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Heimkino

"Als wir tanzten": Das Melodramatische ist das Politische!

Levan Akins Spielfilm über zwei verliebte schwule Tänzer am Georgischen Nationalballett gehört zu den mitreißendsten Filmen, die dieses Jahr ins Kino kamen. Eine Synchronfassung gibt es jetzt u.a. auf DVD.


Die beiden Tänzer Irakli (Bachi Valishvili, li.) und Merab (Levan Gelbakhiani) und müssen im Film ihre Liebe geheim halten (Bild: Edition Salzgeber)

I. To the Beat of the Drum

Während stumme Dokumentaraufnahmen von Auftritten des Georgischen Nationalballetts im Briefmarkenformat über die Leinwand flimmern, erklingen einzelne Trommelschläge, hart und unerbittlich. In den Pausen dazwischen hallt ihr beinahe martialischer Gestus tonlos nach. Diesem Rhythmus müssen sich die Tänzer unterwerfen. Selbst die Akkordeon-Melodien, die sich schließlich um die Trommelschläge ranken, nehmen ihnen nichts von der kalten Bestimmtheit. Nachdem die alten Bilder aus den Jahren, in denen die georgischen Nationaltänze zu ihrer heutigen Form und Rigidität gefunden haben, im umgebenden Schwarz verschwunden sind, fällt der Blick der Kamera auf Merab, gespielt vom Tänzer Levan Gelbakhiani. Der junge Mann, der aus einer Tänzerfamilie stammt, reißt seine Arme nach oben und streckt sie zur Seite. Es sind ausladende, ritualisierte Bewegungen, Überbleibsel einer archaischen Zeit, an die sich die orthodoxe Kirche und die von ihr beherrschte Gesellschaft klammern. Merabs Schritte passen sich den Schlägen der Trommel an. Aber es bleibt eine Differenz.

Aleko, der Lehrer, der Merab und dessen Mitschüler*innen an der Akademie unterrichtet, fordert von ihm, er solle sich gerade wie ein Nagel halten. Steife und Strenge als Modell einer Gemeinschaft, die alles, was weich ist, was sich biegt und vielleicht sogar fließt, aus ihren Reihen verbannen will. Das patriarchalische System kennt nichts als Männer hart wie Nägel und Frauen, die sich auf immer ihre jungfräuliche Unschuld bewahren. Der strenge Familienvater auf der einen Seite, Maria, die Mutter Gottes, auf der anderen. So will sich eine Nation, die nach dem Untergang des sowjetischen Reiches in den 1990er Jahren in eine tiefe wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise gerutscht ist, gegen den Westen und die Globalisierung behaupten.


Schauspieler Levan Gelbakhiani überzeugt als schwuler Ballettschüler Merab (Bild: Edition Salzgeber)

Für Abweichler, für Homosexuelle und für Feministinnen gibt es in diesem nationalistischen, die Tradition missbrauchenden System keinen Platz. Sie werden entweder zu Nägeln geschmiedet oder aber zerbrochen. Etwa seit 2012 formiert sich in Georgien zwar ein Widerstand gegen eben diese Tendenzen. Die LGBT-Gemeinde kämpft mit Paraden und Protesten, mit öffentlichen Raves und geschlossenen Partys in Techno-Clubs für Freiräume und Veränderungen. Doch die Gegenwehr der orthodoxen Kirche und rechtsextremer Gruppierungen ist brutal und unerbittlich. Gewaltsame Angriffe auf Homosexuelle stehen auf der Tagesordnung.

Von all dem erzählt Levan Akin in seinem Film "Als wir tanzten". Etwa wenn an der Akademie die Gerüchteküche brodelt und es heißt, dass ein Tänzer aus dem Ballett ausgeschlossen wurde, weil er beim Sex mit einem Armenier erwischt wurde. Sein tragisches Schicksal, das den Erzählungen der Ballett-Eleven nach von Gewalt und Missbrauch überschattet wird, gleicht einem mahnenden Beispiel. So wird Merabs Tanzpartnerin Mary ihn an den verstoßenen Tänzer erinnern, als sie erkennt, was er für Irakli empfindet, den neuen Tänzer in der Klasse, in den er sich verliebt hat.

