Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?37622

"positive stimmen 2.0"

"Menschen mit HIV überlegen sich immer noch sehr gut, wo und wann sie ihren Status offenlegen"

Mit "positive stimmen 2.0" will die Deutsche Aidshilfe erstmals seit rund einem Jahrzehnt detailliert herausfinden, wie HIV-Positive hierzulande leben. Wir haben mit Projektleiter Matthias Kuske gesprochen.


Matthias Kuske von der Deutschen Aidshilfe in Berlin leitet das Projekt "positive stimmen 2.0" (Bild: Picture People Berlin)

queer.de: Was wollt ihr mit "positive stimmen 2.0" herausfinden?

Matthias Kuske: Mit der partizipativen Studie wollen wir herausfinden, wie Menschen mit HIV heute leben, ob und wie sie von Diskriminierung betroffen sind und inwiefern Stigmatisierung heute noch eine Rolle spielt. Dabei fragen wir nicht nur nach HIV-bezogener Diskriminierungserfahrung, sondern auch nach der als schwuler Mann, Drogengebraucher*in, Frau, Person of Color etc. Ziel ist es, auf Grundlage der gewonnen Daten konkrete Handlungsempfehlungen zu entwickeln, die dazu beitragen sollen, das Leben von Menschen mit HIV weiter zu verbessern und HIV-bezogene Diskriminierung abzubauen.

Die erste "positive stimmen"-Umfrage fand vor neun Jahren statt. Was waren die wichtigsten Ergebnisse?

2011 wurde deutlich, wie sehr Menschen mit HIV von Stigmatisierung und Diskriminierung betroffen sind. Eine besondere Bedeutung spielte hier der Gesundheitsbereich. Auf Grund der Ergebnisse konnten sehr konkrete und hilfreiche Maßnahmen und Projekte aufgebaut werden. Das Buddyprojekt (buddy.hiv) ist zum Beispiel in der Folge entstanden und die Antidiskriminierungsstelle in der DAH (hiv-diskriminierung.de) ist eingerichtet worden.

Könnt ihr schon in ersten Auswertungen feststellen, was sich in den letzten neun Jahren geändert hat?

Derzeit haben wir nur allererste Daten aus der Onlineumfrage, die Interviews mit Peers (hiv-positive Interviewer*innen) laufen noch bis Ende des Jahres. Diskriminierung im Gesundheitswesen spielt bei den Befragten weiterhin eine große Rolle, ebenso Selbststigmatisierung. Menschen mit HIV überlegen sich immer noch sehr gut, wo und wann sie ihren Status offenlegen. Ein Großteil der Teilnehmenden an der Onlinebefragung offenbart die eigene HIV-Infektion nicht oder nur sehr selten gegenüber anderen Menschen. Immer noch erleben sie Ablehnung und Diskriminierung in vielen Bereichen ihres Lebens, wenn sie offen über ihre HIV-Infektion sprechen. Knapp drei Viertel der Befragten sprechen nicht überall offen über ihre HIV-Infektion (z.B. am Arbeitsplatz).

War es im Vergleich zur ersten Umfrage schwieriger oder leichter für euch, Teilnehmer*innen zu finden?

Die beiden Studien sind sehr unterschiedlich, das kann man schwer vergleichen. Damals gab es nur die Interviews, keine Onlineumfrage. Allerdings hat die derzeitige Situation mit den Einschränkungen durch die Pandemie es sehr viel schwieriger gemacht, Menschen für die Umfragen zu gewinnen. Arztpraxen und Aidshilfen waren lange geschlossen, geschützte Räume für die Interviews schwierig zu finden und viele Interviews konnten wegen den Einschränkungen nicht stattfinden. Zudem fallen viele Veranstaltungen, Treffen und Konferenzen aus, auf denen Interviews hätten geführt werden können. Daher ist es deutlich schwieriger das Projekt zu bewerben und Interviewpartner*innen zu gewinnen. Unsere Interviewer*innen sind aber hoch motiviert und sehr kreativ, was das angeht. Zudem haben wir die Möglichkeit geschaffen, online Videointerviews zu führen, damit Menschen sich nicht live treffen müssen.

Welche Informationen könnt ihr durch die Interviews gewinnen, die die Online-Umfrage nicht liefert?

Die Interviews sind das Kernelement von positive stimmen 2.0. Sie sind Teil des weltweiten "People Living With HIV Stigma Index"-Projekts. Der Onlinefragebogen ergänzt zusammen mit Fokusgruppen, die wir Anfang 2021 durchführen, die Interviews um Themen, die uns zusätzlich wichtig sind. Zudem erreichen wir online mehr HIV-Positive, die nicht an die Community angedockt sind. Hierdurch erhalten wir eine größere Bandbreite an Informationen und lernen noch einmal viel mehr über die heutige Situation von Menschen mit HIV.

