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ARD-Krimireihe

Das große queere "Tatort"-Lexikon

Vor 50 Jahren – am 29. November 1970 – wurde der erste "Tatort" ausgestrahlt. In diesem ersten Teil unserer zweiteiligen Serie stellen wir die 63 (von bislang 1.146) Folgen vor, in denen LGBTI-Figuren eine Rolle spielen.


In Folge 808 "Altes Eisen" aus dem Jahr 2011 spielt Edgar Selge die trans Figur Trudi Hütten (Bild: ARD)
  • Von Erwin In het Panhuis
    28. November 2020, 06:05h, 4 Kommentare

Der "Tatort" ist die erfolgreichste Krimireihe der ARD. Die Erstausstrahlungen werden jeweils von rund acht bis zehn Millionen Menschen gesehen. Mittlerweile gibt es 1.146 "Tatort"-Folgen (Stand 29.11.2020), die von unterschiedlichen Ermittler*innen-Teams in unterschiedlichen Städten handeln. In mindestens 63 dieser Folgen spielen LGBTI-Figuren eine Rolle. Dieses Lexikon hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, bietet aber zumindest einen Überblick über die wichtigsten Folgen.

Neben einer kurzen Inhaltsangabe und einer Bewertung verweise ich auch auf Hintergründe und Rezensionen. Um Aussagen darüber treffen zu können, wie oft es sich bei den Mördern um LGBTI handelt, ist Spoilern notwendig. Die angegebenen Minutenangaben sind nur als grobe Orientierung anzusehen. Sie können variieren, je nachdem, ob eine DVD oder eine Fernsehaufnahme vorliegt.

"Frankfurter Gold": Pinky Ring und rosa Bettwäsche
(Folge 6 vom 4. April 1971. HR/Frankfurt. Ermittler: Kommissar Konrad)

In einer Nebenrolle ist der exaltierte Künstler Dr. Achim Otto zu sehen, der als "besonderer Vogel" bezeichnet wird (42:40), einen Pinky Ring trägt (1:11:40) und in rosa Bettwäsche schläft (ab 1:12:25). Ottos Äußerung "Die Natur geht seltsame Wege" (1:19:55) wirkt kontextlos (hier zur Zeit online).


Achim Otto in rosa Bettwäsche

Die Darstellung Ottos entspricht klischeehaft dem Bild, das sich Heterosexuelle zu dieser Zeit von Homosexuellen machten. Otto entspricht einer "Sissy", also einem Rollentypus, bei dem die sexuelle Orientierung uneindeutig und die Person als Witzfigur angelegt ist. Es ist nur ein schwacher Trost, dass mit Kultiviertheit auch positive Klischees bedient werden.

"Mord im Grand Hotel": Trans Sexarbeiterinnen als Exotinnen
(Folge 105 vom 21. Oktober 1979. ORF/Wien. Ermittler: Viktor Marek)

In einem Mordfall bietet sich die junge Lizzy als Informantin an. Die Kommissare suchen sie in einem Bordell auf, wo sie als Prostituierte arbeitet und wo auch junge Männer und trans Frauen beim Anschaffen gezeigt werden (51:55-56:00). Vermutlich war der Gangster Robert Radek als schwule Figur geplant: Seinen Freund Jimmy berührt er zärtlich an der Schulter (ab 1:10:20), und er wird mit Pinky Ring und dem sogenannten gebrochenen Handgelenk gezeigt (1:14:30).


Ein Blick in ein Bordell aus reißerischer Perspektive

Der Blick in ein auch schwules und trans Bordell wurde 1979 bestimmt als mutig angesehen, ist aber leider nur als reißerische Kulisse inszeniert, in der nur Lizzy mit ihrem biografischen Background persönlich erfahrbar ist. Die Welt der Schwulen und trans Frauen wird mit Prostitution und Kriminalität in Verbindung gebracht. Ein Lehrstück über die verzerrenden Klischees der Siebzigerjahre.

"Das Mädchen auf der Treppe": Schimanski soll Thanner abknutschen
(Folge 138 vom 27. Juni 1982. WDR/Duisburg. Ermittlerduo: Horst Schimanski / Christian Thanner)

Nach einem Streit sagt Thanner zu seinem Kollegen Schimanski in Form einer deeskalierenden Geste: "Soll ich dir um den Hals fallen, dich ein bisschen abknutschen?" Schimanski erwidert leicht provozierend mit den Worten: "Warum nicht?" Danach sind beide Männer wieder versöhnt (hier online bis 22. Dezember 2020).

Es ist ein ähnlicher Humor wie in den späteren Folgen aus den Jahren 1982 bis 1984. Heterosexuelle Polizisten machen ihre Witzchen über Schwule. Es geht nicht um offene Diskriminierung und um beleidigende Sprüche, denn Schimanski zeigt sich nicht angewidert, sondern herausfordernd. Es wird Schwule geben, die mitschmunzeln, und andere, die die Szenen als homophob ansehen.

"Kuscheltiere": Thanner und Schimanski bekommen ein Kind
(Folge 143 vom 12. Dezember 1982. WDR/Duisburg. Ermittlerduo: Horst Schimanski / Christian Thanner)

Als Thanner eifersüchtig reagiert, weil Schimanski bei Frauen besser ankommt, wird er von Schimanski in einer spontan wirkenden Geste auf die Stirn geküsst (33:30). Als die beiden Polizisten später bei einer Adoptionsvermittlung inkognito ermitteln wollen, rät ihnen ihr Kollege Hänschen: "Keine schlechte Idee. Aber ihr beide seht nicht aus wie ein schwules Ehepaar, das unbedingt ein Kind adoptieren will. An deiner Stelle würde ich nicht Thanner, sondern eine Frau mitnehmen" (43:00). In der letzten Einstellung kommt Schimanski zu Thanner und sagt zu ihm: "Wir haben ein Kind, Thanner" (1:28:30) (hier online bis 29. Dezember 2020).


Horst Schimanski gibt seinem Kollegen Christian Thanner einen Kuss auf die Stirn

Es ist vielleicht das erste Mal, dass im "Tatort" Schwulsein deutlich ausgesprochen wird. Es ist weder ein Witz auf Kosten von Schwulen noch ein avantgardistisches Plädoyer für das Adoptionsrecht von zwei Männern, sondern wohl einfach Geschmackssache.

"Miriam": Schimanski, Thanner und Szenen einer Ehe
(Folge 146 vom 4. April 1983. WDR/Duisburg. Ermittlerduo: Horst Schimanski / Christian Thanner)

Für die Zuschauenden ist es zuerst unklar, wer Schimanski ein Spiegelei an die Dusche bringt, für ihn spült und eine Schürze trägt. Es ist Thanner, der vorübergehend bei Schimanski wohnt und ihm vorwirft zu schnarchen (00:00-2:50). Nach einem "Komm, Gnädigste" fahren sie beide zur Arbeit (2:40). Auf der Arbeit macht sich ihr Chef Dr. Born über ihr Zusammenleben lustig: "Das ist ja entzückend. Wann wollen Sie denn ihr Zusammenleben legalisieren lassen?" (3:50) Weil Schimanski nicht pünktlich zum Essen zu Hause ist, reagiert Thanner eifersüchtig und betrinkt sich. Schimanski bringt ihn später ins Bett, hilft ihm beim Ausziehen und wehrt dabei eine Hand ab. Thanner will eine gemeinsame Wohnung mit Schimanski und betont: "Wir brauchen die Weiber nicht" (38:50-41:10 Min). Später liest Thanner aus der Zeitschrift "Brigitte" vor, dass "alle menschlichen Beziehungen erotischer Natur" seien, und stellt dann sich und seinem Kollegen Hänschen die Frage: "Weißt du, was das heißt?" (56:00). (hier online bis 6. Januar 2021).

Der Humor dieser Folge lebt von der Imitierung einer heterosexuellen Liebesbeziehung, wobei die Assoziation eines schwules Paares zum Greifen nah ist, aber nicht ausgesprochen wird. Dr. Born äußert sich dazu erkennbar abwertend. In Bezug auf Homosexualität und das Schimanski-Thanner-Duo ist dies wohl die deutlichste Folge.

"Kielwasser": Der Mord an einem "Transvestiten"
(Folge 156 vom 25. März 1984. WDR/Duisburg. Ermittlerduo: Horst Schimanski / Christian Thanner)

Der Blick fällt zunächst auf das schwarze Kleid des Mordopfers. Erst danach ist erkennbar, dass es sich bei der Leiche um einen feminin wirkenden männlichen Körper in Strumpfhosen handelt (3:50-4:45). Später gesteht ein Mann, den "Transvestiten" in dem besetzten Haus ermordet zu haben (46:10). (hier online bis 13. Januar 2021).


Schimanski und Thanner beleuchten den Mord an einer queeren Person

Es ist ungewöhnlich und vor allem auch schade, dass die Ermordung eines "Transvestiten" nur zu einem Nebenmord und einer Nebenhandlung verkommt. Über das Opfer und die Beweggründe seiner Ermordung erfährt man nichts. Es ist unangenehm und unangemessen, wie hier der Tod einer queeren Person mit dem Drogen-Milieu in Verbindung gebracht wird.

"Zweierlei Blut": Götz George und Dietmar Bär ziehen blank
(Folge 159 vom 22. Juli 1984. WDR/Duisburg. Ermittlerduo: Horst Schimanski / Christian Thanner)

Auch in dieser Folge sind die üblichen "Szenen einer Ehe" mit Schimanski und Thanner zu sehen (ab 1:00; 30:00). Als sich Schimanski bei Hooligans einschleust, lernt er Ernst kennen, der Schimanski mit "Oder tickst du andersrum?" indirekt als schwul beleidigt (36:35). Als Schimanski als Polizist enttarnt wird, ziehen ihn die Hooligans zur Demütigung nackt aus und legen ihn im Stadion ab (54:00-55:40). Später revanchiert sich Schimanski, und Ernst muss sich vor ihm ausziehen (1:26:00).


Horst Schimanski bzw. Götz George zieht blank

Im Buch "tatort. das buch" (2015) wird auf Schimanskis "legendäre Nacktszene" eingegangen. Der Darsteller von Ernst ist Dietmar Bär, der hier das erste Mal im Fernsehen zu sehen ist und seit 1997 als Kommissar Freddy Schenk an der Seite von Max Ballauf im Kölner "Tatort" ermittelt.

"Lauf eines Todes": Die Akzeptanz ist hier "großzügig gedacht"
(Folge 227 vom 21. Januar 1990. NDR/Hamburg. Ermittlerduo: Paul Stoever / Peter Brockmöller)

Harry Tischler wurde erstochen. Er leitete ein Bordell und hatte selbst eine Vorliebe für männliche Prostituierte. Außerdem war er auch der Privatchauffeur des Politikers Herwart Branding. Branding wird befragt: "Sie haben nie was gemerkt von seinen … Neigungen?" (4:20) Dass ein bekannter Politiker wie Branding die Homosexualität seines Chauffeurs akzeptiert, weil das zum "privaten Freiraum" eines Mitarbeiters gehört, wird vom Ermittler Stoever (D: Manfred Krug) kommentiert: "Das ist ungewöhnlich großzügig gedacht – in seiner Position" (48:50 Min.). Eine Spur führt zu dem Juwelier Lothar Cassano, der zugibt, aufgrund seiner Homosexualität von Tischler erpresst worden zu sein. Später gesteht Tischlers Exfreund Jerry Baginski den Mord.


Manfred Krug (r.) ermittelt nach der Ermordung des schwulen Harry Tischler

Es ist der erste "Tatort", der in seiner Haupthandlung auf Homosexualität Bezug nimmt, wobei "großzügig gedacht" sehr gut den Zeitgeist widerspiegelt. Geschildert wird hier das klassische aus Prostitution und Gewalt bestehende Klischee des "Homosexuellen-Milieus". Die männliche Prostitution wird abgewertet und die sexuellen Vorlieben und Fetische werden als "ekelhaft" (9:35 Min) bezeichnet. Die Frage im Kontext Prostitution "Haben Sie keine Angst vor Aids?" (30:30 Min.) wirkt mit Bezug auf die Situation von 1990 nicht illegitim, aber nicht durchdacht.

"Der Fall Schimanski": Schimanskis schwuler Untermieter
(Folge 252 vom 29. Dezember 1991. WDR/Duisburg. Ermittlerduo: Horst Schimanski / Christian Thanner)

Auf der Suche nach einem Untermieter lernt Schimanski den sympathischen Uli kennen, der sich selbstbewusst als schwul vorstellt: "Ich habe einen festen Freund mit einer eigenen Wohnung und ich empfange garantiert keine Damenbesuche" (35:40). Nach seinem Einzug ist er in der Wohnung beim Staubsaugen und Bügeln mit extravaganter und lasziver Kleidung zu sehen und wird von Schimanski ironisch mit "Mäuschen" angesprochen (38:35). Schimanskis Chef findet es nicht "normal", dass er mit einem Mann zusammenlebt, und behauptet gegenüber der Polizeipsychologin, dass Schimanski homosexuell sei, woraufhin ihm die Psychologin mitteilt, dass ein "spätes Coming-out" vorkommen könne (57:55). Am Ende der Folge kündigt Schimanski bei der Polizei und Uli hilft ihm bei der Selbstfindung (hier zur Zeit online).


