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Familienmodelle

Co-Parenting: Mama und Papa müssen kein Paar sein

Liebe und Sex zwischen den Eltern müssen in einer glücklichen Familie keine Rolle spielen: Immer mehr Schwule und Lesben erfüllen sich ihren Kinderwunsch gemeinsam mit einem befreundeten Menschen.


Symbolbild: Co-Parenting ist für alle mit Kinderwunsch eine Option (Bild: katie / pexels)
  • Von Jennifer Weese, dpa
    15. November 2020, 06:40h, 5 Kommentare

Sie haben gemeinsam ein Kind, ein Paar sind sie aber nicht – und sie waren es auch nie. Eine Familie sind sie trotzdem. Christine Wagner und Gianni Bettucci haben sich vor gut acht Jahren dazu entschieden, zusammen Eltern zu werden. Verliebt waren sie nie ineinander und Sex hatten sie auch nicht. Christine ist lesbisch, Gianni schwul.

Die beiden Erwachsenen leben in einer Co-Elternschaft. So nennt man eben dieses Konzept, bei dem zwei Menschen ohne Liebesbeziehung ein Kind bekommen und es gemeinsam großziehen.

Co-Parenting ist damit mehr als nur eine Samenspende. Es ist eine moderne Art der Patchwork-Familie. Und die Kinder können so – unabhängig von der sexuellen Orientierung der Eltern – mit Vater und Mutter aufwachsen, was für die Entwicklung von Kindern zwar keine Rolle spielt, aber manchen Menschen wichtig ist. "Es ist Patchwork auf Ansage", sagt die Psychologin Katharina Grünewald.

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Kein Handbuch für Co-Elternschaft

Ein Handbuch, wie so eine Elternschaft auszusehen hat, gibt es nicht – im Gegenteil. Die Co-Eltern können sich nur gelegentlich sehen, ein Elternteil kann weniger Verantwortung übernehmen, als das andere. Es gebe aber auch Eltern, die seien zusammen gezogen oder hätten zwei Reihenhäuser nebeneinander gekauft, erzählt Wagner. "In der Mitte haben sie ein kleines Loch gemacht und die Kinder können durch krabbeln."

Ähnlich ist es auch bei ihr zu Hause: Sie und der Vater ihrer Tochter wohnen in zwei nebeneinander liegenden Wohnungen – verbunden durch eine gemeinsame Wohnküche. Sie ist der Treffpunkt für die drei – und alle anderen, die dazu gehören.

Co-Parenting ist für alle mit Kinderwunsch eine Option

Als der Kinderwunsch von Christine Wagner größer wurde, war sie gerade in einer langjährigen Beziehung mit einer Frau. Gemeinsam gründeten sie die Online-Plattform "Familyship", über die sie dann letztlich auch Gianni, einen Theatermanager, kennenlernte.

Es sind aber nicht nur homosexuelle Frauen und Männer, die als Co-Eltern gemeinsam ein Kind bekommen wollen. "Die größte Gruppe sind tatsächlich heterosexuelle Singles, Frauen mit Ende 30", sagt Wagner über die Nutzergruppe der Plattform.

Eine von ihnen ist Anna, die ihren echten Namen nicht in den Medien lesen will. Sie ist 38 Jahre alt und versucht gemeinsam mit einem Co-Papa ein Kind zu zeugen. Für sie ist das Modell eine der letzten Möglichkeiten, eine Familie zu gründen. Vor einiger Zeit war sie schon einmal schwanger, das Kind ist gestorben. Ihr damaliger Partner habe es sich dann allerdings anders überlegt, erzählt sie. Daraufhin habe sie sich getrennt.

Was macht man also als Frau Ende dreißig, mit einem Kinderwunsch und ohne Partner? Anna versuchte es zunächst bei einer Samenbank in Dänemark, allerdings ohne Erfolg. Anfang des Jahres hatte sie dann Kontakt mit einer Kinderwunschklinik, im März hätte sie einen Termin gehabt. Aber dann kam Corona dazwischen.

