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Transgender Day of Remembrance

Hass: 350 trans Menschen binnen eines Jahres ermordet

Anlässlich des Gedenktages für die Opfer von Transfeindlichkeit fordern LGBTI-Aktivist*innen die Bundesregierung auf, endlich das völlig veraltete Transsexuellengesetz abzuschaffen.


Auf der ganzen Welt zünden Aktivist*innen Kerzen im Gedenken an (Bild: Andrea Maticevic / flickr)

Seit mehr als zwei Jahrzehnten gedenken Menschen in aller Welt am 20. November der Opfer transfeindlicher Gewalt – und üben Druck auf Regierungen aus, damit diese diskriminierende Gesetze endlich abschaffen und für ein besseres gesellschaftliches Klima für geschlechtliche Minderheiten sorgen. Anlass für den Gedenktag ist der Mord an der afromerikanischen trans Frau Rita Hester im Jahr 1998, der bis heute nicht aufgeklärt wurde. Anders als beim Mord an dem jungen Schwulen Matthew Shepard, der sich nur sechs Wochen vorher ereignet hatte, gab es fast keine Berichterstattung über Hester.

Noch immer zeigen erschütternde Berichte, wie notwendig dieser Tag ist: Laut Transgender Europe wurden in den letzten zwölf Monaten weltweit mindestens 350 trans Menschen in Hassverbrechen ermordet – Tendenz steigend. Die meisten Morde wurden aus Brasilien (152), Mexiko (57) und den USA (28) gemeldet. Seit Beginn der Zählungen am 1. Januar 2008 liegt die Zahl der registrierten Hassmorde von trans Menschen damit auf 3.664. Die Dunkelziffer dürfte allerdings noch viel höher liegen.


(Bild: TGEU)

Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) sieht auch die Bundesrepublik in der Verantwortung: "Die Bundesregierung hat es bislang versäumt, transfeindliche Motivationen bei der Bekämpfung von Hasskriminalität und der Umsetzung der Istanbul-Konvention zu berücksichtigen", erklärte LSVD-Bundesvorstandsmitglied Henny Engels. "So wird Hasskriminalität gegen transgeschlechtliche Personen noch nicht einmal gesondert erfasst. Der LSVD fordert daher eine Reform der polizeilichen Erfassungssysteme, damit "Hasskriminalität detailliert aufgeschlüsselt und in ihren realen Ausmaßen gesellschaftlich sichtbar wird."

Der LSVD-Bundesverband fordert Schwarz-Rot außerdem auf, "unverzüglich eine unabhängige Expert*innen-Kommission einzusetzen, die eine systematische Bestandsaufnahme aller Erscheinungsformen von LSBTI-Feindlichkeit und damit verbundener Hasskriminalität erarbeitet und der Bundesregierung sowie dem Bundestag einen Lagebericht mit Handlungsempfehlungen vorlegt." Solche Kommissionen seien bereits zu Antisemitismus und Antiziganismus eingesetzt worden und hätten sich bewährt.

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Kritik am deutschen Transsexuellengesetz

Auch andere LGBTI-Verbände verlangen mehr Engagement von der Bundesregierung: "In Deutschland sind wir noch weit von geschlechtlicher Selbstbestimmung entfernt. Noch immer regelt ein Sondergesetz, das Transsexuellengesetz, den Zugang zu Namensänderung und Gesundheitsversorgung und definiert 'Transsexualität' als Störung und Krankheit. Gerichte, Ärzt*innen und Psychiater*innen entscheiden über unsere Körper", erklärte die trans-feministische Aktivistin Lia Becker, die zu den Bundessprecher*innen von Die Linke.queer gehört. Sie bedauerte, dass die Bundesregierung bisher "ein umfassendes Gesetz zur körperlichen und geschlechtlichen Selbstbestimmung" verweigere. Außerdem verwies sie auf die prekäre Lage vieler trans Personen – so liege die Arbeitslosenquote in dieser Gruppe EU-weit bei 30 Prozent.

Die linke Bundestagsabgeordnete Doris Achelwilm erinnerte in einer Pressemitteilung daran, dass die Grund- und Menschenrechte von trans und nichtbinären Personen "in vielen Ländern unter Druck" stehen: "Das jährliche Gedenken muss Mahnung sein, für eine solidarische Gesellschaft zu kämpfen, in der Ausgrenzung und Gewalt keinen Platz haben und diskriminierte Menschen besonderen Schutz erfahren."

Achelwilms FDP-Kollege Jens Brandenburg forderte zum Transgender Day of Remembrance einen nationalen Aktionsplan gegen Homo- und Transfeindlichkeit, den Ausbau von Beratungsangeboten und die Abschaffung des Transsexuellengesetzes. Außerdem müsse Deutschland "die EU-Ratspräsidentschaft nutzen, um LGBTI-Rechte in der Europäischen Union aktiv zu verteidigen", so der queerpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.

