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Sachbuch

Wenn der Kammerherr den Prinzen liebt

Das neue Buch "Homosexualität am Hof" gibt erstmals Überblick und Einblick in das Verhältnis von Hof, höfischer Kultur und Homosexualität vom Mittelalter bis heute.


Die Herausgeber von "Homosexualität am Hof": Norman Domeier (li.) und Christian Mühling (Bild: Campus Verlag / privat)

In der Geschichtswissenschaf galt der Hof jahrelang als überschätzte, vollständig erforschte Institution. Nur die queere Geschichte des Hofes wurde bislang kaum in den Blick genommen. Doch ohne die Figur des homosexuellen Höflings, mithin auch des homosexuellen Monarchen, ist ein Hof kaum denkbar.

Im neuen Buch "Homosexualität am Hof" gibt Christian Mühling, Historiker und Literaturwissenschaftler an der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg, zusammen mit seinem Stuttgarter Kollegen Norman Domeier erstmals Überblick und Einblick in das Verhältnis von Hof, höfischer Kultur und Homosexualität vom Mittelalter bis heute.

Stöckelschuhe kein Zeichen für Queerness

Männer schließen Freundschaft mit anderen Männern, sie sehen sich als Kumpel an, die miteinander durch dick und dünn gehen. Und mitunter beginnen sie, einander zu lieben. In welchem Verhältnis ein Monarch in früheren Zeiten zu jenen Männern stand, mit denen er sich verbunden fühlte, ist nur schwer herauszufinden, gibt Christian Mühling zu. Beim Quellenstudium allerdings drängt sich bisweilen der Verdacht auf, dass da mehr war als tiefe Freundschaft. Gleichzeitig ist die Gefahr falscher Interpretationen groß. Denn einst herrschten völlig andere Sitten als heute.

Eine heikle Sache ist es zum Beispiel, aus dem Gebrauch von Gegenständen, die wir heute kennen, auf frühere Einstellungen und Vorlieben zu schließen, erläutert Christian Mühling am Beispiel der Stöckelschuhe. "Die waren eine Erfindung für Herren", sagt er. Sieht man auf alten Gemälden einen Monarchen mit Stöckelschuhen einherschreiten, heißt das also noch lange nicht, dass dieser Herrscher eine Dragqueen war oder sich als Frau identifizierte. Stöckelschuhe waren für Männer normal. Wie es lange Zeit gang und gäbe war, dass nicht nur Mädchen, sondern auch kleine Jungs Kleidchen anhatten.

Quellenbedingt stoßen Historiker relativ bald an die Grenzen der Erkenntnis, was das Liebesleben früherer Adeliger anbelangt: Wer mit wem ins Bett gestiegen ist, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Und doch ist es interessant, was zum Beispiel Tagebücher verraten. Christian Mühling befasste sich intensiv mit Ernst Ahasverus Heinrich Graf von Lehndorff, einem 1727 geborenen preußischen Kammerherrn am Hof von Friedrich dem Großen. Aus von Lehndorffs Tagebuch geht hervor, welche tiefen Gefühle der Graf zu einem jüngeren Bruder des Königs hegte. Mühling: "Er konnte nachts nicht schlafen, wenn der Prinz krank war, und er hatte Angst, wenn er sich im Krieg befand."

Hinweise aus dem persönlichen Tagebuch


"Homosexualität am Hof" ist im Campus Verlag erschienen

Bei der Lektüre der Tagebücher fällt auf, dass der Graf in puncto Frauen weit weniger emotional war. Zweimal war von Lehndorff verheiratet gewesen. Als eine seiner Frauen starb, war ihm das gerade mal einen Dreizeiler im Tagebuch wert. Auch fand Mühling keine Einträge, in denen der Graf von der Schönheit einer Frau geschwärmt hätte. "Doch die körperliche Erscheinung des Prinzen bewunderte er", so der promovierte Historiker, der aktuell in ein Forschungsprojekt der Literaturwissenschaft an der Uni Würzburg integriert ist. Von Lehndorff schien jede Minute in der Nähe des Prinzen genossen zu haben. Ob er ihn auch körperlich liebte, geht aus seinem Tagebuch nicht hervor.

Nun ist Liebe überhaupt ein dehnbarer Begriff, unter dem jeder und jede etwas anderes versteht. In früheren Zeiten wurden Liebesworte und Wendungen mit dem Begriff "Liebe" in Briefen häufig formelhaft verwendet. Ein leicht falsch zu interpretierendes Wort aus historischen Quellen ist außerdem "Sodomie". Einst wurde laut Mühling damit alles bezeichnet, was nicht dem heterosexuellen Geschlechtsverkehr in der Ehe entsprach. Auch Homosexualität war damit also gemeint. Jede Form von Sodomie war verboten und wurde hart bestraft. Was jedoch nicht heißt, dass gleichgeschlechtliche Liebe in früheren Epochen nicht praktiziert worden wäre.

