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Podcast

"So offen hat sich die Fratze der heteronormativen Ordnung selten gezeigt"

In der Weihnachtsausgabe von QUEERKRAM spricht Johannes Kram mit der feministischen Sexarbeiterin und Autorin Kristina Marlen über die diskriminierenden Kontaktbeschränkungen, geschlechtergerechte Prostitution und Begehren versus Identität.

Weihnachten ist ein guter Anlass, um über Sex zu reden. An Heiligabend 1990 hatte ich meinen ersten Einsatz als Außenreporter. Für Eldoradio, dem schwul-lesbischen Magazin auf Radio 100, berichtete ich live von der Safer-Sex-Party im Berliner SchwuZ. An die geile, befreiende (und sehr gut besuchte) Alternative zum fetten Gänsebraten, dem besoffenen Papa, der kotzenden Mama und der heulenden Oma im Märkischen Viertel denke ich noch heute gerne zurück.

Kram: Die heilige Familie ist eine sexlose


Johannes Kram und Kristina Marlen vor dem Tonstudio

Dreißig Jahre später fallen Sexpartys aufgrund der Coronakrise aus, und Dank der Ministerpräsident*innen dürfen wir – außer in Berlin und Sachsen – über die Feiertage nur Verwandte treffen, nicht aber unsere Wahlfamilien. "So offen hat sich die Fratze der heteronormativen Ordnung selten gezeigt", kommentiert Kristina Marlen im neuen QUEERKRAM-Podcast die diskriminierenden Kontaktbeschränkungen. Für die queere Sexarbeiterin, Künstlerin, Autorin und Feministin aus Berlin ist die irrationale Beschränkung auf die sogenannte Kernfamilie eine "ganz klare Abwertung und Unsichtbarmachung anderer Lebensmodelle".

Für Gastgeber Johannes Kram hat es durchaus etwas mit der klassischen Weihnachtserzählung zu tun, dass nicht nur konservative Politiker*innen Familie ausschließlich über Abstammung definieren. "Unser gesellschaftlich wichtigster Feiertag ist immerhin einer, bei dem wir die Geburt eines Kindes feiern, das vorgeblich ohne Sex entstanden ist", sagt er in seiner Einleitung. "Wir feiern die heilige Familie, die also eine sexlose ist."

Für Kristina Marlen ist es nicht überraschend, dass gerade in der Pandemie die Moralkeule geschwungen wird und Politiker*innen versuchen, ihre konservative Agenda durchzudrücken. Im Podcast berichtet sie von ihren leidvollen Erfahrungen aus der Hurenbewegung und ihren Kampf gegen ein Sexkaufverbot. Die Bestrafung von Freiern nach schwedischem Vorbild würde Sexarbeiter*innen nicht helfen, sondern sie stigmatisieren und gefährden.

Kristina Marlen fordert "Rechte statt Verbote"

"Rechte statt Verbote", lautet ihre Alternative, um Ausbeutung und Gewalt in der Prostitution zu beenden. In ihrem Bemühen um eine "geschlechtergerechte Sexarbeit" – und auch wegen persönlicher Vorlieben, wie sie im Podcast verrät – bietet sie seit fünf Jahren bewusst Dienstleistungen für Frauen an. "Sexismus und Patriarchat sind das Problem", nicht die Sexarbeit an sich, von der die Gesellschaft profitiere, so Marlen im Gespräch mit Johannes Kram

In dem sehr spannenden Podcast geht es in knapp einer Stunde u.a. auch um die Wichtigkeit körperlicher Berührungen, Erfahrungen mit BDSM und das Aufbrechen von Schubladen, das der "Forscherin im Körperlichen" ganz besonders am Herzen liegt. Für Kontroversen dürfte ihr Satz "Man kann das Begehren verändern" sorgen, den einige Hörer*innen als Angriff auf ihre Identität missverstehen könnten. "Ich höre ja nicht auf Lesbe zu sein, weil ich mal mit einem Mann Sex gehabt habe", kontert Marlen und empfiehlt, weniger theoretisch zu streiten als vielmehr konkret über Lust zu reden.

