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Gefühle am Strand von Phuket

Das Coming-out-Drama des Jahres kommt aus Thailand

Die fünfteilige Serie "I Told Sunset About You" über die Beziehung zwischen zwei Schülern ist ein optisches und erzählerisches Meisterwerk, das eine ganze Region mitfiebern ließ.


Teh (l.) und Oh-aew kommen sich näher

Als am Abend des 19. November das mit Vorfreude und Anspannung erwartete Finale von "I Told Sunset About You" (ITSAY) beim Streaming-Dienst Line TV online ging, trendete die Serie nicht nur in Thailand auf dem Spitzenplatz bei Twitter. Das schwule Coming-of-Age-Drama aus Phuket bewegte auch die Menschen in Vietnam, in China, Japan, Myanmar, Indonesien oder Malaysia.

In einigen der Länder steht Homosexualität noch unter Strafe, wird tabuisiert. Ein weltweit zu beobachtender Effekt, wie Dienste wie Netflix oder Line TV bei jungen Menschen Aufklärung über LGBTI leisten und Akzeptanz schaffen, zugleich auch queeres Selbstbewusstsein stärken, zeigte sich auch bei ITSAY. Die krönende Belohnung für ein Drama, bei dem so vieles außergewöhnlich gut ist – die Kamera, die Farben, die Drehorte, der Soundtrack, die Handlung, die Chemie zwischen den Hauptdarstellern, die Symbolik -, dass die ein oder andere Schwäche – einzelne nicht überzeugende oder längliche Szenen, Produktplatzierung – kaum noch ins Gewicht fällt. Dem Produktionsteam Nadao Bangkok ist ein mitreißendes Meisterwerk gelungen.

Direktlink | Der Trailer zur Serie, der keine Details zum Ende verrät. Ggf. engl. Untertitel aktivieren
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ITSAY, in Deutschland zunächst mit englischen Untertiteln leider nur als teurer Vimeo-Stream (5 Episoden / 6,5 Stunden zu insgesamt rund 30 Euro) oder über Umwege erhältlich, erinnert an viele große Vorbilder: an "Call Me By Your Name", an "Beautiful Thing", auch an "Skins". Erzählt wird einzig die Geschichte zweier Jungen mit den Rufnamen Teh (Tee in der chinesischen Auswanderersprache Hokkien, auch Tehjue, "Mann") und Oh-aew (ein mehrfach auftauchendes Feigengelee-Dessert mit Eis, eine Spezialität aus Phuket mit ebenfalls chinesischem Migrationshintergrund, heißt auch so).

Achterbahn der Gefühle

In einer mehrminütigen Rückblende, eine der schönsten seit Pixars "Oben", wird zunächst erzählt, wie sich Teh (Putthipong Assaratanakul, Rufname Billkin, BK) und Oh-aew (Krit Amnuaydechkorn, PP) einst als Schüler begegneten und beste Freunde wurden – bis sie nach einem Streit nicht mehr miteinander reden und sich in getrennten Schulen aus dem Weg gehen. Jahre später treffen sie in einem schulübergreifenden Chinesisch-Kurs aufeinander, als mögliche Rivalen um einen Uni-Platz. Die beiden Jungs nähern sich dennoch wieder einander an, werden gute Kumpels – und Teh merkt nach und nach, dass er mehr Gefühle verspürt als bei einer Freundschaft üblich wären.


"Übersetze meine Liebe mit deinem Herzen", lautet in etwa der thailändische Titel der Serie. "Die Geschichte eines Jungen, der sein eigenes Herz nicht kennt."