Doch die Mahnungen und Warnungen prallen an dem jungen Tänzer ebenso ab wie die im Befehlston erklingenden Anweisungen seines Lehrers. Er geht seinen Weg, wie es ihm sein Herz diktiert. Und der führt ihn auch in die Szene der queeren House- und Techno-Clubs. Auch dort ist der Rhythmus, zu dem sich die Körper bewegen, hart und stampfend. Aber die elektronischen Beats sind anders als die Trommelschläge im Ballettstudio offen für Rausch und Ekstase. Sie schenken Merab die Freiheit, die er an der Akademie so vermisst. Im Club kann er seinen Körper instinktiv hin und her wiegen lassen. Seine Bewegungen haben nichts Kriegerisches und Rigides mehr an sich. Sie sind weich und flüssig, auf eine Weise biegsam und geschmeidig, die von einer Stärke zeugt, die Aleko und den anderen Angst macht, die sie mit aller Macht unterdrücken wollen.

II. Labyrinthe und Spiegel


Die Edition Salzgeber hat eine deutsche Synchronfassung von "Als wir tanzten" fürs Heimkino veröffentlicht

Eine Wohnung wie ein Labyrinth. Die Zimmer gehen nahezu ansatzlos ineinander über. Flure gibt es nicht. Selbst Türen sind hier eine Seltenheit. Trotzdem wirken die Räume nicht offen. Sie haben eher etwas Bedrückendes. Denn keines dieser Zimmer bietet eine Rückzugsmöglichkeit. Der Einzelne kann sich in dieser labyrinthischen Struktur verlieren und bleibt doch immer ein Gefangener fremder Blicke. Selbst ein Raum fernab der feiernden und trinkenden Hochzeitsgesellschaft, die sich in der Wohnung eingefunden hat, kann schnell zu einer Art Präsentierteller werden. Obwohl ein Innenhof das Zimmer von dem gegenüberliegenden Raum trennt, schaffen Fenster auf beiden Seiten klare Sichtlinien. Merab und Irakli sind zwar allein in diesem Zimmer, aber doch nicht für sich. Die Feiernden im Zimmer auf der anderen Seite des Innenhofs sind während ihres Gesprächs immer präsent.

Während sich im Hintergrund die Hochzeit von Merabs Bruder David abspielt, verhandeln Merab und Irakli im Bildvordergrund ihre fragile Beziehung. Der aus Batumi kommende Irakli tendiert zu einem Leben in der Sicherheit der Konventionen. Alles in seinem Innersten mag ihn zu Merab hinziehen. Doch hat ihre Liebe im zutiefst konservativen Georgien überhaupt irgendeine Chance? Bringt sie die beiden nicht sogar in Gefahr? Sollte er nicht zurück in seine Heimatstadt gehen und seine dortige Verlobte heiraten?

Diese Art von Kompromiss, von Sicherheit um den Preis der Anpassung und Selbstverleugnung, kommt für Merab nicht infrage. So wie er sich ohne Rücksicht auf den eigenen Körper in den Tanz stürzt, so hat er sich auch vorbehaltlos in seine Liebe zu Irakli fallen lassen. Von dem Moment an, in dem er seine Gefühle für seinen Tanzpartner und Konkurrenten verstanden hat, gab es für ihn kein Zögern, keine Vorsicht mehr.

Merabs und Iraklis Begegnung abseits der großen Feier atmet den Geist großer Melodramen. Und wie einst Douglas Sirk und später Rainer Werner Fassbinder arbeitet auch Levan Akin auf grandiose Weise mit Spiegeln, um die Wahrheiten der Herzen zu offenbaren. Die entscheidende Szene kommt ohne jeden Schnitt aus. Die beiden stehen sich einfach gegenüber, und zwei perfekt im Raum platzierte Spiegel verdoppeln sie jeweils. Während Merab und sein Spiegelbild Seite an Seite nebeneinander stehen, blickt Irakli die ganze Zeit in seine Reflektion. Beide haben sie zwei Leben, das, das sie ganz offen führen können, und das, das sie in der streng patriarchalischen, von der orthodoxen georgischen Kirche geprägten Gesellschaft verbergen müssen. Das Melodramatische ist in "Als wir tanzten" das Politische.

Merab lässt sich von den äußeren Umständen nicht spalten. Sein öffentliches und sein zweites Lebens sind vereint. Es gibt kein Geheimnis, kein Verstecken. Seine beiden Leben stehen miteinander in Einklang. Das hat gerade auch in diesem zutiefst privaten Moment, in dessen Hintergrund die gesamte georgische Gesellschaft mit all ihren Verboten und Geboten fortwährend anwesend ist, durchaus etwas Provozierendes. Er, der eigentlich immer ein wenig weich und etwas zu zart wirkt, ist in diesem Moment der Starke.