In eine Schublade steckt sich Kristina Marlen in diesem Zusammenhang allerdings selbst: "Meine hauptsexuelle Orientierung ist Schlampe."

Zu Gast bei QUEERKRAM

Folge 1 mit Falk Richter und Jonas Dassler:
Warum sich Schauspieler outen sollten
Folge 2 mit Anastasia Biefang:
Warum das Transsexuellengesetz auf den "Müllhaufen der Geschichte" gehört
Folge 3 mit Ralf König:
Warum Ralf König genug vom "Gezicke in sozialen Medien" hat
Folge 4 mit Stephanie Kuhnen und Juliane Löffler:
Wie viel kreatives Potenzial steckt in der Corona-Krise?
Folge 4 mit Georg Uecker:
Warum gibt es so viel Häme auch in der Community?
Folge 6 mit Insel Pohl:
Outest du dich im Interview mit Homohassern, Ines Pohl?
Folge 7 mit Patrick Lindner:
Warum Patrick Lindner auf dem CSD singen muss!
Folge 8 mit Pierre Sanoussi-Bliss:
"Dass mein Leben auch zählt, müssen mir Weiße nicht sagen"
Folge 9 mit Annie Heger:
"Ich werde als Christin von der LGBT-Community mehr angefeindet als andersrum"
Folge 10 mit Aminata Touré und Tessa Ganserer:
"Zwischen Queerfeindlichkeit und Rassismus gibt es Parallelen"
Folge 11 mit Riccardo Simonetti:
Warum wir auf unser "Anderssein" stolz sein können!
Folge 12 mit Sookee:
"Eine rassistisch agierende Community kann sich erneuern"
Folge 13 mit Linus Giese
"Trans Menschen müssen nicht ihre Existenz erklären"
Folge 14 mit Kevin Kühnert
Warum schweigt die Politik zum Mord in Dresden, Kevin Kühnert?
Folge 15 mit Manuela Kay
"Die Berliner Szene kann die Pest sein"



#1 Still_IthEhemaliges Profil
  • 25.12.2020, 11:43h
  • CNs: Cissexismus, Transfeindlichkeit.

    Trans wird ja überhaupt nur einmal konkret erwähnt, in den letzten zehn Minuten, wo es darum geht, dass die patriarchale Komponente darin bestünde, dass Prostitution auf "männliches Begehren" ausgerichtet sei.

    Das ist cis-sexistisch. Prostitution ist nicht auf männliches, sondern auf CIS-männliches Begehren ausgerichtet. Andernfalls wüsste ich als nicht-cis-Mann das.

    Direkt im Anschluss dann so einer der schlimmsten Sätze in Sachen trans:
    "und da ist es dann auch egal, ob es Männer anbieten, oder Frauen, oder Menschen..., also, trans Personen"

    FYI: Trans Männer sind Männer, trans Frauen sind Frauen.
    Geschlechtergerecht über den cis-weiblichen Feminismus hinaus hätte es, wenn schon, heißen müssen:
    "Da ist es egal, ob es Männer anbieten, oder Frauen, oder nicht-binäre Personen".

    Wieso mich das so aufregt? Weil das die einzige Stelle im Podcast ist, in der "trans" als solches benannt wird, was extrem schwach ist, nachdem hin und wieder mal was von Sexarbeit für "alle Geschlechter" geredet wird. Bei einem Podcast, in dessen Subtext eingeleitet wird, es würde über "geschlechtergerechte Prostitution" gesprochen.
    Nun, das passiert mitnichten. Gesprochen wird darüber, dass Frauen (und zwar explizit und konkret Frauen; inter und trans Personen werden diesbezüglich nichtmal erwähnt) im Patriarchat nicht lernen, einen ordentlichen Orgasmus einzufordern und dass sie Sex kaufen dürfen.
    Dass hin und wieder, aber nicht bei diesen konkreten Problematiken, von "Frauen und weiblich sozialisierten Menschen" die Rede ist, setzt dem Ganzen bloß die Krone auf. Gemeint sein dürften bei der Geburt weiblich _zugewiesene_ Menschen. Und das ist ein Unterschied.

