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Fünf Jahre nach Kulturkampf um Bildungsplan

"Die Vermutung liegt nahe, dass sich nichts verbessert hat"

Schüler*innen in Baden-Württemberg sollten mehr über das Thema sexuelle Vielfalt sprechen. Das Vorhaben der Landesregierung hatte vor gut fünf Jahren heftige Proteste ausgelöst. Nun sind die umstrittenen Bildungspläne in geänderter Fassung in Kraft.


LGBTI-Schüler*innen haben es in Baden-Württemberg immer noch schwer (Bild: Gays With Kids)

Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD), die Bildungsgewerkschaft GEW in Baden-Württemberg und die Grünen im Landtag fordern Studien zum Thema sexuelle Vielfalt an Schulen. Gut fünf Jahre nach den Protesten gegen die Bildungsplanreform und die Einführung der sogenannten Leitperspektive "Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt", die an allgemeinbildenden Schulen für alle Fächer gelten soll, sehen sie große Defizite bei der Umsetzung.

Für Lehrer*innen gebe es kaum Hilfen, kritisierte die GEW. Das Thema habe auch bei den Fortbildungen zur Einführung der Bildungspläne keine Rolle gespielt. Daher sei umgehend eine fundierte Evaluation wichtig. Nicht akzeptabel sei, dass sich weder in einem Leitfaden Demokratiebildung noch in einer Broschüre zur Gewalt- und Mobbingprävention queere Themen fänden. "Dies ist vor dem Hintergrund der eindeutigen Forschungsbefunde, dass sexuelle und geschlechtliche Identität ein wesentlicher Diskriminierungsgrund an Schulen sei, nicht nachvollziehbar", beklagt die Gewerkschaft.

"Schwule Sau darf nicht länger eines der am meisten benutzten Schimpfwörtern auf deutschen Schulhöfen sein", sagte GEW-Landeschefin Monika Stein. Um das Thema kompetent behandeln zu können, bräuchten Lehrer dringend Schulungen, Materialien, Beispiel-Curricula und Medienlisten sowie Kooperationen mit außerschulischen Projekten.

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"Ja, es gibt Menschen, die das gleiche Geschlecht lieben"

Die Grünen-Abgeordnete Brigitte Lösch hält eine Studie für sinnvoll, die die Situation von Jugendlichen an Schulen untersucht. "Denn wo fundierte Informationen vorliegen, können wir gezielt handeln", sagte die Sprecherin der Fraktion für Belange von LSBTTIQ und Vorsitzende des Bildungsausschusses. Schulpsycholog*innen und Beratungslehrer*innen bräuchten dringend eine Handreichung zum Umgang mit sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten. "Das Projekt lag im Kultusministerium jahrelang auf Eis. Das zeigt doch, welch geringen Stellenwert das Thema für die Kultusministerin hat."


Brigitte Lösch ist seit 2001 Landtagsabgeordnete in Stuttgart (Bild: Grüne Baden-Württemberg / Wilhelm Betz Fotografie)

Es sei wichtig, queere Lebensweisen auch in der Schule sichtbar zu machen. "Das Gespräch darüber im Unterricht kann klarmachen: Ja, es gibt Menschen, die das gleiche Geschlecht lieben. Ja, es gibt Kinder, die mit einem Geschlecht aufwachsen, in dem sie sich nicht heimisch fühlen", sagte Lösch. Das sei wichtig gegen Vorurteile und Mobbing.

Nach Auskunft des Ministeriums soll in Kürze eine Handreichung für Schulpsycholog*innen und Beratungslehrer*innen fertig sein. Ferner seien Schulpsycholog*innen zu sexueller Vielfalt und Identität fortgebildet worden, um auch Lehrer*innen bei solch sensiblen Fragen zu unterstützen. Wegen Corona sei allerdings ein Lehrgang dazu abgesagt worden.

