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Heimkino

Wenn der cis Hetero zum Outsider wird

Rhys Ernsts kontroverse Rom-Com "Adam" ist ein verblüffend einfühlsamer Film, der sowohl nicht-queere Menschen abholt als auch dem LGBTI-Publikum einen Sommer in der Brooklyn-Bubble gönnt, wo es zur Abwechslung mal die Mehrheit bildet. Jetzt auf DVD!


Gillian (Bobbi Salvör Menuez, re.) hält den 16-jährigen New-York-Besucher Adam (Nicholas Alexander) für einen trans Mann – und der traut sich nicht, das Missverständnis aufzuklären (Bild: Wolfe Releasing)
  • Von Stefan Hochgesand
    19. Dezember 2020, 04:54h, 6 Kommentare

Dieser Plot klingt sehr nach Risiken und Nebenwirkungen: Ein Typ von der Highschool, cis und hetero, gibt sich als trans College-Student aus, um eine lesbische Frau rumzukriegen. Das klingt nach einem richtig schlimmen, queerfeindlichen "American Pie"-Abklatsch. Wohl deshalb gab es aus der Queer-Community heraus Boykott-Aufrufe gegen "Adam" – vermutlich hauptsächlich von Leuten, die den Film niemals gesehen haben.

Denn den Plot auf die eingangs skizzierte Weise zusammenzuraffen, wäre schon grob sinnentstellend – und täte "Adam" absolut Unrecht. Denn der trans Regisseur Ernst Rhys erzählt in "Adam" unter den Vorzeichen der Verwechslungskomödie eine kluge, liebevolle Story über einen sensiblen, verunsicherten hetero Jungen, der als Dorfkind nach New York kommt. Dort wird ein Sommer im queeren Freundeskreis der Schwester seine Augen und sein Herz öffnen. Dabei begeht er folgenreiche Fehler, nicht aus Bosheit, sondern aus Naivität. Diese Fehler feiert der Film nicht ab, sondern problematisiert sie angemessen.

Ein absoluter Neuling auf dem Gebiet der Queerness

Aber der Reihe nach: Viele Menschen, die zum ersten Mal New York sehen, sagen das ja: dass ihnen die Stadt seltsam vertraut erscheine. Als wären sie, durch all die New-York-Filme, die sie gesehen haben, irgendwie schon hier gewesen, viele Male schon. Adam, mit 16 am Ende der Highschool, hat nicht wirklich einen Plan von New York, als er dort ankommt. Er weiß aber: Ein Sommer (es ist der Sommer 2006) bei der Schwester in Brooklyn verheißt mehr Abenteuer als ein Urlaub mit den Eltern. Die blechen sogar für Adams Gästezimmer, das kaum mehr ist als eine Abstellkammer mit Matratze drin. New York, New York! Dass die Schwester, Casey, den Eltern einen imaginären Boyfriend vorschützt, weiß Adam allerdings. In Wahrheit interessiert sie sich für Frauen.

Adam ist solch ein Neuling auf diesem Gebiet, Queerness, und holt sicher auch ein hetero Publikum gut ab mit seinem minimalen Kenntnisstand. Doch Adams Schwester nimmt ihn mit in ihre Kreise. Bei einem queeren Videoabend, bei dem man sich gemeinsam an der lesbischen Serie "The L Word" erheitert, ist Adam dann doch schnell überfordert, als eine Person, die er eben noch als lesbisch gelesen hat, sich als trans Typ herausstellt: "You're a guy? I thought you were gay?" Casey gibt ihrem naiven kleinen Bruderherz Zeichen, lieber die Klappe zu halten. Auf dem Nachhauseweg kommt er aber doch noch mal darauf zurück: Die Person sei ja kein richtiger Typ, schließlich fehle ihr der Penis. "Trans guys are real guys", kontert Schwester Casey, so als müsste sie J.K. Rowling überzeugen. Und sie selbst, Casey, ist sie nicht etwa lesbisch? "I'm queer, whatever!"

Die queere Welt in "Adam" ist wunderbar divers


Die Edition Salzgeber hat "Adam" mit deutschen Untertiteln auf DVD veröffentlicht

Adam findet Eintritt in die queere Welt, kommt mit in den Dyke-Club und geht mit auf eine Demo – um klarzustellen, dass er selbst nicht heiratet, bis seine Schwester auch darf. Wobei es selbst da komplizierter wird: Klar, die alten Damen mit ihren Schildern "God Hates Fags", das sind die Gegnerinnen. Aber offenbar demonstrieren hier auch Queers gegen die Ehe für alle – weil sie ein Hetero-Konstrukt sei und die Queers ihre Prioritäten lieber auf Themen wie Armut und Migration setzten sollten statt auf dekorative Hochzeitsfeierlichkeiten. Auf solche Weisen zeigt der Film "Adam" recht oft: Die queere Welt ist ganz divers, sie hat sehr viele Stimmen.

