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Berliner Studie

LGBTI-feindliche Hasskriminalität ist "gesellschaftlich breiter verankert"

Homo- und transphobe Übergriffe gehen laut einem neuen Bericht "nur zu einem kleineren Teil auf ein politisch organisiertes Spektrum zurück".


Der Bericht zu LGBTI-feindlicher Gewalt soll in Berlin künftig alle zwei Jahren erscheinen

Das Land Berlin hat am Dienstag den bundesweit ersten Monitoring-Bericht zu homo- und transphober Gewalt vorgelegt. Der Schwerpunkt der 230-seitigen Studie (PDF) liegt auf anti-lesbischer Gewalt. Die Autor*innen, Soziologe und Politologe Albrecht Lüter, Politologin Sarah Riese und Kulturwissenschaftlerin Almut Sülzle, untersuchten dabei unter anderem Daten der letzten zehn Jahre zu Hasskriminalität, die sich gegen sexuelle und geschlechtliche Minderheiten richtet.

Eines ihrer Resümees lautet, dass die Übergriffe nicht nur von einer kleiner Gruppe Extremist*innen ausgehen, sondern schwerer zu fassen sei: "Hasskriminalität gegen die sexuelle Orientierung und/oder sexuelle Identität ist gesellschaftlich breiter verankert und geht nur zu einem kleineren Teil auf ein politisch organisiertes Spektrum zurück", heißt es in dem Bericht.

Mehr als vier von fünf Fällen LGBTI-feindlicher Kriminalität in Berlin seien zum Beispiel im Jahr 2018 ideologisch "nicht zuzuordnen". Dahinter folgten rechts motivierte Straftaten (acht Prozent) sowie Straftaten, die von einer "ausländischen Ideologie" (fünf Prozent) sowie einen "religiösen Ideologie" (vier Prozent) geleitet worden waren. An letzter Stelle liegen links motivierte Straftaten (ein Prozent).

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Fast immer gehen LGBTI-feindliche Übergriffe von Männern aus

Eine klare Tätergruppe gibt es dennoch: Männer. Sie machten zwischen 2010 und 2018 insgesamt 91,5 Prozent aller Tatverdächtigen bei LGBTI-feindlichen Übergriffen aus. Ihr Anteil schwankte demnach zwischen 84 Prozent (2014) und 96 Prozent (2013). Sieben von zehn Tatverdächtigen waren laut dem Bericht Deutsche, knapp die Hälfte von ihnen war zum Tatzeitpunkt 30 Jahre oder jünger. Auch die Opfer waren demnach größtenteils jünger als der Berliner Altersdurchschnitt.



Ferner zeigte die Untersuchung, dass mehr als zwei Drittel der angezeigten Übergriffe im öffentlichen oder halböffentlichen Raum stattgefunden hätten. Die gefährlichste Zeit für Übergriffe sei zwischen 16 und 24 Uhr. Geschädigte seien dabei meist allein unterwegs und würden den Täter oder die Täterin nicht kennen.

Fast zwei Drittel der Vorfälle ereigneten sich in nur drei der zwölf Berliner Stadtbezirke – Mitte, Tempelhof-Schöneberg und Friedrichshain-Kreuzberg. Die stadtweit am stärksten belasteten Ortsteile seien Neukölln und Mitte. In 70 Prozent der Fälle richtete sich ein Übergriff gegen ein einzelnes Opfer.

Anzeigebereitschaft unter Lesben geringer

Der Schwerpunkt auf lesbenfeindliche Übergriffe, die 36 Prozent aller Gewaltdelikte ausmachten, zeigt einige Unterschiede zu schwulenfeindlichen Übergriffen: So würden Frauen eher als Männer dazu neigen, homophobe Beleidigungen hinzunehmen. Als Grund sehen die Autor*innen an, dass sich bei lesbenfeindlicher Gewalt Homophobie und Sexismus vermische – Lesben seien also anders als Schwule doppelt diskriminiert.

Die Forscher befragten rund 200 meist lesbische und bisexuelle Frauen detailliert nach ihren Erfahrungen. Insgesamt sagten 57 Prozent von ihnen aus, dass sie in den letzten fünf Jahren lesbenfeindliche Gewalt erlebt hätten – 35 Prozent sogar im vergangenen Jahr. Nur in jedem 20. Fall sei Anzeige erstattet worden.

