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Mythologie der Männerliebe

Euripides und seine antike Komödie mit schwulem Monster

Vor 2.500 Jahren wurde Euripides geboren, einer der bedeutendsten klassischen griechischen Dramatiker. In seinem Leben und Werk spielte auch Homosexualität eine Rolle – nach einer Sage soll er sogar wegen seiner Liebe zu Männern ermordet worden sein.


Eine Büste von Euripides (ca. 480-406 v. Chr.), Kopie nach einem griechischen Original (Bild: Tnarik Innael / flickr)
  • Von Erwin In het Panhuis
    31. Dezember 2020, 08:30h, 6 Kommentare

Euripides gehört neben Aischylos und Sophokles zu den drei großen antiken Tragödiendichtern. Von seinen insgesamt 90 Tragödien sind noch 18 erhalten. Mit seinen Werken wie "Medea", "Iphigenie" und "Elektra" ist Euripides auch heute noch einer der am meisten gespielten Dramatiker der Weltliteratur. Mehr als 80 Filme basieren auf seinen Werken – davon mindestens 18 Verfilmungen von "Medea". Eine Suche nach Euripides führt bei Amazon zu mehr als 5.000 Treffern. Also – was ist dran an diesem Mann? Im Folgenden fokussiere ich mich allerdings nicht auf seine bekannten Werke, sondern auf die unbekannteren homosexuellen Seiten in seinem Leben und Werk.

Euripides in antiken Quellen

Zu den antiken Quellen, die allerdings 500 Jahre nach Euripides entstanden, gehören Äußerungen des römischen Politikers, Philosophen und Redners Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.), der in seinen sogenannten Tischgesprächen bzw. "Gesprächen in Tusculum" (hier in der Übersetzung von Olof Gigon, 1970, 4. Buch, 71. Kapitel) über sein Schauspiel "Chrysippos" schrieb: "Wer weiß denn nicht, was die Dichter mit dem Raub des Ganymed meinen, und wer versteht nicht, was bei Euripides Laios sagt und begehrt?" (S. 305).

Der antike Schriftsteller Plutarch (um 45-um 125 n. Chr.) schreibt in seinem Buch "Amatorius. Dialog über die Liebe" (hier Ausgabe von 2006, 24. Kapitel, S. 127): "Sehr fein ist ein Ausspruch des Euripides: Als er den schönen Agathon, dem schon der Bart sproßte, umarmte und abküsste, sagte er: 'Bei Schönen ist auch der Herbst schön.'" Der römische Sophist Claudius Aelianus (170-nach 222 n. Chr.) ist noch ausführlicher. Euripides habe Agathon geliebt, "dem zuliebe er sein Schauspiel 'Chrysippus' [sic] gedichtet haben soll. Ob diese Sage wahr ist, kann ich nicht beweisen", aber sie sei "sehr weit verbreitet". Später schreibt Aelianus: Im berauschten Zustand "umarmte er [Euripides] den etwa vierzig Jahre alten Trauerspieldichter Agathon, der neben ihm lag, und küßte ihn." Nach Aelianus hielt Euripides den Agathon für liebenswürdig, "denn beim Schönen ist nicht allein der Frühling reizend, sondern auch der Herbst" ("Vermischte Nachrichten", Übers.: Ernst Wunderlich, 1839; II. Buch, S. 57 und XIII. Buch, S. 289). Eine andere Übersetzung (Johann Meineke, 1787, S. 79, 513) ist vergleichbar.

Euripides' "Zyklop" hat ein Auge auf einen Satyr geworfen


Der schwule Zyklop (r.) wird mit einem glühenden Pfahl geblendet (antike Vasenmalerei)

Euripides schrieb ca. 410 v. Chr. sein Schauspiel "Zyklop" (bzw. "Kyklops"). Es ist heute das einzige vollständig erhaltene antike Satyrspiel – also ein heiteres Nachspiel, dass drei Tragödien folgte. Der Titel verweist auf einen Zyklopen – also ein einäugiges menschenfressendes Ungeheuer aus der griechischen Mythologie. Die älteste Erwähnung eines solchen Wesens findet sich in der "Odyssee" von Homer. Euripides folgt im Wesentlichen Homers Erzählung – ähnlich wie viele andere griechische Dichter. Neu an Euripides' Version ist jedoch, dass der Zyklop in seinem Werk homosexuell ist und ein Auge auf Silen, den Anführer der Satyrn aus dem Gefolge des Weingottes Dionysos, geworfen hat.

