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Heimkino

Wenn die Nichte den schwulen Onkel zum Coming-out bewegt

In seinem Spielfilm "Uncle Frank" erzählt Kult-Regisseur Alan Ball ("American Beauty", "Six Feet Under", "True Blood") die Geschichte einer schwulen Liebe in den Sechzigern. Ab heute auf Amazon Prime Video!


Betty (Sophia Lillis), ihr Onkel Frank (Paul Bettany) und dessen Partner Wallid (Peter Macdissi) fahren zusammen von New York nach South Carolina (Bild: Amazon Studios)

Der Film "Uncle Frank" wandelt zu Beginn auf breit ausgetretenen Pfaden. Langweilig, denken wir, weil wir zu wissen glauben, wie alles enden wird. Kennen wir doch, wenn die junge Beth im tiefsten South Carolina der Sechzigerjahre über ihren Onkel Frank sagt, dass er anders sei. Weil er After Shave benutzt, seine Fingernägel immer ordentlich gepflegt sind und … ja, wir haben da so eine Vermutung.

Er gibt ihr mit auf den Weg, dass sie immer sie selbst sein soll, egal, was die anderen denken. Ach ja? Und South Carolina? In diesem US-Bundesstaat war bis 2003 Oral- und Analverkehr für alle Bürger*innen unter Strafe gestellt.

Klassische Coming-out-Story und doch ganz anders

Dazu die Kombination mit Franks Vater, der wie ein "Big Daddy" patriarchal in seinem Fernsehsessel thront und seine Söhne und Schwiegersöhne vor ihm kuschen lässt. Als junge Frauen der Familie gezeigt werden, die sich nichts sehnlicher wünschen als zu heiraten und Mütter zu werden, wissen wir wieder, was es geschlagen hat.

Braucht es da noch, dass Frank im fernen New York an der Universität Englische Literatur lehrt und trotz 40+ noch immer nicht verheiratet ist? Unser Gaydar hat schon vorher Alarm geschlagen, Onkel Frank hat sich in seiner Familie nicht geoutet. Wir sehen also die komplizierte Coming-out-Story eines Erwachsenen mit den üblichen Südstaaten-Verdächtigen auf uns zukommen, wobei die Zuordnungen von Gut und Böse von Anfang an klar verteilt scheinen.

So kommt es auch, aber dennoch anders als vermutet und deshalb ganz und gar nicht langweilig.

Mit Mann und Nichte zur Beerdigung des Vaters

Nach dem Intro sind vier Jahre vergangen und die 18-jährige Beth zieht 1973 zum Studieren nach New York. Dort erfährt sie eher zufällig durch einen bitchy Studienkollegen, dass ihr Onkel schwul ist und seit zehn Jahren mit Wallid zusammenlebt. Der ist auch noch ein Migrant aus Saudi-Arabien.

Nachdem sie das mit großen Augen ansatzweise verdaut hat, kommt ein Anruf aus South Carolina. Der Patriarch ist überraschend gestorben: Franks Vater, Beths Großvater, ist tot. So macht sich Frank trotz innerer Widerstände mit seiner Nichte zum Begräbnis auf. Dass ihnen Wallid heimlich folgt, ist das kleinere Problem, das Frank haben wird. Zum Eklat kommt es erst bei der Testamentseröffnung.

Eine echte Achterbahn der Gefühle


Poster zum Film: "Uncle Frank" gibt es ab 25. November 2020 in einer deutschen Synchronfassung auf Amazon Prime Video

Dem schwulen Regisseur und Drehbuchautor Alan Bell gelang mit "Uncle Frank" zwar kein Meisterwerk wie mit seinem Drehbuch zu "American Beauty" (1999), aber die überraschenden Details in der Handlung, die wir zu kennen glauben, sind dennoch reizvoll. "Uncle Frank" ist ein liebevoller Film, der uns gekonnt auf die oft zitierte Achterbahn der Gefühle mitnimmt.

Alan Bell hält die Figuren wunderbar im Zwiespalt. Das erkennen wir deutlich, wenn Wallid Frank zum Coming-out drängt, es als praktizierender Muslim in der eigenen Familie jedoch nicht schafft. Oder spüren es subtil, als Franks Bruder, dem die Homophobie aus den Ohren zu stauben scheint, beim Begräbnis des Vaters eine unerwartete Seite von sich zeigt. Stück für Stück entrollt sich vor unseren Augen ein traumatisches Ereignis aus der Vergangenheit, bei dem die Grenzen zwischen Opfern und Tätern verschwimmen.

Wallid-Darsteller ist Balls Lebenspartner

Sehenswert ist das Spiel von Paul Bettany ("Avengers: Infinity War"), der uns in allen Facetten von Frank aufwühlend mitleiden lässt. Mit zupackender Herzlichkeit gewinnt Peter Macdissi als Wallid sofort unsere Sympathie. Er ist in der Realität der Lebenspartner von Alan Bell. Jungstar Sophia Lillis ("I Am Not Okay With This") zeigt ihr Talent, obwohl das Drehbuch sie ein wenig unterfordert. Den wichtigen Teil, nämlichen ihren Onkel an seine eigenen Standards zu erinnern ("Sei immer Du selbst, egal, was die anderen denken"), spielt sie angenehm auf den Punkt.

Was nehmen wir sonst noch Schönes mit? Schwule Männer hielten Ende der Sechzigerjahre Leguane als Haustiere und tauften sie Barbara Stanwyck. Oder dass man mit dem originellen Eigenlob "Mein Blowjob ist wie Poesie" manchmal doch nicht zum Zug kommt.

Direktlink | Englischer Originaltrailer zu "Uncle Frank"

Infos zum Film

Uncle Frank. Melodram. USA, 2020. Regie: Alan Ball. Darsteller*innen: Paul Bettany, Sophia Lillis, Judy Greer, Stephen Root, Steve Zahn, Margo Martindale, Lois Smith, Jane McNeill, Cole Doman, Peter Macdissi, Colton Ryan.Laufzeit; 95 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung, englische Originalfassung. FSK 12. Amazon Studios. Ab 25. November 2020 zum Stream bei Amazon Prime Video


#1 YannickAnonym
  • 25.11.2020, 08:29h
  • Dass in Teilen der USA Oral- und/oder Analverkehr (oft auch für Heteros) noch bis in die 2000er verboten war, zeigt nur, wie rückständig diese Nation in weiten Teilen ist.

    Das zeigt auch das totalitäre Selbstverständnis vieler Politiker, die noch bis in die Betten hinein regieren wollen und sogar Sex regulieren wollen.
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#2 AthreusProfil
  • 25.11.2020, 09:59hSÜW
  • "... der Kultregisseur (American Beauty, Six Feet Under.."

    American Beauty ist von Sam Mendes. Ball hat hier "nur" das Drehbuch verfasst. Etwas unglücklich formuliert.
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