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Essay

Ged/sicht zeigen: Die Kraft der queeren Lyrik

Queere Lyrik muss noch immer darum kämpfen, als Genre anerkannt und wahrgenommen zu werden. Dabei hat sie doppeltes Potenzial für kreative Reibung, Perspektivenvielfalt und schillernde Buntheit.


Queere Lyrik ist eine Form dessen, wie queere Menschen mit expressiven Mitteln deutlich machen, dass sie und ihre Themen existieren (Bild: ThoughtCatalog / pixabay)

Wenn, was nicht übermäßig oft passiert, unter Lyrikkenner*innen über das Thema "queere Lyrik" gesprochen wird, kann man immer wieder eine der folgenden drei Thesen vernehmen:

1. Jede (echte) Lyrik ist doch queer. Daher kann man das Wort "queer" in dem Zusammenhang einfach streichen.
2. "Queere Lyrik" gibt es gar nicht.
3. Für so etwas wie "queere Lyrik" besteht heute kein Bedarf mehr.

Auch wenn es nicht die gleichen Leute sind, die diese Thesen vertreten, so kommen sie doch letztlich darin überein, dass man zwar über viele Dinge reden kann, über "queere Lyrik" aber definitiv nicht reden muss. – Ich werde es hier trotzdem tun: Ich werde über ein Thema sprechen, das traditionell, das heißt über viele Jahrhunderte hinweg in der Literatur- und Geistesgeschichte tabuisiert worden ist und das nun heutzutage aus etwas anders akzentuierten Gründen heraus erneut Gefahr läuft, vom Tisch gewischt zu werden.

Und da wären wir eigentlich schon beim Kernpunkt: Genauso wie es ein Unding ist, vom Heteronormativen abweichende Liebes- und Lebensformen, die nun einmal in der Natur von Menschen und Tieren seit jeher vorkommen, als "nicht-akzeptabel", "naturwidrig", "krank", "teuflisch" oder "nicht existent" zu bezeichnen, genauso ist es ein Unding, den sprachlichen oder in anderen Formen sich zeigenden kreativen Ausdruck von Menschen, die heteronormativen Lebens- und Liebesformen nicht entsprechen als grundsätzlich "nicht berechtigt", "nicht relevant" oder gar "inexistent" abzuqualifizieren. Queere Menschen können sich zu queeren Lebens- und Liebesweisen artikulieren. Und sie können das nicht nur, sie tun das sogar! Und wenn sie das in Gedichtform tun, entsteht queere Lyrik. Sie darf da sein, und sie ist da. Queere Lyrik ist eine Form dessen, wie queere Menschen Gesicht zeigen, wie sie statt sich zu verstecken, mit expressiven Mitteln deutlich machen, dass sie und ihre Themen, die durchaus andere als die nicht-queerer Menschen sind, existieren.

Stellt Lyrik per se Normen infrage?

Doch schauen wir, bevor wir näher auf Charakteristika, Entwicklungen und Möglichkeiten queerer Lyrik blicken, erst noch einmal auf die drei genannten Verneinungsthesen. Mit der Behauptung, jede (echte) Lyrik sei doch "queer", wird im Allgemeinen darauf angespielt, dass Lyrik per se Normen infrage stellend, sie erschütternd oder anarchisch unterlaufend sei. Diese These halte ich schon rein empirisch für falsch. Was ist mit Dichter*innen, die in totalitären Regimen als systemkonform gelten? Was ist mit Dichtern wie etwa Friedrich Gottlieb Klopstock, Johann Wolfgang von Goethe, Theodor Fontane, Wilhelm Busch, Christian Morgenstern oder, um mal in die Gegenwart zu springen und die Reihe der literarischen Schwergewichte etwas aufzulockern: Was ist mit Dichtern wie Thilo Krause oder David Krause? Wie normenverstörend sind bzw. waren die? – Die These, dass jede (echte) Lyrik Normen zersetze, ist entweder falsch oder sie mündet nahtlos in eine der unfruchtbarsten Diskussionen, die man in solchen Zusammenhängen überhaupt führen kann: nämlich die, was wirklich Lyrik ist und was nicht. Natürlich darf man Argumente dafür bringen, was man für bessere im Unterschied zu weniger guter Lyrik hält. Der Versuch, ultimativ zu bestimmen, was als Lyrik generell durchgehen darf und was nicht, ist aber nichts anderes als ein letztlich oberlehrerhafter und zum Scheitern verurteilter Kreativitätskiller.