In erster Linie geht es in dieser Szene um die Brutalität und Dummheit des Zyklopen. Der Humor besteht darin, dass der Zyklop sich keinen schönen Jüngling ergreift, sondern einen älteren Mann mit Glatze – so wurde Silen in der antiken Kunst dargestellt – und diesen zu einem "Ganymed" erklärt, also zum Urbild eines schönen Jünglings. Im betrunkenen Zustand unterscheidet der Zyklop nicht mehr zwischen schön und hässlich, was die Zuschauer als eine Parodie auf die Entführung von Ganymed durch Zeus komisch finden. Auf Silen sollte das Publikum mit Schadenfreude reagieren.

Wie Euripides sein gleichgeschlechtliches Begehren ausdrückte, lässt sich in diversen Übersetzungen nachlesen. Von fünf Philologen bzw. Altphilologen und einem Schriftsteller (Wilhelm Genthe) stehen Übersetzungen online zur Verfügung, nämlich die von Friedrich Heinrich Bothe (1823, S. 219-220), Wilhelm Genthe (1836, S. 130-131), Adolf Schöll (1851, S. 33-34), Johann Adam Hartung (1852, S. 80-81), Johannes Minckwitz (1857, S. 62-63) und Valentin Hintner (1871, S. 30-31).

In einer Szene wird der Zyklop betrunken gemacht, um ihn dadurch besser überwältigen zu können. Im betrunkenen Zustand betont er ausdrücklich, dass ihn Frauen weniger reizen als ein "Ganymed". Mit diesem "Ganymed" wolle er sich "erholen", denn schon immer sei der "Knaben Liebe mehr als der Weiber mein Geschmack". Angesicht des brutalen Riesen bekommt es der so angesprochene Silen mit der Angst zu tun, weil er genau weiß: "Schrecken stehen mir bevor" (hier nach Schöll, 1851, S. 33-34). Kurz darauf wird Silen vom Riesen in die Grotte geschleppt und auf diese Weise etwas Schreckliches angedeutet – vermutlich gewaltsamer Sex und/oder Kannibalismus. Dabei muss berücksichtigt werden, dass es für den erwachsenen Silen als höchst ehrenrührig galt, penetriert zu werden. (Die anderen Übersetzungen sind in dieser Textpassage vergleichbar.)

Die Kommentare zur "Zyklop"-Szene

Die Philolog*innen, die das Schauspiel kommentierten, gehen nur selten auf diese Szene ein. Für Wilhelm Genthe war in der Szene mit dem Alkohol die "Knabenlust, welcher die Griechen so sehr ergeben waren", erwartbar. Warum sich der Zyklop Silen greift (und in die Höhle schleift), bedarf für ihn ausdrücklich "keiner Erwähnung" (1836, S. 34). Für Martin Hose ("Euripides: Der Dichter der Leidenschaften", 2008, S. 238) ist das Zerren in die Höhle – wegen der Parallele zu Ganymed – eine Entführung (bzw. eine Parodie darauf). Die Szene ist – was bereits in der Gattung des Satyrspiels begründet ist – humoristisch gemeint. Für Hose ist die Parallele der Paare Zyklop/Satyr und Zeus/Ganymed dementsprechend eine Parodie: "Diese Konstellation verkehrt nicht nur die Satyr-Normalität […], sie parodiert auch die homoerotisch-aristokratische Konvention, nach der ein Adliger einen schönen Jungen zu begehren hat." Dazu passt, dass Ute Schmidt-Berger ("Philia. Typologie der Freundschaft und Verwandtschaft bei Euripides", 1973, S. 188) diese Szene als eine "Karikatur der Päderastie" bezeichnet. Für Werner Biehl ("Euripides Kyklops", 1986, S. 2002) ist die Szene sogar "völlig absurd und höchst lächerlich", wozu auch der Tanz der Satyrn passt, der das "Gebaren käuflicher Dirnen nachahmen" und beim Zyklopen "Lustgefühle hervorrufen soll".