Die vermutlich erste schwule Sprechrolle im "Tatort": Der schwule Uli beim Bügeln

Zu dieser letzten Schimanski-Folge schreiben Dennis Gräf und Hans Krah in ihrem Buch "Sex & Crime" (2011, S. 80-81): Hier "fungiert Schwulsein als Zeichen des Anti-Mannes per se, zu dem Schimmi dekonstruiert wird". Vermutlich ist es die Absicht der Rezensenten, dem Klischee vom femininen schwulen Mann zu widersprechen. Damit werten sie jedoch feminine schwule Männer wie Uli unabsichtlich ab.

"Mord in der Akademie": Die schwule Kunst zu überleben
(Folge 290 vom 24. April 1994. WDR/Düsseldorf. Ermittler*innentrio: Bernd Flemming / Miriam Koch / Max Ballauf)

In der Düsseldorfer Kunstakademie wird der bisexuelle Kunststudent Till Bornemann ermordet. Ermittelt wird u.a. gegen den Studenten Gereon Müller (D: Rufus Beck) und den Leiter der Gipswerkstatt, Heinz Joesges, der mit Till Bornemann ein Verhältnis hatte. Zur Schlüsselfigur wird der schwule Gerd "Greta" Kosminski. Er ist Inhaber der Schwulenbar "Frisco", wo sich Max Ballauf als Schwuler ausgibt, um zu ermitteln (23:40-29:20). Joesges und Bornemann sind bzw. waren beide HIV-positiv. Bornemann Freundin Pia hatte zwar mit Bornemann ungeschützten Verkehr, erfährt später jedoch, dass sie HIV-negativ ist. Joesges gesteht den Mord. Er habe ihn begangen, weil Till immer mehr Geld von ihm haben wollte und weil er sich durch ihn mit HIV infiziert hat (hier zur Zeit – mit verkleinerten Bildausschnitt – online).


Max Ballauf (l.) ermittelt gegen Gereon Müller (D: Rufus Beck)

Die "TV Spielfilm" (1994) bezeichnet die Folge als "etwas unsensibel", was stark untertrieben ist. Ich störe mich nicht an dem weiblichen Vornamen "Greta" und nicht daran, dass der Mörder schwul ist, sondern daran, wie in unrealistischer und klischeeüberladener Form (Halstuch, Oper etc.) die Homosexuellenszene von 1994 beschrieben wird. Die Szene in der Schwulenbar ist zum Fremdschämen. Diesem Krimi wurde auch vorgeworfen, "reißerisch mit dem Thema Aids umzugehen" (ebenfalls "TV Spielfilm"). Auch dieser Vorwurf ist angebracht, weil die Folge fast nur unüberlegte Äußerungen über HIV enthält. Als Message kommt rüber: Die Schwulen bekommen zwar Aids, die heterosexuelle Pia zum Glück aber nicht

"Ein ehrenwertes Haus": Der schwule Vermieter
(Folge 302 von 8. Januar 1995. MDR/Leipzig. Ermittlerduo: Bruno Ehrlicher / M. Kain)

Der Vermieter Rudolf Vermeier wünscht sich ein "ehrenwertes" Haus und hat einem Mieter gekündigt, der später ermordet wurde. Vermeier geht gerne in die "Kleine Philharmonie", eine unauffällige Schwulenbar (2:05; 34:25; 58:55), die mit einer Regenbogenfahne dekoriert ist und wo Lederkerle und Anzugträger zur Kundschaft gehören. Als der heterosexuelle Kommissar Kain in dieser Kneipe ermittelt, wird er angebaggert und reagiert mit "Ein andermal, Schatz" recht souverän.

Dennis Gräf und Hans Krah schreiben in ihrem Buch "Sex & Crime" (2011, S. 77-78) neben kritischen Kommentaren zur Kneipe, dass Vermeier als Schwuler "auf das Nicht-Dazugehörige, Abweichende" verweise und das "Nicht-Gewollte" repräsentiere, von dem "man sich abgrenzen will". Für mich ist dies eine nicht nachvollziehbare Analyse, weil es im ganzen Film keinerlei Formen der Diskriminierung Vermeiers oder der Abgrenzung von ihm aufgrund seiner Homosexualität gibt.

"Wer nicht schweigt, muß sterben": Mord im "Milieu"
(Folge 327 vom 10. März 1996. MDR/Leipzig. Ermittlerduo: Bruno Ehrlicher / M. Kain)

Dr. Hammerschmidt wird ermordet in S/M-Montur auf seinem Bett gefunden, woraufhin Ermittlungen wegen Raubmord im "Homosexuellenmilieu" aufgenommen werden (8:30). Die Hinweise auf Besuche von jungen, kräftigen Kerlen (9:45) führen Kommissar Kain in die Schwulenbar "Coming Out", wo ein Lederkerl ihn anmacht, ihm aber auch Hinweise auf Prostitution liefert (14:30-17:35). Später gibt Hammerschmidts Arbeitgeber, O. W. Meister, an, dass er zwar ein "toleranter Mensch" sei, er habe aber Hammerschmidt als seinen Rechtsberater wegen dessen Homosexualität entlassen müssen, weil er dadurch erpressbar gewesen sei (19:40).


Der Tote in S/M-Montur als Ausdruck des "Milieus"

Für 1996 hanebüchene Positionen zur Homosexualität in der Arbeitswelt in einer der wenigen MDR-"Tatort"-Folgen mit LGBTI-Bezug. Wieder einmal wird das angebliche "Homosexuellenmilieu" gezeigt, das sich angeblich auf Gewalt und Prostitution gründet. Wieder einmal eine Schwulenbar mit Lederkerlen, die den ermittelnden Polizisten angraben. Auch Dennis Gräf und Hans Krah gehen in "Sex & Crime" (2011, S. 75) auf Hammerschmidt ein, den sie als ein für Krimis typisches schwules Opfer eines Verbrechens beschreiben.

"Liebe, Sex, Tod": Die trans Mörderin
(Folge 356 vom 6. April 1997. BR/München. Ermittlerduo: Ivo Batic / Franz Leitmayr)

Lukas Homann begreift sich als Frau und übernimmt deshalb den Namen und die soziale Rolle ihrer verstorbenen Schwester Judith. Als Judith Homann arbeitet sie in einem Supermarkt und wird vor Regalen mit rosa Spielpuppen gezeigt. Als "Cocoon" arbeitet sie außerdem in einem Sexclub, um sich Geld für eine Geschlechtsangleichung zu verdienen. Als sie körperlich bedrängt wird, ermordet sie als "Cocoon" einen Sex-Kunden und als Judith einen Vertreter für Spielpuppen.

Die Anspielungen auf "Cocoon" und Schmetterlinge sind Symbole der Transition und – ebenso wie eine Parallelmontage im Film – eine Referenz auf "Das Schweigen der Lämmer" (1991). Dieser Spielfilm und die "Tatort"-Folge lassen sich in gleicher Weise bewerten. In "Sex & Crime" (2011, S. 70-72) wird die klischeehafte Darstellung in diesem "Tatort" kritisiert und darauf hingewiesen, dass Transidentität damit eine "extrem und eindeutig kriminalisierende und ausgrenzende" Bedeutung zugeschrieben bekomme. Zudem kritisieren die Autoren, dass die Ablehnung der Transidentität durch den Vater als "verständliche und legitime" Position vermittelt werde, wobei sie allerdings unberücksichtigt lassen, dass die Empathie der Ermittler der Antipathie des Vaters entgegengesetzt wird.

"Rosen für Nadja": Travestie auf der Theaterbühne
(Folge 378 vom 15. Februar 1998. HR/Frankfurt. Ermittler: Edgar Brinkmann)

Unter seinem Künstlernamen Harriette Dimanche tritt Harry Sonntag regelmäßig gemeinsam mit anderen Travestiestars im "Tingelpalast" auf. Als sein Vater Harry Forster ermordet wird, gerät er unter Mordverdacht, weil er als Sohn viel Geld erben würde. Im Gegensatz zur Mutter wusste Harry Forster jedoch gar nichts davon, dass Harry Sonntag sein Sohn war. Die Mutter hat dies auch später dem Vater verschwiegen, weil er einen schwulen Sohn, der in Frauenkleidern auftritt, wohl nie akzeptiert hätte (1:17:30). Den Auftritt von Harriette Dimanche finden die Polizisten "sehr amüsant – auf seine Weise" (1:15:30). Für seinen jüngeren schwulen Bühnenkollegen Jerry organisiert Harry Sonntag eine Geburtstagsparty. Dabei gibt er ihm einen Kuss auf die Wange (38:30), reagiert später jedoch eifersüchtig, als sich Jerry von einem anderen Mann abschleppen lässt (50:25-51:35). Der Mord hat jedoch keinen schwulen Hintergrund.


Harriette Dimanche bei einem Bühnenauftritt

Harry Sonntag ist zwar stets aufgedreht, aber nicht unsympathisch, und es ist wichtig, dass die Zuschauer*innen ihn auch außerhalb der Bühne und außerhalb seiner Rolle als "Harriette" kennenlernen. Wenn die ARD von "frivolen Songs" schreibt, meint sie damit Zeilen wie "es zittert im Gebälk nicht mehr" (= nachlassende Erektion). Verkörpert wird Harry Sonntag durch den Schauspieler Hans Falár, der auch schon in Tony Kushners Schauspiel "Angels in America" (1993/94) und Peter Kerns Film "Hab' ich nur deine Liebe" (1989) auftrat.

"Blick in den Abgrund": Trans-Mord als "Betriebsunfall"
(Folge 381 vom 5. April 1998. SFB/Berlin. Ermittlerduo: Ernst Roiter / Michael Zorowski)

Der sich prostituierende "Transvestit" Martin "Monique" Wasdrak wird ermordet und aus dem Berliner Landwehrkanal geborgen. Zunächst gehen die Ermittler davon aus, dass ein Freier ihn wohl für eine Frau gehalten habe, und bezeichnen dies als einen "Betriebsunfall". Verdächtigt wird zunächst der polizeibekannte Spanner Richard Höpke, der wegen der Vergewaltigung eines "Transvestiten" bereits zwei Jahre lang im Gefängnis saß. Als Mörder entpuppt sich später jedoch der Leichenfahrer Markus Engel, der in seiner Kindheit von seinem Vater jahrelang sexuell missbraucht wurde (1:18:35).

Auch in diesem "Tatort"-Fall gibt es die unangenehme und nicht gerechtfertigte Verbindung von Transidentität, Prostitution und Kriminalität. Es ist schade, dass die Folge von transgender-net zwar inhaltlich beschrieben, aber nicht bewertet wird. "TV Spielfilm" kritisiert: "Läppische Dialoge und gekünstelte Atmosphäre: Leider nur ein Blick ins Leere."

"Das Glockenbachgeheimnis": Iris Berben als Mörderin eines Schwulen
(Folge 423 vom 3. Oktober 1999. BR/München. Ermittlerduo: Ivo Batic / Franz Leitmayr)

Nach der Ermordung von Lenny Martens gerät sein Geliebter Paul Rochus in Verdacht. Ermittelt wird u.a. in einer namentlich nicht genannten Schwulenbar (1:02:05-1:02:45) und im Café "Jasmin", wo Paul und Lenny regelmäßig Klavier gespielt haben (1:06:00). Als Mörderin erweist sich später Frieda Helnwein (D: Iris Berben), die sich als starke Frau bezeichnet und Lenny ermordet hat, weil er Paul Rochus gegenüber dessen Mutter outen wollte, bei der er immer noch wohnt.


Einblicke in eine Schwulenbar: Der wohl erste schwule Kuss im "Tatort"

Der Umgang mit Schwulen und auch die Ermittlungen in einer Schwulenbar haben endlich etwas Selbstverständliches. Hier fallen weniger einzelne Klischees auf (ein femininer Schwuler, der bei seiner Mutter wohnt und dessen Abschiedsbrief nach Lavendel riecht), sondern vor allem der an einigen Stellen angenehme sensible Humor: Als der heterosexuelle Ivo Batic versucht, Paul Rochus vom Freitod abzuhalten, sagt er über die Liebe: "Das kommt auch bei uns vor" (01:08:50).

