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Kommentar

Wieviel Aufschrei verdient Barbara Schöneberger?

Das Gejammer der Moderatorin über weniger Spaß durch LGBT-Infostände verdient keine Großattacke. Ein Plädoyer für politische Robustheit und die Kunst, auch mit der Unbeholfenheit der anderen leben zu lernen.


Über Barbara Schöneberger kann man sich aufregen – oder auch einfach nur die Augen rollen (Bild: Benno Kraehahn)

Ich dachte es mir schon, als ich im Interview mit Barbara Schöneberger in der "Welt am Sonntag" vom 22. November folgendes las: "Wenn ich früher Galas moderiert habe, gab's Champagner vom Fass, da sind… internationale Mega-Bands aufgetreten, wurde alles in Privatjets oder S-Klassen herangekarrt. Heute muss man schon im Opening sagen, übrigens, unsere Toilettenspülungen funktionieren mit Regenwasser, die LGBT-Community hat im Entrée einen Info-Tisch aufgebaut, die Tombola geht zugunsten unserer Afrika-Stiftung."

Dachte mir also schon, dass es hierauf mehr als einen Aufschrei gibt. Zu viel, was Musik in die Bude bringt, ist in diesen Worten auf einmal enthalten: exzessiver Alkoholkonsum, übelste Umweltfreveltaten, inadäquate Verhohnepipelung nicht-heteronormativer Zeitgenoss*innen, verkappter Rassismus etc. Und meine Aufschrei-Erwartung wurde nicht enttäuscht, wie ich spätestens mit einem Blick auf die auf Facebook tobende Auseinandersetzung mit den Schöneberger-Aussagen oder die Kommentare auf queer.de feststellen konnte.

Ab welcher Schwelle müssen wir widersprechen?

Die "Welt am Sonntag" gehört nicht zu meinen Standardlektüren, und von Barbara Schöneberger weiß ich gerade mal, dass es sie und Sendungen von ihr im deutschen Fernsehen gibt. Ich glaube, es war der Titel des Interviews "Über alles lachen, statt über gar nichts mehr", der mich neugierig gemacht hat. Und offen gestanden, ich fand, was da stand, gar nicht so übel.

Um eines vorwegzunehmen: Dass man Rassismus, Queerfeindlichkeit systematische Umweltzerstörung und ähnlich lebensfeindliche Phänomene nicht nur nicht durchwinken, sondern etwas dagegen tun sollte, finde ich absolut klar. Ebenso dass alle diese Phänomene sich bereits im Kleinen zeigen, natürlich auch in der Sprache, und dass es gilt, hier sinnvoll zu intervenieren. Die Frage scheint mir allerdings zu sein: wann und wie? Ab welcher Schwelle ist es gut, dagegen zu steuern und in welcher Form?

Und hier gibt es, wie ich finde, ziemlich eindeutige Fälle, solche, in denen man unbedingt intervenieren sollte, und solche, in denen das gar nicht oder nur leichtfüßig-charmant erforderlich ist, und dann – wie so oft – einen größeren und schwieriger zu handhabenden Graubereich. Die Gefahr ist – auch wie so oft – , alles über einen Kamm zu scheren: auch die größten Klopse stumpf zu ignorieren oder auch die kleinsten Fitzelchen zu einer dramatischen Großattacke hochzustilisieren.

Hineingeschmunzelt statt zur Rede gestellt

Vor Kurzem war eine Freundin meiner Frau mit ihrem Mann bei uns zum Essen zu Gast (nur zwei Haushalte!). In irgendeinem Zusammenhang, den ich schon gar nicht mehr erinnere, sagte er mit Blick zu mir: "Klar, dass wir Männer dann immer nur interessiert auf die Frauen gucken." Auf diesen implizit homophoben Affront hätte ich natürlich, indem ich unseren Gast sofort zur Rede gestellt hätte, reagieren können oder zumindest mit dem Hinweis: "Ich schaue übrigens mindestens so oft auf Männer wie auf Frauen." Tatsächlich habe ich gar nichts dazu gesagt, sondern nur kurz in mich hineingeschmunzelt, denn unser Gast hat nicht gleich ein halbes Dutzend solcher Bemerkungen an dem Abend rausgehauen, und ich halte ihn für einen durchaus weltoffenen und toleranten Kerl (mit etwas traditioneller Prägung vielleicht). Zugegeben ein eher harmloser Fall und für mich einer der eindeutigen.

