die Mega-Show "RuPaul's Drag Race" das große Vorbild der Serienmacher*innen von "A Queen is Born" (Original: Nasce Uma Rainha) gewesen sein muss. Dramatische Aufnahmen von angeworfenen Scheinwerfern, ein Schwenk in den Workroom und Close-Ups der beiden Dragqueens Gloria Groove und Alexia Twister vor herrlich süßlicher Bubblegum-Kulisse eröffnen die sechs rund vierzigminütigen Episoden.

Die Mission des Netflix-Formats erinnert wiederum an einen anderen queeren TV-Meilenstein. Nicht der Wettbewerb steht im Fokus, sondern – ähnlich wie bei "Queer Eye" – das Selbstwertgefühl der Kandidat*innen. Ziel ist es, mit viel Witz, Charme und Beauty-Tipps das Beste aus ihnen herauszuholen.

Charismatische Hosts: Gloria Groove und Alexia Twister


Poster zur Serie: "A Queen is Born" (im Original: "Nasce Uma Rainha") läuft seit 11. November 2020 auf Netflix

Als "Patinnen" stehen Gloria Groove und Alexia Twister ihren Schützlingen zur Seite, die sich zuvor zumindest privat bereits als Dragqueen oder -king versucht haben. Der Ansatz ist dabei immer der gleiche, was schnell eintönig wirken könnte, wenn die beiden Moderatorinnen nicht derart charismatisch und die Storys der Teilnehmer*innen dank ihrer spezifisch-brasilianischen Perspektive auf die Drag-Kultur nicht doch interessant wären.

Ähnlich überschwänglich wie die Kandidat*innen auf Jonathan Van Ness & Co. reagieren, toben sie schließlich auch hier. Kein Wunder, denn während sich Alexia Twister vor allem als regionale Clubgröße etablieren konnte, ist Gloria Groove zumindest im Netz bereits ein Drag-Superstar. Als Sängerin und Rapperin zählt sie über 1,5 Millionen Abonnent*innen auf Youtube, ihr Musikvideo zu "Bumbum de Ouro" wurde über 113 Millionen Mal geklickt.

Queerfeindliche Erfahrungen sind die Regel

Wie bei allen guten Makeover-Shows, geht es zunächst um die persönliche Geschichte der Teilnehmer*innen. Spätestens hier wird ein markanter Unterschied zu den US-amerikanischen Vorbildern sichtbar. Zwar spielt auch dort homophobe Diskriminierung oft eine Rolle, im brasilianischen Pedant hingegen scheint sie fester Bestandteil aller vorkommenden Biografien zu sein – selbst wenn sich diese in anderen Punkten, wie der sozialen Herkunft, bisweilen stark unterscheiden. Während ein Teilnehmer erzählt, dass ihm sein Vater mit dem Tod gedroht habe, berichten andere von Jobverlust und ganzen Freundeskreisen, die sich abgewandt hätten.

Das verwundert angesichts der grassierenden Queerfeindlichkeit im Land wenig. Allein 2018, das Jahr, in dem der rechtsextreme Jair Bolsonaro die Präsidentschaftswahl gewann, zählte die älteste LGBTI-Organisation Brasiliens Grupo Gay da Bahia 320 Tötungsdelikte mit homo- oder transphobem Hintergrund. Seither heizt Bolsonaro die vorherrschende Macho-Kultur zusätzlich an und stärkt den ohnehin schon hasspredigenden Freikirchen den Rücken.


In jeder Folge ist ein angehender Drag-Star im Workroom zu Gast (Bild: Netflix)

Welche konkreten Auswirkungen das konkret auf die Mitglieder der LGBTI-Community hat, wird zu einem späteren Zeitpunkt in der Show deutlich. Nach einem ersten Gespräch mit ausführlicher Begutachtung der bereits vorhandenen Talente und einem Ausflug in den Workroom, wo mit einem starken Hang zum Pathos an der Drag-Persona gefeilt und Styling-Tipps erteilt werden, sprechen die beiden Moderatorinnen jeweils mit einer Person aus dem Umfeld des Schützlings. Diese reagiert meist in höchstem Maße ablehnend auf Drag, setzt es fälschlicherweise gleich mit Trans-Sein und lehnt sowieso jedes Verhalten ab, das nicht den klassischen Rollenvorstellungen entspricht.

Die große Kraft des Drag

Doch was zunächst als wertvoller Einblick in die Lebenssituation von Queers in ganz anderen Erdteilen daherkommt, wird gegen Ende der Episoden unnötig glattgebügelt. Denn natürlich lässt sich das mitgebrachte Familienmitglied oder die*der Bekannte durch ein tiefgründiges Gespräch mit Alexia Twister oder Gloria Groove umgehend bekehren, überdenkt die ablehnende Position und wird in einigen Fällen sogar zum Straight Ally. Wenn es doch nur so einfach wäre…

Auch wenn diese gekünstelte Idylle gegenüber der Authentizität – ein Maßstab, mit dem man bei Reality-Shows bekanntlich ohnehin mehr als vorsichtig sein sollte – abträglich ist, weiß das Finale einer jeden Folge zu versöhnen. Abschließend präsentieren sich die nun dank ordentlichem Selbstbewusstseins-Boost vollkommen verwandelt wirkenden Dragqueens und -kings im neuen Look und performen vor einem kleinen Publikum. Sie fühlen sich sichtbar wohler in ihrer Haut und versprühen pure Lebensfreude.

Und das ist es doch, worum es letztlich überall beim Drag geht.

Direktlink | Trailer mit deutschen Untertiteln, Netflix bietet eine synchronisierte Fassung