Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?37840

Vielfältig gleichbehandelt

Hat deine Arztpraxis schon das Gütesiegel "Praxis Vielfalt"?

Die Deutsche Aidshilfe zertifiziert Arztpraxen und Kliniken, die LGBTI und Menschen mit HIV kompetent willkommen heißen. Im Interview erklärt Mitarbeiter Dominik Djialeu, welche Kriterien erfüllt werden müssen.


Viele queere Menschen und HIV-Positive machen negative Erfahrungen im Gesundheitswesen (Bild: tomwieden / pixabay)

Warum ist ein Gütesiegel wie "Praxis Vielfalt" notwendig?

Immer wieder sind LGBTI-Patient*innen und Menschen mit HIV in der medizinischen Versorgung mit Unsicherheit, Unwissen, Vorurteilen oder gar Zurückweisung durch Ärzt*innen und medizinischem Personal konfrontiert. So berichten zum Beispiel 77 Prozent der trans Menschen über negative Erfahrungen im Gesundheitssystem. Zwei Drittel der Fälle, die die Antidiskriminierungsstelle der Deutschen Aidshilfe bearbeitet, kommen aus dem Gesundheitswesen.

Mit dem Gütesiegel "Praxis Vielfalt" werden Arztpraxen und Versorgungseinrichtungen zertifiziert, die Menschen mit HIV und LGBTI willkommen heißen, ihren Bedürfnissen gerecht werden und eine diskriminierungsfreie Gesundheitsversorgung sicherstellen. Besondere Berücksichtigung finden dabei auch die verschiedenen sprachlichen und kulturellen Hintergründe der Patient*innen. Damit leistet das Siegel einen konkreten Beitrag zu einer besseren medizinischen Versorgung dieser Gruppen. Werden diese Praxen und andere Einrichtungen sichtbarer, wird es für die angesprochenen Gruppen leichter einen für sie "sicheren" Ort der medizinischen Versorgung zu finden.


Dominik Djialeu ist Ansprechpartner des DAH-Projekts "Praxis Vielfalt"

Welche Kriterien müssen Arztpraxen erfüllen, um das Siegel zu erhalten?

Zuerst einmal Interesse an dem Thema und den Willen, ein wenig Zeit zu investieren. Das ist für Personal in ärztlichen Praxen und Krankhäusern oft gar nicht so einfach. Interessent*innen haben die Möglichkeit, sich über unsere Webseite praxis-vielfalt.de für den Gütesiegelprozess anzumelden. Dort erhalten sie dann Zugang zu acht digital aufbereiteten Lernmodulen. Die Teilnehmenden müssen bereit sein, ungefähr zwölf Arbeitsstunden zu investieren, die sie über einen Zeitraum von sechs Monaten verteilen können. In diesem Zeitraum haben sie dann die Möglichkeit, unser E-Learning-Programm zu durchlaufen, an Online-Seminaren teilzunehmen und sich an Gruppendiskussionen sowie Teamarbeiten zu beteiligen.

Dabei geht es um vier grundlegende Qualitätskriterien:
• Sichtbarkeit von Vielfalt und Sensibilität für Diskriminierung
• korrekter und sensibler Umgang mit Diagnosen und persönlichen Daten
• Begegnung mit den Patient*innen auf Augenhöhe
• Bereitschaft das eigene Wissen im Hinblick auf die genannten Zielgruppen zu ergänzen und an kompetente Stellen außerhalb und innerhalb des Medizinsystems zu verweisen.

Wir versuchen gerade, für einige der Module die Anerkennung als ärztliche Fortbildungsmaßnahme und Bewertung mit Fortbildungspunkten durch die Ärztekammer zu erhalten. Das könnte zumindest die Ärzt*innen – für medizinische Fachangestellte ist dies leider etwas komplizierter – stärker motivieren, da sie sowieso verpflichtet sind, Fortbildungen zu absolvieren.


Das Gütesiegel "Praxis Vielfalt" wird gefördert durch die AOK

Das Siegel soll Praxen zu einem "sicheren Ort für alle" machen. Welche Gruppen erfahren besonders oft Diskriminierung?

Bei "Praxis Vielfalt" legen wir den Fokus auf HIV-positive Menschen und LGBTI. Dabei berücksichtigen wir aber auch, dass viele Menschen aus den beiden Gruppen zum Beispiel auch Fluchterfahrungen oder allgemein vielfältige kulturelle und sprachliche Hintergründe haben. Viele machen sehr unterschiedliche Erfahrungen, die auch individuelle Betrachtungen benötigen. Sie sind oft von Mehrfachdiskriminierungen betroffen, etwa als queere geflüchtete Menschen, BPoC mit HIV oder Frauen mit HIV… Die Liste ist sehr lang.