Umgekehrt eindeutig sind natürlich auch offensichtliche und in voller Absicht geäußerte ablehnende, exkludierende oder aggressive Aussagen gegenüber Menschen, die anders sind als man selbst. Und da ist die Schwelle sicher nicht erst bei Sätzen wie "Schwule und Lesben sind abartig und sollten gar nicht existieren" erreicht, sondern sehr, sehr viel früher. Das Problem steckt nur wieder in der Frage, ab wann wir eine Aussage als bewusst "ablehnend", "exkludierend", "aggressiv" etc. erleben, woran wir das festmachen und wie wir darauf dann reagieren wollen.

Nicht jeder homophobe Affront ist homophob gemeint

Wahrnehmungen und erst recht Wertungen von Wahrnehmungen sind bekanntermaßen subjektiv. Trotzdem oder gerade deshalb finde ich die eine oder andere Reflexionsschleife im Umgang mit ihnen hilfreich, insbesondere wenn man an einem gedeihlichen Miteinander interessiert ist. Zum Beispiel könnte man sich fragen:

1. Habe ich es gerade mit einem Einzelfall oder einer (beginnenden) Serie zu tun? Bei einem Kaliber wie dem gerade erwähnten Hasssatz müssen wir nicht erst die Serie abwarten, um einzuschreiten. Aber in sehr vielen anderen Fällen ist es ein ziemlicher Unterschied, ob jemandem in Bezug auf eine bestimmte Menschengruppe ein oder zwei etwas unglückliche Sätze rausrutschen oder ob gleich ein ganzes Bataillon davon kommt.

2. Kann es sein, dass eine Person, die sich gerade aus meiner Sicht unschön über die Gruppe, der ich mich zugehörig fühle, geäußert hat, gleichwohl keine schlechte Haltung gegenüber dieser Gruppe hat; nur die Wortwahl war vielleicht ein bisschen blöd? Und Indikatoren für eine positive Grundhaltung wären auch zu erkennen, wenn man denn nach ihnen Ausschau hielte. Schließlich gilt: in dubio pro reo; und mehr noch, da wir uns ja nicht vor Gericht befinden: Normalerweise hilft, um konstruktiv miteinander klarzukommen, die Unterstellung guter Absichten eher als die von (notorisch) schlechten!

Wieviel Humorlosigkeit wollen wir uns leisten?

Wir können die Sache auch über zwei andere Fragen aufzäumen: Wieviel Nachsicht sind wir bereit zu bringen denen gegenüber, die vielleicht eine etwas konservativere Sozialisation hatten, die vielleicht insgesamt weniger sprachsensibel sind oder schlichtweg ein noch nicht so differenziertes Wissen haben? Viele Menschen wissen etwa noch nicht mal, wofür die ja tendenziell immer länger werdende Abkürzung LSBTTIQA+ im Einzelnen überhaupt steht. Wir dürfen es ihnen gerne sagen. Aber wenn sie zum Beispiel noch nicht allzu viel Kenntnis über die Unterschiede zwischen transgender, intersexuell und nicht-binär erworben haben, und diese Unkenntnis gerade in ihren Formulierungen zu Tage tritt, heißt das noch lange nicht, dass darin Ablehnung liegt.

Und die zweite Frage: Wieviel Humorlosigkeit wollen wir uns am Ende des Tages leisten. Humor ist sicher nicht, wenn man – egal, was so rausgelassen wird – trotzdem lacht. Wer aber nicht (mehr) über sich selbst und die Gruppen, mit denen man sich identifiziert, lachen kann, ist – jedenfalls nach meinem Dafürhalten – ein geistig verarmtes und bemitleidenswertes Wesen. Als Nicht-Heterosexueller darf ich auch über Schwulenwitze lachen. Und tue es sogar.

Für den freien Fluss der Gedanken und Worte

Womit wir wieder bei einem Thema von Barbara Schöneberger wären. Und vielleicht geht es dabei ja gar nicht nur um ungebremstes Spaßhabenwollen und geldgeiles Entertainment. Es geht um mehr: Wenn wir uns jedes Wort, das wir sagen, dreimal überlegen müssen, ob es wirklich korrekt gesagt oder geschrieben ist, wird die Kommunikation etwas sperrig und das Leben ein wenig anstrengend.