Der Jüngling "Chrysippos" wird von seinem Lehrer entführt

Ebenfalls um das Jahr 410 v. Chr. schrieb Euripides sein Werk "Chrysippos", das heute verschollen ist. Euripides wird sich auch hier an der griechischen Mythologie orientiert haben. Danach unterrichtete der Thebaner Laios den schönen Jüngling Chrysippos im Wagenlenken, verliebte sich in ihn und entführte ihn später. In der griechischen Mythologie wird die Sage um Chrysippos in verschiedenen Varianten überliefert und manchmal als ältestes Beispiel für "Knabenliebe" angesehen.


Laios (links) entführt den Jüngling Chrysippos (Mitte), der seine Arme zu seinem Vater Pelops (rechts) ausstreckt (Getty Museum, Kalifornien, ca. 320 v.Chr.)

Für eine weitere Besprechung des Werkes kann man auf Quellen der Antike (s. oben Aelianus und Cicero) und auf eine spätere homosexuelle Rezeption verweisen. Einige Autoren beziehen sich auf die Quellen der Antike und trennen zwischen den Angaben aus historischen Quellen und ihren eigenen darauf aufbauenden Vermutungen Nach dem Lexikon von Ersch/Gruber ("Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste, 1837, S. 158) soll Euripides den "Chrysippos" geschrieben haben, um Agathon zu "gefallen" (Quelle: Aelianus). Für den Verfasser dieses Artikels bedeutet dies, dass er wohl "sein eigenes Verhältnis durch jenes mythische verklärt" dargestellt habe.

Jahrzehnte später schrieb Paul Brandt im Jahrbuch "Anthropophyteia", dass Euripides dem Agathon "zuliebe […] seinen Chrysippos gedichtet und auf die Bühne gebracht" habe (Quelle Aelianus). Darauf aufbauend vermutet Brandt, dass Chrysippos nach dem Vorbild Agathons geschaffen worden sei und Euripides dementsprechend Laios wäre. Die Grundlage des Stückes sei "verlangende Sinnlichkeit"; die "Wünsche des um die Gunst des schönen Knaben werbenden Laios [waren] ziemlich unverblümt und deutlich" (Quelle: Cicero, die ich jedoch nicht bestätigt finde). Brandt vermutet, dass bei den öffentlichen Aufführungen Euripides und Agathon beide anwesend waren (Hans Licht [d. i. Paul Brandt]: Der [pädagogische Eros] in der griechischen Dichtung". In: "Anthropophyteia", 1912, S. 300-316, hier 311-312).

Der Philologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff geht davon aus, dass die Annahme, dass Euripides seinen "Chrysippos" nur für Agathon dichtete, nur behauptet werde, weil "der Chrysippos das problem der knabenliebe behandelt". Für ihn wisse man von Euripides schließlich nicht mehr, "als daß er die Knabenliebe [in seinen Schriften] verwarf" und dass sich nur sein Zyklop (s.o.) "solcher Neigung" hingab. Immerhin sieht es aber auch Wilamowitz-Moellendorff als naheliegend an, in Agathon den Liebhaber von Euripides zu sehen (Kommentar in "Euripides: Herakles", 1889, S. 16). Wenn Hugo Steiger schreibt: "Der 'Chrysippos' bekämpfte die Knabenliebe" ("Euripides: seine Dichtung und seine Persönlichkeit", 1912, S. 16) meint er eindeutig das Werk und nicht die mythologische Figur.

Die ersten genannten Autoren wollen unbedingt einen Bezug zwischen Euripides Liebe zu Agathon und diesem Werk herstellen. Die beiden am Schluss genannten Autoren wollen unbedingt eine Verurteilung der gleichgeschlechtlichen Liebe erkennen. Beides ist spekulatives Wunschdenken.

Euripides' "Orestes" behandelt auch die Liebe von Zeus und Ganymed


"Orestes" in einer Handschrift aus dem frühen 14. Jahrhundert (Bodleian Library, Oxford)

Am Rande sei auch auf das Werk "Orestes" eingegangen, dass nach seiner Uraufführung im Jahr 408 v. Chr. lange Zeit zu den beliebtesten antiken Dramen gehörte, heute jedoch kaum noch gespielt wird. In diesem Drama über den Muttermörder Orestes und seine Schwester Elektra geht Euripides an einer Stelle auch auf das Verhältnis von Ganymed und Zeus ein. Je nach Übersetzer liest sich dies so: "Ganymedes, den Zeus liebgewann!" (Friederich H. Bothe, 1800, S. 312); "Ganymed, Lagergenosse des Zeus!" (Eucharius Ferdinand Christian Oertel, 1836; S. 95); Ganymed sei "Zeus' Liebling" (Wilhelm Binder, 1871, S. 77). Wilhelm H. Roscher betont in seinem Werk "Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie" (1886-1890, Spalte 1596), dass Euripides in diesem Werk bei Zeus und Ganymed von einem "Liebesverhältniss[es]" ausging.

