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Kritik an Streaming-Dienst

Homophobe Übersetzungen: Petition an Netflix in Russland

Ein queerer Blogger und das LGBT Network beklagen, dass etwa "Ich bin nicht schwul" mit "Ich habe eine normale Orientierung" übersetzt werde. Der Konzern zeige hier ein größeres Problem und müsse handeln.


Netflix-Wagen beim Pride in San Francisco 2019. Der Dienst bietet viele queere, oft selbst in Auftrag gegebene Inhalte und sorgt damit weltweit für Akzeptanz (Bild: Alex Liivet / flickr)

Das russische LGBT Network und der Blogger Fyodor Fetisov haben eine Online-Petition an den Streaming-Dienst Netflix gestartet, mit der das US-Unternehmen aufgefordert wird, bei der russischen Übersetzung von Serien und Filmen keine zusätzliche Homo- oder Transphobie zu verbreiten.

So würde in einer Folge der US-Reihe "Friends" aus "Ich bin nicht schwul" ein "Ich habe eine normale Orientierung". In einer Folge von "Family Guy" heißt es im englischen Original, Oscar Wilde habe sich Alkoholismus und Knocheninhalation zugewendet, letzteres eine Umschreibung für Drogenkonsum. In Russland werde daraus "Alkoholismus und Homosexualismus".

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Posted by ?????????? ????-???? on Monday, December 21, 2020
Facebook / lgbtnet

Statt schlicht Schwule oder Schwule und Lesben für "gays" würde häufiger "Homosexuelle" oder "Homosexualisten" verwendet, ergab eine kurze Umfrage in sozialen Netzwerken vor der Erstellung der Petition. "Drag Queen?" – "Transvestit" heiße das in mindestens einem Film in Netflix-Übersetzung. Die Reihe "Queer eye for the straight guy" wird laut der Petition in etwa übersetzt mit "Normaler Typ durch die Augen eines schwulen Mannes" (was beide Original-Adjektive nicht korrekt übersetze). Die in der Regel von beauftragten Firmen angefertigten Übersetzungen haben dabei Auswirkungen auf die russischsprachige Welt auch außerhalb des Landes.

Auch in anderen Bereichen lasse Netflix Sorgfalt vermissen, so die Petition: In der Reihe "Sex Education" würde etwa für "drug abusers" das abwertendere "Junkies" verwendet, bei "13 Reasons Why" fehlten Hinweise zu Hilfshotlines.

Systematisches Problem mit Partnern und vorauseilender Gehorsam

Die Beispiele zeigten ein "systematisches Problem mit dem Ansatz von Netflix zur regionalen Verbreitung seiner Produkte", so die Petition. Sie fordert eine Entschuldigung, "beleidigende Untertitel und Voiceovers" genutzt zu haben, und eine Korrektur der jeweiligen Stellen. Der Dienst solle auch seine Nutzer aufklären, warum die jeweilige Korrektur notwendig sei.

Ein "wir werden uns bemühen, besser zu werden", reiche aber nicht aus. Netflix müsse mitteilen, ob es sich künftig weigere, mit homophoben Partnern zusammenzuarbeiten, ob es diesen Fortbildung biete und ob es eine Beratungsperson für Menschenrechte und Minderheiten einstelle. Das Problem erfordere eine systematische Lösung für alle vulnerablen Gruppen, neben LGBT etwa auch Menschen mit Behinderungen, Drogengebrauchende und Personen mit Suizidgedanken.

Twitter / KPH_official | Netflix-Regenbogen-Werbung 2018 zum CSD Warschau, an dem der Dienst auch mit einem Wagen teilnahm

Auch fordert die Petition von dem US-Dienst, sich nicht zum Gehilfe der russischen Politik zu machen. Mehrere US-Kinderserien mit queeren Charakteren würden in Russland mit dem Zusatz "18+" versehen, offenbar um nicht gegen das Gesetz gegen "Homo-Propaganda" zu verstoßen. Netflix, das eventuelle Bußgelder aus der Portokasse bezahlen könnte, stünde hier Widerstand gut an, ein Vorgehen gegen den US-Riesen sei wegen der negativen Schlagzeilen für die Regierung ohnehin unwahrscheinlich.

Netflix sollte Reihen wie "She-Ra und die Rebellen-Prinzessinnen" auch in Russland in seinem Bereich für Kinder anbieten – es gebe ein großes Verlangen nach der so wichtigen queeren Repräsentation auf dem Bildschirm, für die queere Kunden des Dienstes schließlich auch zahlten. Der Streaming-Dienst sollte ein Vorbild sein, statt Angst vor der "lächerlichen russischen Repression" zu haben. Dabei könne es auf die Unterstützung der Zuschauenden, von NGOs und von den Bürgern Russlands setzen, die bei weitem nicht so homophob seien wie ihre Regierung.