Die Lesben und Schwulen in der Union (LSU) sehen Transphobie und transfeindliche Gewalt als ein gesamtgesellschaftliches Problem an: "Es muss uns alle angehen. Was ich mir wünsche ist eine breite gesellschaftliche Allianz, an der sich möglichst viele beteiligen – ob Organisationen, Verbände, Vereine oder Einzelpersonen", erklärte LSU-Bundeschef Alexander Vogt. Erfahrungen Betroffener zeigten, "dass der Diskriminierungsschutz in der Praxis oft nicht greift", so Vogt. "Aus gesamtgesellschaftlicher Sicht muss es uns daher um die Frage gehen, wie wir die körperliche Unversehrtheit aller Menschen sicherstellen."

Das Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg weiß schon, wie es voran gehen könnte: durch die schnelle Einführung eines Selbstbestimmungsgesetzes, das die drei demokratischen Oppositionsparteien derzeit planen (queer.de berichtete). In einer Anhörung befürwortete die Mehrheit der Sachverständigen eine derartige Reform (queer.de berichtete). Das Netzwerk weist darauf hin, dass vergleichbare Regelungen bereits seit Jahren in anderen europäischen Ländern wie Dänemark, Irland, Schweden, Malta, Norwegen und Portugal existierten. "Es ist an der Zeit, dass auch in Deutschland ein Gesetz in Kraft tritt, das auf Selbstbestimmung beruht und die Forderung des Europarats nach schnellen, transparenten und zugänglichen Verfahren erfüllt", betonte Susanne Hun, Mitglied des Sprechendenrats des Netzwerks LSBTTIQ Baden-Württemberg.

Mehrere Events geplant

Vereinzelt werden am Freitag auch in Deutschland trotz der Corona-Krise Veranstaltungen zum Transgender Day of Remembrance begangen, dieses Mal aber oft nur virtuell. So findet die von mehreren Gruppen organisierte jährliche Gedenkveranstaltung in Stuttgart dieses Jahr bei Zoom statt (mehr Infos). Trans Inter Aktiv in Mitteldeutschland (TIAM e.V.) streamt zudem den ganzen Tag über mehrere Veranstaltungen von seinem Kongress "Geschlechtliche Vielfalt (er)leben" (mehr Infos).

In Frankfurt treffen sich Aktivist*innen um 16 Uhr dagegen in der realen Welt, vor der Hauptwache, um transfeindliche Gewalt sichtbar zu machen (mehr Infos). Und in Bremerhaven gibt es vor dem Stadttheater eine Kerzenaktion (mehr Infos). (dk)

 Update  11.00 Uhr: Bundesverband Trans* trauert um vergessene trans Menschen

Der Bundesverband Trans* erinnerte am Gedenktag für die Opfer von Transphobie daran, dass viele Morde an trans Personen unter dem Radar bleiben: "Die Communitys trauern am Transgender Day of Remembrance auch um all die Personen, die in diesen Statistiken regelmäßig nicht gezählt werden", erklärte die Organisation. "Um die Personen, welche unter einem abgelegten Namen begraben wurden oder gar nicht als trans*, nicht-binär oder gender-nonkonform benannt wurden. Um die Personen, welche nicht die Gelegenheit hatten, sich zu outen. Die Communitys trauern um die Personen, deren Geschichten medial ausgeschlachtet worden sind. Um die Personen, deren Morde nie aufgeklärt wurden. Um die Personen, welche durch weniger greifbare Gewaltformen gestorben sind und deswegen gar nicht offiziell als trans*feindliche Morde erfasst werden: Die Personen, die an der alltäglichen Diskriminierung verzweifelten, die ihnen immer wieder im öffentlichen Raum, im nahen Umfeld, am Arbeitsmarkt oder im Gesundheitssystem entgegenschlug und schließlich unaushaltbar wurde."

 Update  11.15 Uhr: Trans-Flagge vor Sitz des Justizsenators

Die Berliner Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung hat anlässlich des Gedenktages eine Trans-Flagge vor ihrem Hauptsitz gehisst. Dazu erklärte Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne): "Wir alle sind aufgefordert, uns Transfeindlichkeit in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen entgegenzustellen. Als Verwaltung nehmen wir diese Verantwortung wahr. Wir stärken Gewaltschutz- und Präventionsmaßnahmen und bauen Beratungs- und Empowermentstrukturen aus. Wir treten ein für eine nachhaltige Aufklärung zu geschlechtlicher Vielfalt. Wir setzen uns ein für eine selbstbestimmungsorientierte Gesetzgebung zur Geschlechtsidentität."