"Martinsfeuer": Ein vielseitiger krimineller Stricher
(Folge 429 vom 5. Dezember 1999. WDR/Köln. Ermittlerduo: Max Ballauf / Freddy Schenk)

In einem Mordfall gerät der Stricher Leon Dewitt unter Verdacht, der sich meistens an Frauen verkauft, sich aber auch auf schwule Männer einlässt und am Bahnhof anschaffen geht (43:40). Er wurde früher schon mal verklagt, weil er – so Schenk – einer "reichen Schwuchtel in (Köln-)Marienburg das Silber geklaut" hat (50:05). Er ist jedoch nicht der Mörder.


Der kriminelle Stricher Leon Dewitt bei der Arbeit

In dieser Folge wird nur mit wenigen Sätzen auf gleichgeschlechtlichen Sex angespielt. Sie ist vor allem eine beklemmend realistische Milieuzeichnung über Familien der sozialen Unterschicht.

"Kalte Herzen": Ende einer schwulen Hollywoodkarriere
(Folge 440 vom 2. April 2000. SWR/Ludwigshafen. Ermittler*innenduo: Lena Odenthal / Mario Kopper)

Das Topmodel Amy Bell wird erstochen aufgefunden. Mit dem schwulen Filmstar Tom Soengen verband sie eine Scheinehe, die er als bürgerliches Alibi benötigte. Kurz danach wird auch Soengens Liebhaber und Sekretär Romano erstochen. Soengens Agentin Frenzy Soutter gesteht später beide Morde. Sie befürchtete ein Outing von Soengen, was auch ihr berufliches Ende bedeutet hätte.

Eine angenehm sensible Folge mit passenden Botschaften über Homosexualität und Hollywood. Heute ist die Folge wohl vor allem deshalb spannend, weil sich Lena Odenthal – die von der offen lesbischen Schauspielerin Ulrike Folkerts verkörpert wird – in einem längeren Gespräch mit Soengen über seine Homosexualität auseinandersetzt (1:18:10-1:26:50) und ihn später – nach dem Outing durch die Medien – zu trösten versucht: "Vielleicht ist es ja irgendwann mal möglich ..." (1:35:35) (Die Minutenangaben beziehen sich auf eine zurzeit online verfügbare Fassung bei Youtube in 1:37:31 Min. mit verlangsamter Geschwindigkeit).

"Mauer des Schweigens": Ilja Richter in einer schwulen Nebenrolle
(Folge 455 vom 24. September 2000. HR/Frankfurt. Ermittler: Edgar Brinkmann)

Henning Wentz wird tot in seiner Villa gefunden. Seine Ehefrau Claudia weicht den Fragen der Ermittler aus und schickt sie zu Frank Mosbach (D: Ilja Richter), dem Besitzer des Varietés "Ballroom", der gemeinsam mit seinem Lebenspartner Linn Tenhoven angetroffen wird (27:20-31:00). Die Ermittler erfahren, dass sich Henning Wentz von seiner Frau getrennt und in dem verheirateten Stefan Gruber einen neuen Partner gefunden hat. Der Mord klärt sich so auf: Wentz hatte beruflich den Börsengang einer Pharma-Firma vorbereitet und wollte dabei verantwortungsvoll mit den finanziell aufwändigen Altlasten umgehen. Sein Chef Matthias Gutzkow wollte diese hohen Kosten nicht übernehmen und tötete Wentz. Zwischen Wentz' Coming-out und seinem beruflichen Handeln stellt Gutzkow eine interessante kausale Verbindung her: Wentz habe weder privat noch beruflich etwas verbergen wollen (1:23:00).

Eine inhaltlich starke Folge, die gleich vier selbstbewusste Schwule zeigt und mit Ilja Richter (u.a. bekannt aus "Disco" von 1971-1982) einen Gaststar bietet. Das Varieté wird hier wie ein Schutzraum für Homosexuelle präsentiert. Weil Homosexualität sehr präsent ist, ist es erstaunlich, dass der Wikipedia-Beitrag ausführlich den Inhalt beschreibt, ohne dabei auf Homosexualität einzugehen.

"Bienzle und der heimliche Zeuge": Der schwule Leiter eines Knabenchors
(Folge 469 vom 6. Mai 2001. SWR/Stuttgart. Ermittler: Ernst Bienzle)

Die Managerin Barbara Massenbach wird erstochen. Ein kleiner Junge wird unfreiwillig Zeuge, hat aber vom Täter nur dessen Schuhe gesehen. Zunächst wird der Chorleiter Marcus Canteni verdächtigt, denn die Managerin wollte ihn wegen seiner Homosexualität entlassen, weil sie ihn als Leiter eines Knabenchors nicht länger für tragbar hielt. Später wird auch noch sein Lebenspartner, der Pfarrer Bernd Keitel, verdächtigt. Als Mörder erweist sich später Henry Buchenhöfer. Der hatte zunächst versucht, Canteni mit einem Hinweis auf sein Schwulsein zu diskreditieren. Bienzle entgegnet: "Na und? Halten Sie das für ein Problem? […] Schwulsein heißt doch noch lange nicht, dass er auf kleine Jungs steht" (1:04:15-1:04:30). In einer Parallelhandlung ist die Frau des Kommissars Bienzle beim Aktzeichnen zu sehen, wobei sich ihr männliches Aktmodell später ebenfalls als schwul outet.


Ein schwules Aktmodell – eine Form der künstlerischen Sublimierung von Sexualität

Die Betonung, dass Homosexuelle nicht automatisch pädosexuell sind, war zu dieser Zeit wohl leider immer noch nötig. Auffallend ist, wie zurückhaltend das körperliche Verhältnis zwischen Marcus Canteni und seinem Lebenspartner Bernd Keitel inszeniert ist: Es ist nur zu sehen, wie sie sich gegenseitig die Hand auf die Schulter legen. Die Sprache des Kommissars Bienzle wirkt meistens recht prüde und bewegt sich auf der Ebene von "bestimmte sexuelle Vorlieben" und "sexueller Veranlagung" (1:07:00-1:09:00). Um Nacktheit auch außerhalb des Sexuellen zu zeigen, werden in Filmen häufig Duschszenen verwendet. Einen nackten Mann wie hier als Aktmodell zu zeigen, lässt sich als Form der künstlerischen Sublimierung verstehen.

"Fette Krieger": Ein lesbisch anmutender Kuss von Lena Odenthal
(Folge 474 vom 15. Juli 2001. SWR/Ludwigshafen. Ermittler*innenduo: Lena Odenthal / Mario Kopper)

Am Anfang dieser Folge macht Odenthal eine negative Erfahrung mit einem Mann. Später gibt es einige Szenen mit einer auffallenden körperlichen Nähe zu einer Frau (27:00, 34:25, 52:00). In einer weiteren Szene küsst sie diese Frau – in Gegenwart eines Polizisten – auf den Mund und tut so, als sei sie lesbisch (57:50). Das macht sie jedoch erkennbar nur, um als Graffiti-Sprüherin keinen Ärger mit der Polizei zu bekommen. Mit dem Satz "Das wirkt immer" kommentiert sie ihr kalkuliertes Verhalten (hier zur Zeit nur diese Szene online).


Ein lesbisch anmutender "Tatort"-Kuss von Lena Odenthal

Es ist der erste von zwei lesbisch anmutenden "Tatort"-Küssen von Lena Odenthal (s. Folge 1012). Im Internet kann man lesen, dass "Lena ihre wahre lesbische Neigung erstmals deutlich" zeige (Tatort-fans.de) und dass diese "Frauenkuss-Szene […] zum lesbischen Outing von Ulrike Folkerts" geführt habe ("TV Spielfilm"). Diese Äußerungen entbehren jeder Grundlage – auch wenn Ulrike Folkerts offen lesbisch lebt. Ein lesbischer Kuss mit dem einzigen Ziel, ein bestimmtes Verhalten von Dritten zu erreichen, ist zudem von einer emanzipatorischen Darstellung weit entfernt.

"Endspiel": Homophobie im Amateur-Fußball
(Folge 500 vom 20. Mai 2002. Radio Bremen/Bremen. Ermittler*innenduo: Inga Lürsen / Nils Stedefreund)

Im Duschraum des Amateurclubs FC Bremen wird der Trainer Detlev Günther tot aufgefunden. Verdächtigt wird u.a. Jesiah Kumono. Der Trainer wollte Jesiah aus der Mannschaft werfen, was für den gebürtigen Ghanaer einen massiven Einschnitt bedeutet hätte. Spuren am Tatort führen zu Kumonos Mitspieler, dem schwulen Florian Hinderksen. Dieser hatte den Trainer beim Duschen aufgesucht, um ihn zu bitten, Jesiah nicht auszuschließen. Dabei hat der Trainer Hinderksen wegen seines Schwulseins so provoziert, dass dieser ihn im Affekt gegen die Wand stieß, woraufhin er an den Verletzungen starb (1:25:00).

Eine sehenswerte Folge, bei der der seltene Fall vorkommt, dass ein Schwuler der Mörder ist, wobei Hinderksen wegen des Mobbings auch ein Opfer ist. Besonders gut inszeniert finde ich die Kinderturnschuhe, die Kumono Florian schenkt, als dieser wegen des Mordes abgeführt wird (1:26:40). Das Online-Magazin Tittelbach.tv ist zwar über die Folge nicht begeistert, weiß aber den Mut, "ein absolutes Tabu unter Fußballern" aufzugreifen, zu schätzen. Der Arbeitstitel "Freistoß" wurde vermutlich wegen seiner sexuellen Doppeldeutigkeit nicht übernommen. Die Folge ist vergleichbar mit Folge 794 über Homophobie im Profi-Fußball.

"Der doppelte Lott": Tim Fischer als Lebenspartner eines Ermordeten
(Folge 615 vom 20. November 2005. WDR/Münster. Ermittlerduo: Frank Thiel / Karl-Friedrich Boerne)

Der Kabarettist Joachim Montell macht sich über den Politiker Frieder Lott lustig, als dieser versucht, mit rechten Parolen Bürgermeister zu werden. Als Montell, als Lott verkleidet, ermordet wird, wird Montells Liebhaber Tom Linden (D: Tim Fischer) als Mörder verdächtigt, schließlich wollte Montell ihn für den Kölner Staatsanwalt Jansen verlassen (7:30-9:10; 19:50-23:35). Wegen Jansen werden die Ermittlungen nach Köln ausgeweitet, wo – so eine Bibliothekarin – es ja viele Männer "nicht so mit der Weiblichkeit" hätten (32:50). Das Mordmotiv ist jedoch, wie sich später herausstellt, ein anderes.


Tim Fischer macht als Tom Linden eine gute Figur

In diesem Krimi ist das Verhältnis zwischen Tom Linden und Joachim Montell eine gut inszenierte Nebenhandlung, die vor allem von dem Gastauftritt des schwulen Chansonniers Tim Fischer lebt, der bravourös schauspielert und singt.

"Der Finger": Helmut Berger als schwuler Koch
(Folge 664 vom 29. April 2007. BR/München. Ermittlerduo: Ivo Batic / Franz Leitmayr)

Edgar Kaufmann (D: Helmut Berger) ist verheiratet, hat aber seit seiner Jugendzeit auch ein sexuelles Verhältnis mit Burkhard Faber. Nach der Ermordung Fabers, von dem zunächst nur ein Finger gefunden wird, untersuchen die Ermittler sein Zuhause – wobei eine antike männliche Skulptur und ein Filmposter von "Nicht der Homosexuelle ist pervers …" zu sehen sind (ab 16:35). Kaufmanns Gefühle für seinen verstorbenen Lebenspartner werden deutlich, als er bei der Betrachtung früherer Fotos und Filme zu weinen beginnt (ab 54:10). Als Mörderin entpuppt sich später Frau Kaufmann, die ihren Mann nicht mehr mit dessen Liebhaber teilen wollte (1:26:00).


Ein schwules Familienbild aus glücklichen Tagen: Edgar Kaufmann und Burkhard Faber

Der Blowjob zwischen den beiden Männern zu Beginn der Folge wirkt zunächst mutig, wobei erst durch die spätere und sehr geschickte Inszenierung der Freundschaftsringe der beiden Männer klar wird, dass es dabei um schwulen Sex ging. Es ist nicht nur eine spannende, sondern auch eine sensible Folge, die sich viel Mühe gibt, das Leben eines Mannes zu verdeutlichen, der sich mit seinem Geliebten und seiner Ehefrau zu arrangieren versucht und beide nicht belogen hat. Die Möglichkeit einer offenen homosexuellen Liebesbeziehung erscheint allerdings (ähnlich wie in Folge 1130) nur anfänglich als möglich. Der Rezension im "stern" merkt man übrigens an, dass ein bisexueller Restaurantbesitzer und ein schwuler Gastro-Kritiker als weniger spannend wahrgenommen werden als die für einen "Tatort" ungewöhnlichen Andeutungen über Kannibalismus, die andere Rezensenten – angesichts von Fabers abgeschnittenen Finger – schon zu Wortspielen wie "Fingerfood" ermutigt haben.