Zum Vergleich: Aristophanes

Der antike Autor Aristophanes (um 450 – 380 v. Chr.) war einige Jahrzehnte jünger als Euripides. Auch seine Komödien wie "Lysistrata" werden bis heute gespielt. Redewendungen wie "Wolkenkuckucksheim" und "Eulen nach Athen tragen" stammen aus seinen Komödien. Platon machte Aristophanes posthum zu einer Figur in seinem "Symposion", wo Aristophanes von dem Mythos der Kugelmenschen erzählt, der heute auch als erste Theorie zur sexuellen Orientierung verstanden wird.

In mindestens zehn Werken von Aristophanes sind Szenen über Homosexualität zu finden, die jedoch im Vergleich zu Euripides' Werken deutlicher und zum Teil derber ausfallen. Das liegt u.a. daran, dass es sich bei Euripides' Werken meistens um Tragödien handelt, bei Aristophanes' Werken hingegen um Komödien. In Komödien gehören Witze über Sexualität dazu, in Tragödien nicht. In "Die Wolken" behandelt er z. B. die fiktive "Rettichstrafe", bei der ein Rettich mit Gewalt in den Anus von Ehebrechern eingeführt wird. In "Lysistrata" geht es um Leder-Dildos bei den als lesbisch geltenden Milesierinnen und in der "Weibervolksversammlung" behandelt er eine "Mannhure". Über den sich angeblich sexuell passiv hingebenden Politiker Kleisthenes schreibt Aristophanes in "Die Acharner": "Du, dem ein warmgesinnter Steiß geschoren ist!" Der Übersetzer Johann Heinrich Voss verweist bei diesem Satz auf eine Stelle in Euripides' "Medea": "Du, der ein warmgesinntes Herz erkoren ist!" (beides in "Die Acharner", 1821, S. 12). Vieles spricht dafür, dass Aristophanes' "warmgesinnter Steiß" eine Persiflage auf Euripides' "warmgesinntes Herz" darstellt. Für Aristophanes wäre es typisch, auf diese Art andere Autoren zu verspotten. Eine genaue Auflistung von Aristophanes' Werken mit homosexuellen Bezügen – wozu auch "Die Ritter", "Die Wespen", "Der Friede", "Die Vögel", "Die Thesmophoriazusen" und "Die Frösche" gehören – ist in meiner Online-Bibliographie zur Homosexualität, Teil 1 und Teil 2, zu finden.

Wurde Euripides wegen seiner Liebe zu Männern ermordet?

Nach einer weitverbreiteten Sage wurde Euripides von wilden Hunden zerrissen, was auch sinnbildlich verstanden werden kann. Der Übersetzer Gottlob Regis geht im Kontext seiner Übersetzung des französischen Autors François Rabelais auf die weniger bekannte Sage ein, wonach Euripides von Frauen zerrissen worden sei, weil sich diese "für seine Knabenliebe an ihm rächen wollten" ("Meister Franz Rabelais", 1839, S. 754-755). Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff geht auf beide Versionen seines Todes ein, vermutet aber, dass Euripides weder von Hunden noch von Frauen zerrissen worden sei (Euripides: "Herakles", 1889, S. 17-18). Vermutlich wurde die Sage um (den realen) Euripides mit einer Sage aus der griechischen Mythologie vermischt: Danach wurde der Dichter und Sänger Orpheus von Frauen zerrissen, wobei erst in späteren Quellen Orpheus' Knabenliebe als Motiv für diese Ermordung angegeben wird.

Euripides' Begehren bei Autoren des 19. Jahrhunderts

Das Lexikon von Ersch/Gruber ("Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste", 1837, u. a. S. 153, 188) geht im Rahmen eines großen "Päderastie"-Eintrages (S. 147-189) mehrfach auf Euripides ein. Zum einen verweist es auf den für griechische Verhältnisse ungewöhnlichen Umstand, dass der 72-jährige Euripides den schon 40-jährigen Agathon begehrt haben soll. Später wird das Verhältnis von Euripides zu Agathon als positives Beispiel der "edelsten und reinsten, der philosophischen Knabenliebe" bezeichnet. (Der Autor kommt hier also nur deshalb zu einer positiven Bewertung, weil er nicht von einem sexuellen Verhältnis ausgeht).