Mit dem Monitoring-Bericht wolle das Land Berlin die homo- und transphobe Gewalt transparenter machen und genauer abbilden, erklärte der Berliner Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne). "So wollen wir nicht nur ein öffentliches Bewusstsein schaffen, sondern auch Betroffene motivieren, Vorfälle zu melden und zur Anzeige zu bringen." In Berlin würden diese Fälle von Strafverfolgungs- und Ermittlungsbehörden sehr ernst genommen, zudem gebe es Hilfe bei den Fachberatungsstellen. Der Monitoring-Bericht solle diese Arbeit ergänzen.


Dirk Behrendt ist seit Dezember 2016 Chef der Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung (Bild: grueneberlin / flickr)

Der Bericht erscheint von nun an im Rahmen der Umsetzung der Initiative "Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz geschlechtlicher und sexueller Vielfalt" (IGSV) im zweijährigen Rhythmus. Für 2022 ist das Schwerpunktthema "Gewalt gegen trans- und intergeschlechtliche Menschen" vorgesehen.

Aus Berlin kommen in der Regel die Hälfte der Meldungen LGBTI-feindlicher Übergriffe in Deutschland. Dieser hohe Anteil liegt allerdings vor allem daran, dass kein anderes Bundesland so engagiert Homo- und Transphobie registriert wie der Stadtstaat. Die Hauptstadt-Polizei macht etwa mögliche Hassverbrechen aufgrund der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität gezielt in Polizeimeldungen publik und sorgt so für öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema.
Außerdem bieten sowohl die Polizei als auch die Staatsanwaltschaft haben eigene Ansprechpartner*innen für sexuelle und geschlechtliche Minderheiten. (dk)

Twitter / Dirk_Behrendt



#1 Alexander_FAnonym
  • 08.12.2020, 17:29h
  • Eine sehr interessante Studie. Ich frage mich in diesem Zusammenhang aber schon, was mit einer "ausländischen Ideologie" gemeint sein soll. Aus dem Marxismus kenne ich ja den Begriff der "deutschen Ideologie", was aber soll diese ausländische sein?
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#2 antosProfil
#3 antosProfil
#4 Alexander_FAnonym
  • 08.12.2020, 22:51h
  • Antwort auf #2 von antos
  • Danke für die Aufklärung. War mir nicht bekannt, dass das ernsthaft so benutzt wird.

    Jetzt weiß ich auch endlich, warum die Polizei so wenig gegen die Erdoganfans tut. Die sind ja gar nicht rechtsradikal, sondern "ausländisch".

    Schon eine komische Kategorie.
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#5 audeasAnonym
  • 09.12.2020, 07:05h
  • Antwort auf #4 von Alexander_F
  • Statt "komische Kategorie" würde ich es einen Vorwand und eine Manifestation von Rassismus nennen sowie eine Verharmlosung von Rechtsextremismus. Letzterer und Jihadismus sind nichts weiter als zwei Seiten einer Münze, Erdoan steht in Faschismus der NoAfD nichts nach.
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#6 Homoniklin_NZAnonym
  • 09.12.2020, 18:54h
  • Ausländische Gewalt dürfte sich auf Straftaten durch Bewegungen/Menschen beziehen, die außerhalb des Landes, oder von dort wirken. Wenn zwei Deutsche aus Griechenland her einen Fake-Olivenöl-Handel betreiben. Ohne, dass dabei klar ist, ob die Oliven schon Fake sind, oder nur der Arbeitsvorgang des Ölpressens.
    So ähnlich könnte sich das verstehen. Wahrscheinlich meinen die ganz was anderes damit. :b

    Zufällig drauf gekommen, da der Kumpan von da stammt - in SH gibt es wohl auch solche Ansprechpartner*Innen. Recht erstaunlich, aber liest sich cool :

    www.schleswig-holstein.de/DE/Landesregierung/POLIZEI/Praeven
    tion/Opferschutz_Opferhilfe/_artikel/lsbtiq.html
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#7 Alexander_FAnonym
  • 09.12.2020, 21:33h
  • Antwort auf #5 von audeas
  • Wenn ich hier "komisch" sage, so nur, um mich vorsichtig ausdrücken, aber Recht hast du trotzdem, und ich glaube nicht, dass das Festhalten an solchen Kategorien der Verbrechensbekämpfung in irgendeiner Weise dienlich ist.
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