"Verdammt": Was ist pervers?
(Folge 687 vom 21. Januar 2008. WDR/Köln. Ermittlerduo: Max Ballauf / Freddy Schenk)

Der pädosexuelle Paul Keller wird ermordet. Durch die anschließende Vernehmung des ebenfalls pädosexuellen Manfred Krüger ergeben sich Überschneidungen mit Homosexualität: Krüger versucht seine sexuellen Handlungen zu rechtfertigen, indem er die Frage stellt, was überhaupt pervers sei: "Wenn zwei Männer miteinander schlafen, wenn Ihr Chef heimlich Windeln trägt?" Krüger hat sich vor seinen Taten das Vertrauen der Eltern eines kleinen Mädchens erschlichen, indem er sich als schwul ausgab (48:10-49:40). Als Mörder Kellers erweist sich später der 13-jährige Daniel Günter, der sich jedoch wegen seines Alters nicht zu verantworten braucht.

Die Folge wurde zu Recht gelobt, weil sie in komplexer und reflektierter Form Standpunkte zur Diskussion um Sexualdelikte vorbildlich aufgreift. Es ist gut, dass der WDR vor der Ausstrahlung zwei Arbeitstitel verwarf: Der Titel "Schande" hätte sich nach verletzter Moral statt nach verletzten Rechtsgütern angehört und "Hoppe, hoppe Reiter" wäre in Anlehnung an den gleichnamigen und lustigen "Kniereitvers" dem ernsten Thema nicht gerecht geworden.

"Liebeswirren": Polizisten geben sich als schwul aus
(Folge 705 vom 28. September 2008. BR/München. Ermittlerduo: Ivo Batic / Franz Leitmayr)

Nachdem in München der schwule Fotograf Fritz Alt ermordet wurde, geraten zwei seiner ehemaligen Geliebten ins Visier der Ermittlungen: Ralf Kleinmann und der Familienvater Gerd Weißenbach. Indem sich Batic und Leitmayr im Schwulen-Club "Gordys" als Pärchen ausgeben, können sie Ralf Kleinmann ausfindig machen (58:00-1:02:50). Als Mörder des Fotografen entpuppt sich später Gerd Weißenbachs Sohn (1:24:40).

Insbesondere der wohl immer noch als mutig angesehene Besuch in einer Schwulenbar ist gut inszeniert. Batic trifft hier sympathische schwule Bekannte und stellt seinem Kollegen Leitmayr auch die Frage, was an einem offen schwulen Polizisten eigentlich problematisch sein solle. Diese Szenen wurden in Münchens realem schwulen "New York Club" gedreht. Die ganze Folge lebt davon, dass Schwule mit großer Selbstverständlichkeit gezeigt werden. Es geht nicht um ein "Homosexuellenmilieu", und es ist schade, dass ausgerechnet die ARD diese unpassende Formulierung verwendet.

"Herz aus Eis": Krimineller Hetero macht auf schwul
(Folge 723 vom 22. Februar 2009. SWR/Konstanz. Ermittlerin: Klara Blum)

In einem Elite-Internat ertränken Viktoria und Max ihren Mitschüler Stephan. Im Verlauf des Films wird deutlich, dass Max es ausgenutzt hat, dass Stephan in ihn verliebt war. Er hat sich sogar sexuell auf ihn eingelassen, um gemeinsam mit Viktoria eine Straftat begehen zu können. Max betont zwar, dass der Sex mit Stephan kein "Opfer" war, sieht sich jedoch als heterosexuell an und hat eine Beziehung mit Viktoria (35:40; 47:20; 1:12:45) (hier online bis 18. März 2021).

Marlies Klamt zitiert in ihrem Buch "Medien und Normkonstruktion" (2017, S. 164) den Kulturwissenschaftler Hendrik Buhl, der die "Darstellung als wenig zuträglich für Toleranz gegenüber Homosexuellen" ansieht, weil die Homosexualität als Zeichen der "skrupellosen Boshaftigkeit und der Amoralität der Protagonisten" dargestellt werde. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Nicht der schwule Stephan, sondern nur die heterosexuellen Viktoria und Max sind kriminell und haben ein "Herz aus Eis".

"Tödlicher Einsatz": Ein Schwuler beim SEK
(Folge 733 vom 10. Mai 2009. SWR/Ludwigshafen. Ermittler*innenduo: Lena Odenthal / Mario Kopper)

Bei einer Mordermittlung stößt Kopper auf den SEK-Beamten Christian Howald, der vor einer Schwulenkneipe in eine Schlägerei verwickelt war. Als Kopper in dieser Schwulenkneipe recherchiert, erfährt er, dass sich Howald mit seinem Lebenspartner Sandro geprügelt hat (55:00-56:05). Der Streit brach aus, weil Sandro ihre Beziehung offen leben wollte, während Howald davon ausging, dass dies beim SEK nicht möglich sei (1:01:25).

Meine Lieblingsszene ist, als Mario Kopper seine Kollegin Odenthal fragt: "Wo gibt es keine schwulen Männer? Außer in unserer Abteilung natürlich" und diese mit dem Hinweis auf die "Bundesliga" antwortet (59:10). Marlies Klamt zitiert in ihrem bereits erwähnten Buch "Medien und Normkonstruktion" (2017, S. 163-164) wiederum Hendrik Buhl, der die "stereotype und stark sexualisierte Darstellung eines Schwulenclubs" bemängelt und betont, der Film könne als "Plädoyer für eine gegenüber nicht-heterosexuellen Lebensformen offenere Gesellschaft gelesen werden". Das Outing werde "als emotionalisierend und potenziell Empathie evozierend vorgetragen". Warum sich Buhl daran stößt, dass die Bedienung in einer Schwulenbar ein Hundehalsband trägt, ist mir vollkommen schleierhaft.

"Tote Männer": Bisexualität und Biederkeit
(Folge 737 vom 14. Juni 2009. WDR, Radio Bremen/Bremen. Ermittler*innenduo: Inga Lürsen / Nils Stedefreund)

Der Libanese Malik Safiris wurde erstochen. Weil er als Sexarbeiterbekannt war und in der Schwulenszene verkehrte, wird von den Ermittlern eine Schwulenbar namens "Hinterzarten" mehrfach aufgesucht (6:15-7:15; 8:15-9:40). Als Mörderin entpuppt sich später Safiris' Ehefrau, die ihre Ehe als bedroht ansah.

Mit dieser Folge werden zwei heterosexuelle Liebesgeschichten erzählt (Stedefreund mit Freundin; der Beschuldigte Leon Hartwig mit Ehefrau). Die schwule Welt scheint dagegen nur aus Sex-Anmache und Prostitution zu bestehen. Die heterosexuelle Ehe ist hier das Gute, die homosexuellen Kontakte stellen nur eine Bedrohung dieser Ehe dar. Auch die "taz" äußert Kritik und ein Leserkommentar bringt das "Feindbild" so auf den Punkt: ,,Schwul/Bi – [ist] verlogen, schlecht sowie zerstörerisch für das traditionelle heile Familienbild." Von einem anderen User werden auch die vielen homophoben Beleidigungen der Ehefrau wie "die Perversen" kritisiert. Um ihr Mordmotiv als verständlich erscheinen zu lassen, sind diese Beleidigungen notwendig. Ich bin jedoch irritiert, dass nicht, wie meistens üblich, von anderen Personen eine Entgegnung kommt. In Wikipedia steht der unpassende Begriff "Schwulenmilieu".

"Platt gemacht": Udo Kier und die mann-männliche Prostitution
(Folge 742 vom 4. Oktober 2009. WDR/Köln. Ermittlerduo: Max Ballauf / Freddy Schenk)

In Köln bricht ein Obdachloser unter ungeklärten Umständen tot zusammen. Es ist der drogenabhängige Sexarbeiter Andi Lechner (38:10). Einer seiner Kunden war der HIV-positive Dr. Norbert Ellermann, der von einem Obdachlosen namens "Beethoven" (D: Hollywoodschauspieler Udo Kier) als sein "Sugar-Daddy" bezeichnet wird. Der Anfangsverdacht, dass Lechner von Ellermann ermordet wurde, bestätigt sich nicht. In der Leichenhalle nimmt Dr. Ellermann, untermalt von Klaviermusik, Abschied und küsst den toten Lechner auf den Mund (1:03:50-1:04:25). Lechners Mörderin ist eine Frau, die es eigentlich auf "Beethoven" abgesehen hatte.


Ein Kuss für einen Toten: Ellermann küsst Lechner auf den Mund

Die Szene in der Leichenhalle verdeutlicht gut das auch emotionale Verhältnis der beiden Männer, auch wenn dies vor allem durch Prostitution bestimmt war. Ein Kuss wie der hier gezeigte ist im "Tatort" leider nicht selbstverständlich. Erkennbar wichtiger als die Themen Homosexualität, Prostitution und HIV ist jedoch das Thema Obdachlosigkeit, was auch durch die Gastauftritte der Kölner Band "De Höhner" und des Volksschauspielers Peter Millowitsch (ab 1:22:00) deutlich wird. Gegen die Vorwürfe einer "vor Kitsch triefende[n] Sozialstudie" ("stern") und "Gefühlsduselei" ("Berliner Morgenpost") nehme ich diese gute Folge gerne in Schutz.

"Um jeden Preis": Homosexualität und eine Gewerkschaftskarriere
(Folge 744 vom 18. Oktober 2009. BR/München. Ermittlerduo: Ivo Batic / Franz Leitmayr)

Zu Beginn der Folge erhängt sich der 30-jährige Rainer Truss, der in den älteren Leo Greedinger, den Vorsitzenden der (fiktiven) Gewerkschaft "VIG", verliebt war. Weil durch den Freitod ihr homosexuelles Verhältnis öffentlich werden könnte, wird Greedinger von seinem Berater Max Janussen geraten, seine erneute Kandidatur zurückzuziehen. Alleine schon die Bekanntschaft mit diesem "warme[n] Bruder" sei gefährlich: "Die Medien werden dich zur Schwuchtel machen" (1:17:35-1:19:05). Kurz danach erscheint die – von Janussen lancierte – Titelschlagzeile in der Boulevard-Presse: "Hatten die beiden eine Affäre?" (1:24:20) Am Ende wird deutlich, dass Greedinger seinen Freund Truss erpresste und ihn damit in den Freitod trieb. Der Ermittler Ivo Batic und der Beschuldigte Greedinger kennen sich seit vielen Jahren; ihr Verhältnis wird als Bromance dargestellt (1:08:00).

Es ist eine clever konstruierte Folge, die berufliche Probleme und die Rolle der Medien aufgreift. Tittelbach.tv beschreibt die Folge zu Recht als einen Krimi, "der moralische Fragen anschneidet, ohne dabei Moral zu predigen". Im Blickpunkt steht jedoch auch hier der Familienvater Greedinger, während die Rolle von Rainer Truss kaum beleuchtet wird. Es erscheint mir übertrieben bzw. antiquiert, dass im Jahre 2009 ein offen schwuler Gewerkschaftsvorsitzender als nicht möglich erschien. Zum Vergleich: Der SPD-Politiker Klaus Wowereit wurde mit seinem "Und das ist auch gut so"-Satz 2001 ohne Probleme in Berlin zum Regierenden Bürgermeister gewählt.

"Familienbande": Lesbisches Leben und Familie
(Folge 782 vom 5. Dezember 2010. WDR/Köln. Ermittlerduo: Max Ballauf / Freddy Schenk)

In Köln stirbt der neunjährige Mark unter ungeklärten Umständen. Unter Mordverdacht steht u.a. Iris Findeisen, die mit Marks Mutter, Nadja Bürger, ein lesbisches Verhältnis hat. Dann wird Iris Findeisen von Nadjas Mutter ermordet, die überzeugt ist, dass Iris Findeisen mit ihrem Lesbischsein die Ehe ihrer Tochter zerstört habe. Nach der Ermordung ihrer Lebensgefährtin sucht Bürger wieder den Kontakt zu ihrem früheren Ehemann, um offenbar an diese Beziehung anzuknüpfen.


Iris Findeisen öffentlich Hand in Hand mit Nadja Bürger

Die soziale Ausgrenzung eines lesbischen Paares wird gut, vielleicht übertrieben, auf den Punkt gebracht. Auch ein Dialog zwischen Ballauf und Schenk über die Akzeptanz und Toleranz von lesbischen Ehefrauen ist positiv hervorzuheben (ab 36:10). Leider wird die Homosexualität auch in dieser Folge vor allem als etwas dargestellt, was angeblich die bürgerlich-heterosexuelle Liebe bedroht, und der Schluss hinterlässt den Eindruck, als wenn die sexuelle Orientierung wie ein Lichtschalter sei, den man nur wieder umzulegen brauche.