Auf der Demo erblickt Adam erstmals Gillian, kurze Zeit später sieht man sich auf einer Party wieder, wo Adam ihr einen Drink über das Regenbogen-Outfit kippt. Weil alle auf der Party so queer sind und Adam offenbar, bei aller charmanten Weirdo-Verpeiltheit, Interesse an Gillian zeigt, geht die kurzerhand davon aus, Adam müsse wohl ein trans Mann sein. Adam, überrumpelt, widerspricht nicht. Mehr noch, er beginnt, aktiv zu lügen: Er sei 20 (statt 16) und studiere in Berkeley. Auf dem Klo probt er in verschiedensten Tonlagen, seine Lüge zu beichten – was er sich dann aber, erst mal, doch nicht traut. Stattdessen googelt Adam "I think I'm a trans man", um Fragen nach seiner vermeintlichen trans Identität beantworten zu können. Dabei sieht er sich Videos von trans Menschen an. Sein Wissen und sein Verständnis wachsen. Trotzdem ergeben sich bei den Dates von Gillian und Adam, der, heillos überfordert, fortwährend mit seinen Augen und mit seinen Lippen zuckt, immer wieder Situationen, in denen Gillian zu Recht misstrauisch wird.

Zauberschön empowernde Momente in der queeren Clique

"Adam" hat einen wunderbar diversen Cast. Gillian, im Film eine bisexuelle Frau, wird etwa gespielt von Bobbi Salvör Menuez, die sich als nicht-binär trans definiert. Der trans Schauspieler Leo Shen spielt Ethan, der Adams bester Kumpel in Brooklyn wird, er gelt ihm die Haare, geht mit ihm ins Kino zum Filmquiz und leiht ihm Hemden für die Dates mit Gillian. "Adam" zeigt zauberschön empowernde Momente in der queeren Clique, etwa wenn man zusammen "Shameless" von Ani DiFranco in der Karaokebar freudenkreischt. Kurz darauf liegt man weinend auf der Couch, nachdem der Mord an einer trans Frau im Fernsehen gemeldet wurde. Das Private wird politisch und wird wiederum privat.


"Adam" überzeugt mit einem diversen Cast und vielen queeren Nebenfiguren (Bild: Edition Salzgeber)

Manche mögen sich an "Man on the Land" erinnern, die neunte Folge aus der zweiten Staffel der tragikomischen Amazon-Serie "Transparent", an der Regisseur Rhys Ernst ebenfalls gearbeitet hat: Auf dem Michfest, einem feministischen Musikfestival, das es real von 1976 bis 2015 gab, sind trans Frauen unerwünscht, sehr zum Leidtragen der trans Protagonistin Maura Pfefferman. "Adam" nun begibt sich nicht zum Michfest, sondern zur Protestveranstaltung gegen diese transfeindliche Women-born-Women-Politik: dem Camp Trans, direkt neben dem Michfest. Dort hat etwa Mj Rodriguez (bekannt als Blanca aus der genialen Netflix-Voguing-Serie "Pose") als Emma einen zwar nur kurzen, aber ganz fantastisch selbstermächtigenden Auftritt. So erzählt "Adam" auch ein Stück vom Trans Rights Movement, das sogar manchen Lesben, manchen Feministinnen zuwider war oder auch ist.

Gedankenexperiment mit klarer Botschaft

Für Gillian und Adam kommt es hier zum hochemotionalem Kammerspiel- beziehungsweise Nadelwald-Showdown. Sowieso: "Adam" lebt von seinen Dialogen unter vier Augen. Was unter den Vorzeichen einer Verwechslungskomödie begann, entpuppt sich als verblüffend einfühlsamer Film. Ein Film, der sowohl ein cis-hetero Publikum abholt als auch den Queers einen Sommer in dieser Brooklyn-Bubble gönnt, wo sie, die Queers, dann mal die Mehrheit bilden. Ein Gedankenexperiment darüber, wie es wohl wäre, als cis Hetero so sehr Outsider zu sein, dass man eine falsche Fassade aufziehen würde.

Adam verlässt diesen Sommer als ein Anderer. Er hat verstanden, dass Queerness keine Jacke ist, die man nach Laune an- und auszieht. Sondern dass sie an die Existenz geht.

Direktlink | Deutscher Trailer zum Film

Der Text erschien zuerst auf sissymag.de.