    Weiter geht es dann mit "wie sehen Angebote aus, die Frauen, oder nicht-binäre Menschen, nicht-binäre Personen, trans Personen annehmen würden".

    Jo, trans Personen können übrigens Frauen sein, nur mal so am Rande, bzw. s.o.

    Wie diese Angebote ausgesehen haben sollen, wird dann damit erklärt, dass einfach damit geworben wurde, wie das ist, wenn Frauen(!) Sex kaufen.
    Ja, wieder nur Frauen. Nix mit nicht-binären Menschen, Bedürfnissen von trans-Personen im Laufe möglicher Angleichungen, den Bedürfnissen von Leuten, die kürzlich operiert wurden, geschweige denn OPs im Genitalbereich hatten (Narben, Gefühlsverlust, Marginalisierungserfahrungen durch nicht-perfekte/nicht normgerechte Körper). Oder als inter Personen, mit oder ohne mögliche Zwangs-HRT oder Zwangs-OP, die evtl. Schwierigkeiten mit dem eigenen Körper haben.
    Sowas hätte ICH als nicht-cis-Person erwartet, wenn bei einem Podcast mit dem Thema "Geschlechtergerechte Prostitution" beworben wird (und ich wär echt für "Sexarbeit" als Wording, denn Sexarbeit ist Arbeit). Nichts davon wird auch nur am Rande, nichtmal in einem Nebensatz erwähnt, es gibt nichtmal Gedankenanstöße dazu. Einfach NICHTS.
    Die einzigen Geschlechter mit ihren Problematiken, um die es inhaltlich geht, und zwar ausschließlich und aus-schließend, sind Cis-Weiblichkeit und Cis-Männlichkeit.

    Auch die Kund*innen, die es dank der geschlechtergerechten Werbung neben den Männern jetzt gibt, werden als "50% Frauen" konkret benannt. Nix mit inter, nix mit trans vs. cis. Nachdem bei den Anbietenden sehr wohl unterschieden wurde, im Sinne von "Frauen vs. trans" können wir wohl von einem Mindset ausgehen, in dem das keine trans Frauen mit-meint. Vorher wurden trans ja auch separat genannt. Und WENN hier trans Männer mitgemeint sein sollten, wäre das einfach nur beleidigend und misgendernd.

    Nächstes Thema: "Welches Selbverständnis haben Frauen, oder Menschen mit weiblicher Sozialisation, mit ihrer Sexualität."
    Allerdings, das ist ein Zitat. Ich bin also "Menschen mit weiblicher Sozialisation". Also ich werd schon zu den Frauen gezählt. Als trans männlicher, aka weiblich _zugewiesener_ Mensch.

    Einerseits: Nein. Ich bin nicht wirklich weiblich sozialisiert, bzw. hab mich nicht weiblich sozialisieren lassen, vollständig, und dafür werde ich bereits mein ganzes Leben ausgegrenzt. Zugerechnet werd ich hier aber offenbar zu "Frauen (etc)".
    Andererseits: Danke für die Dysphorie. Danke allen Leuten, die das hier für inklusiv halten, weil ich doch schließlich "mitgemeint" sein soll. Unter der Übergruppe Frauen halt. Also schon transfeindlich, beleidigend, diskriminierend. Aber hey, ich soll mich mitgemeint fühlen. Voll für "alle Geschlechter". Voll inklusiv halt. Dass das implizit bedeutet, dass man mich eh nie zu den Männern zählen wird, werd ich da wohl ertragen können, das gehört halt dazu, wenn Cis-Menschen über uns reden. Ohne uns. Also wie sich das gehört. Wär ja sonst für andere zuhörende Cis-Menschen evtl. irritierend.

