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Literatur

Der Räuber und der Dichter

Der Albino Verlag hat Christine Wunnickes wunderbare Erzählung "Missouri" über eine absurde schwule Liebesbeziehung im Wilden Westen, die als Geiselnahme beginnt, neu herausgebracht.


Ausschnitt aus dem Cover der englischen Ausgabe: Im Mittelpunkt von "Missouri" stehen der britische Dichter Douglas Fortescue und der amerikanische Bandit Joshua Jenkins, die sich im Wilden Westen kennenlernen
  • Von Stefan Hölscher
    5. Dezember 2020, 13:57h, 1 Kommentar

Der eine ist ein höchst seltsamer Dichter. Ursprünglich Gerichtsschreiber, verabscheut er die Dichtung: "Es graute ihn vor der Poesie. Es graute ihn vor Dichtern." Aber er will sie revolutionieren – und vor allem will er berühmt werden, was ihm, Douglas Fortescue, mit einem "Gedicht von zweiundzwanzig Seiten" 1832 in London auch schlagartig gelingt.

Sein Ruhm wächst, er schreibt weitere Werke; doch er schreibt sie auf eine sehr ungewöhnliche Weise: Bei nächtlichen Zusammenkünften in seiner Villa, die das mit dem Ruhm verbundene Einkommen ihm zu erwerben möglich gemacht hat, lauscht Fortescue, was seine durch Alkohol und alle möglichen anderen Rauschmittel in besondere Geisteszustände gebrachten Gäste – allesamt junge Männer – von sich geben: und er schreibt es auf.

Ein paar Jahre später, als Fortescue sich von diesem wilden Leben und der Dichtkunst, der gegenüber er sich nun als "Pensionär" sieht, schon zurückgezogen und der "Lichtbildnerei" zugewandt hat, wendet sich die Londoner Gesellschaft, als nähme sie dem attraktiv-skandalösen Dichter seinen Rückzug übel, gegen ihn: es wird ihm "Betrug" und "Sodomie" vorgeworfen. Auf Anraten seines ihm in Hassliebe treu verbundenen Bruders Jeremy, der Douglas und seinen Haushalt managt, fliehen beide nach Amerika.

Der Bandit, der die Dichtkunst liebt

Der andere gilt als meistgefürchteter Bandit. Er redet kaum und kann Gefühle, egal ob negative oder andere, nur durch laute Schreie ausdrücken; aber er kann schießen. Er hat es von klein auf von seinem Vater Cyrus, ebenfalls berüchtigter Bandit, gelernt. Und er kann es so gut, dass er noch als Teenager in die Fußstapfen seines gerade gehängten Vaters als Anführer der kleinen, aber hoch gefürchteten Räuberbande, bestehend aus Absolum, Zadock und Paradise, tritt.

So ungewöhnlich wie der besondere Schreibprozess des Dichters Fortescue, so ungewöhnlich ist allerdings auch eine Eigenheit des rohen und blutbadverbreitenden Banditen Joshua Jenkins: Er liebt die Dichtkunst – obwohl er sie in keiner Weise versteht. Sein erster erschossener Mann, ein Landvermesser, den ihm, dem gerade Sechsjährigen, sein Vater eigens als erstes Schießübungsziel, "gefangen" hatte, trug ein Buch bei sich: "Oh, ein Buch, sagte Cyrus verächtlich, du hast einen mit Buch erwischt."

Und dieses Buch erweckt Joshuas Begehren. Er bittet den "Professor", "eine Art Wundarzt" seines Vaters, ihm daraus vorzulesen, was dieser, um nicht von Cyrus deswegen erschossen zu werden, nur zwei Zeilen, einen Satz lang wagt. Dieser Satz aber, ein Satz aus "Lord Byron, Collected Works, Volume Two", tut es Joshua an:

If solitude succeed to grief
release from pain is slight relief -

"Er verstand ihn nicht, aber er war Geheimnis und Trost und Gesellschaft, und man konnte sich still unterhalten mit dem Satz, wenn sonst niemand mit einem reden mochte."

Jenkins' Lieblingsdichter ist Douglas Fortescue

Später gelangt Joshua Jenkins an ein Buch von Douglas Fortescue. Da er den Pfarrer zwingt, ihm das Lesen beizubringen, kann er das Buch nun selbst lesen. Verstehen tut er es nicht. Aber er liest es so oft, dass er es auswendig kann, und er sorgt dafür, dass er fortan alles, was an Büchern vom Dichter Fortescue aufzutreiben ist, auch in seine Finger bekommt.