(Bild: Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung)

Twitter / svenlehmann | Auch der grüne Bundestagsabgeordnete Sven Lehmann gedenkt der Opfer – und ruft Gesellschaft und Politik dazu auf, mehr zu tun



#1 DramaQueen24Profil
  • 20.11.2020, 06:03hBerlin
  • Weltweit werden Transmenschen ermordet, oder begehen wegen der sie umgebenden Transphobie Selbstmord.
    Täter benutzen für ihre Verteidigung meist die "Blame the Victim"- Strategie, sie beschuldigen das Opfer, sie getäuscht zu haben. Oft ist auch die Angst, für schwul gehalten zu werden, oder schwul zu sein, weil man sich in eine Transfrau verliebt hatte (oder mit ihr Sex hatte) mit ein Grund für die Tat.
    Ich hatte eine gute Brieffreundin aus den USA, Lori. Sie beging Selbstmord, weil ihre mormonische Familie sie und ihre Partnerin, eine CIS-Frau, nicht akzeptierten. Zur Beerdigung durften ihre Frau und ihre Freunde nicht kommen, einige gingen jedoch hin, und erzählten den anderen, dass Lori, die Namen und Geschlecht gesetzlich ändern ließ, mit ihrem "männlichen" Vornamen beerdigt wurde, weil ihre Familie es so wollte.
    Ignoranz und Vorurteile kosten Transmenschen jeden Tag das Leben, weltweit.
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#2 FinnAnonym
  • 20.11.2020, 12:33h
  • Von den meisten dieser 350 Trans-Menschen, die innerhalb eines Jahres (!) ermordet wurden, hat man nichts erfahren.

    Die breite Masse, die nicht queer.de liest, wahrscheinlich von keinem einzigen Fall.
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#3 Carsten ACAnonym
  • 20.11.2020, 13:44h
  • "[...] die Bundesregierung auf, endlich das völlig veraltete Transsexuellengesetz abzuschaffen."

    Berechtigte Forderung, die aber bei Union und SPD leider auf taube Ohren stößt. Mit ihrem letzten Reformentwurf, den sie nach massiver Kritik von Experten, Juristen und Betroffenen hastig zurückgezogen haben, haben Union und SPD klargemacht, dass sie keine volle Abschaffung wollen, sondern allenfalls am Grad der Diskriminierung schrauben wollen. (Wobei der letzte Entwurf von Union und SPD die Sachen sogar noch schlimmer gemacht hätte...)
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#4 seb1983
  • 20.11.2020, 14:10h
  • Antwort auf #2 von Finn
  • Was erwartest du....

    Nur mal zum Vergleich:
    In Mexiko wurden 2019 unglaubliche 35.000 Menschen ermordet. 0,15% davon waren demnach transsexuell, habe mir erlaubt leicht abzurunden.

    Die Aussagekraft ist ohnehin begrenzt, in den USA wird es noch passen, bei Mexiko und Brasilien wird schon die Zahl der Morde und "verschwundenen" Personen allgemein kaum realistisch sein, da dann noch einzelne Gruppen auszumachen...

    In afrikanischen Ländern werden solche "Probleme" ohnehin diskret in der Familie gelöst.
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#5 RelativierungAnonym
  • 20.11.2020, 14:46h
  • Antwort auf #4 von seb1983
  • Solche Rechnungen ignorieren, dass trans Menschen vielfach ermordet werden, nur WEIL sie trans sind. Dass andere Menschen aus vielen anderen Gründen auch ermordet werden (andere Gründe, die übrigens bei trans Menschen ZUSÄTZLICH noch dazu kommen können), macht weder die Transfeindlichkeit als Mordmotiv ungeschehen, noch verringert es die Zahl der toten trans Menschen.

    Oder wird ein Mord an einer trans Person etwa weniger schlimm, wenn auch andere Menschen ermordet werden? Sind transfeindliche Morde plötzlich keine transfeindlichen Morde mehr, nur weil es auch noch andere Mordmotive gibt?

    Was soll diese empathielose Relativierung? Wem dient das?
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#6 LeerstelleAnonym
  • 20.11.2020, 18:50h
  • Interessant ist auch, wer sich heute NICHT zu Wort meldet.

    Davon, dass sich auch in Deutschland führende Staatsvertreter_innen anlässlich dieses Trauertages respektvoll und unterstützend äußern (wie beispielsweise Biden und Harris es getan haben) und nicht nur die üblichen Betroffenenvertretungen, sind wir leider immer noch sehr weit entfernt.

    Natürlich wäre das angesichts der fortgesetzt transfeindlichen Politik der aktuellen Regierung auch total unglaubwürdig, aber das macht es ja nicht besser, sondern nur umso schlimmer.

    Wir brauchen eine andere Regierung, die endlich die Rechte von trans Bürger_innen anerkennt und durchsetzt. Staatliche Schikane, Pathologisierung und Entrechtung sind mitursächlich für transfeindliche Gewalt.
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#7 MP HHAnonym
  • 20.11.2020, 21:34h
  • Inhaltlich unterstütze ich dies ja, aber vor nicht langer Zeit hätten wir es als Bedrohung empfunden, wenn die Polizei die Opfer von Straftaten nach sexueller Orientierung erfassen würde.
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#8 GedenkenAnonym
  • 20.11.2020, 22:27h
  • tdor.info/

    Vielleicht möchtet ihr diese Seite, auf der die Namen der bekannt gewordenen Opfer der letzten Jahre aufgelistet sind, unter dem Artikel verlinken - oder diesen Kommentar freischalten. Danke.
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