Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?37626

Interview

"'Uncle Frank' ist mein persönlichster Film"

Sein eigenes Coming-out vor 30 Jahren habe ihn zum Feelgood-Drama "Uncle Frank" um die junge Beth und ihren heimlich schwulen Onkel inspiriert, verrät Kult-Regisseur Alan Ball ("American Beauty", "Six Feet Under", "True Blood") im Gespräch mit queer.de.


Ein Foto vom Set: Regisseur Alan Ball (m.) mit Paul Bettany als Uncle Frank (re.) sowie Peter Macdissi, der im Film Franks Partner Wallid spielt und im echten Leben mit Ball liiert ist (Bild: Amazon Studios)
  • Von Patrick Heidmann
    28. November 2020, 02:40h, 1 Kommentar

Seine Karriere begann Alan Ball, geboren am 13. Mai 1957 im US-Bundesstaat Georgia, als Autor bei Sitcoms wie "Grace" und "Cybill". Gleich für sein erstes Filmskript "American Beauty" wurde er mit dem Oscar ausgezeichnet. Mit seinen Serien "Six Feet Under" und "True Blood" begeisterte er nicht nur queere Fans, sondern bescherte dem Sender HBO auch zwei seiner größten Hits, die zahllose Preise gewannen.

Mit Serien wie "Banshee" oder "Here and Now" sowie dem von ihm inszenierten Film "Nothing Is Private" konnte Ball diese Erfolge nicht ganz wiederholen. Doch mit seinem neuen Film "Uncle Frank", bei dem er wieder für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnete, ist ihm abermals eine wunderbare Geschichte gelungen. Neben Paul Bettany oder Margot Martindale ist auch Balls Lebensgefährte Peter Macdissi wieder in dem Feelgood-Drama um die junge Beth und ihren heimlich schwulen Onkel Frank zu sehen (ausführliche FIlmkritik).


Poster zum Film: "Uncle Frank" gibt es seit 25. November 2020 in einer deutschen Synchronfassung auf Amazon Prime Video

Mr. Ball, täuscht der Verdacht oder ist "Uncle Frank" Ihr bislang persönlichstes Projekt?

Vermutlich ist es das. Ich habe darüber nicht nachgedacht, als ich das Drehbuch zum Film schrieb. Aber wenn ich jetzt zurückblicke, muss ich sagen: Sie haben vollkommen Recht. Alle meine Geschichten sind immer bis zu einem gewissen Grad persönlich, doch diese hier ist meine persönlichste.

Was war denn der Auslöser für diese Geschichte?

Im Grunde fing die Sache schon vor gut 30 Jahren an, als ich meiner Mutter offenbarte, dass ich schwul bin. Sie sagte damals: daran ist Dein Vater schuld, der war genauso. Ich habe keine Ahnung, ob sie damit Recht hatte, denn er war damals schon tot, und ich konnte nicht mehr mit ihm darüber sprechen. Aber sie erzählte mir dann von einem sehr, sehr guten Freund meines Vaters, als die beiden noch junge Männer waren. Er ertrank, und mein Vater begleitete die Leiche im Zug bis nach Granville, North Carolina. Das hat mich sehr beschäftigt und nie losgelassen. Was wenn das stimmte? Was wohl hinter dieser Geschichte steckte? Vor vier oder fünf Jahren habe ich mich dann hingesetzt und, inspiriert von dieser Erzählung meiner Mutter, mit der Arbeit an "Uncle Frank" begonnen.

Hatten Sie selbst als junger Mann eine Figur in Ihrem Leben wie den Onkel Frank in Ihrem Film? Eine Person, die Ihnen in Ihrer Jugend in Georgia vorlebte, dass man anders sein und auch ausbrechen kann?

Ich wünschte, ich hätte so jemanden gehabt. Das hätte mir die Welt bedeutet. Aber man bekommt eben nicht immer, was man sich wünscht.

Vielleicht konnten Sie ja dafür im Gegenzug später diese Rolle für jemand anderen in Ihrer Verwandtschaft übernehmen?

Ich glaube, in meinem Leben oder meiner Familie gab es niemanden, der einen Onkel Frank gebraucht hätte. Aber tatsächlich habe ich jetzt im Zuge des Films von vielen Menschen gehört, die jemanden wie ihn hatten, einen Onkel oder eine Tante, die dabei halfen, sich selbst zu finden. Wie beneidenswert!