"Mord in der ersten Liga": Homophobie im Profi-Fußball
(Folge 794 vom 20. März 2011. NDR/Hannover. Ermittlerin: Charlotte Lindholm)

Der Profi-Fußballspieler Kevin Faber von Hannover 96 wird ermordet aufgefunden. Sein Lebenspartner war der Antiquitätenhändler Jochen Kramer. Später outet sich auch Fabers Mannschaftskamerad und Freund Ben Nenbrook, der sich später auf eine sexuelle Beziehung mit Jochen Krämer einlässt (ab 49:20). Der Mord selbst hat keinen homosexuellen Hintergrund: Fabers Berater hat ihn im Affekt mit einem Stein auf den Kopf geschlagen, weil sich dieser beruflich von ihm trennen wollte. Hooligans traten nach, bis er starb. Später outet sich Ben Nenbrook auf einer Pressekonferenz und wird beim nächsten Spiel mit aufmunterndem Applaus empfangen.


Über den Tod eines Freundes eng verbunden: Ben Nenbrook und Jochen Krämer beim Sex

Eine gute Folge mit geschliffenen Dialogen zwischen Lindholm und ihrem Kollegen Paul Näter (u.a. ab 1:02:20). Schon ein halbes Jahr vor Produktionsbeginn war der Plan eines schwulen Fußball-"Tatort" bekannt geworden (s. queer.de). Später war er für queer.de zwar "gut gemeint, kam aber über Klischees nicht hinaus". Im Film kritisiert Nenbrook die Unterstellung, dass "die halbe Nationalmannschaft […] angeblich schwul" sei. "Das ist doch schon so 'ne Art Volkssport, so was zu verbreiten" (19:10). Ausgerechnet diese Äußerung wertete der DFB-Funktionär Oliver Bierhoff als "einen Angriff auf meine Familie – die Familie der Nationalmannschaft". Bierhoff kündigte Überlegungen an, "damit wir nicht wehrlos sind gegen Gerüchte und falsche Unterstellungen aller Art" ("Augsburger Allgemeine"). Mit seinen Äußerungen bestätigte Bierhoff indirekt die Notwendigkeit dieser Folge, die mit Folge 500 über Homophobie im Amateur-Fußball vergleichbar ist.

"Im Netz der Lügen": Lesben erfinden eine Vergewaltigung
(Folge 795 vom 27. März 2011. SWR/Konstanz. Ermittlerin: Klara Blum)

Die Richterin Heike Göttler tötet in Notwehr einen Angreifer. Der Angriff wurde von Ernst Heck initiiert, der Rache dafür nahm, dass ihn die Richterin zu Unrecht wegen Vergewaltigung in der Ehe verurteilt hatte. Später ging die Richterin selbst von einem bedauerlichen Fehlurteil aus (Daily Motion, 1. Teil, 19:05-20:00). Hecks Ehefrau hatte die Vergewaltigung durch ihren Ehemann nur erfunden, um bei der anstehenden Scheidung als Lesbe das Sorgerecht für ihre Tochter nicht zu verlieren. Später werden Frau Heck, ihre Lebenspartnerin Gabriele Volkmann (die sie als Rechtsanwältin auch vor Gericht vertrat) und Hecks Tochter als glückliche Familie gezeigt (Daily Motion, 3. Teil, 2:20-3:45; 8:45-9:45).

Ein gutes Drehbuch mit klug konstruierter Geschichte, bei der der lesbische Hintergrund so wichtig ist, dass er im Wikipedia-Artikel oder auf der Internetseite der ARD eigentlich hätte genannt werden müssen.

"Grabenkämpfe": Der Schwule ist doch der Mörder
(Folge 798 vom 25. April 2011. SWR/Stuttgart. Ermittlerduo: Thorsten Lannert / Sebastian Bootz)

Stefan Aldinger, der Geschäftsführer eines Kulturareals, wird erschlagen aufgefunden. Die Ermittlungen beziehen sich u.a. auf Julian Siebert, einen schwulen Kunsthistoriker, der auf diesem Gelände ein Yogastudio betreibt und den Ermittler Bootz in eine Schwulenbar einlädt (56:00-57:30). Später stellt sich heraus, dass Siebert mit Aldinger ein homosexuelles Verhältnis hatte. Kommissar Bootz ringt nach dem richtigen Wort: Aldinger "hat's mit … Wie heißt denn das jetzt politisch korrekt?" (1:20:20) Am Tatabend hatten Aldinger und Siebert einen Streit. Daraufhin wurde Aldinger von Seibert im Affekt erschlagen.

Die Story ist stimmig erzählt, und es sprechen keine Argumente dagegen, dass – wie in diesem Fall – ausnahmsweise der Schwule auch der Mörder ist. Der "Focus" findet diesen "Tatort" "schräg, schön, schwul" und greift die Szenen mit dem verunsicherten Kommissar Bootz auf: "Der Mörder ist diesmal der Schwule – oder wie heißt das politisch korrekt?"

"Ausgelöscht": Schwuler Zuhälter wird von Ermittlerin geschützt
(Folge 802 vom 29. Mai 2011. ORF/Wien. Ermittler*innenduo: Moritz Eisner / Bibi Fellner

Die Ermittlerin Bibi Fellner ist Single, führt aber eine Alibi-Beziehung mit dem Zuhälter "Inkasso-Heinzi". Ihrem Kollegen Eisner teilt sie mit: "Der Heinzi ist in Wahrheit schwul. Und ich bin seit jeher so was wie sein Alibi. Wenn du in der Branche auf Männer stehst, kommt das nicht gut" (30:35-30:55).

Es ist ein witziges Spiel mit Geschlechterrollen, auch wenn das ausbeuterische Zuhältergewerbe damit verharmlost erscheint. Im "Spiegel" fängt die Rezension mit den Worten an: "In manchen Branchen tut man sich immer noch schwer mit der Akzeptanz homosexueller Männer. Ganz schlimm ist es im Zuhältergewerbe: Versuchen Sie mal als Schwuler einen kleinen Puff […] am Laufen zu halten." Zu Recht lobt der "Spiegel" diesen "wunderbar tragikomischen Drive", den die Kommissarin mit solchen Geschichten in den "Tatort" bringt.

"Altes Eisen": Jeder trans Jeck ist anders
(Folge 808 vom 4. September 2011. WDR/Köln. Ermittlerduo: Max Ballauf / Freddy Schenk)

Nach der Ermordung einer Hausbesitzerin lernen die Ermittler die trans Mieterin Trudi Hütten kennen, die von Freddy – in typisch kölscher Manier – mit "Jeder Jeck ist anders" kommentiert wird (13:15). Zu ihrer Lebenssituation gehört, dass sie von Jugendlichen dumm angemacht (3:20) und für das Aufsuchen einer Frauentoilette kritisiert wird (6:10). Von Schenk wird sie mit ihrem Deadname angesprochen (46:50). Trudi Hütten kennt sich – als Mieterin und trans Frau – gut mit ihren Rechten aus (50:50 Min.), womit zwischen Gentrifizierung und der Situation als trans Person Parallelen aufgezeigt werden. Dass sie auch als "schwule Drecksau" bezeichnet wird (1:14:20 Min), ist nicht verwunderlich, weil Trans- und Homofeindlich ähnlich motiviert sind.

Edgar Selge wurde für seine Darstellung der Trudi Hütten fast durchgängig gelobt. Unter der Überschrift "Jeder Jeck ist anders" schreibt Susanne Baller im "stern" Selge brilliere in seiner Rolle. Queer.de ist ganz aus dem Häuschen und will einen Trudi-Hütten-Fanclub. Für den "Spiegel" ist es "nett, aber vorhersehbar", wie Ballauf und Schenk in diesem ganzen "Geschlechter-Wirrwarr" "mal wieder die Welt erklären". Linus Schöpfer ist in der "Basler Zeitung" kritisch und betont unter der (inhaltlich falschen) Überschrift "Der Transvestit darf nicht böse sein", dass "ein alter Mann in Frauenkleidern" im Mittelpunkt stehe. "Leider übernahm am Ende doch noch die Political Correctness das Diktat." Das Lob der "Stuttgarter Zeitung" für Edgar Selge ist vergiftet: Er schaffe es, "die Figur einer Transsexuellen so zu spielen, dass sie weder billig noch überdreht wirkt".

"Zwischen den Ohren": Intergeschlechtlichkeit scharfsinnig dargestellt
(Folge 810 vom 18. September 2011. WDR/Münster. Ermittlerduo: Frank Thiel / Karl-Friedrich Boerne)

Nach der Ermordung von Boernes Jugendfreundin Susanne Clemens stellt sich heraus, dass sie Testosteron in großen Mengen eingenommen hat. Susannes Äußerung, "im falschen Körper geboren" zu sein, bezeichnen die Eltern als "Quatsch", wobei Thiele dagegenhält (30:00). Mit der vermutlich intergeschlechtlichen Läuferin Caster Semenya (53:35) und Jeanne d'Arc (1:01:50) wird auf reale Personen Bezug genommen, die Boerne zu der Äußerung veranlassen: "Geschlecht entsteht nicht zwischen den Beinen, sondern zwischen den Ohren" (1:01:50). Außerdem geht es noch um den Motorrad-Verein "Wotan Wolves", die für einen "Motorradverein für Homosexuelle" gehalten werden (20:50), und um einen femininen und offenbar schwulen Visagisten (28:40).


Susanne Clemens mit einem Symbol des Männlichen: einem Motorrad

Lucie Veith, die Vorsitzende des Vereins "Intersexuelle Menschen", lobte die Folge im Deutschlandfunk, weil Intergeschlechtlichkeit darin sehr gut und scharfsinnig dargestellt werde. Sie habe es allerdings "bedauert, dass die Trennschärfe zwischen Transsexualität und Intersexualität so knapp gehalten war". Sogar die "Bild" – so viel Fairness muss sein – gibt sich im Interview mit Lucie Veith vernünftig und aufklärerisch. Es gab aber auch einige fundierte und kritische Sätze in der "FAZ": Ein "Tatorte" müsse zwar nicht plausibel sein, aber wenn man schon "ein kleines Seminar in Sachen 'Intersexualität' offeriert bekommt, dann doch bitte etwas präziser und vielleicht weniger bemüht aufbereitet".

"Alles hat seinen Preis": Von der Liebe unter Frauen und dem lieben Geld
(Folge 833 vom 1. April 2012. RBB/Berlin. Ermittlerduo: Till Ritter / Felix Stark)

Ziska Zuckowski und Dagmar Klemke sind befreundet. Zwischen ihnen gibt es einige Momente von Vertrautheit (ab 43:40; ab 1:05:35) und eine Szene, in der sie zärtlich zueinander sind und sich auf den Mund küssen (46:30-48:30, bzw. Dailymotion, 2. Teil, 19:55-20:10).

Es wirkt wie eine leider nicht zu Ende erzählte Geschichte von zwei Frauen. Wegen der fehlenden Deutlichkeit ist es verständlich, dass in Wikipedia Dagmar nur als Ziskas "Jugendfreundin" bezeichnet wird.

"Es ist böse": Joachim Król hat einen Mann (Teil I)
(Folge 836 vom 22. April 2012. HR/Frankfurt. Ermittler*innenduo: Frank Steier / Conny Mey)

Frank Steier (D: Joachim Król) wird von seiner Kollegin Conny Mey gefragt, ob es in seinem Leben jemanden wie Frau und Kinder gebe, worauf er antwortet: "Doch. Einen Freund." Später stellt er ihr seinen Lebenspartner Edgar vor. Frank hat ihn einmal zu Unrecht einer Straftat verdächtigt und fühlte sich verantwortlich, als Edgar nach sechs Jahren Gefängnis von seiner Familie verlassen wurde (1:11:10-1:13:40).


Keine konventionelle Lebensgemeinschaft: Edgar als Lebenspartner von Frank Steier (D: Joachim Król)

Von queer.de wurde unter der Überschrift "Joachim Król mal wieder schwul?" der Umgang mit der Figur von Steiers Lebenspartner so zusammengefasst: "Ganz nebenbei, ganz unspektakulär. Allerdings auch mit Raum für Interpretationen." Es ist richtig: Der Sex bleibt unklar, die Lebensgemeinschaft jedoch nicht. Ein Jahr später wurde die Handlung wieder aufgegriffen (Folge 870). Viele kennen den Schauspieler Joachim Król auch als schwulen Norbert Brommer aus der Erfolgskomödie "Der bewegte Mann" (1994).

"Skalpell": Eine Waffe, die gegen Intersexuelle eingesetzt wird
(Folge 839 vom 28. Mai 2012. SRF/Luzern. Ermittler*innenduo: Reto Flückiger / Liz Ritschard)

Nach der Ermordung des Kinderchirurgen Dr. Lanther durch ein Skalpell erfahren die Ermittler, dass Lanther intergeschlechtliche Menschen in ihrer frühen Kindheit operiert hat, um sie durch medizinische Eingriffe einem bestimmten Geschlecht zuzuordnen. Der Täter wird daher im Umkreis der Familien von intergeschlechtlichen Kindern gesucht und später auch gefunden. Die Geschichte lebt vom Austausch der Ermittler*innen über intergeschlechtliche Menschen und vor allem durch die Biografien von Claudio, die sich als Mädchen fühlt (51:30-54:45), und Alem, der sich als Junge fühlt (1:00:00-1:09:00).


