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Heimkino

Schwuler Anwalt verguckt sich in Flüchtling

Der erfolgreiche Anwalt Marius lernt auf einer Camsex-Seite einen syrischen Geflüchteten kennen und will ihn aus der serbischen Unterkunft retten. "The Lawyer" ist der erste baltische Film mit einer schwulen Liebesszene – und nicht nur deshalb sehenswert.


Der Unternehmens-Anwalt Marius lernt im Sex-Cam-Chat den charmanten Ali kennen, einen in Belgrad gestrandeten Flüchtling aus Syrien (Bild: Pro-Fun Media)
  • Von Fabian Schäfer
    8. Dezember 2020, 05:27h, noch kein Kommentar

"Geflüchtete sind ganz schön in gerade, oder?", sagt Ali, halb belustigt, halb resigniert. Marius sei schließlich nicht der erste, der ihm helfen wolle. Es gab einige, erzählt der syrische Geflüchtete, die ihn aus der Unterkunft in der Nähe der serbischen Hauptstadt Belgrad holen wollten. Geklappt hat es nicht.

Der Unternehmensanwalt Marius (Eimutis Kvosciauskas) aus Vilnius hat Ali (Doğaç Yıldız) auf einer Camsex-Seite kennengelernt und sich (vielleicht etwas sehr schnell) in den hübschen Syrer verguckt. Schon bald verbringt er eine Woche in Belgrad, mietet sich in ein Luxushotel ein, es gibt Abendessen vom Room Service, das Ali verschlingt.

Warum genau Marius Ali unbedingt helfen will, ist zunächst noch unklar. Will er die Leere in seinem Leben füllen, will er seinem Leben mehr Sinn geben, als große Unternehmen vor Gericht zu verteidigen? Ali gibt sich stark. Er sei zwar bi, aber das wisse niemand. Er gehörte nicht zu "denen", er verhalte sich anders – gemeint sind die queeren Geflüchteten, denen durch Resettlement-Programme geholfen wird. In anderen Worten: den Schwachen, den offensichtlich Schwulen. Doch wenn er von der Vergangenheit erzählt, von seiner Familie, dem im syrischen Bürgerkrieg für Assad gefallenem Bruder, wird auch er plötzlich erstaunlich zerbrechlich.

2020: Zeit für die erste schwule Liebesszene in einem baltischen Film

"The Lawyer" (Originaltitel "Advokatas") des litauischen Regisseurs Romas Zabarauskas ist der erste baltische Film mit einer schwulen Liebesszene. Ja, im Jahr 2020. Vor fünf Jahren hat Regisseurin Alantė Kavaitė mit "The Summer of Sangailė" (ebenfalls aus Litauen) eine sehr gelobte lesbische Liebesgeschichte erzählt. Viel mehr hat das queere Kino aus dem Baltikum (noch) nicht zu bieten, eine Ausnahme sind die Lang- und Kurzfilme von Zabarauskas. Die drei ehemaligen Sowjetstaaten gehören zu den homophobsten EU-Ländern, die aber langsam queerfreundlicher werden.


Allein wegen der Sexszene lohnt sich der Film (Bild: Pro-Fun Media)

Allein dass "The Lawyer" produziert wurde, ist für den Regisseur ein Zeichen dafür. "Da sich die Gesellschaft sehr schnell verändert, sind es auch die Entscheider*innen, die beginnen, vielfältigere Stimmen im Kino zu schätzen", sagte er dem Online-Magazin "The Calvert Journal", das zeitgenössische Kultur in Osteuropa abbildet. Besagte Liebesszene ist zwar ästhetisch gefilmt und sehr leidenschaftlich, ansonsten aber eher harmlos. Doch allein dafür lohnt sich das Drama.

Einige besonders ausgeklügelte Kamerafahrten oder der Soundtrack von Ieva Marija Baranauskaite entschädigen für kleine erzählerische Schwächen. Die Musik beginnt sehr klassisch, entwickelt sich dann weiter und füllt vor allem die Leere, mit der Romas Zabarauskas arbeitet, besonders atmosphärisch.

Vielfalt ist keine Kirsche auf dem Kuchen


Poster zum Film: "The Lawyer" gibt es vom 8. bis 12. Dezember 2020 als Stream beim Filmfestival Cottbus

Für "The Lawyer" ist der erst 30-jährige Regisseur unter anderem in den Libanon gereist, wo er sich mit der ersten queeren Hilfsorganisation im arabischen Raum "Helem" getroffen hat. Er hat mit syrischen Geflüchteten gesprochen und mit dem syrischen Journalisten Anmar Hijazi am Drehbuch gearbeitet. Das Ergebnis ist eine authentische, nicht übertriebene oder gewollt dramatische Geschichte, die zum Ende hin doch mit einem unerwarteten Plot Twist überrascht.

Regisseur Zabarauskas hat einen sehr politischen Film geschaffen, und er engagiert sich dafür, das Kino seiner Heimat noch diverser zu machen. "Einige Leute denken, dass Vielfalt eine Art Kirsche auf einem ansonsten perfekten Kuchen ist. Es gibt keinen Kuchen. Wir sprechen hier über die Hauptmahlzeit, und Vielfalt ist ein großer Teil davon", sagte er "The Calvert Journal." Mit "The Lawyer" hat er den Hauptgang schon deutlich reichhaltiger gemacht.

Direktlink | Deutscher Trailer zum Film

Infos zum Film

The Lawyer. Originaltitel: Advokatas. Drama. Litauen 2020. Regie: Romas Zabarauskas. Darsteller*innen: Eimutis Kvosciauskas, Dogac Yildiz, Darya Ekamasova, Denisas Kolomyckis, Danilas Pavilionis, Neringa Bulotaite. Laufzeit: 97 Minuten. Sprache: englisch-litauische Originalfassung. Untertitel: Deutsch. FSK 12. Pro-Fun Media. Vom 8. bis 12. Dezember 2020 als Stream beim Filmfestival Cottbus.