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Jugendroman

"The Prom" wirkt auch ohne Musik

Das Buch zum Netflix-Musical ist jetzt auf Deutsch erschienen: Saundra Mitchell erzählt mit viel Gefühl, oft lustig und locker geschrieben die Geschichte zweier lesbischer Schülerinnen, die gemeinsam zum Abschlussball gehen wollen.


Szene aus dem Netflix-Film "The Prom": Die beiden lesbischen Schülerinnen Emma und Alyssa wollen sich auf dem Abschlussball als Paar outen (Bild: Netflix)
  • Von Fabian Schäfer
    14. Dezember 2020, 08:48h, 1 Kommentar

Eineinhalb Jahre sind die Highschool-Teenager Emma und Alyssa schon zusammen. Davor haben sie eineinhalb Jahre unbemerkt und vorsichtig miteinander geflirtet. Kennengelernt haben sie sich ausgerechnet bei einem "coolen" Kirchen-Picknick. Und Emma war noch nie bei Alyssa zu Hause. Niemand weiß, dass die zwei zusammen sind. Geduld hat das Paar also. Das alles soll sich jedoch beim Abschlussball ändern, dann soll die ganze Welt – oder zumindest die Schule und allen voran Alyssas Mutter – von der Liebe der zwei jungen Frauen erfahren.

Der Prom-Ball ist, das wissen wir aus unzähligen Filmen und Serien, eines der aufgeladensten Events im Leben von US-Schüler*innen. Da werden weder Kosten noch Mühen gescheut, um nichts anderes als einen perfekten Abend zu feiern. Die Erwartungen wären also auch ohne Coming-out immens. Außerdem wäre das alles natürlich leichter, wenn Alyssa und Emma nicht in der fiktiven Kleinstadt Edgewater im tiefsten Indiana leben würden, "wo die Viehmarkt-Saison zu den Highlights gehört".

Homophobes Mobbing an der Schule


Die deutsche Übersetzung von "The Prom" ist am 14. Dezember 2020 im Heyne Verlag erschienen

Emma, die reifere von beiden, ist zudem auch schon unfreiwillig geoutet. Über ihren Youtube-Kanal haben ihre Eltern davon erfahren und sie umgehend rausgeschmissen. Seitdem lebt sie bei ihrer ziemlich coolen Oma. Und auch in der Schule wissen alle, dass sie auf Frauen steht. "Lesbisch, lesbisch, lesbisch" wird ihr dort im Chor hinterhergerufen, als wäre es ein Schimpfwort. Dass ihre Freundin, die auch noch Schülersprecherin ist, in solchen Momenten nicht zu ihr stehen kann, macht das Mobbing nicht leichter.

"The Prom" von Saundra Mitchell ist ein Jugendbuch, das auf dem gleichnamigen Musical aus dem Jahr 2016 basiert, das wiederum von Netflix verfilmt wurde (queer.de rezensierte). Die Autorin folgt dem als "freudigem Brüller" hochgelobten Bühnenstück in der Handlung weitgehend, baut noch ein paar mehr Figuren ein, wie die bösen Zicken Kaylee und Shelby – bessere Namen für fiese Mädchen kann es wohl kaum geben.

Die fehlende Musik ist wohl die große Herausforderung, ein Musical als Roman zu adaptieren. Immerhin bringen die Songs die Handlung voran, transportieren die ganz großen Gefühle und halten das Publikum bei Laune. Eine eingängige Melodie und starke Stimmen können außerdem schwächere erzählerische Momente kaschieren. Das gelingt Saundra Mitchell erstaunlich gut. Ihr Vehikel dafür sind die Ich-Erzähler-Perspektiven, die zwischen Alyssa und Emma abwechseln. Leider bleibt die Stimme, die Wortwahl und der Stil jedoch sehr ähnlich, obwohl die zwei Schülerinnen eigentlich sehr unterschiedliche Charaktere sind.

Noch immer werden gleichgeschlechtliche Partner*innen verboten


Autorin Saundra Mitchell

So mancher Moment wirkt aber dann doch etwas sehr weit hergeholt, der im Musical (wahrscheinlich) gar nicht groß aufgefallen wäre. Die New Yorker Musicaldarsteller*innen Barry Glickman und Dee Dee Allen kommen in die Provinz, um Emma zu unterstützen, und um gute Publicity für ihr gescheitertes Musical zu machen. Dass Barry Glickman den homophoben Schüler*innen auf einem Supermarktparkplatz ausgerechnet mit allerhand absurden Regeln aus der Bibel ("ihr sollt euch keine Zeichen einätzen" als Verbot von Tattoos) ihre Doppelmoral vor Augen führt und ihre bibelbegründete Homophobie auflöst, könnte im Musical funktionieren, im Roman eher weniger.

Dennoch: "The Prom" ist ein süßer, oft lustig und locker geschriebener Jugendroman, der eine Geschichte erzählt, die immer noch traurige Wahrheit ist: Bereits 1980 hat das erste Mal ein US-Gericht entschieden, dass Schüler*innen gleichgeschlechtliche Partner*innen mit zum Prom-Ball mitnehmen dürfen. Die US-Bürger*innenrechts-NGO American Civil Liberties Union (ACLU) widmet dem Thema eine ganze Seite und berichtet davon, dass sich noch immer jedes Jahr Schüler*innen an sie wenden, denen es verboten wurde, ihre Partner*innen mitzubringen.

Manche Formulierungen im Roman sind dennoch allzu blumig und teilweise abgedroschen: das Haar, das nach Kokosöl duftet, der Himmel, der an Seide erinnert, die zu weichen Falten aufgeworfen ist, oder die Luft, die sich anfühlt wie ein spontaner Kuss im Dunkeln. Bei (oder wegen) all dem Kitsch kommt man trotzdem nicht umhin, mit dem Pärchen mitzufiebern und sich auf ein Ende zu freuen, das bei allen enttäuschenden Rückschlägen doch nur eins sein kann: fürs Herz.

Infos zum Buch

Saundra Mitchell: The Prom. Roman. Übersetzt von Melike Karamustafa. Ab 14 Jahren. 288 Seiten. Heyne Verlag. München 2020. Paperback: 12 € (ISBN 978-3-453-27303-0). E-Book: 9,99 €


#1 PetterAnonym
  • 14.12.2020, 12:52h
  • Damit da keiner was missversteht:
    der Film basiert auf einem Musical und das basiert NICHT auf diesem Buch.

    Dieses Buch ist eine nachträgliche Adaption, wie es immer mal bei erfolgreichen Stücken und Filmen passiert. Aber es ist nicht die Grundlage.
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