Eine fiktive Interessengemeinschaft für intergeschlechtliche Menschen: "TRIS"

Es ist faszinierend, wie vorbildlich und fair sich Informationen über Intergeschlechtlichkeit mit spannenden Biografien und guter Unterhaltung kombinieren lassen. Die Kritik, dass die Geschlechtszuweisungen nicht zu früh erfolgen dürfen, um den Kindern die Gelegenheit zu geben, ihre geschlechtliche Identität selbst zu finden, kann eindrucksvoller kaum formuliert werden. Für den "Focus" hingegen ist Intergeschlechtlichkeit für einen "Tatort" nicht "nur gesellschaftlich, sondern auch medizinisch gesehen" ein "reichlich komplexes Thema". Für den "Spiegel" ist "Modethema" keine falsche Bezeichnung – er meint damit die bisherigen Folgen über Trans- und Intergeschlechtlichkeit (Folgen 808, 810 und 839).

"Alter Ego": Homophbie in der katholischen Kirche
(Folge 844 vom 23. September 2012. WDR/Dortmund. Ermittler*innen: Peter Faber u. a.)

Der schwule Kai Schiplock wurde ermordet. Es wird gegen seinen Ex-Freund Lars Bremer ermittelt. Auch in dieser Folge werden die polizeilichen Ermittlungen incognito in einer Schwulenbar vorgenommen, und wie fast immer wird der Polizist dabei angebaggert (46:30-51:30). Ins Visier der Ermittlungen gerät auch Schiplocks Arbeitskollege Sebastian Lesniak, der einer homophoben Glaubensgemeinschaft angehört. Dann wird auch Lars Bremer ermordet. Die weiteren Ermittlungen führen zu dem verheirateten Hendrik Strehlsen, der ein heimliches Verhältnis mit Kai Schiplock hatte, aber versucht, gegen seine Homosexualität anzukämpfen. Später gibt Strehlsen zu, Schiplock, der ihn betrogen habe, und Bremer, der ihn verraten wollte, umgebracht zu haben.

Die Folge ist eine Premiere von Jörg Hartmann als Ermittler Peter Faber. Bezüglich der Homophobie der katholischen Kirche fallen die angebrachten kritischen Kommentare. Am Ende der Folge küsst Faber seinen Peiniger Dr. Strehlsen. Es ist jedoch nur ein Trick, um nicht selbst umgebracht zu werden. Weil Faber hetero ist, wirkt das nicht mutig inszeniert, sondern eher merkwürdig konstruiert. Das Berliner Boulevardblatt "B.Z." hat vermutlich noch nie einen "Tatort" gesehen und titelt: "Die ARD traut sich den 1. schwulen Tatort-Kuss". Angeblich sei der "Zungenkuss" in vier Jahrzehnten "Tatort" "einmalig". […] Ob sich das Erste SO neue Zielgruppen erschließt? Klarer Fall!". Queer.de berichtete gleich vier Mal. In zwei Artikeln ging es darum, dass sowohl die "WAZ" als auch die "Ruhrnachrichten" glaubten, von einem Homosexuellen-"Milieu" berichten zu müssen und deshalb Post erhielten. Zwei weitere Beiträge bestanden aus einer Rezension und einem Interview mit Stefan Konarske als Darsteller des Daniel Kossik.

"Borowski und der freie Fall": Schwules Doppelleben
(Folge 846 vom 14. Oktober 2012. NDR/Kiel. Ermittler*innenduo: Klaus Borowski / Sarah Brandt)

Nach der Ermordung des Schriftstellers Dirk Sauerland erfährt Borowski von dessen Ex-Frau Ulla Jahn, dass Sauerland schwul war und dass sie sich deshalb getrennt haben. Seit vier Jahren hatte er ein geheimes Verhältnis mit dem Minister Karl Martin von Treunau, plante jedoch sein Coming-out. Als Treunau von der Presse geoutet wird, tritt er von seinem Ministerposten zurück. Ulla Jahn gibt zu, ihren Ex ermordet zu haben – allerdings wegen dessen Enthüllungen zur Barschel-Affäre.

Es ist eine facettenreiche und packende Geschichte, die ihren großen Reiz auch durch die gut gemachte Verbindung zur realen Barschel-Affäre und den Gastauftritt von Tom Buhrow hat, bevor dieser ein Jahr später Intendant des WDR wurde. Gelobt werden kann auch der feinfühlige Humor, der erkennbar ist, als Borowski in einer Schwulenbar (16:50-20:05; 37:00-38:10) mit seinem Kollegen für schwul gehalten wird. Der Krimi endet mit den Worten: "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort."

"Ein neues Leben": Ein lesbisches Verbrecherinnenpärchen
(Folge 848 vom 28. Oktober 2012. BR/München. Ermittlerduo: Ivo Batic / Franz Leitmayr)

Als in einem verbrannten Auto eine verkohlte Leiche gefunden wird, führen die Spuren zu einer Drückerkolonne einer fiktiven Tierschutzorganisation, die von Isabella und Sandra, einem lesbischen Paar, geführt wird. Batic gelingt es, sich als verdeckter Ermittler einzuschleusen. Als er auffliegt, fährt man ihn und einen anderen Mitarbeiter der Kolonne zu einem Waldstück. Hier wird Sandra von der dominanten Isabella aufgefordert, beide zu erschießen, woraufhin Sandra jedoch ihre Freundin Isabella erschießt.


Zwischen Klischee und Karikatur: Isabella und Sandra sind Butch und Femme

Es ist selten und deshalb hervorzuheben, dass in dieser Folge auch lesbischer Sex vorkommt (1:03:55-1:06:45) – von einem Paar, dass leicht und klischeehaft als Butch und Femme zu erkennen ist. Während der "Focus" von dem lesbischen Gaunerpärchen erkennbar nicht beeindruckt ist, lohnt sich ein Blick in die "Süddeutsche Zeitung": Die Kommissare Batic und Leitmayr "werden von Kennern 'das alte Ehepaar' genannt". Diesem "alten Ehepaar wird ein neues gegenübergestellt: zwei Frauen […]. Die eine ist etwas runtergewohnt, die andere sanftmütig. […] man erfährt nicht, welches Schicksal die beiden zu Teufelinnen gemacht hat, […] ihre Bedrohlichkeit gerät zur Karikatur von Bedrohlichkeit."

"Schmutziger Donnerstag": Eine lesbische Kommissarin aus Luzern (Teil I)
(Folge 862 vom 10. Februar 2013. SRF/Luzern. Ermittler*innenduo: Reto Flückiger und Liz Ritschard)

In Luzern ist Fastnacht, und die Kommissarin Liz Ritschard feiert kräftig mit. Als Biene Maja lässt sie sich mit einem weiblichen Cowboy mit aufgeklebtem Schnurrbart auf Zärtlichkeiten und eine gemeinsame Nacht ein (1:30-7:30). Später kommt es zu weiteren Treffen, bei denen sie aber "nur reden" will, was die andere "schade" findet (37:05-37:50). Flückiger erkundigt sich bei seiner Kollegin nach ihrem "Privatleben" und bekommt zur Antwort: "Ist alles ein bisschen anders, als du dir denkst" (ab 1:11:30). Außerdem gibt es in dieser Folge noch einen Daniel, der schwul und das schwarze Schaf der Familie ist (32:40).

Machen die Biene Maja und der Cowboy symbolische Aussagen über Geschlechterrollen? Zumindest sind sie offen für solche Interpretationen. Homosexualität in der Fastnacht zu behandeln, ist bei diesem jährlich wiederkehrenden Spiel mit Masken und Identitäten zunächst schon einmal eine gute Idee. Das lesbische Liebesspiel ist frei von Voyeurismus – den Überschriften wie "Kann man den Schweizer 'Tatort' nur noch mit Lesbensex retten?" ("Bild") oder "Mit Lesben-Sex weg vom Tabellen-Ende?" ("Express") nur irrtümlich nahe legen. Nach queer.de durfte sich Liz Ritschard ihre Filmpartnerin für die Bettszene übrigens aussuchen. Die Kommissarin bewerbe sich damit "bei den Zuschauerinnen um den neuen Posten als künftige Lesben-Ikone. Neben der echt lesbischen Ulrike Folkerts, die allerdings als überwiegend asexuelle Lena Odenthal nur mal eine ganz kurze Phase mit Frauen ausleben durfte." Auch der "Spiegel" vergleicht die beiden Kommissarinnen. Im Gegensatz zu "den ganz, ganz zaghaften lesbischen Flirts von Lena Odenthal" sei dieses Kommissarin-Coming-out allerdings "wunderbar wortlos". In Folge 908 findet es eine Fortsetzung.

"Wer das Schweigen bricht": Joachim Król hat einen Mann (Teil II)
(Folge 870 vom 14. April 2013. HR/Frankfurt. Ermittler*innenduo: Frank Steier / Conny Mey)

Frank Steier (D: Joachim Król) bittet Conny Mey, sich von jemandem zu verabschieden, der im Sterben liegt und "der mir sehr wichtig ist". Der Zuschauer sieht, wie Frank Steier seinem sterbenden Lebenspartner Edgar über den Nacken streichelt und mit seinem Schlüsselbund mit einem Yin-Yang-Symbol spielt (1:09:20-1:13:15).


Frank Steier (D: Joachim Król) streichelt seinem sterbenden Lebenspartner Edgar über den Nacken (Ausschnitt)

Als Quasi-Fortsetzung von Folge 836 ist es ein sensibel gestaltetes Ende eines Lebens und damit auch einer Liebesbeziehung, bei dem auch noch einmal die Frage der persönlichen Verantwortung von Frank Steier für Edgars Gefängnisaufenthalt aufgegriffen wird.

"Der Fall Reinhardt": Der neue Kollege mit dem Ohrring
(Folge 905 vom 23. März 2014. WDR/Köln. Ermittlerduo: Max Ballauf / Freddy Schenk)

Das Ermittlerduo bekommt mit Tobias Reisser einen neuen Innendienstmitarbeiter: Er trägt rechts einen Ohrring und reagiert irritiert, als sich der neue Brandermittler ihm gegenüber mit "Bruno Schatz – ohne i" (14:30) vorstellt. Später telefoniert er privat mit einem Felix, was sehr vertraut wirkt. Nach dem Telefonat erzählt er Ballauf, dass ein "Freund und ich" mal zusammengeschlagen worden seien und dass er deshalb Kampfsport betreibe und sich in den Innendienst habe versetzen lassen (43:30).


Links cool, rechts schwul: Tobias Reisser trägt seinen Ohrring rechts

Auch queer.de schrieb von den Andeutungen. Sie sind nur deshalb spannend, weil die Figur Tobias Reisser – einschließlich seiner Homosexualität – später noch ausgebaut wird (s. Folge 1011).

"Zwischen zwei Welten": Eine lesbische Kommissarin aus Luzern (Teil II)
(Folge 908 vom 21. April 2014. SRF/Luzern. Ermittler*innenduo: Reto Flückiger und Liz Ritschard)

Die Ermittlerin Ritschard küsst eine Frau auf den Mund (35:30) und wird mit einem Foto von dieser Situation von Männern, gegen die sie ermittelt, im Internet als "männerhassende Lesbe" diffamiert (54:05). Als Liz gegenüber Reto betont, dass er nicht viel von Frauen verstehe, antwortet dieser mit einer angemessenen Betonung: "Stimmt – Aber du" (1:10:15).


Wegen eines Kusses als "männerhassende Lesbe" beschimpft

Es ist eine Art Fortsetzung von Folge 862. Für den "Spiegel" wird Ritschard damit die "einzige offen homosexuelle Ermittlerfigur im 'Tatort'-Kosmos". In ihrer Rezension auf "Rosalie und Co." widerspricht die Rezensentin "Meike" diesem "Spiegel"-Artikel, weil es schließlich unklar sei, ob "Liz nun tatsächlich dauerhaft das Ufer gewechselt" habe.

"Blackout": Lenas Leiden und eine Sektflasche im Anus
(Folge 921 vom 26. Oktober 2014. SWR/Ludwigshafen. Ermittler*innenduo: Lena Odenthal / Mario Kopper)

Als ein Mann tot mit einer Champagner-Flasche im Anus aufgefunden wird (7:35), hält Odenthal es zunächst für möglich, dass das Opfer schwul war (13:10). Ihre Kollegin Johanna Stern spricht ihre Vermutung über die Hintergründe von K.o.-Tropfen in Kombination mit analer Vergewaltigung offen aus, dass es das "doch höchstens mal in der Schwulenszene" gebe (15:25). Die Ermittlungen ergeben später, dass Frauen sich auf diese Weise an einem Mann wegen einem vorausgegangenen Sexualdelikt rächten (Spiegelstrafe). Im Zug der Ermittlungen lernt Odenthal den schwulen Barkeeper Max kennen und verabschiedet sich nach einem angenehmen Gespräch von ihm mit den Worten: "Gute Nacht, und grüß mir deinen Freund" (25:45-27:00).


