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Kritik an Streaming-Dienst

Homophobe Übersetzungen: Petition an Netflix in Russland

Ein queerer Blogger und das LGBT Network beklagen, dass etwa "Ich bin nicht schwul" mit "Ich habe eine normale Orientierung" übersetzt werde. Der Konzern zeige hier ein größeres Problem und müsse handeln.


Netflix-Wagen beim Pride in San Francisco 2019. Der Dienst bietet viele queere, oft selbst in Auftrag gegebene Inhalte und sorgt damit weltweit für Akzeptanz (Bild: Alex Liivet / flickr)

  • 21. Dezember 2020, 19:35h 8 4 Min.

Das russische LGBT Network und der Blogger Fyodor Fetisov haben eine Online-Petition an den Streaming-Dienst Netflix gestartet, mit der das US-Unternehmen aufgefordert wird, bei der russischen Übersetzung von Serien und Filmen keine zusätzliche Homo- oder Transphobie zu verbreiten.

So würde in einer Folge der US-Reihe "Friends" aus "Ich bin nicht schwul" ein "Ich habe eine normale Orientierung". In einer Folge von "Family Guy" heißt es im englischen Original, Oscar Wilde habe sich Alkoholismus und Knocheninhalation zugewendet, letzteres eine Umschreibung für Drogenkonsum. In Russland werde daraus "Alkoholismus und Homosexualismus".

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Posted by ?????????? ????-???? on Monday, December 21, 2020
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Statt schlicht Schwule oder Schwule und Lesben für "gays" würde häufiger "Homosexuelle" oder "Homosexualisten" verwendet, ergab eine kurze Umfrage in sozialen Netzwerken vor der Erstellung der Petition. "Drag Queen?" – "Transvestit" heiße das in mindestens einem Film in Netflix-Übersetzung. Die Reihe "Queer eye for the straight guy" wird laut der Petition in etwa übersetzt mit "Normaler Typ durch die Augen eines schwulen Mannes" (was beide Original-Adjektive nicht korrekt übersetze). Die in der Regel von beauftragten Firmen angefertigten Übersetzungen haben dabei Auswirkungen auf die russischsprachige Welt auch außerhalb des Landes.

Auch in anderen Bereichen lasse Netflix Sorgfalt vermissen, so die Petition: In der Reihe "Sex Education" würde etwa für "drug abusers" das abwertendere "Junkies" verwendet, bei "13 Reasons Why" fehlten Hinweise zu Hilfshotlines.

Systematisches Problem mit Partnern und vorauseilender Gehorsam

Die Beispiele zeigten ein "systematisches Problem mit dem Ansatz von Netflix zur regionalen Verbreitung seiner Produkte", so die Petition. Sie fordert eine Entschuldigung, "beleidigende Untertitel und Voiceovers" genutzt zu haben, und eine Korrektur der jeweiligen Stellen. Der Dienst solle auch seine Nutzer aufklären, warum die jeweilige Korrektur notwendig sei.

Ein "wir werden uns bemühen, besser zu werden", reiche aber nicht aus. Netflix müsse mitteilen, ob es sich künftig weigere, mit homophoben Partnern zusammenzuarbeiten, ob es diesen Fortbildung biete und ob es eine Beratungsperson für Menschenrechte und Minderheiten einstelle. Das Problem erfordere eine systematische Lösung für alle vulnerablen Gruppen, neben LGBT etwa auch Menschen mit Behinderungen, Drogengebrauchende und Personen mit Suizidgedanken.

/ KPH_official | Netflix-Regenbogen-Werbung 2018 zum CSD Warschau, an dem der Dienst auch mit einem Wagen teilnahm
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Auch fordert die Petition von dem US-Dienst, sich nicht zum Gehilfe der russischen Politik zu machen. Mehrere US-Kinderserien mit queeren Charakteren würden in Russland mit dem Zusatz "18+" versehen, offenbar um nicht gegen das Gesetz gegen "Homo-Propaganda" zu verstoßen. Netflix, das eventuelle Bußgelder aus der Portokasse bezahlen könnte, stünde hier Widerstand gut an, ein Vorgehen gegen den US-Riesen sei wegen der negativen Schlagzeilen für die Regierung ohnehin unwahrscheinlich.

Netflix sollte Reihen wie "She-Ra und die Rebellen-Prinzessinnen" auch in Russland in seinem Bereich für Kinder anbieten – es gebe ein großes Verlangen nach der so wichtigen queeren Repräsentation auf dem Bildschirm, für die queere Kunden des Dienstes schließlich auch zahlten. Der Streaming-Dienst sollte ein Vorbild sein, statt Angst vor der "lächerlichen russischen Repression" zu haben. Dabei könne es auf die Unterstützung der Zuschauenden, von NGOs und von den Bürgern Russlands setzen, die bei weitem nicht so homophob seien wie ihre Regierung.

