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Heimkino

Auf Selbstsuche zwischen Ballroom-Szene und weißem Machismus

Im Spielfilm "Port Authority" strandet der junge, vorbestrafte Paul in New York, wo er sich zwischen unvereinbaren Welten bewegt. Als er sich in die schwarze trans Frau Wye verliebt, muss er sich mit seiner internalisierten Queerfeindlichkeit auseinandersetzen.


Paul (Fionn Whitehead) muss seine eigenen Vorstellungen von Identität und Geschlecht hinterfragen – und eine Entscheidung treffen (Bild: Edition Salzgeber)
  • Von Arabella Wintermayr
    17. Dezember 2020, 07:40h, noch kein Kommentar

Gerade erst ist der junge Paul (Fionn Whitehead) in New York am titelgebenden Busbahnhof "Port Authority" angekommen. Er wartet auf seine Halbschwester, versucht sie immer wieder zu erreichen. Als er vor den Bahnhof tritt, scheint er die Hoffnung darauf, dass sie ihn abholen kommt, bereits ein Stück weit aufgegeben zu haben. Er raucht eine Zigarette, lässt den Blick über das hektische, nächtliche Großstadtgetümmel schweifen und erblickt eine Gruppe, die auf den Stufen vor dem Gebäude tanzt. Sofort ist er fasziniert von ihren eleganten Bewegungen, ihrem Selbstbewusstsein, vom "Voguing". Dabei sticht ihm eine junge Frau besonders ins Auge, ihre Blicke treffen sich.


Paul entdeckt durch Zufall die queere Ballroom-Szene (Bild: Edition Salzgeber)

Aber Paul, der aus Pittsburgh vor einem tristen Leben auf Bewährung geflohen ist, um sich in der Metropole ein besseres Leben aufzubauen, wird schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Ohne Anschluss ist er auf sich alleingestellt und erst einmal obdachlos. Gleich in der ersten Nacht lernt er die Härten des Lebens auf der Straße kennen: Beim Dösen in der U-Bahn wird er von Männern angegriffen, die ihm kurzzeitig das Handy stehlen.

Nur durch das Eingreifen eines Fremden, der sich ihm bald als Lee (McCaul Lombardi) vorstellt, bleibt er von Schlimmerem als einer blutigen Nase verschont. Mehr als das: der gedrungene, ebenfalls etwa mitte-20-jährige Mann nimmt ihn mit in eine von ihm geleitete Notunterkunft und versorgt ihn mit einem Job. Einem überaus zwielichtigen allerdings: Gemeinsam mit den anderen Einwohnern aus der Einrichtung gehen sie auf Erpressungstouren, indem sie angeben von der Einwanderungsbehörde zu sein oder treiben im (scheinbaren) Auftrag von Vermieter*innen Geld ein.

Zwei Außenseiter*innen finden sich

Danielle Lessovitz erzählt in ihrem Langfilmdebüt als Regisseurin von einem Außenseiter, der sich – in eine gänzlich neue Situation geworfen – bald entscheiden muss, wer er sein möchte und inwiefern er bereit dazu ist, zu sich zu stehen. Gleich in den ersten Minuten eröffnen sich für Paul zwei völlig gegensätzliche Welten: Einerseits die der afroamerikanisch-geprägten New Yorker Ballroom-Szene, die ihn unmittelbar zu faszinieren scheint. Und andererseits die seines neuen, chauvinistisch-homophoben und ausschließlich weißen neuen Freundeskreises. Eine Sphäre, mit der er vertraut aber unglücklich zu sein scheint.

Als er auf einem nächtlichen Streifzug rein zufällig die Clique wiederentdeckt, die er vor dem Bahnhof tanzen sah, steigt er ihnen nach. In einem kleinen Raum finden Proben statt. Paul ist sichtbar angetan von der freudetrunkenen Stimmung und elegant-lasziven Atmosphäre, wird aber als "Eindringling" schnell von einem Gast rausgeworfen. "Port Authority" thematisiert an Stellen wie diesen die Schutzraumfunktion queerer Subkultur, hier speziell gegenüber LGBTI of Color, und stellt so ein Bewusstsein für die Gefahr ihrer Fetischisierung von außen unter Beweis. Auch wenn der Film aufgrund seiner gewählten Perspektive diesem Risiko selbst nicht immer erhaben ist.

Ein Sich-Treiben-Lassen zwischen den Welten


Poster zum Film: "Port Authority" erscheint am 17. Dezember 2020 auf DVD sowie als VoD im Salzgeber Club

Doch Wye (Leyna Bloom), die junge Frau, mit der er am Bahnhof Blickkontakt hatte, folgt ihm. Von da nimmt eine ebenso universale wie einfache Liebesgeschichte ihren Lauf. Die zweier ganz unterschiedlicher Außenseiter*innen, die trotz ihrer Verschiedenheit Halt beieinander finden. Fast könnte man sie auch eine triviale Lovestory nennen, wäre da nicht das Setting.

Die große Stärke des Films liegt dabei eindeutig in seiner intimen Erzählweise. Die Kamera bleibt stets nah an den Gesichtern verhaftet – hier wird Lessovitzs Ausbildung als Dokumentarfilmerin ersichtlich. Auch die Tatsache, wie gut es "Port Auhtority" gelingt, die pulsierende Atmosphäre der Ballroom-Szene einzufangen, die allerdings deutlich mehr Spielzeit hätte beanspruchen können, überzeugt. Der einzige gezeigte Contest erfüllt eine klare Funktion für die Handlung: Als Wye in der Femme-Queens-Kategorie antritt, wird Paul beiläufig erklärt, dass es sich bei den Teilnehmerinnen um trans Frauen handelt. Es kommt zum Streit, woraufhin sich der Protagonist seiner internalisierten Queerfeindlichkeit auseinandersetzen muss.


Queer-Ikone Leyna Bloom spielt die trans Frau Wey (Bild: Edition Salzgeber)

Paul treibt zunächst weiter zwischen den beiden Welten und verbirgt sie voreinander: Lee und seiner Clique erzählt er nichts von seiner neuen Liebschaft aus Angst möglicher Ablehnung – und Wye verheimlicht er sowohl wo er wohnt als auch wie er Geld verdient. Notgedrungen kommt es auf beiden Seiten zu Spannungen, das Netz aus Lügen kann immer schwieriger zusammengehalten werden. Dass das ständige unentschlossene Sich-Treiben-Lassen des Hauptfigur nicht banal wird, ist der glaubhaften Figurenzeichnung und dem authentischen Spiel Leyna Blooms und Fionn Whiteheads zu verdanken.

Am Ende ist "Port Authority" ein in betörenden Bildern erzähltes, kurzweiliges Drama, das sich durch die Tatsache, dass es sich um den ersten Beitrag der Filmfestspiele von Cannes handelt, bei dem eine schwarze trans Frau die Hauptrolle übernimmt, zum Meilenstein erhebt.

Vimeo / Salzgeber Club | Trailer zu "Port Authority" und Möglichkeit, den Film direkt anzuschauen

Infos zum Film

Port Authority. Drama. USA 2019. Regie: Danielle Lessovitz. Darsteller*innen: Fionn Whitehead, Leyna Bloom, McCaul Lombardi, Louisa Krause. Laufzeit: 94 Minuten. Sprache: englische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 12. Edition Salzgeber. Ab 17. Dezember 2020 als DVD sowie als Video on Demand im Salzgeber Club