    Ihr glaubt echt nicht, wie destruktiv diese Erkenntnis ist, dass es offenbar NIEMANDEN hier irgendwo gegeben hat, dem*der aufgefallen ist, was passiert, wenn man regelmäßig "Frauen und weiblich sozialisierte" Menschen zusammenrechnet und als die EINE Seite behandelt, die im Patriarchat benachteiligt wird, während an anderer Stelle (1x, finde ich gerade nicht wieder) gegenübergestellt wird die Gruppe der "Männer und männlich sozialisierten", für die es kein Problem sei, Sex einzufordern und Sex zu kaufen. Ich hab den leisen Verdacht, dass das Letztere auf trans Frauen abzielt und das ist einfach ... mies.

    Also, wir fassen zusammen: Während hin und wieder von "Sexarbeit für alle Geschlechter" die Rede ist, werden
    - inter Personen als solche GAR nicht erwähnt
    - trans Frauen nirgends benannt
    - trans Männer nirgends benannt
    - Körperlichkeiten und Körperarbeit über die Cis-Norm hinaus werden thematisch nicht einmal angerissen
    - Dysphorie und ein möglicher Umgang damit wird nirgends erwähnt (wär speziell für mich als trans Person unabdingbar bei einem Angebot für "alle Geschlechter")
    - trans Männer werden unter "Frauen und weiblich sozialisierte Männer referenziert"
    - trans Frauen mindestens einmal unter "Männer und männlich sozialisierte" zu den Gewinner(*inne)n des patriarchalen Standards erklärt.

    Kurz aufklären möchte ich noch zu den FLTI*+ Räumen, die gegen Ende mal erwähnt werden. Was insbesondere cis-männlichen Lesern hier nicht klar sein dürfte, ist der Charakter dieser Räume, die der Bezeichnung nach für "Frauen, Lesben, trans* und inter +" Personen gedacht sein sollen. In der Praxis sind diese Räume idR aber passing-abhängig, aka ausgerichtet auf weiblich-passende Menschen. Konkret bedeutet das, du darfst als inter oder trans Person da rein... wenn du dank weiblichen Passings optisch als "richtig" empfunden wirst.
    Das trifft nicht zu auf:
    - transweibliche Personen, die (noch) nicht gut genug passen
    - transmännliche Personen, die durch HRT und/oder OPs nicht (mehr) gut genug als weiblich passen
    - ggf. inter- bzw. nicht-binäre Personen, die nicht das erwünschte Passing haben.

    Da ich bei der konkreten Gruppe, von der im Podcast die Rede ist, nicht gewesen bin, kann ich natürlich nicht definitiv beurteilen, wie das bei exakt _dieser_ Gruppe läuft. Dass nichts dazu erwähnt wird, dass und welche Anstrengungen es gibt, die oben genannten, überlicherweise stattfindenden Ausschlüsse zu vermeiden, deutet für mich aber darauf hin, dass es hier kein Problembewusstsein gibt, und wo dieses Bewusstsein fehlt, wird idR auch gegen das Problem selbst nichts unternommen.

    Ich habe von inter und nicht-binären Personen im Umfeld, online und auch im RL, immer wieder die Erfahrung vermittelt bekommen, dass sie in diesen Räumen nicht erwünscht sind. Das drückt sich entweder darin aus, gar nicht erst eingelassen zu werden, bis dahin, mit physischer Gewalt vor die Tür gesetzt zu werden (war eine schmerzhafte Erfahrung für eine bei der Geburt weiblich zugewiesene Person, der nach HRT plötzlich für dieselben Statements wie vorher "mansplainng" vorgeworfen wurde u die dann nicht mehr erwünscht war).
    Meine persönliche Erfahrung mit dieser Art Räume besteht darin, dass ich mich da geduldet fühlen darf, solange ich schön demütig einsehe, eben geduldet zu sein. Als Gast, die Klappe haltend und bitteschön äußerst dankbar, dass ich da sein _darf_, weil das nicht selbstverständlich ist. Andernfalls gelte ich halt als vom jemand, der vom Patriarchat profitiere, von Sexismus nicht betroffen sei und einen Schutzraum daher nicht nötig hätte. Weil, sobald ich nicht richtig passe, könnte ich ja den Sexismus, den ich seit dem Teenageralter, ebenso wie sexistische Beziehungserfahrungen, einfach mal vergessen. Betrifft mich ja nicht mehr. lol.

