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Einzelkommentar zu:
"So offen hat sich die Fratze der heteronormativen Ordnung selten gezeigt"


#18 Kristina MarlenAnonym
  • 30.12.2020, 01:18h
  • Antwort auf #1 von Ith_
  • Ich möchte Bezug nehmen auf den Vorwurf, "cissexistisch und transfeindlich" zu sein oder gesprochen zu haben.

    Erst einmal danke für jeden Hinweis, wie ich meine Sprache noch inklusiver gestalten kann. Diese Frage beschäftigt mich sehr und ich versuche mich und andere dafür sensibilisieren. Ich schließe dabei nicht aus, dass ich Sexismus in meiner Sprache reproduziere, so wie ich vermutlich auch Rassismus reproduziere, ohne es zu wollen, einfach weil ich weiß bin und Teil einer Kultur, in der das Alltag ist. Ich verstehe mich als Teil eine Umlernprozesses, den wir kollektiv angehen (müssen, wie ich auch finde!). Ich würde mir wünschen, wenn mir mit uns selbst und mit anderen auch gnädig sind, wenn dabei Fehler passieren.

    Ich habe mir den Podast nach den beschriebenen Vorwürfen nochmal genau angehört und festgestellt, dass ich tatsächlich sehr wenig non-binäre und Transpersonen erwähnt habe, was ungewöhnlich ist (für mich), da ich sie sonst immer erwähne. Ich möchte es an dieser Stelle nochmals ausdrücklich sagen und ich nehme mir vor, das an anderer Stelle gleich voranzustellen, wenn ich wieder öffentlich über "Frauen" und Männer" spreche::
    Transfrauen sind Frauen, Transmänner sind Männer. Es gibt zwischen "Männern" und "Frauen" ein Spektrum an Geschlechtsidentitäten, die ich vielleicht nicht einmal alle kenne. Diese Auffassung trägt mich, mein politisches und praktisches Handeln.

    Zu meinen Klient:innen gehören CisFrauen, CisMänner, trans Frauen und trans Männer und nicht binäre Personen. Mit intergeschlechtlichen Personen habe ich noch nicht wissentlich gearbeitet. Ich habe von all diesen Menschen Geschichten zu erzählen, dazu kam es leider im Podcast nicht.
    Wir haben einen großen Teil der Zeit über Prostitution gesprochen, und die Narrative , die dazu in den Medien zur Zeit vorherrschen. Leider sind diese Diskurse zutiefst heteronormativ geprägt- ich sage es ja auch im Podcast: es wird holzschnittartig von "Männern= Freier = Täter" und "Frauen= Prostituierte=Opfer" gesprochen. Um diesem Diskurs zu begegnen, aufzubrechen und nicht dem Sog zu unterliegen, seinen Grundprämissen auf den Leim zu gehen, bzw sie unbewußt zu übernehmen, braucht immer wieder Geschick und Aufmerksamkeit. Vor allem weil -statistisch- tatsächlich die meisten Anbietenden in der Branche (Cis-) Frauen sind und die meisten Kunden (Cis-)Männer. Das hätte ich natürlich auch so sagen müssen.
    Ich kann mir vorstellen, dass es mir deshalb auch hier nicht vollendet gelungen ist, die Vielfalt der Geschlechter, die in der Sexarbeit tätig ist, zu benennen (wie ich es meist tue- siehe andere Interviews mit mir)- weil es eben manchmal auch notwendig ist, von "Männern" und "Frauen" zu sprechen, wie der "Volksmund" sie versteht.

    Dass das nicht mein Verständnis ist, hoffte ich zum Ausdruck zu bringen und wenn mir das nicht gelungen ist, verbessere ich das gern. Ungeschickt bzw falsch ist natürlich die Umschreibung "Männer und Menschen mit männlicher Sozialiation/Frauen und Menschen mit weiblicher Sozialisation". Der Grund, warum ich das so oft verwendet habe, ist dass ich immer wieder sehe, wie groß die Macht der sozialen Prägung ist und dass sie die Menschen wesentlich mehr beeinflusst als jede "Biologie" . Ich arbeite ja weniger damit, wie menschen sich definieren als damit, wie sie sich fühlen und verhalten (können). Es kann befreiend sein, sich (geschlechtlich) zuzuordnen, aber das ist nicht der Fokus meiner Arbeit. Ich vermute, dass ich daher diese Umschreibung so oft genutzt habe.
    Wenn ich damit jemanden verletzt habe, weil ich Transidentitäten oder nicht binäre Personen nicht oft genug als solche benannt habe, tut mir das leid und es war nicht meine Absicht.