Ein Vater fürs Kind

Sie hat sich in der Zeit immer mehr mit dem Thema auseinandergesetzt und es kamen Zweifel. "Ich hab mich dann gefragt, ob es wirklich das Richtige für mich ist, das ganz alleine durchzuziehen", sagt die 38-Jährige. Auch die Tatsache, dass das Kind bei einer Samenspende erst mit 18 den Vater kennenlerne, habe ihr zu denken gegeben. Über eine weitere Internet-Plattform fand sie dann den Mann, mit dem sie jetzt eine Co-Elternschaft wagen möchte.

Anders als bei Christine Wagner und Gianni Bettucci, werden Anna und der potenzielle Co-Papa nicht zusammen wohnen. Sie wohnen nicht mal in derselben Stadt. Und trotzdem wollen sie gemeinsam die Verantwortung übernehmen und auch mal zusammen in den Urlaub fahren, sollte ein Kind entstehen.

Für klare Verhältnisse sorgen

Damit es zwischen den Eltern funktioniert, sind von Anfang an klare Verhältnisse wichtig. "Man hat eine Vorstellung vom Partner und auch davon, wie er funktionieren soll. Wenn der jetzt aber anders tickt und der eigene Plan nicht läuft, dann ist die Gefahr groß, in eine Schuldkonstruktion zu fallen und ihm die Verantwortung dafür zu geben. Und schon hat man den Konflikt", sagt Grünewald.

Wie bei allen anderen Familienkonstellationen gilt: Eine Familie sollte ein gutes Team sein. Die Werte sollten sich ähneln, wichtige Fragen müssen geklärt sein. Etwa: "Wie sieht für mich Familie aus? Wie will ich wohnen? Was ist mir für mein Kind wichtig?", sagt die Psychologin. "Da hat jeder Vorstellungen, wahrscheinlich auch viele unbewusste Wünsche, Sehnsüchte, die natürlich schon auch mit unserer Geschichte zusammenhängen, wie wir groß geworden sind."

Es gibt auch Kritik

Nicht alle finden Konzepte wie Co-Parenting gut. Kritiker werfen den Eltern vor, aus Egoismus zu handeln. Vielleicht geht es in der Tat darum, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. "Ich rate immer dazu, den Kinderwunsch sehr ernst zu nehmen und achtsam zu prüfen, was ein Kind bedeutet", sagt die Psychologin Katharina Grünewald. "Das Kind kommt nicht auf die Welt, um meine Erwartungen und Bedürfnisse zu erfüllen. Diese liegen – ob mit oder ohne Kind – in meinem eigenen Verantwortungsbereich."

Anna kann die Kritik nicht nachvollziehen: "Warum ist es egoistisch, wenn sich der Vater und die Mutter von Anfang an kennen?" Es gebe ja auch schließlich Kinder, die aus einer Beziehung hervorgehen, die irgendwann scheitert.

Neue Partner*innen, neue Herausforderungen

Doch wie ist es, wenn eines der Elternteile eine neue Liebesbeziehung eingeht? Grünewald, die selbst mit ihrem Mann in einer Patchwork-Familie lebt, hofft sogar, dass Liebesbeziehungen hinzukommen. "Wenn ich mir das aus der Kinderperspektive angucke, dann hab ich ja Eltern, die bestenfalls gut funktionieren und sich absprechen." Die fehlende Liebe zwischen den Eltern empfindet sie als "großes Manko" an diesem Konzept. "Ich bekomme nicht mit, wie Liebe geht, wenn nicht ein Elternteil in einer Liebesbeziehung ist."

Auch Wagner glaubt, dass es wichtig für Kinder ist mitzubekommen, "dass Menschen Nähe zueinander haben." Aber das muss ihrer Ansicht nach nicht unbedingt zwischen den Eltern sein. "Das kann ja auch eine Nähe zu einer Freundin sein oder eben zu einem Lebenspartner."

Gibt es eine*n neue*n Partner*in, ist es wie in jeder anderen Patchwork-Familie auch: "Wenn man so richtig Teil dieser Familie werden will, dann ist es, glaube ich, ein längerer Prozess", sagt Wagner.

Sie spricht aus Erfahrung, denn Gianni hatte zwischenzeitlich einen neuen Freund, der selbst einen Sohn hat. In einem Blogpost resümiert sie: "Die Familienfotos jedenfalls werden breiter und breiter und auch die Definition von dem, was wir Familie nennen, bekommt aufgeweichte Ränder."