    Zu dem Satz bei 53:50, dass man auch das Begehren ändern könne, dürfen sich dann bitte Cis-Homosexuelle melden, bei denen die Konversionstherapie nicht funktioniert hat. Da könnte ich jetzt zwar auch noch n paar Seiten zu schreiben, aber dafür braucht ihr hier echt nicht die trans-Schwuchtel vom Dienst, das schafft ihr sicherlich auch alleine.
    Bei mir hat man bereits versucht, das Trans-Sein zu ändern, und kurz zusammengefasst war das nicht befreiend für mich, sondern endete in akuter Suizidalität. Aber hey, was weiß ich schon - als ob die Schublade "schwul" für mich eine Rolle spielen würde, nur weil ich mir deswegen anhören darf, dass ich schließlich "eine Frau hätte bleiben können", wenn ich eh auf Männer stehe.

    Ich hab echt nix gegen Sexarbeitende, ne.
    Außer halt, dass sie Leute wie mich erfahrungsgemäß misgendern und nicht sonderlich trans-inklusiv sind. Ich hab mir den Podcast in der Hoffnung angehört, dass es vielleicht auch anders geht. Das Fazit ist bedauerlicherweise: Offensichtlich nicht. Im Gegenteil. Mal wieder werde ich zu den Frauen gezählt, und soll mich im Anschluss vermutlich noch bedanken, weil ich doch schließlich "mitgemeint" gewesen bin.
    Danke, ich tu es nicht.
    Bin wohl nicht hinreichend weiblich sozialisiert dafür.
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#2 bemerkenswertAnonym
  • 25.12.2020, 18:41h
  • Selten habe ich einen so berührenden text gelesen.
    Als cis-Mann hat Mann nie so die Gelegenheit dieses Problem zu reflektieren. Jetzt wo man alleine in der Bude hockt, hat man Zeit über andere Sachen, die nicht so alltäglich sind, nachzudenken.

    Mich ärgert aber auch noch eine andere Bemerkung:
    "Wir feiern die heilige Familie, die also eine sexlose ist."

    Ist es schlimm, keinen Sex zu haben? Ich bin fast 60 Jahre alt und habe seit fast 5 Jahren keinen "GV" mehr. Ja und? Abgesehen davon, dass das Verlangen auch nachlässt, möchte ich die Behauptung aufstellen, das Sexualität eigentlich kein "Grundbedürfnis" ist wie z.B. Essen, Trinken, schlafen (alleine und mit Augen zu) und ein Dach über dem Kopf (bei solcher Witterung unverzichtbar) ist. Bei Statistiken erscheinen immer Personen, die mit 30 immer noch keinen Sex hatten. Wenn Sexualität ein Grundbedürfnis ist, so frage ich mich, wie die überhaupt leben können? Wollen wir hier den Asexuellen (inzwischen wahrscheinlich auch ich/mir) die Existenz absprechen - oder die Lebensberechtigung? Als Teenager habe ich einmal von dem "süßen Gift" Sex genascht und kam nicht mehr davon los. Sollte Bornemann

    de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Bornemann

    Recht haben und Sex ist eine Droge? In seinem letztem Buch bezog er eine eher sex-kritische Position - nachzulesen in:

    Sexuelle Marktwirtschaft. Vom Waren- und Geschlechtsverkehr in der bürgerlichen Gesellschaft. Promedia, Wien 1992

    Dann wäre Sex nur eine schlechte Angewohnheit! ... und wer die nicht hat, ist natürlich keine Erwerbsmöglichkeit für Sexarbeiter*innen. Da ist die Ablehnung von Sexlosigkeit schon fast verständlich, aber auch irgendwie sehr bedenklich!
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#3 LegatAnonym
  • 25.12.2020, 18:56h
  • Antwort auf #2 von bemerkenswert
  • Generally, we are made to want to fuck, Ausnahmen bestätigen wie üblich die Regel und natürlich verändern sich Menschen bezüglich ihrer Bedürfnisse im Verlaufe ihrem Lebens. Mehr ist dazu meiner Ansicht nach an sich auch nicht zu sagen.