Die Annäherung der beiden Jungs – Teh gibt Oh-aew Chinesisch-Nachhilfe – wird mit aller Zeit der Welt liebevoll und nachvollziehbar dargestellt: Bereits ihre reine Freundschaft ist ein großer Wert und man kann nicht anders als mitzufiebern. Doch die Annäherung macht mehrfach zwei Schritte nach vorne, um mit voller Wucht drei Schritte zurückzugehen. Während Oh-Aew recht offen mit seinen Gefühlen umgeht (er entwickelt welche für Teh, aber auch für Bas, einen anderen Mitschüler), braucht Teh seine Zeit: Er kann seine Gefühle zunächst nicht einordnen, entwickelt etwa zerstörerische Eifersucht, ohne sie sich selbst oder anderen erklären zu können. Später kann er sich die offensichtlichen Liebesgefühle nicht eingestehen. Das ist bisweilen qualvoll anzusehen.

Direktlink | Bislang 19 Millionen Aufrufe für den Titelsong (auch hier sind Untertitel einblendbar): Billkin und PP standen nicht nur vor der Kamera, sondern sangen auch den Soundtrack auf Thai und Chinesisch ein, ein mehrfacher Chart- und Streamingerfolg trotz und wegen der schwulen Perspektive. Playlist Songs, Instrumental-Tracks
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In sozialen Netzwerken gab es vereinzelte Stimmen, die Tehs Handlungen nicht nachvollziehen konnten. Die meisten hingegen fühlten sich an ihre eigene Entdeckung der Homosexualität erinnert, an zunächst nicht eingestandene Gefühle für einen Kumpel, an eine nicht einfache und schnell abgeschlossene, sondern schwierige bis schmerzvolle Phase. Die Serie hat sich entschieden, diesen Prozess in voller Wucht darzustellen, die Zuschauenden nicht nur an romantischen Höhepunkten teilhaben zu lassen (von denen es viele tolle gibt!), sondern auch die Tiefpunkte mitleiden zu lassen. Die Serie schmerzt, ohne insgesamt die Balance zu verlieren. Auch formal gelingt ein Balance-Akt: Auf manche lang anmutende, aber meist passende Szene des Reflektierens und Schwebens auf der aktuellen Gefühls-Ebene folgen schnelle Momente, oft ausgelöst durch eine Instagram-Story oder einen Gruppenchat. Die Serie ist auf der Höhe der Zeit und doch zeitlos.

Selten wurde das Gefühlschaos, auf das einen die Gesellschaft nicht vorbereitet, so ausführlich geschildert, selten wurden die Auswirkungen von Heteronormativität derart an einem Einzelbeispiel ausbuchstabiert – beziehungsweise an mehreren: der weit offenere Oh-aew leidet ebenfalls an der Situation, von einigen wenigen, ebenfalls hervorragenden Nebenrollen ganz zu schweigen. Wie für viele Jugendliche stößt diese Phase der verkomplizierten Selbstfindung zugleich auf ohnehin ernormen Druck und große Erwartungshaltungen: In seinem letzten Schuljahr steht Teh kurz davor, seine Zukunft zu verspielen.


Chinesische Sprache, Hibiskus-Pflanzen, Kokosnüsse, die Farben, selbst die getrennten Gläser für die beiden Fische Oh-aews: ITSAY ist voller Symbolik

Die vierte Folge endet in jeglicher Hinsicht verheerend. Werden es die Jungs zur Uni schaffen? Werden sie ein Paar? Werden sie wenigstens Freunde bleiben? Die Produzenten ließen, auch in Trailern oder den schwärmerischen, nach und nach veröffentlichten Songs, offen, ob die letzte Folge nach einer Woche Wartezeit ein Happy-End enthalten würde – Nadao setzte in früheren Projekten auch auf Tragik. Das Ende sei auch hier nicht verraten – den vielen, oft auch bemerkenswert gemischten Emotionen muss man sich stellen. Nicht jeden wird die Serie berühren. Aber die Reaktionen in sozialen Netzwerken zeigen: Vielen geht sie nahe wie kaum eine andere. "Heart Attack" steht auf einem Beutel Oh-aews, der doch so cool daherkommt.