    Ich möchte noch etwas hinzufügen, was meine Perspektive und meine Form, auf Geschlecht und sexuelle Orientierung zu schauen, beeinflusst. Ich definiere mich als queere Femme und habe mich aufgrund meiner Geschichte vor allem damit befasst, was es bedeutet, als Frau - Cisfrau- verkörpert zu sein. Wie viel Ringen und Kämpfen, wieiviel Ablehnung, verinnerlichte Misogynie, Körperhass, wieviele Zweifel mit Attributen von "Weiblichkeit" ich abschütteln musste, um eine Form von Feminität zu finden, mit der ich gut, anarchistisch, glücklich und selbstbestimmt sein kann. In meinem Fokus sind daher alle Weiblichkeiten - da kann ich am meisten meines Erfahrungshorizontes teilen. Ich begleite vor allem Cis-Frauen und Transfrauen und nicht binäre Personen, die mit ihrem biografischen "Erbe" (female assigned at birth) zu tun haben.
    Auch (Cis-) Männer, die zB mit ihrem weiblichen Anteil arbeiten. und natürlich schlicht heterosexuelle Cis- und Transmänner.

    Aufgrund meiner Ausrichtung stehen Schwule Männer (cis und Trans) und Transmännlichkeiten tatsächlich nicht im Fokus meiner Arbeit, auch wenn ich ab und zu Transmänner als Klienten habe. Ich vermittle sie gern an die Bodyworker, die selbst transmännlich sind und somit wesentlich mehr Erfahrung zu teilen haben. Ich denke in Netzwerken und finde es erleichternd, dass ich nicht alle Bedürfnisse abdecken kann.
    In meinen Workshops finden sich tatsächlich ALLE Geschlechter, auch Schwule Cismänner und Transmänner jedweder sexuellen Orientierung und ich finde, dass das eine große Bereicherung ist.

    Privat sieht es anders aus: Hinter mir liegen zwei Beziehungen mit Transmännern und ich war häufiger liiert mit nicht binären Personen (female assigned at birth). Ich habe diese Personen sehr geliebt und tue das noch.
    Es trifft mich deshalb etwas hart und auch unvorbereitet, "transfeindlich" genannt zu werden- auch wenn natürlich jede Wut, die hinter Erfahrung mit Transphobie steckt, gerechtfertigt ist.
    Auch wenn ich selbst in meiner Biografie/meinem Körper nicht mit dem Thema Trans zu tun habe, so denke ich, dass ich sehr viel über die Lebenswirklichkeit von Trans Personen gelernt habe und meine Vision gilt nach wie vor einer Welt in der alle Geschlechter und alle sexuellen Orientierungen.

    Ich würde mir wünschen, dass wir in der queeren Szene, in der wir, wie Johannes in seinem Podcast sagt "alle sehr unterschiedlich sind, und uns doch etwas zu sagen haben" nicht reflexhaft anfeinden oder unterstellen, "-istisch" (auf was immer bezogen) zu sein. Miene Auffassung ist, dass wir uns in einem Lernfeld befinden, in dem wir erst langsam begreifen, wie komplex die Achsen der Diskrimierung sind. Es passieren Unfälle auf dem Weg/bei dem Versuch, Ihnen allen gerecht zu werden. Und lernen tun wir weniger über Anfeindung und Wut untereinander. Ich zumindest bin froh über die Anregungen, wie ich mich verbessern kann und noch froher, wenn sie mir so angetragen werden, dass ich darauf offen reagieren kann.

    Vielen Dank
    Kristina Marlen
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