Die Sektflasche im Anus als spiegelnde Strafe für einen Mann

Die Szene mit dem schwulen Barkeeper ist gelungen und sensibel umgesetzt. Er wird übrigens von Christopher Buchholz verkörpert, dessen Vater – Horst Buchholz – aus Filmen wie "Die Halbstarken" (1956) bekannt ist. Auch der "stern" geht auf die Ermittlungen in der Schwulenszene ein, kritisiert aber auch, dass Lena Odenthal leider ihr "mann- und kinderloses Leben bis zum Anschlag" zelebriere. Die Rezensentin hätte sich einen Plot "ganz ohne Lenas Leiden" gewünscht.

"Borowski und die Kinder von Gaarden": Pädo- und Homosexualität
(Folge 941 vom 29. März 2015. NDR/Kiel. Ermittler*innenduo: Klaus Borowski / Sarah Brandt)

Der wegen sexuellen Missbrauchs vorbestrafte Onno Steinhaus wird erschlagen aufgefunden. Er soll sich kurz zuvor an dem 15-jährigen Timo Scholz vergangen haben, was sich jedoch als nicht zutreffend erweist. Die Provokationen und das Gelächter in der Schule ("eh, du wurdest in den Arsch gefickt"; 30:20) bleiben trotzdem hängen und machen zwischen schwul und pädo keinen Unterschied. Der für den Bezirk zuständige Polizist Torsten Rausch wurde vor vielen Jahren von Steinhaus sexuell missbraucht und wird nun als nicht beziehungsfähig dargestellt. Mit seiner Freundin verkehrt er übrigens a tergo.

Mit dem Film liegt ein gut gemachtes kritisches Sozialdrama vor. Mit der Fokussierung des Films auf den 15-jährigen Timo Scholz ist eine genaue Trennung von Pädo- und Homosexualität schwierig, was den Verantwortlichen bestimmt bewusst war.

"Erkläre Chimäre": Thiel und Boerne geben sich als schwul aus
(Folge 949 vom 31. Mai 2015. WDR/Münster. Ermittlerduo: Frank Thiel / Karl-Friedrich Boerne)

Bei Boerne hat sich Besuch aus den USA angekündigt. Es ist sein schwuler Onkel Gustav von Elst und Boerne – immerhin sein Lieblingspatenkind – würde gerne erben. Daher spielt er seinem Onkel vor, mit Thiel verheiratet zu sein. Hochzeitsfotos werden aufgestellt und Eheringe, die man nicht abbekommt, werden zum Running Gag. Es gibt sogar eine Verbindung zum aktuellen Mordfall, weil es sich bei dem Ermordeten um den schwulen Luis Bênção handelt, der mit von Elst kurz zuvor eine Affäre hatte.

Der schwule Plot ist – vorsichtig ausgedrückt – eine überflüssige Nebenhandlung. Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt – unter dem unsäglich dämlichen Titel "Ehe wem Ehe gebührt" – zu Recht von einem verkrampften Umgang mit dem Thema Homo-Ehe. Ein Kommentar auf yahoo.com wird noch deutlicher, titelt mit "Gay-Klamauk" und zitiert Reaktionen wie: "Tuckig und zu schwul – schlichtweg übertrieben!" Queer.de macht daraus das Bild des Tages und bringt den Trailer. "Der Westen" titelt: "Tatort. Warum es Zeit für einen homosexuellen Kommissar ist" – eine gute Überleitung zur nächsten Folge.

"Ätzend": Robert Karow als erster schwuler Tatort-Ermittler
(Folge 962 vom 15. November 2015. Berlin. Ermittler*innenduo: Nina Rubin / Robert Karow)

Erst fast am Ende der Folge sieht der Zuschauer, wie Robert Karow nach einem anstrengenden Tag als Ermittler in einer Kneipe einen Mann kennenlernt und ihn mit nach Hause nimmt. Dann raucht er auf dem Balkon eine Zigarette (1:13:10-1:16:00).


Die postkoitale Zigarette als Symbol für schwulen Sex

Es war abzusehen, dass diese unscheinbar wirkende Szene eine große Wirkung erzielen würde. Die postkoitale Zigarette wurde von vielen Medien richtig als Synonym für Sex gedeutet. Zeitungen wie "Die Zeit" betonten zu Recht, dass sich damit der erste "Tatort"-Ermittler als schwul geoutet habe. Unangenehm finde ich den "Merkur" der glaubt besonders betonen zu müssen, dass der Darsteller des Karow eigentlich hetero ist. Eine "Bettszene", wie der "Merkur" schreibt, gibt es übrigens gar nicht. Zu erwähnen ist noch ein Parallelschnitt, der üblicherweise verwendet wird, um zwischen zwei Filmhandlungen einen Bezug herzustellen. Parallel zu Robert Karow und seinem Sexpartner werden zwei heterosexuelle Jugendliche gezeigt, die einen Platz zum Sex suchen. Homos und Heteros im Parallelschnitt zu zeigen ist grundsätzlich emanzipatorisch, nicht jedoch hier: Im Gegensatz zu Karow und seinem Geliebten werden die Jugendlichen nämlich auch beim Küssen und Kuscheln gezeigt.

"Wir – Ihr – Sie": Analverkehr im Tatort
(Folge 989 vom 5. Juni 2016. RBB/Berlin. Ermittler*innenduo: Nina Rubin / Robert Karow)

Nachdem in Karows Wohnung Videos beschlagnahmt wurden, schauen sich die Kollegen diese Aufnahmen an und sehen in einem dieser Filme, wie sich Karow von einem anderen Mann ficken lässt. Mehrere Kollegen amüsieren sich. Einer sagt: "Ich fass' es nicht. Oberstecher Karow wird gefickt." Karow reagiert souverän und gelassen und sagt zu seinem Kollegen: "Davon kannst du nur träumen, oder?" (3:50-5:20).


Eine tatsächlich gewagte Szene: Kommissar Karow lässt sich von einem anderen Mann ficken

Eine so direkte Sexszene hat es im "Tatort" tatsächlich bis dahin nicht gegeben, auch wenn sie in Form einer Videoaufnahme in ihrer Wirkung leicht abgeschwächt ist. Das Berliner Boulevardblatt "B.Z." schrieb über den "Männersex beim Berlin-'Tatort'": "Darüber wird Krimi-Deutschland diskutieren: […] Analverkehr mit einem anderen Mann auf dem Sofa." Queer.de ergänzt unter der Überschrift "Kommissar Bottom": "Auf die Frage, wie er den Dreh empfunden habe, meinte [Mark] Waschke [der Darsteller Karows], dass Sexszenen 'großen Spaß' machten." Später berichtete queer.de auch über einen FPÖ-Politiker, der sich angesichts dieser Szene darüber beschwerte, dass der "Tatort" ja "immer widerlicher" werde.

"Tanzmariechen": Assistent Tobias und sein Freund David
(Folge 1011 vom 19. Februar 2017. WDR/Köln. Ermittlerduo: Max Ballauf / Freddy Schenk)

Im Rahmen dieser Karnevalsfolge betont der schwule Assistent Tobias Reisser, dass er seinen Freund David auch an seinem Arbeitsplatz küsse (ab 9:15, ab 14:40; ab 44:25). Es gibt zwar Diskussionen, aber Schenk betont ausdrücklich, dass er schließlich "keine Schwulenphobie wie Putin" habe (ab 1:08:00). In der Folge sagt eine Kölnerin, dass sie Karneval blöd finde; ein kleines Mädchen sagt, dass es keine rosa Prinzessin sein möchte, und ein Schwuler sagt, dass er auch am Arbeitsplatz seinen Freund küssen möchte. Die Botschaft ist hier wohl Diversity. In dieser Folge ist Reisser zum ersten Mal als schwuler Mann erfahrbar (s. oben Folge 905).

"Die Zeit" versteht nicht, warum schwule Küsse am Arbeitsplatz ein Problem sein sollten, und betont: "Was kann Homosexualität dafür, dass es solche schlechten Drehbücher gibt?" Der kölsche Karneval und damit auch diese Folge ist vermutlich nicht jedermanns Sache. Mittlerweile hat Tobias Reisser übrigens schon wieder aufgehört; die Folge 1044 vom 21. Januar 2018 war seine letzte ("Express").

"Babbeldasch": Noch ein lesbisch anmutender Kuss von Lena Odenthal
(Folge 1012 vom 26. Februar 2017. SWR/Ludwigshafen. Ermittler*innenduo: Lena Odenthal / Mario Kopper)

Im Theater "Babbeldasch" (= Plaudertasche) wird die Leiterin Sophie Fettèr ermordet. Um gut ermitteln zu können, schleust sich Odenthal als Schauspielerin ein und erfährt so u. a., dass Sarah Fettèr, die Tochter der Ermordeten, eine langjährige Beziehung zu Antonia Sievers hat, die jedoch nicht öffentlich zu dieser Beziehung steht (36:30-37:55). Die Tatzeit haben die beiden in einem Hotel verbracht (46:10-46:55). Über das Schauspielern kommen sich Odenthal und Fettèr näher (38:25-39:00). In einer Traumsequenz ist Lena als böse Königin in Schwarz gekleidet, schäkert mit allen Schauspieler*innen herum und gibt Sarah einen intensiven Kuss (1:26:30).


Die "böse Königin" Lena Odenthal und Sarah Fettèr geben sich einen intensiven Kuss

Die Liebesgeschichte zwischen Fettèr und Sievers wirkt leider wie nicht zu Ende erzählt. Odenthals Kuss ist gleich doppelt verklärt und deshalb nur bedingt mutig, denn schließlich handelt es sich um eine Traumsequenz, bei der ihre Theaterrolle und die Realität nicht deutlich zu trennen sind (s.a. andere Meinung in "L-Mag"). Odenthals Kuss bleibt daher leider ähnlich unklar wie in Folge 474. Der offen schwule Regisseur Axel Ranisch ("Dicke Mädchen", 2011; "Ich fühl mich Disco", 2013) hat übrigens gleich zu Beginn eine sehr lustige Szene eingebaut, bei der es sich um selbstreferenziellen Humor handelt: Odenthal schläft bei einem "Tatort" ein (11:50).

"Amour fou": Reizthemen Homosexualität, Schule und Migration
(Folge 1023 vom 5. Juni 2017. RBB/Berlin. Ermittler*innenduo: Nina Rubin / Robert Karow)

Bei einer verbrannten Leiche wird davon ausgegangen, dass es sich um die des schwulen Lehrers Enno Schopper handelt. Schopper stand im Verdacht, Sex mit seinem Schüler Duran gehabt zu haben, der sich allerdings nicht mehr in Deutschland aufhält. Karow ermittelt auch gegen Schoppers Lebensgefährten Armin Berlow, den er in der Schwulenbar "Hafen" aufsucht (46:20-56:40) und bei dem er später auch übernachtet. Später stellt sich heraus, dass nicht Schopper, sondern Durans Vater verbrannt wurde. Er wollte seinen Sohn gewaltsam aus dem Haushalt von Schopper und Berlow herausholen und wurde in Notwehr getötet. Aus Angst, dass man "zwei Schwuchteln und einem Schüler mit Migrationshintergrund" nicht glauben würde, haben sie zu dritt von ihrer Tat abzulenken versucht (hier Folge online bis 29. Januar 2021).

Es lässt sich darüber streiten, ob Karows postkoitale Zigarette bei einer Frau (ab 1:50) nach der mit einem Mann (s. Folge 962) Karows Biografie spannender oder unklarer erscheinen lässt. Ansonsten ist es aber eine sehr gute Folge und die Frage, ob Karow zwischen Beruf und Privatleben ausreichend trennen kann, ist raffiniert angelegt. Nach queer.de ist diesem "Tatort" die "Kombination dreier deutscher Reizthemen – Homosexualität, Schule und Migration – überzeugend und authentisch gelungen". Auch der "Spiegel" ist voll des Lobes u. a. über die "klug ausgehebelten Klischees".

"Alles was sie sagen": Homofeindlichkeit im Islam
(Folge 1056 vom 22. April 2018. NDR/Hamburger Team in Lüneburg. Ermittler*innenduo: Thorsten Falke / Julia Grosz)

Gegen den syrischen Flüchtling Abbas Khaled wird wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen ermittelt. Wegen seiner Homosexualität war er in einem kriminellen Milieu arabischer Migranten erpressbar geworden und wurde genötigt, Drogen zu verkaufen (ab 39:30). Später wird Khaleds Schwester, die sich für seine Frau ausgab, bei einem Polizeieinsatz getötet. Zumindest für Khaled hat diese Folge ein Happy End und er wird gemeinsam mit seinem Lebenspartner Stefan Hansen auf der Beerdigung seiner Schwester gezeigt (1:24:45).