Erste Netflix-Reaktion überzeugte nicht

Vor der Erstellung der Petition hatte Blogger Fyodor Fetisov in einem Instagram-Eintrag auf Russisch und Englisch über seine Wut über einige Übersetzungen berichtet. Laut dem Portal takiedela.ru hatte Netflix Russland in einer ersten Reaktion darauf geantwortet, dass man korrekte Übersetzungen für wichtig halte und Beschwerden dem Team zugeleitet habe, das diese bei Partnern beauftragt. "Wenn Sie Fehler finden, senden Sie diese bitte direkt an uns – und wir werden uns umgehend darum kümmern".

Es gehe nicht um einzelne Tippfehler, meinte Fetisov gegenüber dem Portal, sondern um ein ernstes Problem, auf das der Konzern mit einem angemessenen Aktionsplan reagieren müsse. "Wir haben Angst, in diesem Land zu leben, wir haben Angst, durch die Straßen zu gehen, wir haben Angst, unsere Gefühle in der Öffentlichkeit auszudrücken", schrieb er in dem Instagram-Eintrag. "Wir werden ermordet und vergewaltigt. Wir werden nicht als Menschen betrachtet. Wir dürfen nicht heiraten, Kinder großziehen und stolz sein. Jetzt wird uns das Recht auf Repräsentation verweigert." Angesichts der hohen Abokosten für Netflix im Vergleich zu russischen Gehältern erschienen die Übersetzungen wie eine Verspottung. "Das haben wir nicht verdient. Wir sind eine Gemeinschaft von Menschen und wir sind Ihr Publikum." (nb)

-w-

#1 AtreusEhemaliges Profil
  • 22.12.2020, 10:22h
  • Die Träumer sind unterwegs. Liebe Leut, Netflix ist wie jeder globale Player zuvörderst an Geld interessiert. D.h. in Ländern wo es erlaubt ist und envogue, wird allzu gern in regenbogengefärbte Public Relations investiert, um das Firmenfassade auf Hochglanz zu scheuern und queeres Kapital langfristig ans Unternehmen zu binden, andernorts besinnt man sich auf seine Flexibilität und verpackt seine sogenannten Werte vorsichtig in Frischhaltefolie.

    Niemand lässt Milliarden liegen, um sich mit der staatlichen Zensurbehörde über queere Sichtbarkeit zu streiten. Was käme als nächstes? Keine Schichtarbeit mehr für 12jährige, die Kakaobohnen ernten, dass wir für 39 Cent Schokolade fressen können oder keine Kinder mehr in Erzgruben, die Metall für unsere Smartphones aus der Erde holen? Soll VW etwa auf Sklavenarbeiter verzichten, wenn ihr Werk in Xinjiang schon so vorteilhaft von Konzentrationslagern umgeben ist?

    Mal ein paar Zitate von letzterer Firma, zum besseren Verständnis der Unternehmenspolitik, auch vergleichbarer Firmen:

    Carl Hahn: "Wir haben versucht, Automobile zu bauen. Unabhängig davon, wer im Lande herrscht. Das überlassen wir den Eingeborenen." (Südafrika, Apartheids-Regime)

    Ferdinand Piëch: "Immer wenn es um Krieg geht, sind am Ende weniger vorhanden, und es gibt immer Gewinner und Verlierer. Und ich habe die Absicht mit unseren Partnern, die VW in der ganzen Welt hat, der Sieger zu sein."

    Herbert Diess: "Ich weiß nicht, worauf Sie sich beziehen. Ich kenne das nicht." (Uiguren, Xinjiang, China)

    Herbert Diess: "Ebit macht frei" (Ebit = Bertriebsergebnis (Arbeit macht frei))
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#2 StaffelbergblickAnonym
  • 22.12.2020, 12:00h
  • Netflix ist eine Aktiengesellschaft .... da haben in letzter Konsequenz die Aktionäre das Sagen. Und wenn durch "falsche Übersetzungen" in Russland die "Einheimischen falsch informiert" werden ... könnte das in letzter Konsequenz für Netflix das Aus in Russland bedeuten. Sprich, die werden dort rauskatapultiert.
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#3 Alexander_FAnonym
  • 22.12.2020, 14:43h
  • Ohne irgendetwas verteidigen zu wollen, hat das alles auch einfach damit zu tun, wie die Übersetzungsbranche funktioniert. Als Übersetzer werden naturgemäß Muttersprachler bevorzugt, am besten noch welche, die im jeweiligen Zielland leben. Diese bringen aber mit ihrer Muttersprache eben auch oft einen gewissen kulturellen Ballast mit sich, der sich bei vielen russischsprachigen dann eben in Homophobie äußert und sich auf die Übersetzungen auswirkt. Ohne alle Russen/innen über einen Kamm scheren zu wollen, muss man halt eben einfach festhalten, dass die dort herrschende Politik nicht von ungefähr kommt, sondern der Mitte der Gesellschaft entspringt. Der gehören Übersetzer/innen ganz genauso an, wenn es sich nicht gerade um Dissidenten und Exilanten handelt.

    Außerdem will Netflix, wie schon im ersten Kommentar richtig erkannt, auf diese Weise wohl auch vermeiden, in Russland gesperrt zu werden und so einen bedeutenden Absatzmarkt zu verlieren.
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