Keine Heirat aus Liebe

Auch wenn es am Ende kein klares Ja oder Nein gibt, was die sexuelle Orientierung früherer Herrscher und Höflinge anbelangt, ist das von Mühling und Domeier herausgegebene Buch spannend. Die in ihm enthaltenen Beiträge stammen aus einer Tagung zu "Hof und Homosexualität", die im Herbst 2017 in Würzburg stattgefunden hatte. Forscher*innen aus verschiedenen Ländern und verschiedener Disziplinen hatten daran teilgenommen. Beleuchtet wurden unter anderem die Freundschaft in den Briefen Isabellas von Parma an Marie Christine von Habsburg-Lothringen oder die homosexuelle Patronage an europäischen Höfen der Frühen Neuzeit.

Dass es inzwischen eine wissenschaftliche Community gibt, die sich intensiver als bisher mit der queeren Geschichte des Hofes befasst, ist in Christian Mühlings Augen eine sehr positive Entwicklung. In der Vergangenheit wurde allenfalls das Thema "Mätressen" aufgegriffen. Apropos Frauen: Dass diese in Mühlings Buch unterrepräsentiert sind, liegt daran, dass ihnen bis ins 20. Jahrhundert hinein Sexualität abgesprochen wurde. Frauen, so die allgemeine Auffassung in früheren Zeiten, waren lediglich "Gefäße". Geheiratet wurde in höheren Kreisen bekanntlich sowieso nicht aus Liebe. Sondern wegen der Mitgift. (cw/pm)

Infos zum Buch

Norman Domeier, Christian Mühling (Hrsg.): Homosexualität am Hof. Praktiken und Diskurse vom Mittelalter bis heute. 403 Seiten. Kartoniert. Campus Verlag. Frankfurt 2020. 39,95 €. ISBN 978-3-593-51076-7


#1 KenshiroProfil
  • 02.12.2020, 10:23hBerlin
  • Das berühmtes Paar was Monarch und Gefährte gibt, ist wohl Edward II. von England und sein Piers Gaveston. Bis heute wird in der Forschung gestritten wie ihr persönliches Verhältnis war, für die einen ist eindeutig und für andere wiederum nicht.
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#2 Taemin
  • 02.12.2020, 10:34h
  • Ich bitte, einen Satz aus der Erzählung "Der Holzvulkan" von Hans Pleschinski zitieren zu dürfen:

    "Beim großen Lever am 8. Juli findet man Sophie Amalie mit der Liebkosung ihres Seidenkissens beschäftigt und Erbprinz August Wilhelm mit einem seraphischen Gesichtsausdruck quer über der Reiterbrust von Prinz Christian schlafend..."

    (Es war die Hochzeitsnacht des künftigen Herzogs von Braunschweig.)
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#3 David JacobAnonym
#4 Steve83Anonym
  • 03.12.2020, 14:10h
  • Hallo

    Wenn es interessiert kann sich in diesem Zusammenhang mal über Herzog Philipp I Von Orleans, den einzigen Bruder König Louis XIV von Frankreich informieren.
    Dieser lebte tatsächlich quasi öffentlich schwul. Was auch in seiner Kindheit von seiner Mutter Königin Anne und Kardinal Mazarin gefördert wurde. Um ihn nicht zum Feind bzw Konkurrenten seines Bruders auf dem Thron werden zu lassen.
    Er war zwar zweimal verheiratet, und hatte Kinder. Nur sein ganzes Leben war von seinen Männern und Liebhabern bestimmt und er brachte dadurch seinen Bruder den König oft in missliche Situationen da ja Männer liebe damals eigentlich verboten war.... Und besonders ironisch er war in zweiter Ehe mit einer eher handfesten und natürlichen Lisselotte von der Pfalz verheiratet, die mit seinem luxuriösen usw überhaupt nichts anfangen konnte...

    Sehr schöne Geschichte leider gibt es über den Herzog keine Biografie auf deutsch.... Erst mir eine meiner liebsten historischen Figuren...

    Viele Grüße
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#5 Still_IthEhemaliges Profil
  • 04.12.2020, 14:49h
  • "Geheiratet wurde in höheren Kreisen bekanntlich sowieso nicht aus Liebe. Sondern wegen der Mitgift."

    Nein, in den _höheren_ Kreisen zur Zeugung eines legitimen, Thronfolgers/cis-männlichen Erben, im Gegensatz zu für gewöhnlich nicht erbberechtigten "Bastard"-Kindern.

    Abgesehen davon sagt die Auswahl der Inhalte eines Werks immer etwas über die Zeit und Werte derjenigen Personen aus, die es zusammenstellen. Nie über die Zeit, Epoche oder bloß geographische Lage, die betrachtet werden.
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