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Kommentar

Warum das Coming-out von Elliot Page so mutig ist

Die Entscheidung des Schauspielers, seinen persönlichen Erkenntnisprozess ohne Druck von außen und trotz beruflicher Risiken publik zu machen, ist Hilfsgeste für andere und Appell an die Gesellschaft, Brüche im Leben von Menschen zu akzeptieren.


Elliot Page als Vanya Hargreeves in "Umbrella Academy" (Bild: Netflix)
  • Von André Malberg
    2. Dezember 2020, 10:17h 12 5 Min.

Der Schauspieler Elliot Page möchte mit männlichen Pronomen angeredet werden, wie er gestern auf seiner Twitter-Präsenz bestätigte (queer.de berichtete). Ein Vorgang, der für mit Person und Starpräsenz nicht vertraute Menschen profan anmuten mag, jedoch das Gegenteil ist. Denn Page lebte nicht immer mit diesen Pronomen, wurde vielmehr spätestens mit seinem Durchbruch als schwangerer Teenager im Kampf gegen die Erwartungshaltungen der Erwachsenenwelt in Jason Reitmans "Juno" (2007) zum Sinnbild und zur mutstiftenden Ikone nicht regelkonformer Weiblichkeit.

Zunehmend weniger genderkonforme Figuren, ein Coming-out als lesbisch und die Ermunterung, das ersehnte word of god, dass all seine Figuren, ob ungeoutet oder nicht, homosexuelle Lebenswirklichkeiten abbilden, zementierten im folgenden Jahrzehnt diesen Status in der öffentlichen Wahrnehmung. Dass er nun selbst alle vormaligen Konstanten ins Rollen versetzt hat, schafft auf den ersten Blick Brüche und Widersprüche, über deren Entstehung und Verwurzlung zuvorderst in unseren Köpfen wir nachdenken sollten.

Eine Hilfsgeste auch für andere

Elliot Pages Coming-out als nicht tradierten Geschlechtszuweisungen gehorchender trans Mensch geschah ohne die Not der öffentlichen Person, über ein augenscheinlich grundlegend verändertes oder in der Veränderung begriffenes Äußeres Rechenschaft ablegen zu müssen – dies stellt einen Präzedenzfall dar, der sich schwer mit eine körperliche Transition wagenden Prominenten vergleichen lässt. Während Caitlyn Jenner oder die Wachowski-Schwestern nicht zuletzt auch auf nach außen sichtbare und teils schon länger umrätselte Veränderungen reagieren mussten, das Feiern feingliedrig mit Druck unterfüttert war, hätte Page umstandslos unter seinem Deadname, dem mit diesem verknüpften Bild weiterleben können.

Das Gegenteil zu tun, es ist eine sehr bewusste Entscheidung, eine Hilfsgeste auch für andere. Es ist von bislang beispiellosem Mut in einer Gesellschafts- und Weltordnung, die das Coming-out vorrangig auch als eine, manchmal gar abzuleistende, Erklärung besetzt hat, als Auflösung der Widersprüche, der Brüche im wahrgenommenen Guss einer Person schätzt. Der Robert von nebenan war doch schon immer so fein, zaghaft, ein Puppenspieler – ganz weiblich. Es ist beruhigend zu wissen, dass er schwul ist.

Neben der Erleichterung, die der Prozess des Coming-out den Betroffenen verheißt, existiert doch stets im gleichen Schritt eine Kehrseite der Medaille. Sich zu outen, das gibt den Anderen – denen, die es ohnehin schon immer ahnten, denen, die auf Einheitlichkeit drängen – ein Maß an Kontrolle über eine Person, ihr Schaffen, ihre Wirkung und die Rezeption all dieser Fragmente des Individuums. Dass diese unwiderrufliche Enthüllung in bestimmten Arealen des sichtbaren Lebens nach wie vor häufig vermieden wird, ist verständlich, sollte nicht zu Spott herausfordern – denn das Coming-out ist häufig ein Spiel, das, sollte es ihnen schon nicht in Gänze gehorchen, den Regeln der gesellschaftlichen Mehrheiten zumindest nicht entsagen kann.

Ein Coming-out mit beruflichem Risiko

Elliot Pages Coming-out ist nun die Herausforderung zurück an die Herausforderer, diese Brüche mehr denn je aushalten zu müssen. Sie speist sich aus allem, was gewesen ist, jedoch auch daraus, dass der Mensch Elliot Page sich schwieriger, weniger ganzheitlich davon separieren lässt, wie er auch in Zukunft noch häufig gelesen werden wird. Der Mensch ist der gleiche – ohne die fremde Ausdeutungen verifizierende Ankündigung einer operativen Angleichung oder ähnliche gesellschaftlich erwartete Erklärungsmuster in unserer Aussicht hat sich deutlicher lediglich eine Konstante verschoben, die für nicht gleichfalls transidente Außenstehende schon seit jeher weniger Bedeutung hatte, als sie sich gerne herausnehmen. Und er bezahlt einen Preis.