Erste Netflix-Reaktion überzeugte nicht

Vor der Erstellung der Petition hatte Blogger Fyodor Fetisov in einem Instagram-Eintrag auf Russisch und Englisch über seine Wut über einige Übersetzungen berichtet. Laut dem Portal takiedela.ru hatte Netflix Russland in einer ersten Reaktion darauf geantwortet, dass man korrekte Übersetzungen für wichtig halte und Beschwerden dem Team zugeleitet habe, das diese bei Partnern beauftragt. "Wenn Sie Fehler finden, senden Sie diese bitte direkt an uns – und wir werden uns umgehend darum kümmern".

Es gehe nicht um einzelne Tippfehler, meinte Fetisov gegenüber dem Portal, sondern um ein ernstes Problem, auf das der Konzern mit einem angemessenen Aktionsplan reagieren müsse. "Wir haben Angst, in diesem Land zu leben, wir haben Angst, durch die Straßen zu gehen, wir haben Angst, unsere Gefühle in der Öffentlichkeit auszudrücken", schrieb er in dem Instagram-Eintrag. "Wir werden ermordet und vergewaltigt. Wir werden nicht als Menschen betrachtet. Wir dürfen nicht heiraten, Kinder großziehen und stolz sein. Jetzt wird uns das Recht auf Repräsentation verweigert." Angesichts der hohen Abokosten für Netflix im Vergleich zu russischen Gehältern erschienen die Übersetzungen wie eine Verspottung. "Das haben wir nicht verdient. Wir sind eine Gemeinschaft von Menschen und wir sind Ihr Publikum." (nb)



#1 AthreusProfil
  • 22.12.2020, 10:22hSÜW
  • Die Träumer sind unterwegs. Liebe Leut, Netflix ist wie jeder globale Player zuvörderst an Geld interessiert. D.h. in Ländern wo es erlaubt ist und envogue, wird allzu gern in regenbogengefärbte Public Relations investiert, um das Firmenfassade auf Hochglanz zu scheuern und queeres Kapital langfristig ans Unternehmen zu binden, andernorts besinnt man sich auf seine Flexibilität und verpackt seine sogenannten Werte vorsichtig in Frischhaltefolie.

    Niemand lässt Milliarden liegen, um sich mit der staatlichen Zensurbehörde über queere Sichtbarkeit zu streiten. Was käme als nächstes? Keine Schichtarbeit mehr für 12jährige, die Kakaobohnen ernten, dass wir für 39 Cent Schokolade fressen können oder keine Kinder mehr in Erzgruben, die Metall für unsere Smartphones aus der Erde holen? Soll VW etwa auf Sklavenarbeiter verzichten, wenn ihr Werk in Xinjiang schon so vorteilhaft von Konzentrationslagern umgeben ist?

    Mal ein paar Zitate von letzterer Firma, zum besseren Verständnis der Unternehmenspolitik, auch vergleichbarer Firmen:

    Carl Hahn: "Wir haben versucht, Automobile zu bauen. Unabhängig davon, wer im Lande herrscht. Das überlassen wir den Eingeborenen." (Südafrika, Apartheids-Regime)

    Ferdinand Piëch: "Immer wenn es um Krieg geht, sind am Ende weniger vorhanden, und es gibt immer Gewinner und Verlierer. Und ich habe die Absicht mit unseren Partnern, die VW in der ganzen Welt hat, der Sieger zu sein."

    Herbert Diess: "Ich weiß nicht, worauf Sie sich beziehen. Ich kenne das nicht." (Uiguren, Xinjiang, China)

    Herbert Diess: "Ebit macht frei" (Ebit = Bertriebsergebnis (Arbeit macht frei))
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#2 StaffelbergblickAnonym
  • 22.12.2020, 12:00h
  • Netflix ist eine Aktiengesellschaft .... da haben in letzter Konsequenz die Aktionäre das Sagen. Und wenn durch "falsche Übersetzungen" in Russland die "Einheimischen falsch informiert" werden ... könnte das in letzter Konsequenz für Netflix das Aus in Russland bedeuten. Sprich, die werden dort rauskatapultiert.
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#3 Alexander_FAnonym
  • 22.12.2020, 14:43h
  • Ohne irgendetwas verteidigen zu wollen, hat das alles auch einfach damit zu tun, wie die Übersetzungsbranche funktioniert. Als Übersetzer werden naturgemäß Muttersprachler bevorzugt, am besten noch welche, die im jeweiligen Zielland leben. Diese bringen aber mit ihrer Muttersprache eben auch oft einen gewissen kulturellen Ballast mit sich, der sich bei vielen russischsprachigen dann eben in Homophobie äußert und sich auf die Übersetzungen auswirkt. Ohne alle Russen/innen über einen Kamm scheren zu wollen, muss man halt eben einfach festhalten, dass die dort herrschende Politik nicht von ungefähr kommt, sondern der Mitte der Gesellschaft entspringt. Der gehören Übersetzer/innen ganz genauso an, wenn es sich nicht gerade um Dissidenten und Exilanten handelt.