"Pädagogik statt Pädo-Logik"

Als die grün-rote Vorgängerregierung mit einem neuen Bildungsplan regeln wollte, dass im Unterricht stärker über das Thema sexuelle Vielfalt gesprochen wird, hatte dies 2014 bis 2016 zu heftigen Protesten geführt, die von homophoben Aktivist*innen zu einem Kulturkampf hochstilisiert wurden. Dabei wurde Homosexualität immer wieder mit sexuellem Missbrauch von Kindern gleichgesetzt. Das homophobe Aktionsbündnis "Für Ehe und Familie" der christlich-fundamentalistischen Aktivistin Hedwig von Beverfoerde rief etwa zu "Demos für alle" auf – dort wurden Plakate mit Aufschriften wie "Pädagogik statt Pädo-Logik" gezeigt.


Bild von einer "Demo für alle" im Jahr 2014 (Bild: Guido Klein)

Gegendemonstrant*innen unterstützten gleichzeitig die Politik zur Gleichbehandlung von Homo- und Heterosexuellen. In den Bildungsplänen heißt es inzwischen unter anderem, Schüler*innen könnten sich "mit verschiedenen Formen von Liebe und Sexualität im Spannungsfeld von Freiheit, Verantwortung und Selbstbestimmung auseinandersetzen".

LSVD-Vorstandsmitglied Kerstin Fritzsche kritisierte allerdings: "Wir wissen überhaupt nicht, ob das umgesetzt wird." Es gebe immer wieder Hinweise, dass es nicht so sei. Um das zu überprüfen, brauche es eine Studie. "Die Vermutung liegt nahe, dass sich nichts verbessert hat", so Fritzsche. Auch hätten Schüler*innen und Lehrende nach wie vor Angst, sich zu outen.

Ein Hindernis könnte darstellen, dass das Kultusministerium nach dem Regierungswechsel von Grün-Rot zu Grün-Schwarz 2016 inzwischen CDU-geführt ist. Bei Ressortchefin Susanne Eisenmann sei sexuelle Vielfalt nie besonders hoch oben auf der Agenda gewesen, so Fritzsche. Nun sei Eisenmann für die Landtagswahl am 14. März 2021 auch noch im Wahlkampfmodus. Das Thema habe somit keine Priorität. Eisenmann wird als CDU-Ministerpräsidentenkandidatin gegen Amtsinhaber Winfried Kretschmann (Grüne) ins Rennen gehen.


Kultusministerin Susanne Eisenmann zeigte laut LSVD nie besonderes Interesse daran, LGBTI-Schüler*innen das Leben leichter zu machen (Bild: Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg)

Grundsätzlich glaubt Fritzsch aber, dass CDU und FDP nicht mehr wie 2014 gegen die Erwähnung von LGBTI im Bildungsplan auf die Barrikaden gehen. Grundsätzlich hätten alle Parteien – mit Ausnahme die AfD – verstanden, dass Politik für queere Menschen gesellschaftlich wichtig sei und es sich um eine Querschnittsaufgabe handle. (dpa/dk)



#1 Landtagswahl 2021Anonym
  • 23.12.2020, 14:52h
  • Im März ist in Baden-Württemberg Landtagswahl.

    Wenn man sich glaubwürdig für ein politisches Thema einsetzen möchte, wie hier Aufklärung an Schulen, dann sollte man nicht erst vor der Landtagswahl feststellen, dass Handlungsbedarf besteht.

    Vor allem nicht, wenn man, wie in diesem Fall die Grünen, seit bald zwei Legislaturperioden die Regierungsmacht inne hat.
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#2 XanderAnonym
  • 27.12.2020, 19:45h
  • Antwort auf #1 von Landtagswahl 2021
  • Nicht zu vergessen, dass man immernoch Jobs, Ausbildungsplätze, Sozialleistungen oder Krankenversicherungen verliert oder gar nicht erst bekommt, wenn man sich als nicht-binär outet. Diese notwendige Bildungs- und Aufklärungsarbeit müsste zuerst bei der Politik und Lehrkräften angewandt werden. Stattdessen wird dort pinkwashing betrieben und gleichzeitig diskriminiert und strukturell benachteiligt, damit sexuelle Minderheiten keine Chance auf Teilnahme am gesellschaftlichen Leben haben oder in den Suizid getrieben werden.
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