Weil Fortescue mit seinem Bruder nach Amerika flieht, weil die Postkutsche, in der sie später dort reisen, von einer Räuberbande überfallen wird, weil diese Bande die von Joshua Jenkins ist, finden diese zwei hoch seltsamen Vögel zusammen. Und zwar, wie sich mehr und mehr zeigt, in jeder Hinsicht von "zusammen". Es entwickelt sich nach und nach aus dem, was als Geiselnahme beginnt, eine vollkommen unbeholfene und absurde Liebesbeziehung. Eine unaussprechliche und natürlich auch gesellschaftlich unlebbare Romanze, die die tragische Zuspitzung vorprogrammiert.

Extrem schräger, aber hochspannender Western


Die Neuauflage von "Missouri" ist Ende November 2020 im Albino Verlag erschienen

Christine Wunnickes Erzählung "Missouri" entstand schon Mitte der Neunzigerjahre und wurde in leicht veränderter Form Teil ihres Debütromans "Fortescues Fabrik", der 1998 erschien. "Missouri" wurde später eigenständig publiziert, war aber die letzten Jahre vergriffen und ist nun – pünktlich zur Vergabe des Literaturpreises der Stadt München sowie des Wilhelm-Raabe-Preises an Christine Wunnicke – im Albino Verlag neu herausgegeben worden.

Dankenswerterweise, denn "Missouri" ist wunderbar: Es ist ein extrem schräger, aber in keiner Weise alberner, sondern spannender Western; es ist ein absurdes Stück über die Unmöglichkeit von Gespräch und Verständigung in einer – nur einen historischen Steinwurf von unserer entfernten – absolut verrohten Welt; es ist eine zarte und absolut kitschfreie Romanze, und eine Bruder- und Beziehungstragödie ist es auch.

Das alles erzählt in lakonisch-knappen Worten, gemeißelt klar und phantasietreibend zugleich. Ultimativ direkt wie ein Schuss von Joshua Jenkins und reiche, innere Bildwelten erzeugend wie die Poesiekollektionen von Douglas Fortescue:

Nein, dachte Josh, Tod und Teufel, und ja, dachte Josh, Tod und Teufel, ja. Fortescue hinter ihm, über ihm, nah, viel zu nah, ein Mann, und er selbst ohne Waffe – und Fortescue in ihm, ein scharfer Schmerz, Joshua biss in seine Knöchel, und da war Fortescues Hand, und Joshua biss in Fortescues Knöchel, und dann öffnete er Fortescues Hand und tat sie hin, wo er sie haben wollte, und Schmerz und Entzücken vermischten sich, und Joshua wollte mehr davon, mehr von Fortescue, alles, und er sagte ja, und Fortescue sagte Joshua, und dann war es vorbei.

Aber in den Beiden entsteht der Wunsch nach "noch einmal" – was immer das ist und sein soll. Die beiden Helden könnten das gar nicht sagen. Sagen aber lässt sich gewiss: "Missouri" lesen und miterleben, mitleiden und mitschmunzeln, kann man einmal und auf jeden Fall auch mehr als einmal.

Infos zum Buch

Christine Wunnicke: Missouri. Erzählung. 116 Seiten. Albino Verlag. Berlin 2020. Taschenbuch: 16 € (ISBN 978-3-86300-308-1). E-Book: 11,99 €


#1 AtreusProfil
  • 05.12.2020, 17:30hSÜW
  • Ein furchtbares Buch, das ich, seit es 2006 im Männerschwarm-Verlag erschien, besitze und von dem ich jedem dringend abraten möchte, der eine in sich geschlossene Geschichte erwartet und für den nicht ein Lagerfeuer und zwei Pferde automatisch einen Western ergeben. Hinzu kommt für mich die stilistische Unlesbarkeit. Allein die Tatsache, dass der Text die Einleitung eines Romans ist, sollte zu denken geben. Dann bitte gleich den eigtl. Roman lesen und kein Fragment.

    Tipp: Wer sich für einen Roman und einen echten Western interessiert, dessen Hauptprotagonisten beide schwul sind, sollte "Tage ohne Ende" von Sebastian Barry lesen. Für sechs Euro mehr erhält man hier ein wirklich großes und sprachmächtiges Leseerlebnis und das, ontop, in gebundener Ausgabe.
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