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"Ein Deutscher in Paris"

Karl Lagerfeld: Die ihm würdige Biografie

Karl der Große, Kaiser Karl, Modezar: An Superlativen der Fremdbeschreibung mangelte es Karl Lagerfeld nie. Eine neue Biografie zeichnet jetzt sein Ausnahmeleben und -talent nach, enttarnt einige selbstaufgebaute Mythen und strotzt vor Anekdoten.


Karl Lagerfeld im Jahr 2014 (Bild: Christopher William Adach / flickr)
  • Von Fabian Schäfer
    29. November 2020, 03:48h, 1 Kommentar

Karl Lagerfeld ist mehr als ein Name. Es ist eine Marke, die der Designer in mühevoller Arbeit jahrzehntelang aufgebaut, perfektioniert und präzisiert hat. Ein Glück, dass er keinen der beliebteren Vornamen für Jungen seines Geburtsjahres 1933 erhalten hat: Hans, Günther, Horst. Karl ist international verständlicher, klarer, und es lassen sich einfach Wortneuschöpfungen kreieren. Seine "Karlikaturen" etwa, die zwischen 2012 und 2019 in der FAZ erschienen sind, die die politische Seite des Modeschöpfers bewiesen und die später zunehmend Kritik an Angela Merkel zeigten. Oder seine "Karlismen", seine kurzen, prägnanten Sentenzen, wie gemacht für Wandtattoos, T-Shirts oder Instagram-Biografien. "Wer eine Jogginghose trägt..." – genau.

Alfons Kaiser, FAZ-Redakteur, ergründet in seiner Biografie mit dem Untertitel "Ein Deutscher in Paris" den Mythos Karl Lagerfeld, lässt sich dabei aber nicht dazu verleiten "den wahren Menschen hinter der Fassade" zu versprechen, wie es Biografien sonst gerne tun.

Nein, Kaiser verfolgt klassische Biografen-Arbeit, wenn er sich mit ehemaligen Nachbar*innen, Weggefährt*innen und Nachfahren derselben unterhält, öffentliche und private Archive durchforstet und aus seinen eigenen wie anderen, in Teilen auch unveröffentlichten, Interviews schöpft und dann (meist) chronologisch erzählt.

Schon früh hatte Lagerfeld große Pläne


"Karl Lagerfeld: Ein Deutscher in Paris" ist jetzt im Verlag C.H.Beck erschienen

Dabei kommt er nicht umhin, von Lagerfeld selbst aufgebaute Mythen zu entkräften. Das fängt schon bei seinem Geburtsjahr an, das der Modeschöpfer selbst gerne fünf Jahre später angab, und geht weiter beim Tod des Vaters, von dem er angeblich erst drei Wochen später erfahren haben will.

So lernen wir die Person Karl Lagerfeld kennen, bevor sie weltbekannt wurde. Den Jungen, der schon immer besonders war, der lieber auf dem Dachboden zeichnete, als mit den anderen Kindern zu spielen oder zu raufen. Der absurd hohe Bildungsansprüche an sich hatte, und der schon früh wusste, dass er von der norddeutschen Provinz wegmusste. Der Teenager, der bei der Hamburger Show von Christian Dior 1949 eine Erweckung erlebte, und der drei Jahre später, nicht einmal 19 Jahre alt, nach Paris ging und dort langsam, aber stetig seine Karriere vorantrieb.

Immer wieder überzeugt Alfons Kaisers Biografie durch kleine Episoden, die einen wahnsinnig guten Eindruck davon geben, was Karl Lagerfeld für ein Mensch war, wie und wo der Workaholic, der vor Energie sprühte, gelebt, gearbeitet und gewirkt hat. Etwa wenn der damals gute Freund Peter Bermbach erzählt, dass er immer minutenlang wartete, nachdem er bei Karl geklingelt hat. "Vielleicht ging es um den Distinktionsgewinn des Großbürgersohns, der zeigen wollte, dass sein Haus ziemlich groß ist oder dass eigentlich das Dienstmädchen längst hätte öffnen sollen."

Die Liebe seines Lebens

Eine der großen Stärken der Biografie ist – neben den vielen Fotografien aus allen Lebensabschnitten – zudem, dass Alfons Kaiser Lagerfelds Leben stets in seiner Zeit verortet. Wie sich der Job von Modedesigner*innen gewandelt hat, vom Dienstleister abseits der Öffentlichkeit zu medienwirksamen Stars, wie die gestiegene Konsumfreude und die Geburtenrate in Frankreich Karls Karriere beeinflusst hat und wie das alles ineinander verwoben ist.

Jacques de Bascher, Lagerfelds Liebe seines Lebens, mit dem er eigenen Angaben zufolge nie Sex hatte, ist nicht nur ein eigenes Kapitel gewidmet. Natürlich spielt der Dandy, der so anders war als Karl, die ganzen Siebziger- und Achtzigerjahre eine große Rolle, auch wenn man bei all den Liebhabereien und Eifersüchteleien zwischen den beiden, Lagerfelds Lieblingsfeind Yves Saint Laurent und Pierre Bergé fast den Überblick verlieren kann.

Alfons Kaiser schafft eine Biografie, die dem größten deutschen Modeschöpfer würdig ist. Detail- und kenntnisreich, ohne Schattenseiten, Widersprüche oder Marotten auszusparen, lebendig, informativ und wahnsinnig dicht an Informationen, Beschreibungen und kleinen Anekdoten. Ein Muss für alle Fans und die, die es werden wollen.

Infos zum Buch

Alfons Kaiser: Karl Lagerfeld – Ein Deutscher in Paris. Biografie. 383 Seiten mit 58 Abbildungen. Verlag C.H.Beck. München 2020. Gebundene Ausgabe: 26,00 € (ISBN: 978-3-406-75630-6). E-Book: 16,99 (ISBN: 978-3-406-75631-3).