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Neu im S. Fischer Verlag

"Love Addict" feiert lesbische Lust, ganz ohne platt zu sein

Kate Davies' Roman-Sensation "Love Addict" über Julia, die mit 26 ihr Lesbischsein entdeckt und gleich mit voller Wucht auslebt, befreit lesbisches Begehren aus der Klischeeecke.


In "Love Addict" gibt's nicht nur Kuschelsex (Bild: ketut-subiyanto / pexels)

Wie wäre es, denkt sich Julia, wenn sie einfach ein "neues Sexkapitel aufschlagen" würde. Ihr letzter Sex ist drei Jahre her, und eigentlich lohnt es sich nicht mal, dem hinterher zu trauern, weil er so schlecht war. Der Gedanke kommt ihr bei einer Londoner queeren Kunstparty, zu der sie Dave, der Partner ihrer Mitbewohnerin Alice, mitgeschleppt hat. Kunst, in diesem Fall: lilafarbene geschwungene Schrift, "Deine Fotze schmeckt köstlich", auf pinkem Grund.

Ganz so schnell geht's dann doch nicht, und die 26-jährige Julia, die im Gesundheitsministerium Bürger*innenanfragen beantwortet (aber bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt ist), hat erst noch einmal schlechten Sex. So langweilig, dass sie genug Zeit hat, den dunklen Schmierfleck an der Decke ihres Sexpartners genauestens zu inspizieren. Aber nicht nur schlecht und langweilig, am Ende auch demütigend – und ihr ganzes Sexleben in Frage stellend.

Julia entdeckt Londons lesbischen Underground


"Love Addict" ist im S. Fischer Verlag als gebundenes Buch und E-Book erschienen

Nicht viel später hat Julia doch lesbischen Sex, und zwar was für welchen. Eine Offenbarung, ein wahres Erweckungserlebnis, das sie in anderen Sphären schweben lässt. Auf dieses erste Mal reagiert sie natürlich völlig übertrieben, spricht von einer "Bestimmung". "Jetzt, da ich lesbisch war, wollte ich öfter Tweed tragen." Die typische vorfreudige Begeisterung, wenn man meint, seinen Platz gefunden zu haben, und alles tut, um ihm auch gerecht zu werden.

"Love Addict", der erste Roman der britischen Autorin Kate Davies, wird vom Verlag als "lesbische Liebeskomödie mit Fleabag-Humor" angepriesen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Liebeskomödie klingt so unschuldig, nach Wohlfühllektüre, die einem ganz bekannte Schema folgt. Und ja, "Love Addict" ist an vielen Stellen zwar eine Liebeskomödie, die vor allem von Situationskomik lebt, und sehr, sehr lustig ist. Aber der Roman ist ernster, anspruchsvoller – und vor allem viel sexueller und expliziter.

Wie bei einem Initiationsritus geht Julia zum ersten Mal in einen Sexshop – und dann auch noch einen speziell für Frauen. Und als sie die Künstlerin Sam kennenlernt, eröffnen sich ihr (und wahrscheinlich vielen Leser*innen) ganz neue Welten. Sam, die ganz nonchalant sagt, dass Sex ihr Hobby sei, nimmt sie mit in den Londoner Underground, zu queeren Sexpartys, wo MDMA und Ketamin an Bars verkauft werden, lebt poly und nicht-monogam.

Der Roman hat das Zeug zum lesbischen Klassiker

Das ist für Julia herausfordernd, aber auch unfassbar aufregend. Ihr langweiliges Öffentliches-Dienst-Leben wird plötzlich aufgepeppt und dreht sich jetzt um weibliche Ejakulation, Fisting in Kellerbars mit Zuschauer*innen, Toiletten-Dreier oder Rollenspiele mit einem mexikanischen Drogenboss, der ihr ein Messer an den Hals hält. Sie und Sam sprechen nicht nur darüber, sie machen es auch. Ständig. Es muss fast nicht erwähnt werden, dass das in der Erzählung nicht ewig gut geht, sondern sich zu einer toxischen Beziehung entwickelt.


Kate Davies ist Mitbegründerin der LGBTI-Initiative "Pride in Publishing" (Bild: Idil Sukan)

Kate Davies hat mit "Love Addict" einen Roman geschrieben, der lesbisches Begehren endlich aus der Klischeeecke befreit, und ihm – hierzulande nicht in einem Nischenverlag, sondern bei Fischer – einen Gegenentwurf zugesteht, der unangepasst, lustvoll und sexy ist. Sie feiert Sexualität, ohne dass es platt und billig wirkt oder sich nur darauf konzentriert. Auch Julias Familie und ihre berufliche Frustration bekommen Raum.

Zwar behandelt die Autorin manche der vielen Nebenfiguren allzu stiefmütterlich, und in der Rückschau wird es hier und da zu offensichtlich, dass viele der Episoden einen ganz genauen Zweck für die Erzählung erfüllen. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass "Love Addict" eine Sensation ist – und nicht nur für queere Frauen erhellend (und ziemlich heiß) ist. Der Roman hat das Zeug zum lesbischen Klassiker, der auch noch in der nächsten Generation als Geheimtipp gilt.

Infos zum Buch

Kate Davies: Love Addict. Aus dem Englischen von Britt Somann-Jung. Roman. 512 Seiten. S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2020. Gebundene Ausgabe: 23 € (ISBN 978-3-10-397440-9). E-Book: 19,99 € (ISBN 978-3-10-491062-8)


#1 TribadeAnonym
  • 06.12.2020, 12:43h
  • Hallo liebe queer.de-Redaktion,

    vielen Dank für eure Rezension! Das Buch klingt sehr vielversprechend.

    Könnt ihr mir freundlicherweise kurz sagen, ob darin auch Tribadie vorkommt?

    Danke und liebe lesbische Grüße!
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#2 Fabian SchäferAnonym
#3 TribadeAnonym
#4 NisokonAnonym
  • 07.12.2020, 13:50h
  • Nur, weil es im Fischer-Verlag erschienen ist, ist das jetzt die "lesbische Offenbarung"?
    Es gibt schon seit einer Weile einen SP-Trend bei dem großen A, bei dem ich den Inhalt so schon zigmal gesehen habe. Wahrscheinlich sogar besser, denn die mangelnde Tiefe in Bezug auf die Charaktere wird hier ja angesprochen.
    Somit gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von guten schwul-lesbischen Bücher, aber ihr stellt hier immer nur welche von den "großen Verlagen" vor, obwohl die dem Trend weit hinterherhinken. Ein bisschen schade.

    Sicher ist da auch eine Menge Trash dabei, aber die eine oder andere Perle findet man eben doch.
    Ich könnte auf Anhieb ein paar gute Bücher empfehlen, die aber SP sind oder in kleinen Verlagen erschienen sind. Scheint hier aber nicht gefragt zu sein. Hauptsache Fischer-Verlag und irgendeine Engländerin, die über lesbischen Sex schreibt, als hätte das noch nie jemand vor ihr gemacht. Dabei gibt es inzwischen auch genug deutsche Autoren.
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