#1 WahrheitIstRelativAnonym
  • 15.11.2020, 08:06h
  • Das die unterschiedlichen Familienmodelle auf unterschiedlichen Graden von Egoismus beruhen ist Schwachsinn! Jeder, der eine Familie gründen möchte, hat erstmal ein Motiv und da geht es um ihn selber und nicht um Liebe zu einem Wesen, das noch garnicht existiert. Ist das Kind dann da, ist es umgekehrt und man muss vielleicht auch mal alles Geplante auf den Kopf stellen - aber auch das hatte man im Grunde so gewollt, denn das Hauptmotiv ist wohl, das man lieben möchte! Die ganzen Motive, die es zusätzlich noch drumherum geben kann, tauchen ebenfalls so oder anders in allen Modellen auf. Dann gibt es so Bewertungen, was für das Kind am besten ist ( zB Mutter-Vater-Kinder) und es wird gerne behauptet, daß solche Konstellationen im Sinne und mit Verantwortung für das Kind geschaffen werden und andere Modelle nur im eigenen Sinne. Abgesehen davon, dass Kinder das "Unperfekte" und auch unperfekte Eltern für ihre Entwicklung sogar brauchen, gibt es keine Hinweise, dass bestimmte Modelle mehr oder weniger im Sinne des Kindes wären. Vor allem aber ist es nicht so, dass Eltern des gelobten klassischen Modells weniger Ego wären, denn im Endeffekt kann man sich auch nicht alles aussuchen und auch diese Eltern würden nicht freiwillig "Aussterben", wenn sie unter anderen Bedingungen leben müssten.
    Sonst müsste man ja behaupten, alle Armen wären egoistischer als Reiche, weil sie unter ärmlichen Bedingungen Kinder gezeugt hätten. Für solche Bewertungen ist die Welt viel zu relativ. Aber ja, ich kenne Eltern, deren höchste Priorität es ist, ins klassische Modell zu passen und die Priorität steht über dem Kind - auch wieder ein Ego, mit dem sich Eltern nicht selten selber Schaden - oder dem Kind.
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#2 WahrheitIstRelativAnonym
  • 15.11.2020, 08:29h
  • Antwort auf #1 von WahrheitIstRelativ
  • Dann kann man sich auch noch fragen, warum im Tierreich nicht alle dasselbe machen...
    Die Gepardin ist alleinerziehend, der Löwe hat ein Harem, andere leben eine dauerhafte Zweierehe.
    Warum machen die nicht alle dasselbe? Weil manche Arten egoistisch sind?
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#3 Ralph
  • 15.11.2020, 10:38h
  • Eine Kommilitonin und ich haben das schon in den 80ern gemacht, allerdings damals im Geheimen. Diese Art von Familiengründung endlich rechtlich abzusichern, ist längst überfällig, aber wir werden darauf wohl noch 50 oder mehr Jahre warten müssen.
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#4 PiakAnonym
  • 16.11.2020, 09:32h
  • In der Theorie eine schöne Sache. Als Mann sollte man es sich aber 5x überlegen, da mitzumachen. Selbst wenn die Co-Eltern jahrelang gute Freundinnen sind, ist es nicht gerade selten, dass nach der Geburt ein Kontakt mit dem Kind unerwünscht ist und man an der Nase herumgeführt wurde, um nicht nur als Samenspender, sondern auch als Unterhaltszahler herangezogen zu werden. Das über eine Internetbekanntschaft zu machen, ist daher völlig absurd.

    Zum ebenfalls angerissenen Thema Samenspende und Kennenlernen des Vaters mit 18: Ich habe meinen Vater erst mit 20 im Unterhaltsprozess kennengelernt. Wenn von Anfang an nie ein Vater da war, ist das für die Kinder völlig unproblematisch.
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#5 Ralph
  • 16.11.2020, 12:42h
  • Antwort auf #4 von Piak
  • Meine Kinder haben mich von Anfang an gekannt. Ich war der gute Onkel, der immer wieder auftauchte. Der Papa bin ich, seit mein Sohn einen Geistesblitz hatte, als er und ich nebeneinander im Spiegel zu sehen waren. Probleme gab es nie. Es lief alles so, wie die Mutter und ich das geplant hatten. Trotzdem würd ich das niemandem empfehlen.
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