Infos zum Film

Adam. Romantic Comedy. USA 2019. Regie: Rhys Ernst. Darsteller*innen: Nicholas Alexander, Bobbi Salvör Menuez, Margaret Qualley, Leo Sheng, Chloë Levine, Mj Rodriguez. Laufzeit: 95 Minuten. Sprache: englische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 16. Edition Salzgeber


#1 Girlygirl
  • 19.12.2020, 16:30h
  • Ich habe auch nur Negatives über den Film gehört, aber mich dennoch vor ein paar Wochen entschlossen, ihn mir anzuschauen und es sofort bereut. Wenn ich den Film einfach nur schlecht gefunden hätte, würde ich diesen Kommentar nicht schreiben, jedoch enthält er ein extrem problematisches Gedankengut. Die Art wie über Transmenschen gesprochen wird, tat mir in den Ohren weh und wäre wahrscheinlich selbst für Dieter Nuhr zu problematisch. Die Haupthandlung ist ja, dass der heterosexuelle Adam sich zur lesbischen Gillian hingezogen fühlt. Und sie glaubt, dass er ein Transmann ist und lässt sich DESWEGEN auf die Beziehung ein. Ich glaube ich kann für alle lesbischen Frauen sprechen, wenn ich sage, dass wir zu Transmännern die gleiche Beziehung haben wie zu Cismännern, nämlich nur freundschaftliche, nicht romantisch oder sexuell. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, wo eine Frau, sich mal als lesbisch identifiziert hat und dann herausfindet, dass sie eigentlich bi oder irgendwas anderes ist. Das ist vollkommen in Ordnung, jedoch hat dieser Film das nicht zum Thema gemacht. Der Film hatte noch viele weitere schlimme Stellen ("I love tr*** dick")
    Ich bin nicht trans und kann daher nur aus der lesbischen Sicht sprechen und sagen, dass es ein Schlag ins Gesicht war. Als ich Anfang der 2000er groß wurde, wurde das Thema Homosexualität immer noch überwiegend auf Männer bezogen. Bis heute machen lesbische Charaktere im Bezug auf LGBT Repräsentation nur eine Minderheit aus. Und wenn dann die Repräsentation noch schlecht ist... Ich bin froh, dass ich den Film nicht vor ein paar Jahren gesehen habe, als ich noch viel unsicherer war. Wenn ich Filme sehe, ist mir egal welche Orientierung die Regisseure oder Schauspieler haben. Daher macht es für mich auch keinen Unterschied, dass der Regisseur trans ist. Es gibt einige gute LGBT Filme von Heteros, die schaue ich mir lieber an als schlechte von queeren Produzenten.
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#2 VicvonderElbeProfil
  • 20.12.2020, 10:45hHamburg
  • Antwort auf #1 von Girlygirl
  • Im Wald beim großen Showdown ruft Gillian doch am Ende in den Wald "I am a bisexual!" Wo ist das Problem? Im übrigen schön, dass die zwrite Besprechung des Films auf queer.de so viel positiver ausfällt als die erste.
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#3 Still_Ith
  • 20.12.2020, 20:11h
  • Ich liebe dieses Code-Wording bei Filmen zu Marginalisierungen, die die Rezensierenden nicht selbst betreffen und wo man sich im Othering so richtig schön austoben kann.
    In dem Fall steht also "einfühlsam" dran. Na, dann wird wohl keine selbstbewusste trans*-Person vorkommen, ne. Sowas würd doch keine Cisse mit einem derart verniedlichend positiven Wort besetzen.

    [Spaß natürlich, ich hab den Storyverlauf bei anderer Gelegenheit gelesen und angemessen garstig kommentiert, denn aus Sicht einer schwulen, tatsächlich trans*-männlichen Person geht es so gut wie nicht brutaler und ignoranter. Außer, es würd mal wieder eine von einer Cis-Person dargestellten Trans*-Person bei ihrer OP oder von eigener Hand sterben. Aber auch das würden Cissen als "sensibel" und "bewegend" loben und Oskars dafür verteilen, nicht wahr. Aber wär ja jetzt auch nicht neu. Cissen-Kino, wie man es kennt. Einfach nicht zu ertragen.]
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#4 Still_Ith
  • 20.12.2020, 20:15h
  • Ähäm, eine Korrektur hätte ich aber noch:

    "als auch dem LGBTI-Publikum einen Sommer in der Brooklyn-Bubble gönnt, wo es zur Abwechslung mal die Mehrheit bildet"

    Das stimmt so nicht. Es gibt keine LGBTI-Mehrheit. Es gibt eine LGB-ohne-TI-Mehrheit. So ehrlich wollen wir doch bitte bleiben.
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#5 Still_Ith
  • 20.12.2020, 20:19h
  • It is as it is, and as it always has been:

    Everything about us,
    and
    best for everybody else: without us.
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#6 NajaAnonym