Ein anderes Lexikon geht weniger deutlich auf Euripides ein und bezeichnet ihn als "Feind[e] des schönen Geschlechts", was als Hinweis auf seine Homosexualität zu betrachten ist, weil er im Kapitel über die "Jünglingsliebe" erscheint ("Deutsche Encyclopädie oder Allgemeines Real-Wörterbuch aller Künste", 18. Band, 1794, S. 249-259, hier S. 251). Der Philologe Johann Heinrich Krause betont in seinem Buch "Geschichte der Erziehung, des Unterrichts und der Bildung bei den Griechen, Etruskern und Römern" (1851, S. 416), Euripides sei "schönen Knaben gewogen" gewesen, wenn sich auch die von ihm genannte Quelle bei Pausanias nicht bestätigen lässt. Nach dem Mediziner Albert von Schrenck-Notzing huldigte Euripides in der "Poesie, so im Leben der Knabenliebe" ("Die Suggestions-Therapie bei krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes", 1892, S. 138).

Erklärungsversuche bei Autoren des 19. Jahrhunderts

Es gibt Autoren, die recht absurde Erklärungen dafür finden, warum Euripides angeblich Männer begehrt und Frauen gehasst habe. Für Wilhelm Oncken war seine Ehe mit einer Frau "unbefriedigend für den gebildeten Mann und diese Unbefriedigung trieb ihn in die Arme der Knabenliebe" ("Athen und Hellas. Zweiter Theil: Perikles. Kleon. Thukydides", 1866, S. 90). Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff verweist auf unterschiedliche Quellen: Nach einigen soll Euripides' Frauenhass durch seine "Knabenliebe motiviert gewesen" sein. Andere antike Autoren hätten die Euripides' "Frauenliebe" der Knabenliebe des Sophokles gegenübergestellt (Euripides: "Herakles", 1889, S. 10).

Auch für andere Autoren ist Euripides heterosexuell. Der Altphilologe Georg Thudichum zitiert den Zeitgenossen Sophokles, der der Meinung gewesen sei, dass Euripides die Frauen zwar im Theater hasse, im Bett aber liebe ("Die Tragödien des Sophokles", 1827, S. 275-276). Für den Philologen Eduard Munk bzw. seinen Bearbeiter Richard Volkmann ("Geschichte der griechischen Literatur", 1879, S. 294) gab es zwar in der Volkssitte die "zum ekeln Laster ausgeartete, unnatürliche Knabenliebe", aber solche "verwerflichen Tendenzen" habe Euripides nicht gebilligt. Sein "Privatleben war tadellos".

Die frühe Homosexuellenbewegung kommt fast ohne Euripides aus

Weil im 19. Jahrhundert homosexuelle Männer strafrechtlich verfolgt und gesellschaftlich geächtet wurden, wundert sich Karl Heinrich Ulrichs in seinen "Forschungen" (XII. Schrift, 1880, S. 39) zu Recht darüber, dass auf "den Schulen und in der ganzen gebildeten Welt" die "berühmten" Homosexuellen des Altertums "stets mit Achtung genannt" würden, und benennt dabei auch Euripides, von dem ja "feststeht", dass er ein Urning bzw. Homosexueller sei. Havelock Ellis und John Addington Symonds erwähnen in "Das konträre Geschlechtsgefühl" (1896, S. 71) ein Fragment des "Chrysippos", das "zu der Annahme" berechtige, dass er darin das Verhältnis des Titelhelden zu Laios dargestellt habe.

In seiner homosexuellen Anthologie "Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur" (1900, S. 191) weist Elisar von Kupffer darauf hin, dass Euripides seinen 40-jährigen Liebling Agathon geküsst und umarmt habe (Quellen: Plutarch und Aelianus). Im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) gibt es rund zehn Erwähnungen, wie die bibliographische Nennung von "Chrysippos" (JfsZ, 1899, S. 221). Die Äußerungen von Magnus Hirschfeld in "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1914, S. 652, 654, 753) zu Euripides und zum Drama "Chrysippos" sind etwas substanzieller, aber ebenfalls nicht ausführlich.