Vom Fan-Wunsch zum Meilenstein

Die Qualität der Serie und ihre Resonanz überrascht. Das Projekt entstand innerhalb nur weniger Monate samt Corona-Zwangspause, setzte dann auf wenige Takes pro Szene mit teils improvisierenden Schauspieler*innen, die von früh bis spät vor der Kamera standen. Die beiden Leads Anfang 20 in ihren ersten Hauptrollen mussten zugleich Chinesisch und den Dialekt der Region lernen – und gar tauchen: Eine Unterwasserszene umgeben von Korallen entstand wie die ganze Serie on location.


"Action!" – eine Making-of-Reihe zu ITSAY (Teile 1 bis 4 kostenpflichtig bei Vimeo, 5 bis 8 kostenlos und spoilernd bei Youtube) zeigt sehr detailreich, was umfassend durchdacht, vorbereitet und umgesetzt wurde und was zugleich auch manchmal Glück und Zufall war

Noch bemerkenswerter ist die Entstehungsgeschichte von ITSAY: Billkin und PP standen ein Jahr zuvor in Nebenrollen für ein anderes Nadao-Projekt vor der Kamera, "My Ambulance", eine recht typische, trashige Thai-Serie. Doch Fans begrüßten das so natürliche Zusammenspiel der beiden Schauspieler, die sich selbst seit der Kindheit kennen, forderten in sozialen Netzwerken mehr von ihnen. So entstand bereits ein Hype, als Nadao Anfang des Jahres "BKPP – das Projekt" ankündigte.

Das Studio entschied sich allerdings, nicht einfach "My Ambulance" weiterzuerzählen (wofür auch die Wiederbelebung eines Charakters notwendig gewesen wäre), sondern den beiden Schauspielern eine auf sie maßgeschneiderte und größtenteils auf sie komprimierte neue Handlung zu geben, dabei auf die üblichen Klischees, Albernheiten und Gestik-Holzhammer-Betonungen von Thai-Serien weitgehend zu verzichten – und als queeres Team eine Reihe vor allem für queere Zuschauer zu erzählen. Serien mit schwulen Neben- und zunehmend Hauptrollen, sogenannte BL-Dramen, sind in vielen Teilen Asiens in den letzten Jahren sehr populär und zu einem regelrechten Industriezweig geworden – dem Akzeptanz steigernden Phänomen widmeten sich zuletzt gar Artikel aus den USA oder mit näherem Verweis auf die Abstammung aus der Mangakultur auch Japan. Sie werden aber trotz mancher Ausnahmen und durchaus steigender Qualität oft billig und länglich produziert und richten sich wie die übrigen Serien mit jungen männlichen Darstellern neben einem schwulen Publikum vor allem an heterosexuelle Frauen, mit einem Niedlichkeits-, Fan- und Verkaufsfaktor recht analog zu Boybands und K-Pop.

Direktlink | Szenen aus einer (fast) coronafreien Parallelwelt: Am Wochenende nach dem Serienfinale jubelten Tausende ITSAY-Hauptdarstellern, -Songs und -Romanze beim "Fantopia"-Festival in Bangkok zu. Die Momente nach dem Gesang enthalten Spoiler
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Auch ITSAY nutzt diese Faktoren, treibt sie gekonnt auf die Spitze, um dann aber vor allem eine Geschichte zu erzählen. Die Serie wagt einen Ausbruch aus dem Genre, setzt Meilensteine und Botschaften. Vielleicht am berührendsten ist eine gegen die Klischees erzählte Coming-out-Szene vor der Klasse: Wer nicht zu sich steht, wer sich zu spät selbst findet, den bestraft das Leben, der bestraft sich selbst.

"I Told Sunset About You" ist die beste Unterrichtsstunde, die junge Queers, ihre Familien und Freunde nicht nur aus Thailand erhalten können. Und ganz großes Gefühlskino.