    Was wir uns jedoch einfach als Spezies angewöhnen sollten ist, sex-positive zu sein. Das bedeutet nicht, dass man jede Gelegenheit zum Sex ergreifen müsse oder überhaupt jemals Sex haben müsste, es bedeutet nur das hinter uns lassen von lächerlichen sexuellen Tabus. Es ist nicht nur alles erlaubt was einvernehmlich geschieht und gefällt, nein, es ist sogar erwünscht. Genauso aber sollten wir Menschen feiern, die nicht oder nicht mehr Sex haben möchten und definitiv niemanden unter irgendeinen Erwartungsdruck setzen. Auch das gehört zu sex-positivity dazu.

    Vielen Dank übrigens für den Podcast an QUEERKRAM! Ich finde euren Podcast richtig super und wichtig. :-)
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#4 AltoAnonym
  • 25.12.2020, 19:42h
  • Antwort auf #2 von bemerkenswert
  • Ich würde eher sagen, dass Sex kein Grundbedürfnis ist, sondern ein Sekundärbedürfnis. Man kann ja ohne Sex Leben, aber nicht ohne Essen, Trinken und Schlafen. Das Bedürfnis lässt dann im Alter hormonell bedingt bei den meisten nach, aber der Trieb als solches ist meistens noch da. Vermutlich hat die Natur uns so programmiert, dass wir innerlich das Bedürfnis spüren unsere Gene weitergeben zu wollen. Wäre mal ein interessantes Forschungsfeld, ob es da Unterschiede gibt in der Ausprägung zwischen Homo- und Heterosexuellen.
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#5 LegatAnonym
  • 25.12.2020, 20:32h
  • Antwort auf #4 von Alto
  • "dass wir innerlich das Bedürfnis spüren unsere Gene weitergeben zu wollen."

    Nein, das ist heteronormativer Nonsens. Niemand hat das Bedürfnis seine Gene weitergeben zu wollen. Stattdessen hatten einfach diejenigen, die viel Sex hatten, dadurch einen evolutionären Vorteil, dass sie sich eben weil es einen Sexualtrieb (aber eben keinen Fortpflanungzungtrieb) gibt, stärker verbreitet haben. Bitte nicht auf die heteronormative Falle heireinfallen.

    "Wäre mal ein interessantes Forschungsfeld, ob es da Unterschiede gibt in der Ausprägung zwischen Homo- und Heterosexuellen."

    Die gibt es. Eine Erkenntnis daraus ist, dass wir nicht deswegen angefangen haben Sex zu haben, weil wir unbedingt Nachkommen zeugen wollten. Mit derart abstrakten Konzepten hat Evolution nichts zu tun. Stattdessen wird weitervererbt was funktioniert und da gehört homosexuelles Verhalten einfach dazu, sonst würden aus heterosexuellen Paarungen nicht so viele queere Nachkommen resultieren.

    Erst aber der moderne Mensch kann entscheiden, ob er Nachkommen zeugen möchte oder nicht. Für unsere tierischen Vorfahren und Vettern ist das einfach nicht begreiflich. Es wird halt gefickt, weil der Trieb zum Ficken da ist, auch Sexualtrieb genannt, nicht mehr und nicht weniger. Einen so geannten "Fortpflanzungtrieb" gibt es nicht, das ist lediglich eine Erfindung heteronormativ überzeugter Wissenschaftler. Vor allem Zoologen der Moderne sind bekannt dafür, alles was nicht diese unwissenschaftliche These des "Fortpfanzungstriebes" stützt bewusst auszublenden. Deswegen gibt es auch erst seit wenigen Jahren wissenschaftliche Arbeiten und Dokumentationen, die homosexuelle Verhaltensweisen von Tieren thematisieren.