In vielen Werken der Homosexuellenbewegung fehlen jedoch Hinweise auf Euripides, wie z. B. in Albert Molls "Berühmte Homosexuelle" (1910), Manfred Herzers "Bibliographie zur Homosexualität" (1982) und in dem Bildband "L'amour bleu – Die homosexuelle Liebe in Kunst und Literatur des Abendlandes" (1977). Der Philologe Hans Licht (d. i. Paul Brandt) kann indirekt als Homosexuellenaktivist bezeichnet werden. Er erwähnt Euripides zwar nicht in seinem Buch "Liebe und Ehe in Griechenland" (1925, S. 94-182), aber in der "Anthropophyteia" (s.o.). Marita Keilson-Lauritz geht in ihrer Dissertation "Die Geschichte der eigenen Geschichte" (1997) mit keinem Wort auf Euripides ein und verweist auf S. 290 nur darauf, dass zu den 35 wichtigsten Autoren der frühen Homosexuellenbewegung die antiken Schriftsteller Platon, Anakreon, Vergil, Theokritos und Catull gehörten. Insofern lässt sich festhalten, dass Euripides – zumindest im Rahmen der frühen Homosexuellenbewegung – für die Geschichte der homosexuellen Emanzipation kaum eine Bedeutung hatte. Das verwundert nicht, weil sich diese Autoren besser zur Identifikation eignen.

Der Film "Protagonist"

Was verbindet Euripides mit heute lebenden Männern, wie z.B. einem Terroristen, einem Bankräuber, einem Kampfkunststudenten und einem Ex-Gay-Aktivisten? Die Regisseurin Jessica Yu versucht mit ihrem Dokumentarfilm "Protagonist" (2007) vier Biografien von Männern mit Euripides' Leben und Werk zu verbinden. Bei dem Ex-Gay-Aktivisten handelt es sich um den evangelikalen Prediger Mark Pierpont, der jahrelang versuchte, Schwule davon zu überzeugen, dass sie heterosexuell leben könnten. Später lernte er seine Homosexualität zu akzeptieren und heiratete seinen Lebenspartner. Einige Szenen aus Pierponts Leben vor und nach seinem Coming-out werden im Film mit Handpuppen, die an das antike Theater angelehnt sind, nachgespielt (ganzer Film hier online, s. 45:42-46:10; 57:40-58:15 Min.), wozu auch das nachwirkende Erlebnis einer Umarmung mit einem anderen Mann gehört (1:05:50-1:06:45 Min.).


Die Umarmung eines Mannes als wichtiges schwules Erlebnis – nachgestellt mit antikisierenden Puppen

Der Regisseurin (s. Interview in "Filmmaker Magazine", 2007) ging es in diesem Film um leidenschaftliche Menschen, die in ihrem öffentlichen Handeln von einem fanatischen Glauben angetrieben waren und ihr Handeln mit Gott in Einklang zu bringen versuchten. Alle diese Männer hätten später den Moment einer Erkenntnis gehabt, der von ihnen eine veränderte Haltung erzwungen habe. Mark Pierpont sei bis zu seinem Coming-out von Selbstüberschätzung und Hochmut angetrieben worden. Als "Hybris" sei dies ein elementarer Bestandteil griechischer Tragödien.

Was bleibt, ist nur ein schwules Monster

Über Euripides' Leben wissen wir nur wenig. Selbst die drei zitierten antiken Quellen über ihn wurden rund 500 Jahre nach seinem Tod verfasst. Vermutlich begehrte Euripides den jüngeren Agathon. Ob sie jedoch als ein gleichgeschlechtliches Liebespaar angesehen werden können, ist in der historischen Forschung umstritten (s.a. Wikipedia), vielleicht wäre diese Bezeichnung auch nur eine Vereinnahmung als Homosexueller im heutigen Sinne. Der Philologe Albin Lesky ("Die tragische Dichtung der Hellenen", 1972, S. 328, 500) geht davon aus, dass Euripides "die Päderastie verurteilt" habe – aufbauend auf der Art, wie er den "schwulen" Zyklopen darstellt. Das ist eine Annahme, wie sie sich auch bei anderen Autoren findet (s.o.), sich aber nicht halten lässt.