Khaleds Homosexualität ist gut in die Handlung integriert. Es sind nur wenige Minuten, aber die "Berliner Morgenpost" (und gleichlautend "Der Westen") titelte: "'Tatort' wagte sich an Tabuthema Islam und Homosexualität". Dabei geht es auch um den Koran und Kritik an einer Religion, in deren Namen in einigen Ländern immer noch die Todesstrafe gegen schwule Männer vollstreckt wird.

"Kaputt": Ermordung eines schwulen Polizisten
(Folge 1098 vom 10. Juni 2019. WDR/Köln. Ermittlerduo: Max Ballauf / Freddy Schenk)

Der schwule Polizist Frank Schneider wird ermordet. Sein Lebenspartner Stephan Pohl ist ebenfalls Polizist in derselben Schicht. Viele Polizist*innen trauern um ihren ermordeten Kollegen, dessen Bild mit Trauerbinde in der Polizeidienststelle mehrfach zu sehen ist (u. a. 24:40). Ein Rückblick verdeutlicht, wie sich die beiden Männer kennen und lieben lernten (48:10). Von ihrem Chef und einigen Kollegen wurde das Paar jedoch auch gemobbt. Weil Pohl und Schneider nicht verheiratet waren, hat Pohl eigentlich kein Recht, seinen toten Freund noch einmal zu sehen, und er darf zunächst auch nicht an Schneiders Spind, dessen Tür in homophober Weise mit einem Schwanz beschmiert wurde (48:50).


Auch Ballauf und Schenk trauern um den ermordeten schwulen Kollegen

Die Probleme bei der Akzeptanz von Schwulen und Frauen in der Polizei werden gut und erkennbar parallelisiert. In der verhängnisvollen Nacht wollte Schneiders Kollegin Sommer keine Verstärkung holen, damit es nicht wieder heißen sollte, "der warme Kollege und die Mausi kriegen es nicht hin" (1:25:20), was auch der "Spiegel" gut aufgreift. Die Schlussszene, in der Pohl dann doch an den Spind seines ermordeten Freundes darf (1:03:45), ist eine kleine, aber ausdrucksstarke und auch versöhnliche Geste, die zeigt, wie sich mit der Gesellschaft auch die Strukturen innerhalb der Polizei verändern.

"Querschläger": Eine lesbische Polizistin flirtet
(Folge 1111 vom 1. Dezember 2019. NDR/Hamburg. Ermittler*innenduo: Thorsten Falke / Julia Grosz)

Mit Tine Geissler wird dem Ermittler*innenduo eine Schutzpolizistin an die Seite gestellt. In mehreren kurzen Szenen ist erkennbar, dass Geissler mit Grosz flirtet. Falke spricht seine Kollegin darauf an: "Wie die dich immer anguckt" (18:10) und betont: "Sie steht auf dich" (u. a. 24:00-24:10). Etwas platt sagt Geissler beim chinesischen Essen zu Grosz: "Du bist eher so der scharfe Typ, ne" (29:20), aber sie verabreden sich sogar noch, gemeinsam etwas trinken zu gehen. Später scheint Grosz allerdings von Geissler genervt zu sein und flüstert ihr zur Verabschiedung etwas ins Ohr, was allerdings weder den Kollegen noch offenbar die Zuschauer*innen etwas angeht (1:26:20).

Für die "Volksstimme" spielt Homosexualität – neben den beiden Hauptthemen Trucker-Milieu und Krankheiten – eine wichtige Rolle. Sie zitiert den Drehbuchautor Oke Stielow: "Es war oft die Frage, wohin geht die Grosz eigentlich, wenn sie geliebt werden will oder lieben will?" Die Zukunft werde zeigen, wo das hingehe. "Fakt ist: Homosexualität in der Polizei ist ein extrem sensibles Thema." Man kann es auch so ausdrücken: Homosexuelle Polizist*innen scheinen für die "Tatort"-Verantwortlichen zurzeit vor allem ein reizvolles und aktuelles Thema zu sein. Mit Franziska Weisz, der Darstellerin von Julia Grosz, veröffentlichte die ARD zu diesem Thema auch ein Interview.

"Väterchen Frost": Schwule in Russland
(Folge 1113 vom 22. Dezember 2019. WDR/Münster. Ermittlerduo: Frank Thiel / Karl-Friedrich Boerne)

Der Russe Kirill Gromow soll seinen Lebenspartner Alexander Bux ermordet haben. Bei seiner Vernehmung sagt er u.a.: "Wissen Sie, was das heißt, schwul sein in Russland? Du hast keine Freunde oder Familie mehr. Alle behandeln dich wie eine Krankheit" (16:30). In der Wohnung des ermordeten Freundes hängt am Kühlschrank eine "Stop homophobia"-Postkarte mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin – geschminkt vor einer Regenbogenfahne (43:00). Kirill Gromows Vater ist von der Unschuld seines Sohnes überzeugt, der zwar eine "Schwuchtel" (47:55), aber kein Mörder sei.


Eine Postkarte als Satire über Putins Homophobie: Kritik oder doch nur die vertane Chance auf Kritik?

Das längere Zitat wurde von mehreren Zeitungen positiv hervorgehoben. RP Online konstatiert aber ansonsten einen "im besten Fall hölzerne[n] Umgang mit ausländerfeindlichen Klischees" und einen unpassenden Umgang mit Russlands Schwulenfeindlichkeit. Die indirekte Kritik von wiewardertatort.de finde ich zu streng formuliert: Die Postkarte wäre eine gute Gelegenheit gewesen, "mal klare Kante gegen Homophobie zu zeigen, doch ein solches Statement kommt im Film niemandem über die Lippen".

"Kein Mitleid, keine Gnade": Homophobe Schule
(Folge 1117 vom 12. Januar 2020. WDR/Köln. Ermittlerduo: Max Ballauf / Freddy Schenk)

An einem Ufer wird die Leiche des 17-jährigen Schülers Jan Sattler gefunden. In einer Schwulenbar erfahren die Ermittler von der Dating-App "Date Pride" (27:10-29:50 Min.). Dadurch gerät auch Farid Slimani in den Fokus der Ermittlungen (50:00), der später von seinem arabischen Vater wegen seiner nun bekannt gewordenen Homosexualität getötet wird (1:01:50). In der Schule hält sich die Trauer um den ermordeten Jan bei einigen seiner Mitschüler*innen in Grenzen, weil Jan schwul war. Eine Liebesbeziehung hatte Jan mit Paul, beide tragen ein Tattoo, das einen Herzschlag zeigt. Jan hatte allerdings auch Sex mit Lennart, der eigentlich mit Nadine zusammen ist. Nadine war überfordert, erschlug Jan und traktierte ihn so lange mit Tritten, bis er starb (ab 1:21:20).


Im US-Fernsehen unvorstellbar: Eine nackte Leiche mit Blick auf den Penis

Die Hintergründe zur arabischen Familie Slimani fallen leider nur sehr knapp aus und man erfährt nicht wirklich, was im Kopf eines Vaters vorgeht, der lieber sich und seinen Sohn tötet, statt seinen schwulen Sohn zu akzeptieren. Das Mobbing an der Schule ist sehr überzeugend dargestellt. Zum mobbenden Trio gehört auch der machohafte Fußballspieler Robin, der mit dem Getöteten befreundet war, bis es (bzw. er) ihm "zu schwul wurde". "Die Zeit" findet zur Darstellung von Homosexualität im Allgemeinen und zur Figur Robin im Speziellen viele kritische Worte, die ich nicht alle teile, die aber alle sehr lesenswert sind.

"Das fleißige Lieschen": Die ungleichen Brüder
(Folge 1128 vom 13. April 2020. SR/Saarbrücken. Ermittlerduo: Adam Schürk / Leo Hölzer)

In einem Familienunternehmen entbrennt ein Streit, weil der greise Patriarch Bernhard Hofer seinen Enkel Erik Hofer vorzieht. Sein anderer Enkel, Konrad Hofer, ist zwar fleißig, aber weichherzig und schwul. Konrad Hofer lebt seit neun Jahren mit Jacques Fontaine in einer Beziehung (21:20). Als Erik Hofer ermordet wird, wird auch gegen Konrad Hofer ermittelt. Jacques Fontaine besucht ihn in der Villa der Familie, tröstet, umarmt und küsst ihn. Bernhard Hofer – der früher ein NS-Funktionär war – sieht dies und bezeichnet seinen Enkel als "entartet" (36:15) (hier zurzeit online).

Es gehört zu den gängigen Klischees, Schwule als weicher bzw. weichherziger als andere Männer darzustellen. In dieser Form der Inszenierung ist es aber unproblematisch, weil die Frage, wann man "zu hart" oder "zu weich" sei, nicht nur bei den beiden Brüdern, sondern als Parallele auch bei den beiden (heterosexuellen) Ermittlern differenziert thematisiert wird. Homosexualität ist hier so selbstverständlich und unspektakulär dargestellt, dass die Medien sie in ihren Rezensionen kaum erwähnten.

"National feminin". Völkische Lesbe am Verfassungsgericht
(Folge 1130 vom 26. April 2020. NDR/Göttingen. Ermittlerin: Charlotte Lindholm)

Es sind vier lesbische Verhältnisse, die hier vorgestellt werden, wobei nur eins davon eine Beziehung im engeren Sinne ist: Die völkisch eingestellte Jura-Professorin Sophie Behrens ist mit einer (namentlich nicht genannten) Frau verheiratet und soll Verfassungsrichterin werden. Behrens hatte eine Affäre mit ihrer Assistentin, der ermordeten Jurastudentin Marie Jäger. Für die lesbische Ehe war zwar eine sexuelle Affäre kein Problem, allerdings schon, dass Sophie sich in Marie verliebt hatte. Als sich die Polizistin Lindholm mit Sophie Behrens zu einem Gespräch trifft, wird klar, dass sie Behrens schon seit vielen Jahren kennt und Behrens schildert auch, wie Lindholm sie angemacht habe. Lindholm wird in der Folge als sexuell ambivalent dargestellt. Sie kommt nicht nur dem Freund einer Kollegin, sondern auch ihrer Kollegin Anaïs Schmitz körperlich näher.


Die Jura-Professorin Sophie Behrens (l.) mit ihrer Ehefrau (r.)

Eine gute Folge mit geschliffenen Dialogen über völkisch denkende Frauen. Die Erstausstrahlung dieses "Tatorts" steht mit zwei Anlässen in Verbindung: Der Tag der Erstausstrahlung war der seit 2008 international gefeierte Tag der lesbischen Sichtbarkeit. Es war erwartbar, dass im April 2020 viel darüber diskutiert wurde, wer Nachfolger*in von Andreas Voßkuhle, dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, werden solle. Einen Monat später wurde der konservative Stephan Harbarth ernannt (s. queer.de).

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#1 BallaufAnonym
#2 KaiJAnonym
  • 28.11.2020, 14:43h
  • Ich habe nur die ersten Rezensionen zu den Tatorten gelesen. Es reicht mir damit wie mit den leider ach so beliebten Tatorten überhaupt ausser dem aus Münster aus anderen Gründen. Schnell hat sich bei mir schon vor dem Artikel hier der Eindruck eingestellt, dass sie alle bis hin zu extremen Klischees und Unterstellungen queerfeindlich sind. Meist' wird nicht mit einem Zeitgeist, sondern mit einem aus düsterer Vergangenheit gearbeitet. Ein über den Zeitgeist noch hinausgehende progressive Herangehensweise an queere Themen ist in Sinne des Grundgesetzes die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Tatorts und nicht die Förderung reaktionärer Politik in der Art der Besetzung auch anderer Themenfelder.
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#3 AnselmAnonym
  • 30.11.2020, 13:09h
  • Beeindruckende Auflistung. Vielen Dank dafür.
    Mir fehlt noch der erste Fall von Lannert und Bootz "Hart an der Grenze" vom 9. März 2008 (Folge 670), wo sich die beiden Kommisare als schwules adoptionswilliges Paar ausgeben. Ich meine, in den nächsten Folgen gab es noch als Running Gag schwule Anspielungen, bin mir aber nicht ganz sicher. Dafür ist es zu lange her.
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#4 Erwin In het PanhuisAnonym
  • 30.11.2020, 17:18h
  • Antwort auf #3 von Anselm
  • Vielen Dank für den guten Tipp. Ich habe es mir notiert und berücksichtige es, wenn es hier oder an anderer Stelle zu einer aktualisierten Fassung von meinem Tatort-Lexikon kommen sollte.
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