Nichts gegen Anstrengung, aber ein freier Fluss der Gedanken und Worte – natürlich mit der Möglichkeit korrigiert zu werden, sich selbst zu korrigieren und dazuzulernen – bietet gewisse Vorteile. Für das Zusammenspiel mit anderen und auch für sich selbst. Denn Hand auf's Herz, liebe*r Leser*in: Glaubst Du im Ernst, dass Du Dich immer maximal angemessen und maximal korrekt den berechtigten Bedürfnissen aller anderen gegenüber ausdrückst? Glaubst Du im Ernst, eine jederzeit und allen berechtigten Bedürfnissen gegenüber angemessene Ausdrucksweise wäre überhaupt möglich? Und glaubst Du im Ernst, dass Deine Sichtweisen dazu der ultimative Maßstab der Weltgerechtigkeit sind?

Wir brauchen mehr Gelassenheit und Souveränität

Es geht, wie ich finde, um eine größere Portion politischer Robustheit in vielen Diskursen unserer Gesellschaft und auch im Privatleben. Und das schließt nicht nur mehr Nachsicht und Humor ein, sondern ebenso auch Toleranz, Vertrauen und ein gutes Stück Gelassenheit und Souveränität. Die Souveränität, dass ich auch dann nicht vergesse, wer ich bin, was ich wert bin und wofür ich stehe, wenn andere sich gerade auf ihre, sagen wir mal etwas unbeholfene Weise artikulieren. Deshalb müssen wir sie, tolerant und reif, wie wir sind, nicht gleich zu den Bösen zählen und aus dem Diskurs verbannen.

Politische Robustheit ist nicht das, was politische Korrektheit ersetzen sollte. Aber ausbalancieren. Wenn uns diese Balance nicht einigermaßen gut gelingt, wenn politische Korrektheit immer akribischer, humorbefreiter und unnachsichtiger eingefordert wird, produziert all das zuletzt vor allem eines: Wasser auf die Mühlen derer, die das alles (Dich und mich eingeschlossen) rundweg ablehnen und weghaben wollen. Diese Entwicklung ist doch bereits an vielen Stellen in vollem Gange. Und das, finde ich, müssen wir nicht noch mit höchstsensiblem Übereifer beflügeln. Das haben wir wirklich nicht verdient.



#1 lottiAnonym
  • 24.11.2020, 08:25h
  • Dem Kommentar schließ ich mich an. Aber eins muss man dennoch der guten Frau sagen: Es geht nicht um persönliche Verletzung, sondern um soziale Verächtlichmachung, dagegen muss man sich wehren. Und das betrifft eben ganz bestimmte "Klischees", die man/frau der Lächerlichkeit preisgibt. Das Klischee mit den "LGBT-Infostand" war demgegenüber gar nicht so übel :)
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#2 HanseatAnonym
  • 24.11.2020, 08:27h
  • Das ist doch mal ein Aufruf für einen erfreulich offenen Umgang mit Andersdenkenden bzw. -formulierenden.