Infos zur Serie

I Told Sunset About You, Thailand 2020, 5 Folgen zwischen 69 und 84 Minuten. Sprache: Thailändisch und Chinesisch. Regie: Naruebet Kuno. Darsteller*innen: Putthipong "Billkin" Assaratanakul (Teh), Krit "PP" Amnuaydechkorn (Oh-aew), Parada "Smile" Thitawachira (Tarn), Pongpol "Khunpol" Panyamit (Bas), Nat Kitcharit (Hoon). Mit engl. Untertiteln verfügbar bei Vimeo on Demand. Der Originalstream bei Line TV ist aus Deutschland heraus nicht abrufbar.
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#1 defarangAnonym
  • 20.12.2020, 08:09h
  • Diese Serie ist wirklich toll und sollte weltweit bekannt werden, schön hier darüber zu lesen. Sie hat mich für Wochen aus der Bahn geworfen. Es bleibt so viel herzbrechendes, so viel ermutigendes. Sie erzählt auch viel über thailändische und chinesische Kultur, alles aber in einer eher europäischen Weise, fast Autorenkino. Tipp: Mann findet sie bei dramacool.so wie viele weitere Serien. Ich würde andere Serien nicht so negativ beschreiben wie der Autor. Aktuell mag ich auch Cherry Magic / 30sai made Dotei dato Mahotsukai ni Narerurashii aus Japan. Aber Sunset ist eine eigene Liga.
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#2 56James35Anonym
  • 20.12.2020, 12:12h
  • Schöne Bilder, schöne Sprache, schöne Geschichte (so scheint es). Ob dieser Film dem
    thailändischen König/Diktator Maha Vajiralongkorn, der sich seit einiger Zeit im schönen Bayern aufhält, gefallen wird, das werden wir erst dann wissen, wenn Deutschland aufhört, die Augen zu verschließen.
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#3 StaffelbergblickAnonym
#4 FinnAnonym
  • 20.12.2020, 19:23h
  • "I Told Sunset About You"

    Was für ein schöner Filmtitel...

    Was ich aber gar nicht mag ist dieser Hype wie bei einer Boyband, der darum in Asien gemacht wird. Das eine Video, wo die auf dieser Bühne auftreten, kann man sich als erwachsener Mensch ja kaum angucken.
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#5 mitgerissenAnonym
  • 20.12.2020, 21:03h
  • Oh Mann Queer.de, mal eben drei Tage vor Weihnachten den Hinweis auf so eine Serie raushauen. Nach zwei Folgen, die nächsten kann ich erst an den Feiertagen sehen, und dem Text oben ahne ich schon, dass mir das entweder Weihnachten und 2020 endgültig versaut oder im Gegenteil genau das ist, was jetzt gut tut. Ich habe schon in der ersten Folge geheult (positiv). Und wie Teh gerade das Schriftzeichen für das chinesische Wort für traurig erklärte. Oh Mann, so etwas macht was mit mir.

    Dem Lob möchte ich noch hinzufügen, das die Serie bisher auch überraschend witzig ist, auch der Familienhund Tuty eine Erwähnung finden sollte und Skyline wohl auf meiner Playliste landet. Die unterschiedlichen Versionen des Liedes werden sehr gekonnt eingesetzt. Negativ ist die nicht immer klare oder gute Englischuntertitelung (etwa "chaste", wenn wohl "virgin" gemeint ist), aber das ist wirklich nur Kleinkram. Es gibt einige Längen, sie stören aber nicht. Die Chemie der beiden mit oder ohne Worte ist wirklich toll.
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#6 andreAnonym
#7 mitgerissenAnonym
  • 30.12.2020, 18:58h
  • Nachtrag: Zu Weihnachten den Rest gesehen. War selten so emotional vorm TV. Gibt zum Ende noch eine Überraschung. Was für ein stärkendes Erlebnis diese Serie ist! Anschauen!
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