Wann werden die Ergebnisse der Umfragen der Öffentlichkeit präsentiert?

Allererste ausgewählte Daten veröffentlichen wir jetzt zum Welt-Aids-Tag, das sind aber wirklich noch allererste Erkenntnisse von ausgewählten Themen der Onlineumfrage. Zum Deutsch-Österreichischen Aids-Kongress im März werden wir ausführlicher berichten können. Am 05. Juni 2021 findet in Berlin der Fachtag von positive stimmen 2.0 statt. Hier werden wir dann die Daten präsentieren. Wir werden dann im Sommer 2021 die Ergebnisse und eine Broschüre veröffentlichen. Wer Interesse hat, diese zu bekommen oder die Daten der Studie 2012 zu lesen, sollte auf positive-stimmen.de vorbeischauen.

Inwieweit werden diese Ergebnisse in die Arbeit der Aidshilfen einfließen?

Wie gesagt ist das Ziel, konkrete Maßnahmen zu entwickeln, wie HIV-bezogene Diskriminierung in Zukunft abgebaut werden kann. Die Beispiele von 2011 zeigen, dass dieses sehr nachhaltige und zentrale Maßnahmen und Projekte sein können, die langfristig wirken. Die Maßnahmen sollen natürlich nicht auf Aidshilfen beschränkt sein. Wir möchten ebenso z.B. Maßnahmen für Politik, Verwaltung, Gesundheitssystem oder Gesellschaft entwickeln. Wir sind gespannt auf die konkreten Daten, um eine gute und wissenschaftliche Basis für die Empfehlungen zu haben.

HIV ist ja schon seit längerem eine chronische Krankheit, dennoch klagen Positive über Diskriminierung. Warum werden HIV-Positive deiner Meinung nach dann noch immer noch anders angesehen als Menschen, die etwa an Arthritis oder Diabetes leiden?

HIV und Aids haben eine ganz andere Geschichte. Denken wir an die Ängste, die Aids in den Achtzigerjahren ausgelöst hat und die bis heute wirken. Gleichzeitig schwingen bei HIV immer Themen wie Sexualität, Drogenkonsum oder Sexwork mit. Also Themen, die bei vielen Menschen Vorbehalte auslösen oder mit Scham besetzt sind. Und gleichzeitig sind besonders vulnerable Gruppen stärker von HIV betroffen als z.B. die Allgemeinbevölkerung. Menschen mit HIV erleben daher oft nicht nur Diskriminierung wegen HIV, sondern oft auch wegen anderer Eigenschaften, z.B. als schwuler Mann. Deswegen sprechen wir auch diese Erfahrungen bei positive positive stimmen 2.0 an.

Appell von Matthias Kuske

"Jede Erfahrung zählt und hilft uns bei der Studie und den Menschen mit HIV. Interviews mit unseren HIV-positiven Interviewer*innen persönlich oder online per Video sind noch bis Ende 2020 in ganz Deutschland möglich. Wenn du dich interviewen lassen möchtest, vermitteln wir dir gerne passende Interviewer*innen. Schreibe hierzu eine Mail an positive-stimmen@dah.aidshilfe.de. Mehr Informationen findest du auf positive-stimmen.de. Anonymität und Datenschutz sind immer gesichert."


#1 Homonklin_NZAnonym
  • 27.11.2020, 13:44h
  • Nachvollziehen kann man die Vorsicht doch auch als Negativer. Erreichbar lassen würde ich das auch nur Leuten, die es wissen müssen, um sich an der Behandlung von mir in dem Fall entsprechend schützen zu können. Arzt, Sanitäter, Feuerwehrler, Polizisten, Pflegekräfte ect.
    Ansonsten fällt das doch nur dann ins Notwendige, sollte man sich verlieben und es wird irgendwie was Gemeinsames draus.

    Das gilt aber ebenso für alles andere, das potenziell übertragbar ist und wo das bei entsprechender Vorkehrung vermieden werden kann, es ist halt bei sowas weniger einfach als zu sagen, bitte kommen Sie nicht nahe, ich bin erkältet und will es Ihnen nicht verpassen.
    Nun ist das bei HIV noch nicht mal so einfach, aber ich habe es schon erlebt, dass Leute mit Jemand noch nicht mal aus demselben Limo-Glas trinken wollten, von dem sie es wussten.

    Mit der Orientierung bin ich allerdings noch um Längen vorsichtiger, denn damit kann man sich den Faden zum Umfeld praktisch selber abschneiden, und lädt Ablehnung und Diskriminierung, Stigmatisierung naiv und blauäugig zum Haupttor ein. Die Erfahrung habe ich nun wirklich häufig genug gemacht, in jungdoofen Jahren.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 NachfrageAnonym
#3 NicksiAnonym
  • 27.11.2020, 15:00h
  • Antwort auf #2 von Nachfrage
  • Naja die kommen zum Beispiel häufiger in die Situation erste Hilfe leisten zu müssen als die Durchschnittsbevölkerung.

