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Heimkino

Beulen in Badehosen, Rimjobs im Eukalyptuswald

In Daniel Nolascos sehr explizitem Spielfilm "Vento seco" wandern drei schwule Männer am Grat zwischen stetiger sexueller Verfügbarkeit und romantischen Gefühlen.


"Vento Seco" pendelt zwischen Tom of Finland und zärtlicher Romantik (Bild: GMfilms)
  • Von Peter Fuchs
    1. Januar 2021, 10:03h, noch kein Kommentar

"Vento seco" startet wie Almodovars "Matador" (1986) mit Blicken auf das Wesentliche beim Cruisen. Protagonist Sandro sitzt im Freibad am Schwimmbecken und betrachtet verstohlen die vorbeilaufenden, gut aussehenden Männer. Sein Fokus liegt auf den Beulen in den Badehosen. Wir dürfen – gar nicht verstohlen – in Großaufnahme mitschauen.

Dass es in diesem Film bald noch viel mehr zu sehen gibt (anders als bei Almodovar), ahnen wir an dieser Stelle noch nicht. Immer wieder bleibt Sandros Blick auf dem jungen Ricardo hängen, einem durchtrainierten Schwimmer mit breiten Schultern im knappen, knallgelben Badeslip. Geht da was? Jedenfalls nicht im Freibad.

Penetration in Großaufnahme

Sandro ist ein Mann mittleren Alters, sportlich, mit Bauch und bäriger Körperbehaarung. Als Sicherheitsbeauftragter verantwortet er den Gesundheitsschutz der Mitarbeitenden einer Kunstdüngerfabrik im tiefsten Landesinneren von Brasilien. Der trockene Wind des Filmtitels hat den provinziellen Landstrich fest im Griff, die Kamera fängt dabei die staubige Atmosphäre der Tage großartig ein. Erfreulicherweise treffen Sandro und Ricardo in der Betriebskantine wieder aufeinander. Nach kurzem Blickkontakt – verschmitzt bemerkt von Sandros Kollegin und bester Freundin Paula – ist die Sache klar: Da geht was.

Nach Feierabend treffen sich die Männer in einem nahegelegenen Eukalyptuswald. Hier ist in dem dialogarmen Film nun gar kein Text mehr notwendig. Da schleckt man sich vorfreudig über die Lederjacke, riecht an den würzig duftenden Achselhöhlen, küsst hungrig und feucht, bevor ein Rimjob seinen Lauf nimmt. Aktiv mit Leidenschaft ausgeführt und passiv mit Erfüllung genossen. Wir dürfen erneut in Großaufnahme zuschauen und erleben, dass der Rimjob die liebevolle Vorbereitung für noch mehr Penetration war.

Ein Biker als fleischgewordener Fetisch


Poster zum Film: GMfilms hat "Vento Seco" mit deutschen Untertiteln fürs Heimkino veröffentlicht

Das könnte der Ausgangspunkt für eine geheime Liebesgeschichte in der Macho-Gesellschaft Brasiliens sein, erzählt in expliziten Bildern, in denen sich bärtige Männer in abgeschiedenen Wäldern zum Geschlechtsverkehr treffen. Das Heimliche, der Altersunterschied, die offensichtlich stimmige Chemie zwischen den beiden – das alles können wir uns gut und gerne anschauen. Doch dann entdeckt Sandro beim Verlassen des Supermarkts, wo er eben so getan hatte, als würde er Ricardo nicht kennen, auf dem Parkplatz einen Motorradfahrer, der lässig an seinem Bike lehnt.

Der muskulöse Mann trägt eine körperbetonte Lederkombi, einen Schnurrbart und seine Augen sind hinter einer verspiegelten Sonnenbrille nicht zu erkennen. Wo haben wir so einen Typ schon mal gesehen? Klar, in den Zeichnungen von Tom of Finland. Sandro ist hin und weg. Der geheimnisvolle Biker taucht ebenfalls als Mitarbeiter in der Fabrik auf und Sandro jagt diesem fleischgewordenen Fetisch obsessiv hinterher. So sehr, dass er ab nun die liebevollen Zärtlichkeiten von Ricardo zurückweist und den Biker zu stalken beginnt. Als er dabei entdecken muss, dass sich der abgewiesene Ricardo ausgerechnet mit dem Biker tröstet, nimmt das Drama seinen Lauf.

Fassbinder, Almodovar und Bidgood, alles auf einmal

Drama? Zum Glück versteht es Regisseur und Drehbuchautor Daniel Nolasco die Geschichte trotz des hochgejazzten Männlichkeitsbilds in Sandros nächtlichen, neonfarbenen Traumsequenzen tagsüber mit nickeligen Eifersuchtsattacken auf den Boden der Realität zurück zu holen. Ein witziger Spielzug, durch den man den Film mit seinem niedlichen Ende umso mehr liebhaben kann.

Was gibt es nicht alles an einschlägigen Motiven zu bestaunen! Vom tätowierten Polizisten, dessen Brustmuskeln das Diensthemd knapp nicht sprengen, von dampfigen Duschszenen in Männerumkleiden, über den homophoben Hetero im schwarzen Lack-Trainingsanzug mit drei goldenen Streifen bis zum schwulen Club namens "Al Parker". Rainer Werner Fassbinder, Pedro Almodovar, James Bidgood, alles auf einmal. Die künstlichen Sequenzen kontrastieren ideal mit den realistischen Szenen im Wald, in denen sich zwei Männerkörper am erdigen Boden ineinander verkrallen.

Erektionen und sichtbare Einsatzfreude

Ganz erschließt sich zwar nicht der Mehrwert, warum dabei auch erigierte Schwänze zu sehen sein müssen. Mehr Authentizität vielleicht? Okay, wir wissen mittlerweile, dass eine Porno-Szene nur gut sein kann, wenn die Darsteller über ausgeprägte Schauspielkünste verfügen.

Die drei Schauspieler Leandro Faria Lelo (Sandro), Allan Jacinto Santana (Ricardo) und Rafael Theophilo (Biker) gehen mit sichtbarer Einsatzfreude (auch körperlich) durch diese Szenen, die überhaupt kein Kinkshaming aufkommen lassen. Bravourös wandern sie am Grat zwischen der unrealistischen Fantasie von stetiger sexueller Verfügbarkeit und menschlichen, romantischen Gefühlen.

In dem Film glänzt auch Renata Carvalho als gewerkschaftsbewegte Paula. Die wunderbare trans Künstlerin gastierte 2019 mit ihrem in Brasilien heftig umstrittenen Einpersonenstück "Das Evangelium nach Jesus, Himmelskönigin" im Berliner Ballhaus Naunynstraße. Sie in dem gelungenen "Vento seco" wiederzusehen, ist eine besondere Freude.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer

Infos zum Film

Vento seco. Drama. Brasilien 2020. Regie: Daniel Nolasco. Darsteller*innen: Leandro Faria Lelo, Allan Jacinto Santana, Renata Carvalho, Rafael Theophilo, Del Neto. Laufzeit: 133 Minuten. Sprache: portugiesische Originalfassung mit deutschen und englischen Untertiteln. FSK 18. Verleih: GMFilms. Online ab 1. Januar 2021, ab 15. Januar auf DVD.
Galerie:
Vento Seco
12 Bilder