Entgegengesetzt dem, was sich hinter der aufgesetzten Sorge um echte, authentische Gesten in einer Welt angeblich allein dem Wohlgefallen gehorchender Coming-outs verbergende Trans- oder Homophobe so gerne insinuieren, gehört zu Pages Handlungen kein "Gratismut", sondern berufliches Risiko. Bislang steckte er in einem doch relativ klar abgesteckten und nicht zuletzt ebenfalls von Image und Fanwünschen gesicherten Rollenterrain, in welchem ihn wohl nur wenige erneut einsetzen werden. Patente, in ihrem träumerisch-mutigen Selbstbild gefestigte Frauenfiguren, die andere Frauen auf wie abseits der Leinwand in Zwänge verschiedenster Art abwerfender, schrulliger Lockerheit stärkt und selbst schluffigsten Kerlen Tatendrang entlockt, in einem gewissen Sinne ihre Männlichkeit.

Die geschaffenen Idiosynkrasien des Manic Pixie Dreamgirls sind gestern endgültig als Fantasie vorrangig cis-männlicher Kreativer in der Wirklichkeit aufgeschlagen. Auch wenn so oft das Gegenteil versichert wird: Ernstzunehmende Rollen für nachhaltig aus den Genderkonventionen gefallene Kunstschaffende wachsen nicht an gehegten und von Fördergeldern umpflegten Bäumen. Speziell für Arrivierte wie Page bedeutet die allgemein zugängliche Annäherung an das Innerste eine Rückbesinnung auf Herausforderungen der Nischenfindung, die man längst abgelegt hatte.

Eine Aufforderung zur Beruhigung

Im besten Falle kann dieser durch eine bei aller durch Starrummel vorgetäuschten Nähe letztlich ganz fernen Menschen vorgenommene Einschnitt in die althergebrachten Sichtweisen um selbsterklärende Rechenschaft nicht nur die Aufforderung zum Aushalten beinhalten, sondern auch Beruhigung. Die Möglichkeit, den aus der Fassung gepurzelten Blick in aller Ruhe neu justieren zu können. Trans zu sein, das gilt immer noch häufig als hysterisch, eine psychische Erkrankung geschaffen aus Geltungssucht. Kurz: als weibisch. Das Leben als trans Frau muss diesen Deutungen gehorchen, dann wird es in jovialer Hinabsicht bemitleidet.

Dem Leben als trans Mann – oder im Falle Pages als Person mit einem lediglich artikulierten Wunsch nach männlichen Pronomen – bleibt diese Eingliederung in die Erwartungen der Tondiktierenden nicht. Kaum etwas gilt in unserem Ordnungssystem weniger als ein "falscher" Mann, ob er selbst einer sein mag oder nicht. Lasst uns diesen Anlass nutzen, darüber zu reflektieren. Denn eins ist offenkundig: Elliot Pages Entscheidung, diesen hochpersönlichen Erkenntnisprozess publik zu machen, ist exakt, was dem Maskulinen gemeinhin zugeschrieben wird. Mutig, echt, authentisch gegen alle Widerstände und Ketten. Jedoch ohne diese Zuschreibungen als eitlen Selbstanspruch.

-w-

#1 KratzbürsteAnonym
  • 02.12.2020, 11:33h
  • Frage nur ich mich, woher der Autor hier die Informationen hat, dass Elliot Page keine Transition durchführen lassen wird? Oder ist das die reine Annahme, weil er auch they als Pronomen verwendet? In dem Fall: auch non-binäre Personen können eine Transition durchlaufen...
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#2 Was fehltAnonym
  • 02.12.2020, 13:54h
  • Elliot Page: "Meine Pronomen sind he/THEY" (Hervorhebung durch mich)

    André Malberg: "Der Schauspieler Elliot Page möchte mit männlichen Pronomen angeredet werden" "... Wunsch nach männlichen Pronomen"

    Eine für mich schwer nachvollziehbare Auslassung, die in seltsamem Widerspruch zum Rest des lesenswerten Artikels steht.
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#3 BinmalwegAnonym
  • 02.12.2020, 14:12h
  • Also am Anfang hab ich mich noch auf den Text eingelassen, aber ab der Hälfte hab ich das verschwurbelte Geschreibsel nicht mehr ausgehalten und geistig einfach abgeschaltet. Upsi ...
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