In seinem Werk hat sich Euripides nur selten und nur auf der Ebene der Mythologie mit der gleichgeschlechtlichen Liebe beschäftigt. Im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen und – im weiteren Sinne – Kollegen Aristophanes hat er nie Bezüge zum realen Leben in Griechenland aufgebaut. Das lag aber vor allem an der Gattung der Tragödie, die in dieser Zeit immer von mythischen Helden, Heldinnen und Gottheiten handelten und die deshalb mit den Komödien von Aristophanes nur sehr bedingt vergleichbar sind.

Wenn man von einem verschollenen Werk und einer Erwähnung von Zeus/Ganymed absieht, bleibt bei Euripides eigentlich nur ein schwules Monster (der Zyklop) übrig. Wegen der unvollständigen Überlieferung von Euripides' Werken und dem Genre des Satyrspiels bzw. der Tragödie lässt sich bei Euripides jedoch daraus weder eine positive noch eine negative Bewertung ableiten. Es ist einfach schade, dass er neben Zeus und Ganymed nicht auch noch andere homoerotisch konnotierte Freundschaftspaare in einem Schauspiel aufgegriffen hat, wie z.B. Achilleus / Patroklos oder Harmodios / Aristogeiton.


Was bleibt, ist ein "schwuler" Zyklop (r.), der von Odysseus (M.) mit einem glühenden Pfahl geblendet wird (griechische Keramik, 7. Jahrhundert v. Chr.)

Wer die homosexuellen Aspekte unbeachtet lässt, sieht ein respektables Leben und Werk vor sich. Es ist imposant, welche Wirkungsmacht Euripides bis heute auf Leser*innen und Theaterbesucher*innen hat. Das ungebrochene Interesse an seinen Werken auch noch nach 2.500 Jahren lässt sich leicht belegen, die Gründe dafür sind jedoch nur sehr schwer zu bestimmen. Für Martin Hose ("Euripides. Der Dichter der Leidenschaften", 2008) liegt es daran, dass er Protagonist*innen wählt, deren Handlungen von bewegend dargestellten Leidenschaften getragen werden. Für Hose mutet keiner der beiden anderen großen Tragödiendichter moderner als Euripides an. Martin Hoses Buch und auch Jessica Yus oben genannter Film sind respektable Versuche, das zeitlose Interesse an Euripides zu ergründen.

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#1 PHILAnonym
  • 31.12.2020, 10:49h
  • Ein gut recherchierter Artikel, allerdings sind die Ausgaben wie fast immer bei den Altphilologen sehr alt und schwulenfeindlich, gerade im 19. Jahrhundert. Eine moderne Übersetzung wäre wünschenswert, ist allerdings bei der grassierenden Homophobie in diesen Fächern wohl illusorisch.
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#2 Udo WolfAnonym
#3 Ralph
  • 01.01.2021, 10:54h
  • Wer sich über das hohe Ansehen wundert, das homosexuelle Personen aus der Antike (wobei mich die Gleichsetzung von Homosexualität mit antiker Ephebophilie, ja gar Pädophilie verdutzt) genießen, den mag auch wundern, dass die Russen so stolz auf Tschaikowsky sind, der Papst unter Michelangelos Fresken gewählt wird und die Nazis Friedrich den Großen verehrten.
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#4 PiakAnonym
  • 01.01.2021, 13:03h
  • Viel Aufwand für kaum ein Ergebnis. Das zeichnet aber diesen guten Beitrag aus: nicht krampfhaft versuchen, eine Schlagzeile zu produzieren, sondern Fähigkeit, einzugestehen, dass die Fragen letztlich ungeklärt bleiben.
    Persönlich finde ich aber Sophokles zumeist interessanter.
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#5 LateinlehrerAnonym
  • 01.01.2021, 17:46h
  • Antwort auf #1 von PHIL
  • Liegt wohl eher daran, dass alte Ausgaben deshalb zitiert werden, weil sie frei im Netz verfügbar sind. Neuere Übersetzungen der Tusculum-Reihe oder von Reclam kosten nun einfach mal. Homophob ist das Fach keinesfalls (mehr). An Judith Butler, Simone de Beauvoir, etc. kommt man in der gegenwärtigen Wissenschaft nicht mehr vorbei.
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#6 Yeoj_Profil
  • 01.01.2021, 20:01hFFM
  • Ein schön zu lesender, unaufdringlich lehrreicher Artikel, der Lust macht, sich mal wieder mit antiker Literatur zu beschäftigen. Bis auf Medea kenne ich von Euripides tatsächlich noch gar nichts. Werde ich aber demnächst ändern.
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