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Einzelkommentar zu:
Wort des Jahres: "Gendersternchen" auf Platz 9


#4 LinguistinAnonym
  • 30.11.2020, 13:48h
  • "Dabei lehnt die Gesellschaft für deutsche Sprache diese Art von geschlechtergerechter Schreibweise ab."

    Aus gutem Grund.

    Oder besser gesagt: aus mehreren guten Gründen:

    1.
    Es schränkt die Lesbarkeit massiv ein. Man liest in Sakkadensprüngen und wenn dann mitten im Text Sterne vorkommen, schränkt das die Lesbarkeit massiv ein.

    Es leidet sowohl die Quantität als auch die Qualität der Informationsentnahme. D.h. man liest länger, versteht weniger und behält weniger.

    Und obendrein ermüdet man schneller.

    Besonders absurd wird es, wenn man das zu Ende denkt:

    Dann müsste man nicht nur "Bürgermeister*in" sagen, sondern weil es ja auch Bürgerinnen und Bürger gibt, müsste man "Bürger*in*nen*meister*in*nen" sagen.

    Oder die Studenten: da schreiben die Leute dann "die Student*innen", aber da die Pluralmarkierung "en" auch in "Studenten" vorkommt, müsste es eigentlich "die Student*in*nen" heißen.

    So oder so: kaum noch lesbar...

    2.
    Ob jemand Frauen als gleichberechtigt ansieht oder nicht, hat nichts damit zu tun, wer die meisten Sternchen in einen Text einstreuen kann, sondern wie man im Kopf tickt. Und das ändert man nicht, indem man Sprache schlechter lesbar macht.

    Im Gegenteil, das führt eher dazu, dass selbst Leute, denen das wichtig ist, irgendwann auf Durchzug schalten.

    Man erreicht also das genaue Gegenteil.

    3.
    Es ist linguistisch unsinnig, denn das grammatische Geschlecht hat nichts mit dem biologischen, sozialen oder psychologischen Geschlecht zu tun. Hat also weder mit dem englischen "sex" noch mit dem englischen "gender" etwas zu tun.

    Das sieht man ja auch umgekehrt:
    man sagt ja auch "die Person" (f.). "die Persönlichkeit" (Martin Luther King war eine große Persönlichkeit, auch wenn er ein Mann war und es "die Persönlichkeit heißt)), "die Waise" oder "die Geisel", wenn es ein Mann ist. Dann sagt man ja auch nicht "der Personerich" oder "der Geiselerich" oder so.

    Oder nicht nur im femininum, sondern auch im neutrum: "das Kind", "das Mitglied", "das Opfer", "das Individuum", auch wenn es Männer oder Frauen und keine Dinge sind.

    (Alleine das zeigt schon, dass grammatisches Geschlecht nichts mit biologischem Geschlecht zu tun hat. Hätte man als deutsche Bezeichnung für das grammatische Geschlecht einfach "Bumsibums" oder was auch immer gewählt, gäbe es heute diese Diskussion nicht, weil jeder verstehen würde, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat.)

    Und wenn ich sage, dass ich Katzen mag, dann meine ich damit selbstverständlich auch Kater.

    4.
    Man hört immer wieder "Ich will nicht nur mitgedacht sein".

    Wenn man eine Pluralform für Männer und Frauen verwendet, sind die Männer nach der Logik auch nicht weniger "mitgedacht".

    Aber der Ansatz ist bereits falsch:
    In einer Bezeichnung ist niemand "mitgedacht", sondern entweder gehört man zu dem, wofür die Bezeichnung steht" (linguistisch gesprochen: die Extension) oder eben nicht.

    Wer nicht dazu gehört, ist weder "mitgedacht" noch sonstwas, sondern schlicht außen vor. Und wer wohl dazu gehört, gehört dazu und ist nicht "mitgedacht".

    Das ist so, als würde man sagen:
    "Die Menschen in Amerika und auch die Schwarzen" und würde dann sagen, dass die Schwarzen nicht nur "mitgedacht" werden dürfen, sondern separat genannt werden müssen. Aber erst diese separate Nennung diskriminiert die Schwarzen, so als seien sie keine Menschen und mit "Menschen" nicht gemeint.

    Und genauso ist es dabei:
    Diejenigen, die sich beschweren, dass sie nicht mit gemeint sind, schließen sich erst selbst aus, indem sie bei Ausdrücken, wo sie selbstverständlich dazu gehören, noch mal irgendwelche Sternchen und Buchstabenfolgen anhängen wollen.

    Man bietet eine angebliche Lösung für ein Problem, das es ohne diese Lösung gar nicht erst gäbe.

    5.
    Man hört auch immer gerne von angeblichen Studien. Nur benennen konnte mir noch niemand solche eine Studie. Und die Studien, die ich zu dem Thema kenne, sind alle methodisch höchst fragwürdig. Und da wird nicht mal ein inferenzstatistische Auswertung gemacht, sondern nur deskriptive Statistik angewandt. Mit anderen Worten: die Aussagekraft ist gleich null.

    WAS WIRKLICH DAHINTER STEHT:

    In Wahrheit steckt das etwas ganz anderes hinter.

    Es gibt nach wie vor massig Diskriminierung von Frauen. Gender Pay Gap, Glass Ceiling, etc.

    Auf deutsch: Frauen haben es viel schwerer, die Karriereleiter hochzusteigen, bekommen nicht dasselbe Gehalt für dieselbe Arbeit, etc.

    DAS sind Dinge, an denen man etwas ändern sollte, könnte und müsste.

    Aber diejenigen, die daran etwas ändern könnten (z.B. in der Politik) versagen auf ganzer Linie. Und wie können die jetzt von diesem Versagen ablenken?

    Ganz einfach:
    man zaubert ständig neue Ideen zur Veränderung von Sprache hervor, obwohl man weiß, dass Sprache so nicht funktioniert.

    Aber dann hat man die Leute ruhig gestellt.

    Denn alle die Leute, die jetzt über ihren Texten brüten, wo noch alles Sternchen hingehören, die zum Lesen fremder Texte viel länger brauchen und die ständig wütende Leserbriefe an Zeitungen, Zeitschriften, Websites, etc. schreiben, wo sie verlangen, auch die sollen ihre Texte schlechter lesbar machen, haben genug Zeit vergeudet und sich genug aufregen können.

    Die beschweren sich dann nicht mehr bei den Dingen, wo wirklich diskriminiert wird, weil sie schlichtweg keine Zeit und keine Energie mehr dazu haben.

    FAZIT:

    Statt Gendersternchen und ähnlichen Dingen sollte man lieber für echte Gleichstellung zwischen den Geschlechtern sorgen! Damit ändert man die Köpfe und dann braucht man nicht Sprache unleserlich zu machen, um davon abzulenken, dass sich in der Realität nichts ändert.
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