    Außerdem will Netflix, wie schon im ersten Kommentar richtig erkannt, auf diese Weise wohl auch vermeiden, in Russland gesperrt zu werden und so einen bedeutenden Absatzmarkt zu verlieren.
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#4 LupdejuppAnonym
  • 22.12.2020, 15:23h
  • Ich bin ja egtl eher überrascht das sowas wie Queer eye... überhaupt auf den russischen Servern vertreten ist oO
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#5 FinnAnonym
  • 22.12.2020, 16:54h
  • Dort wo das gut ankommt, gibt sich Netflix gerne homofreundlich. Aber andernorts passen die genauso schnell und flexibel ihre Meinung an.

    Der Umsatz ist halt doch an Nr. 1.

    Letztlich ist Netflix auch nicht besser als Google, Facebook, Twitter, Microsoft, Amazon und all die anderen US-Tech-Giganten:
    die erzählen jedem genau das, was er hören will. Alles nur für den eigenen Erfolg.
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#6 LupdejuppAnonym
  • 22.12.2020, 20:01h
  • Antwort auf #5 von Finn
  • Yeah stimmt, wenn se als gewinnorientiertes Unternehmen nicht mit Feuer und Schwert in die Bresche springen oder nicht den ganzen russischen, chinesischen etc Markt aufgeben können ses mit ihrer "homofreundlichkeit" auch ganz bleiben lassen...

    Unternehmen sind keine Politiker, egtl bestehen die meisten Dystopien daraus das Unternehmen die Welt bestimmen bzw die Gesetzgebung beeinflussen.

    Mehr als "hey, wir haben diese Inhalte und würden sie euch auch gerne anbieten, aber eure Regierung lässt uns nicht!" kann netflix da auch nicht machen (und sollten sie vielleicht auch nicht). Ist ja jetzt nichts so dass Netflix bei uns zb. den Pride Monat feiert und dann in Russland Werbung auf irgendwelchen Anti-Homo-Märschen macht !
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#7 HolladiewaldfeeAnonym
  • 23.12.2020, 00:31h
  • Oh eine süße Forderung und jetzt mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkommen und sehen was wirklich zählt. Moneten und um da ranzukommen ist jedes Mittel recht.
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#8 TheDadProfil
  • 27.12.2020, 14:49hHannover
  • Antwort auf #3 von Alexander_F
  • ""Ohne irgendetwas verteidigen zu wollen, hat das alles auch einfach damit zu tun, wie die Übersetzungsbranche funktioniert. Als Übersetzer werden naturgemäß Muttersprachler bevorzugt, am besten noch welche, die im jeweiligen Zielland leben.""..

    Dazu besehe man sich dann mal etliche Porno-Seiten die interessanterweise offensichtlich alle auf russischen Servern liegen, und deren Betreiber dann offenbar alle in Russland oder den ehemaligen Satelliten-Staaten der UDSSR liegen..

    Dort werden in den Titeln der Filmchen die Beteiligten ständig missgendert, selbst bei offensichtlich schwulsten Geschehen ist von "Freund und Freundin" die Rede, oder man radebrecht einen Unfug zusammen der vom Inhalt nicht weiter entfernt sein könnte, um bloß keine Queeren Begriffe oder gar eine Gender-gerechte Sprache zu nutzen..
    Und andere Porno-Seiten, und mit ihnen aus dem Ausland in diese Staaten sendenden Medien passen sich bereitwillig diesen "Regeln" an..

    Und das nur weil man auf den dortigen "Markt" nicht verzichten will..
    Geldgier ist größer als der Wille seine eigenen Produkte vor dem verfälschen zu schützen, und damit einhergehend schadet man den dortigen Bürgerrechtsbewegungen..

    Wie "Athreus" schon schrieb :
    ""Carl Hahn: "Wir haben versucht, Automobile zu bauen. Unabhängig davon, wer im Lande herrscht. Das überlassen wir den Eingeborenen." (Südafrika, Apartheids-Regime)""..

    Was VW in Südafrika und Brasilien getan hat, haben auch andere Firmen getan, etwa Mercedes in Chile, oder etwa in Argentinien, wo sie sogar Adolf Eichmann in ihrem LKW-Werk als den Elektriker "Ricardo Klement" beschäftigten, und damit versteckten..

    Man kann hier nur darauf hoffen das sich mal ein industrieller Manager hinstellt und solchen Leuten sagt :
    "Tut mir leid, aber bei ihnen im Land können wir nicht tätig werden bevor Demokratie und Menschenrechte herrschen"..
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