    All das hat natürlich den unterliegenden Wunsch, die christliche Überzeugung des "seid fruchtbar und mehret euch" zu propagieren und Heterosexualität als die einzig akzeptable Sexualität naturalisitsch zu untermauern. Eine Mauer, die erst sehr sehr langsam ins Bröckeln gerät. Zu hartnäckig ist der ideologische Unsinn des "Fortpflanzungstriebes" in den Köpfen der Menschen verankert.
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#6 bemerkenswertAnonym
  • 26.12.2020, 01:18h
  • Antwort auf #3 von Legat
  • "Generally, we are made to want to fuck"

    Da bin ich mir nicht so sicher. Vor ungefähr 15 Jahren - ich war da kapp über 40 - war ich oft in einer Sauna mit relativ "reifem" Publikum. Um dieser Besuchergruppe gerecht zu werden, wurde oft Musik aus der Zeit von 1970 - 75 gespielt.

    Das war die Zeit kurz vor beginn meiner Pubertät. Immer, wenn diese Musik gespielt wurde, verlor ich regelmäßig mein sexuelles Verlangen, weil ich an die Zeit zurück denken musste, wo es generell für mich problemlos lief. Ein Schulwechsel und andere Gegebenheiten sorgten für unangenehme Veränderungen. Da das mit der beginnenden Geschlechtsreife zusammen fiel, ist Sexualität bis heute für mich negativ besetzt. Da "GV" ja im Grunde ja auch immer nur eine Wiederholung eines bestimmten Verhaltens ist, verlor ich irgendwann das Interesse.

    Heute habe ich übrigens wieder eine besonders gute Stereo-Anlage. Musik ist wesentlich abwechslungsreicher als Vögeln!!!
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#7 Dont_talk_aboutProfil
  • 26.12.2020, 08:16hFrankfurt
  • Ein Missverständnis. Aufgrund der Überlastung des Gesundheitssystems und der möglichen Triage soll man sich möglichst gar nicht treffen.

    Aber gut, statt in einer Notsituation Solidarität zu zeigen, kann man natürlich auf Ungleichbehandlung hinweisen. Bei jeder Regelung gibt es die und in einer Demokratie hat man natürlich das Recht, darauf hinzuweisen.
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#8 bemerkenswertAnonym
  • 26.12.2020, 15:29h
  • Außerdem trifft es alle "Wahlfamilien"! Auch die heterosexuell orientierten....!!!
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#9 LegatAnonym
  • 26.12.2020, 15:54h
  • Antwort auf #8 von bemerkenswert
  • "Außerdem trifft es alle "Wahlfamilien"! Auch die heterosexuell orientierten....!!!"

    Und das macht es jetzt aus genau welchem Grund weniger heteronormativ diskriminierend? Und warum siehst du es als nötig an, vermutlich unbewusst, "Wahlfamilien" in Anführungszeichen zu setzen? Einfach mal drüber nachdenken, bitte.
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#10 bemerkenswertAnonym
  • 26.12.2020, 17:07h
  • Antwort auf #9 von Legat
  • Der Begriff "Wahlfamilie" steht bei mir deswegen in Anführungsstrichen, weil er noch nicht im Duden verzeichnet ist.

    Der Begriff heteronormativ ist meiner Meinung auch nicht unproblematisch - zumindest in der Verbindung mit Diskriminierung. Es ist in einer Demokratie einfach so üblich, dass die MEHRHEIT (!!!) die Regeln bestimmt.
    Wenn ich zu einer/der Minderheit gehöre, richtet sich einfach nicht alle(s) andere nach mir oder nach der Gruppe zu der ich gehöre.

    Das hat, um direkt sämtlichen Widersprüchen den Wind aus den Segeln zu nehmen, nichts mit "Duckmäusertum" zu tun, sondern ist eine allgemeine Spielregel. Irgendwann gehöre ich in einem anderen Kontext zur Mehrheit und kann erwarten, dass dann auch die Mehrheit die Linie vorgibt.
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