    Sind Notarzt und die Sanitäter noch nicht da, Polizei oder Feuerwehr aber schon, werden diese auch am Verletzten eingesetzt denke ich mal. Im Notfall kann es schließlich um Minuten/ Sekunden gehen.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 NachfrageAnonym
#5 Ralph
  • 27.11.2020, 15:39h
  • Überlegen wir: Bindet jeder Diabetiker jedem anderen Menschen auf die Nase, dass er Diabetiker ist? Jeder HIV-Positive muss selbst entscheiden, ob es aus seiner Sicht sinnvoll ist, bestimmte Personen zu unterrichten, z.B. den Zahnarzt. Das hat nichts mit Angst vor Diskriminierung zu tun, sondern ganz einfach mit der Wahrung der Intimsphäre, zu der der Gesundheitszustand gehört.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 LupdejuppAnonym
  • 27.11.2020, 15:39h
  • Antwort auf #4 von Nachfrage
  • Oder du sagst der dir helfenden Person einfach kurz was Sache ist um jegliche noch so große Unwahrscheinlichkeit zu eliminieren.

    Thema hat mich nie groß interessieren, aber wären das nicht schon in Hinblick auf mögliche Medikamente empfehlenswert?
  • Antworten » | Direktlink »
#7 TheDadProfil
  • 27.11.2020, 20:14hHannover
  • Antwort auf #2 von Nachfrage
  • ""Mir fällt keine dienstliche Situation ein, in der sich Feuerwehr und Polizei vor einer HIV-Infektion besonders schützen müssen. Außer, sie ficken im Dienst.""..

    Solche Situationen gibt es definitiv immer wieder..

    ""Sind Notarzt und die Sanitäter noch nicht da, Polizei oder Feuerwehr aber schon,""..

    Denn in sehr vielen Gemeinden und Städten stellt die Feuerwehr die Rettungswagen inklusive des Personals..

    ""Wer erste Hilfe so leistet, dass dabei ein HIV-Infektionsrisiko entsteht, braucht dringend eine Nachschulung.""..

    Wer denkt er könnte alles, und hätte jede Situation im Griff und könnte dabei jede Gefährdung ausschließen kann dann gleich auch zu dieser Nachschulung mitgehen !

    Die werden überall angeboten, auch bei der Feuerwehr..
  • Antworten » | Direktlink »
#8 N8EngelProfil
  • 27.11.2020, 22:14hWenden
  • Ich lese immer, das sich Leute überlegen sich zu outen. ok, wass ich bin, erkläre ich nicht jedem, aber, das ich zwischen meinem 12. und 30. Lebensjahr Testosteron bekommen habe, sieht man mir an, und es ist oft jemand bei, der bemerkt das ich nicht ganz die Frau bin, die ich darstelle. Ich habe bereits mehrfach die Beschimpfung "HIV-Schleuder" zu hören bekommen, obwohl ich vor 3 Jahren noch definitv HIV Negativ war und keinen Grund kenne, weshalb sich das seither geändert haben sollte. Meine Kondome stammen noch von Schlecker, vor dem nächsten Sex sollte ich mir also neue besorgen. Fakten interessieren nunmal nicht.
  • Antworten » | Direktlink »
#9 Homonklin_NZAnonym
  • 28.11.2020, 07:29h
  • Antwort auf #2 von Nachfrage
  • Das kommt vermutlich daher, dass Du von dem Berufsfeld ein eher unvollständiges Bild hast. Sie sind öfter die Ersten, die bei Notfällen Hilfe leisten müssen, und nicht nur in solchem Zusammenhang können sie mit Blut und Sekretionen in Kontakt kommen.
    Etwa als Polizist auch während eines Einsatzes, denk mal dran, wie häufig die mit Leuten aus dem Drogenkonsumenten-Bereich Umgang haben, mit Leuten, die nicht ganz klar im Gemüt sind oder aggressiv werden, auch nur bei Kontrollen, oder wenn irgend einer plötzlich ausrastet. Vielleicht hast Du davon gehört, wie häufig die grundlos angegriffen werden. Sogar Feuerwehrleute berichten darüber, allgemein die Rettungsberufler. Feuerwehrler übernehmen ziemlich viele Krankentransporte. Alle diese Leute möchten natürlich lieber früher wissen, was für realen Risiken sie gegenüber treten. Das hat da keinen zwielichtigen Grund.
  • Antworten » | Direktlink »
#10 Homonklin_NZAnonym