Vor seiner Familie hat Frank seinen Partner Wallid jahrelang versteckt (Bild: Amazon Studios)

Ähnlich wie die Protagonistin Ihres Films waren Sie in den Siebzigerjahren ein Teenager. Wie schwierig war es für Sie damals, schwul zu sein?

Fürchterlich schwer. Ich war in der High School in der Provinz in Georgia, als mir klar wurde, dass ich homosexuell bin. Diese Erkenntnis machte mir so viel Angst, dass ich alles dafür getan habe, es zu verstecken, zu unterdrücken und zu verleugnen.

Onkel Frank hat im Film sein Coming-out gegenüber der Familie erst viele Jahre, nachdem er längst weggezogen ist. War es bei Ihnen ähnlich?

Ja, und wie gesagt auch erst, als mein Vater nicht mehr lebte. Es war leider keine unkomplizierte, harmonische Sache. Aber zum Glück haben sich meine Mutter und auch der Rest meiner Familie irgendwann besonnen. Rückblickend muss ich sagen, dass mein Coming-out der wichtigste und größte Schritt in Richtung psychischer Gesundheit gewesen ist, den ich je unternommen habe. Endlich die Wahrheit auszusprechen und zu mir selbst zu stehen, das war eine enorme Befreiung. Und erlaubte mir eine Beziehung mit meiner Mutter zu haben, die nur möglich ist, wenn man nicht ein derart großes Geheimnis mit sich herumträgt.

Zur Selbstfindung gehört in "Uncle Frank" auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln und der Herkunft, das Finden eines Zugehörigkeitsgefühls. Entspricht die versöhnliche Note, die der Film da anschlägt, Ihren persönlichen Gefühlen?

Puh… Es war für mich ein langer Weg, herauszufinden, wo ich hingehöre, und ehrlich gesagt habe ich den Eindruck, dass dieser Weg noch bis an mein Lebensende weitergehen wird. Ich gehöre definitiv nicht in die Südstaaten. Ich bin dort geboren und aufgewachsen und meine Familie lebt noch immer dort, aber zuhause bin ich dort nicht. Sie akzeptieren mich und ich akzeptiere sie, aber es geht mir besser am anderen Ende des Landes.

Interessanterweise spielen die Südstaaten trotzdem immer wieder eine große Rolle in Ihrem Werk, in "True Blood" natürlich, aber eben jetzt auch in "Uncle Frank"…

Wirklich bewusst gemacht habe ich mir das allerdings nie, außer jetzt in diesem Fall. Allerdings gibt es natürlich eine große Tradition fantastischer Literatur aus den Südstaaten. Es macht großen Spaß, Figuren von dort zu schreiben, allein schon weil ihre Sprache so wunderbar musikalisch ist. Aber als psychologische Auseinandersetzung mit meiner Herkunft war das bestenfalls unbewusst.

Apropos "True Blood": Mit der Serie und natürlich auch mit "Six Feet Under" haben Sie Fernsehgeschichte geschrieben. Wie blicken Sie selbst heute auf diese Arbeiten zurück?

Ich habe beide in bester Erinnerung, das waren für mich wirklich wunderbare Erfahrungen. Keine Ahnung, ob das wegweisende Serien waren, das müssen andere entscheiden. Aber es war auf jeden Fall ein großes Glück, dass ich die Chance hatte, diese Serie zu einer Zeit auf den Weg zu bringen, in der sich im Fernsehen und in Sachen Serien plötzlich ganz viele Türen öffneten. Aus künstlerischer Sicht war es enorm befriedigend und gleichzeitig faszinierend, was ich damals alles machen und ausprobieren durfte. Ein klassischer Fall von: zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen.

Direktlink | Englischer Originaltrailer zu "Uncle Frank"

Infos zum Film

Uncle Frank. Melodram. USA, 2020. Regie: Alan Ball. Darsteller*innen: Paul Bettany, Sophia Lillis, Judy Greer, Stephen Root, Steve Zahn, Margo Martindale, Lois Smith, Jane McNeill, Cole Doman, Peter Macdissi, Colton Ryan.Laufzeit; 95 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung, englische Originalfassung. FSK 12. Amazon Studios. Seit 25. November 2020 zum Stream bei Amazon Prime Video