III. Into the Light


Regisseur Levan Akin (Bild: Edition Salzgeber)

In einer der Trainingsstunden hat sich Merab am Knöchel verletzt. In einem Akt absoluter Affirmation, die in Wahrheit immer schon seine Form des Widerstands gegen Alekos Disziplinierungen war, ist er zu weit gegangen. Er musste stürzen, um zu zeigen, wie das System des Nationalballetts die Tänzerinnen und Tänzer methodisch deformiert. Aber zugleich hat er damit seine Chance auf einen Platz im National-Ensemble in große Gefahr gebracht. Mit dem lädierten Knöchel kann er den Anforderungen des Leiters des Balletts kaum gerecht werden. Doch darum geht es ihm jetzt nicht mehr. Seine Liebe zu Irakli und die gestohlenen Momente des Glücks im Schatten der Nacht auf einer Datscha im Umland von Tiflis haben ihn aus den Fesseln seines bisherigen Lebens befreit. Nun kann er zum Vortanzen für die freigewordene Position im Nationalballett gehen, ohne sich den Zwängen und Konventionen dieser Institution zu ergeben.

Trotz seines verletzten Knöchels tanzt Merab vor. Selbst als er stürzt und Aleko die Audition um jeden Preis beenden will, hört er nicht auf. Er steht auf und tanzt weiter. Seine sich von den ritualisierten Formen des georgischen Nationaltanzes lösende Choreographie gleicht einem überschwänglichen Akt der Befreiung und Erlösung. Merab tanzt nur für sich. In diesem Moment findet Levan Akins Inszenierung zu einer berauschenden Freiheit, die den Bogen zurück zu den Clubszenen schlägt. Merab stellt sich mit seinen Schritten und Sprüngen, seinen Bewegungen der Hände und Arme, keineswegs außerhalb der Traditionen des georgischen Tanzes. Er folgt ihnen und verflüssigt sie zugleich. Es ist ein utopischer Tanz, einer, der von einer Zukunft träumt, in der die Tänzerinnen und Tänzer ihre Gefühle nicht mehr unterdrücken müssen, in der sie nicht zu Nägeln werden müssen, sondern sich wie Schilf im Wind wiegen können.

Merabs ekstatische Bewegungen sind ein Tanz mit dem Licht, ein Tanz, der zum Licht strebt, das in das Studio fällt und sich im großen Wandspiegel bricht. Immer fallen die Sonnenstrahlen, die durch große Panoramafenster in das Studio eindringen und zugleich die allgegenwärtige repressive Außenwelt auslöschen, direkt auf die Linse der Kamera. Das so entstehende lens flare scheint ein phantasmagorisches Pas de deux mit Merab zu tanzen.

Nicht Aleko und auch nicht die Regeln bestimmen, wann dieser Tanz endet. Darüber entscheidet alleine Merab. Die georgische Gesellschaft mag den einzelnen ständig beobachten und versuchen, ihn in Formen zu pressen. Doch der kann sich dem auch entziehen und die Tür hinter sich schließen. Vielleicht liegt Merabs Zukunft im Westen, vielleicht findet er sie auch in seinem eigenen Land, indem er einfach vorausgeht und so den anderen den Weg weist. Merab beim Beginn seines Weges zu begleiten, ist berührend und mitreißend zugleich.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer

Der Text erschien zuerst auf sissymag.de.

Infos zum Film

Als wir tanzten. Drama. Georgien, Schweden 2019. Regie: Levan Akin. Darsteller: Levan Gelbakhiani, Bachi Valishvili, Ana Javakishvili, Giorgi Tsereteli. Laufzeit: 105 Minuten. Sprachen: deutsche Synchronfassunng, georgische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 12. Edition Salzgeber.
Galerie:
Als wir tanzten
11 Bilder


#1 AthreusProfil
  • 26.12.2020, 04:59hSÜW
  • Ein wirklich guter Film mit großer Botschaft und wunderschönem Ende. Definitiv eines meiner filmischen Jahreshighlights, direkt hinter "Benjamin". Ich kann den Film wärmstens empfehlen.
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#2 Toller FilmAnonym
  • 26.12.2020, 14:31h
  • Ein wirklich phantastischer Film. Sehr anrührend und mit wichtiger Botschaft.

    Alleine schon, dass Georgien versucht hat, diesen Film zu verhindern, sollte Grund sein, dass er ein Erfolg wird und so viele Menschen wie möglich ihn sehen.
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