    Ich persönlich empfehle sowieso sich mit der Person Schöneberger auseinanderzusetzen, bevor man den Satz aus dem Kontext gerissen liest und dann laut wird.
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#3 KaiJAnonym
  • 24.11.2020, 08:58h
  • Tabubrüche sind an der Tagesordnung. Dies' auch durch von uns vermeintlich Wohlgesonnene. Und sie machen auf der angeblichen Satirebühne ihr Geschäft damit. Mit der Wucht ihrer Sympathiewerte zerdebbern sie mit angeblich Kleinem Tabus. Und dies' beschwichtigend werden sie bei der Grenzüberschreitung uns gegenüber unterstützt.
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#4 Jobst kAnonym
  • 24.11.2020, 08:59h
  • Hurray! Super Artikel. Barbara Schöneberger spricht über Humor und Komiker. Und das braucht eben Spontanität. Und ein Publikum das nicht jeden Spaß todernst nimmt.
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#5 Daniel123Anonym
#6 KumpelAnonym
#7 Ralph
  • 24.11.2020, 09:57h
  • Dem kann ich nicht zustimmen. Mit ihren Einlassungen stellt Frau Schöneberger klar, dass ihr die ganze Richtung (Akzeptanz von Minderheiten, Klimaschutz usw.) nicht passt. Natürlich muss es eine Latte geben, und wenn die übersprungen wird, ist Protest angesagt. Diese Latte freilich darf nicht so hoch hängen, wie hier angedeutet wird. Nehmen wir das Beispiel vom gemeinsamen Essen und der dabei gefallenen Bemerkung. Wie bitte sollte ich im gleichen Falle, also wenn mein Mann und ich ein heterosexuelles Paar zu Gast hätten und der Heteromann so was sagt, reagieren? Mit Schweigen? Dann hätte er sein Ziel erreicht, uns beide zu beleidigen mit der Feststellung, dass Männer eben nach Frauen zu schauen haben, basta, sonst sind sie nicht normal. Oder bei Juden: Sollen die schweigen, wenn ein Gast sagt, man sehe ihrer Wohnung an, dass sie Juden seien, tolle Ausstattung, ja, Juden seien nun mal aufs Geld versessen, haha. Wieso bei minderheitenfeindlichen Sprüchen immer unterstellen, sie seien ja nicht so gemeint? Wenn man es nicht meint, warum sagt man es dann? Und schon sind wir bei der üblichen Ausrede, man könne ja gar nicht homofeindlich sein, man habe ja schwule Freunde/lesbische Freundinnen, es tue einem leid, wenn das jemand missverstanden und sich beleidigt gefühlt habe. Da testen Leute aus, wie weit sie gehen können, und sie brauchen das Signal: Sie sind schon zu weit vorgerückt.
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#8 Ralph
  • 24.11.2020, 10:10h
  • Die Frau ist studierte Soziologin und Kommunikationswissenschaftlerin. Die weiß genau, was sie sagt, wen sie damit trifft und was sie bewirkt. Da gibt es nichts abzuwiegeln. Man tue nicht so, als habe sich da ein Dummerchen verplappert oder als sei alles nur das übliche Missverständnis allzu empfindsamer Tunten.
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#9 PetterAnonym
  • 24.11.2020, 10:32h
  • Herr Hölscher,

    wenn es jemandem wichtiger ist, dass auf Schicki-Micki-Veranstaltungen der Champagner aus Fässern fließt und man mit der S-Klasse vorgefahren wird, als die Frage, ob LGBTI immer noch jeden Tag irgendwo in Deutschland brutal zusammengeschlagen werden oder sich das Leben nehmen, weil sie das Mobbing nicht mehr aushalten, dann haben LGBTI auch jedes Recht, ihre Meinung dazu zu sagen.

    Wo ist Ihr Engagement für die toten, invaliden und verletzten LGBTI? Stattdessen machen Sie sich Sorgen um eine Moderatorin, die finanziell ausgesorgt haben dürfte.

    Sich mit den Schwachen zu solidarisieren ist keine übertriebene Political Correctness.
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#10 Fischer_Anonym
  • 24.11.2020, 10:34h
  • Zuerst zu Frau Schöneberger: Diese ist schon des öfteren durch Tiraden wie "Männer seid richtige Männer und benutzt keinen Lippenstift" (obwohl ich nicht mal weiß, was einen "richtigen" Mann ausmacht- Bier, Autos und Fußball? Bisschen viel Klischee für meinen Geschmack) aufgefallen, und gibt ständig abwertende Kommentare zum schlechtesten. Dazu ist alles gesagt.
    Aber zu den !Witzen" Nein, man muss nicht über alles lachen. Nicht über Minderheiten und marginalisierte Menschen zum Beispiel, weil die es ohnehin schon schwierig genug haben. Und wenn die Mehrheitsgesellschaft solche "Witze" reißt, macht es das nur noch schwerer, zu sich selbst zu stehen. mehr noch: Gerade auch (aber nicht nur) als Jugendlicher fühlt man sich falsch und kann nicht zu sich selbst stehen. Und muss man über alles Witze machen? Wenn man hört, wie über dich (bzw. die Gruppe, zu der du gehörst) "Witze" gerissen werden, so verletzt es dich jedes Mal. Das könnte man vermeiden.
    Zum Kommentator und dem Spruch am Restauranttisch: Das ist ein klassischer Fall, der zeigt, dass "hetero" eben gesellschaftlich akzeptiert ist, und alles andere als "abnormal" oder zumindest nicht gleichwertig wahrgenommen wird.
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