Wie groß ist das Interesse von Ärzt*innen an dem Siegel?

Uns geht es darum, das ganze Praxisteam fortzubilden und zu sensibilisieren, nicht nur die Ärzt*innen. Diese müssen natürlich auch hinter der Zertifizierung stehen, aber der erste Kontakt in einer Praxis haben die Patient*innen zum Beispiel an der Anmeldung mit den medizinischen Fachangestellten. Diese sind dann häufig auch die Ansprechpartner*innen während des Zertifizierungsprozesses. Mit der steigenden Bekanntheit des Siegels steigt auch das Interesse der Praxen und weiterer Einrichtungen, insbesondere Klinikambulanzen. Es ist nicht selten, dass Alumni unseres Programms sich Nachfolgeveranstaltungen wünschen und/oder zum Beispiel an unseren Online-Seminaren weiterhin teilnehmen, weil ihr Interesse, sich in Diversitäts-Belangen weiterzubilden, entfacht wurde. Auch sie empfehlen uns weiter.

Gibt es eine Stadt-Land-Kluft beim Siegel?

Ja, das ist so. Das hat sicher zum einen damit zu tun, dass Menschen in der höheren Diversität der Städte offener unterschiedliche Lebensentwürfe "aus"leben können. Im urbanen Raum wird das Gesundheitswesen somit häufiger mit diesen Lebensrealitäten konfrontiert, und daher ist das Interesse hier höher. Aber nicht nur in den Metropolen haben sich Einrichtungen zertifiziert. Auch in mittelgroßen Städten wie Bielefeld, Gießen, Chemnitz, Trier besteht Interesse, und auch auf dem Land wird das Siegel nachgefragt.

Woran hapert es eurer Erfahrung nach in deutschen Praxen derzeit am meisten?

Da gibt es einige Baustellen. Definitiv im Umgang mit Kultur- und Geschlechter-Vielfalt. Aber auch eine HIV-Infektion ist heute zwar sehr gut behandelbar, dafür ist aber eine konstante ärztliche Behandlung und ein gutes Monitoring überlebensnotwendig. Immer wieder werden Menschen mit HIV mit Ungleichbehandlung und Vorurteilen im Gesundheitswesen konfrontiert. Gründe dafür sind meist mangelndes Wissen oder geringe Sensibilität im Umgang mit einer gesellschaftlich immer noch stark stigmatisierten Erkrankung. Und trans Menschen berichten von unterschiedlichsten negativen Erfahrungen in der gesundheitlichen Versorgung: falsche Annahme oder Zuschreibung von geschlechtlicher Identität, mangelndes Fachwissen oder Unwissenheit von medizinischem Personal, Ignoranz gegenüber speziellen Bedarfen etc.



#1 Dea1Anonym
  • 30.12.2020, 08:32h
  • Bleibt mal auf dem Boden, bitte. Wieviele Siegel soll es den noch geben und für was Was für ein Blödsinn sich da ausgedacht wurde! Selbstverständlich behandeln wir in Praxen und Kliniken alle gleich- das setzt schon der Hippokratische Eid voraus! Ebenso sind Integrität, Datenschutz und Respekt im Umgang untereinander und mit unseren Patienten selbstverständlich! Übrigens nicht nur bei LGBTQI* Mitarbeitern und Patienten sondern ALLEN Mitarbeitern und Patienten, Angehörigen, Vertretern, Ansprechpartnern in allen Ebenen!
  • Antworten » | Direktlink »
#2 gastAnonym
  • 30.12.2020, 10:00h
  • Das mag gut gemeint sein, wird aber nicht der Realität entsprechen. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, sieht, wohin sich (nicht nur) die deutsche Gesellschaft entwickelt, was auch konsequenterweise auf Ärzte und Pflegepersonal zutreffen wird. Altenheime und Krankenhäuser werden es sich bald nicht mehr leisten können, die LGBT freundliche Gesinnung von diesem Personal zu prüfen und zur Voraussetzung für einen Arbeitsvertrag zu machen. Noch gravierender wird die Situation auf dem "Land" sein, wo händeringend nach Ärzten gesucht wird. Falls dort eine Arztpraxis öffnet wird es niemanden interessieren ob sie in den Genuss eines solchen Siegels kommen wird. Dieses Siegel gehört zu den Fantastiereien von AktivistInnen die in ihrer eigenen weltfremden Blase leben.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 AthreusProfil
  • 30.12.2020, 10:20hSÜW
  • Was uns definitiv noch fehlt ist ein öffentlich zugängliches Verzeichnis, aus dem man ablesen kann, welcher Arzt und welcher Verein schonmal in Verbindung mit Konversionstherapien in Erscheinung getreten ist. Das halte ich sogar für noch wichtiger, als dieses Gütesiegel, weil der Mensch mit psychischen Problemen oftmals gar nicht in der Lage ist zu erkennen, dass er gerade umgepolt wird, ehe es längst zu spät ist und der Langzeitschaden angerichtet.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 antosProfil
  • 30.12.2020, 10:48hBonn
  • Apropos >Güte<, >Kriterien< und >kompetent willkommen heißen<:

    Scrolle ich interessiert die Adressliste des Siegel-Anbieters >Praxis Vielfalt< durch, stoße ich auf eine Heilpraktikerpraxis, die mit sog. Irisdiagnostik arbeitet und deren Angebot aus Homöopathie, Schüsslersalzen, Kochsalzverödung von Krampfadern (für ärztliche Praxen nicht zugelassen) und dergleichen mehr besteht.

    Irritierend.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 Ralph
  • 30.12.2020, 10:54h
  • Antwort auf #1 von Dea1
  • Wenn's nur so wäre. Ich glaub Dir gern, dass das in Deiner Praxis (ich nehme an, Du bist Arzt) so läuft. Aber jede(r) hat eigene Erfahrungen. Ich war mal bei einem Arzt (Ambulanz einer Universitätsklinik; Chefarzt, Professor an der Medizinischen Fakultät), der sich nicht scheute, bei mir Homosexualität als Krankheit zu diagnostizieren und mir das auch so ins Gesicht zu sagen.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 Ralph
  • 30.12.2020, 10:57h
  • Antwort auf #4 von antos
  • Na ja, die medizinische Qualität wird wohl nicht geprüft. Aber es wird auch viele Schwule geben, die wie zahlreiche Heteros auch solche Schamanen beschäftigen wollen. Ich selbst halt mich lieber an die medizinische Wissenschaft.
  • Antworten » | Direktlink »
#7 LunaAnonym
  • 30.12.2020, 11:01h
  • Antwort auf #1 von Dea1
  • Das ist eine schöne Wunschvorstellung, aber es ist leider komplett an der Realität vorbei zu denken, dass Diskriminierung welche in der Gesellschaft tief verankert ist nicht im Gesundheitswesen wiederzufinden ist.
    Ich hab genug davon am eigenen Leibe erfahren seit meiner Transition. Das ist pure Ignoranz zu sagen es wäre alles super
  • Antworten » | Direktlink »
#8 StaffelbergblickAnonym
  • 30.12.2020, 12:01h
  • Ich halte eine solche Zertifizierung für die Katz. Klebt das Schild erst mal an der Tür ist trotzdem nicht gesichert, dass auch danach ständig gearbeitet wird. Ich kenne etliche Zertifizierungen, die im Laufe der Zeit sich selbständig gemacht haben.
    Wenn sich etwas ändern soll, dann wären die richtigen Einstiegsphasen innerhalb des Grundstudiums, da gibt es so hübsche Fächer wie "Medizinische Psychologie" (selbst in der ersten Ausgabe vom "Rosemaier" sind bereits relevante Untersuchungen zur Patientenempfindungen beschrieben) und "Medizinische Soziologie". Sind Pflichtfächer und prüfungsrelevant.
  • Antworten » | Direktlink »
#9 JadugharProfil
  • 30.12.2020, 12:31hHamburg
  • Antwort auf #1 von Dea1
  • Ich habe noch die Zeiten erlebt, als Ärzte trotz Hypokratischen Eids bei homosexuellen Männern Kastrationen vornahmen und große Teile des Gehirns wegbrannten oder mit Elektroschocks maltraitierten, um sie von der Homosexualität zu heilen!
  • Antworten » | Direktlink »
#10 EisenprinzAnonym
  • 30.12.2020, 13:26h
  • Ja, aber solche Zeiten sind glücklicherweise vorbei - hierzulande zumindest. Ich weiß nicht, was ein solches Siegel bringen soll?

    Ich fände es effektiver, wenn Verstoße gegen die Dinge, die Dea1 angesprochen hat - Gleichbehandlung, Integrität, Datenschutz und Respekt - öffentlich und an entsprechende Stellen gemeldet werden würde. Das bringt meiner Einschätzung nach mehr, als irgendein Siegel. Quasi: Nichtdejenigen hervorheben, die selbstverständliches Leisten, sondern die "hervorheben" (im negativen Sinne), die dagegen verstoßen.
    Glaubr ihr wirklich, dass nur weil so ein "Bapperl" angebracht wird, alles gut ist?
  • Antworten » | Direktlink »