Hinzu kommt, dass die Verwendung des Wortes "queer" in der "Jede (echte) Lyrik ist queer"-These aus meiner Sicht äußerst fragwürdig ist. Wahrlich nicht jeder, der Normen grundsätzlich infrage stellt, würde sich als "queer" bezeichnen wollen und umgekehrt gibt es auch jede Menge queerer Menschen, die mit bestehenden Normen in hohem Einklang zu leben scheinen und sich auch selbst nicht als Normirritierer oder gar -zerstörer verstehen würden. Die These steht also sowohl empirisch wie auch semantisch auf tönernen Füßen. Und da sollte man sie einfach auch stehen lassen.

Niemand negiert die Existenz von Natur- und Reiselyrik

Cool ist natürlich auch die Behauptung, "queere Lyrik" gäbe es gar nicht. Wer mit dieser Behauptung um die Ecke kommt, will damit für gewöhnlich nicht sagen, dass es keine Gedichte etwa von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans, intergeschlechtlichen und anderen vom Heteronormativen abweichenden Autor*innen zu Themen aus deren Lebens- und Liebeswelt gäbe. Die Behauptung ist einfach, dass solche Lyrik keine sie genuin kennzeichnende Poetik für sich reklamieren könne. Daher gäbe es sie auch als Gattung nicht. Und natürlich ist diese Aussage so wahr wie banal: queere Lyrik verfügt tatsächlich über keine für sie spezifische Form von Kunst- oder Techniklehre, der sie zu folgen hat, um sich als queere Lyrik und nichts anderes ausweisen zu können. Queere Lyrik steht damit allerdings in einer Reihe von Lyrikarten wie zum Beispiel Naturlyrik, Reiselyrik, politische Lyrik etc.

Gedichte, die von naturhaften, reisebezogenen, politischen oder anderen Phänomenklassen sprechen, können dies auf denkbar unterschiedlichste Weise tun. Kaum jemand käme dabei aber auf die Idee zu sagen, es gäbe keine Natur-, Reise- oder politische Lyrik. Wieso glaubt man dann behaupten zu können, es gäbe keine queere Lyrik, die sich ebenso wie die anderen genannten primär durch ihren inhaltlichen Referenzbereich auszeichnet? – Ich weiß nicht, warum, aber immer wenn ich diese These höre (und das tue ich ab und an), denke ich unweigerlich an Leute, die behaupten, Homo-, Bi-, Transsexualität und andere Abweichungen von Cis-Hetero gäbe es doch gar nicht. Das wären nur krankhafte Verirrungen, was Lyrikkenner*innen so natürlich niemals sagen würden. Aber warum behauptet man dann, dass es etwas, was es seit mehr als zweitausend Jahren manifest gibt, nicht gäbe? Was, bitte, soll das?

Die Ehe für alle hat queere Lyrik nicht obsolet gemacht


Stefan Hölscher (Bild: privat)

Geradezu zeitgemäß moderat klingt demgegenüber die These, dass man so etwas wie "queere Lyrik" heutzutage nicht mehr brauche. Schwule und Lesben dürfen in Ländern wie Deutschland ja mittlerweile sogar heiraten und Kinder adoptieren. Von grundsätzlicher Diskriminierung oder gar Kriminalisierung könne keine Rede mehr sein. Also sei ein Unternehmen wie "queere Lyrik" doch obsolet geworden. Klingt irgendwie plausibel, ist aber m.E. so falsch wie etwas nur falsch sein kann.

(1.) Es gibt auch in Ländern wie Deutschland nach wie vor zumindest punktuell Diskriminierung und auch körperliche Gewalt gegenüber Menschen, die als abweichend von heterosexuellen Normen wahrgenommen werden. Beleidigungen und Gewaltdelikte, zumindest soweit sie vom Bundeskriminalamt erfasst werden, haben dabei sogar in den letzten Jahren deutlich zugenommen (queer.de berichtete). Diese Entwicklung mag mit Phänomenen wie wachsendem Rechtsradikalismus oder auch einer Vielzahl von Einwanderern aus stark homophob geprägten Kulturen in Verbindung stehen. Jedenfalls ist die Welt auch in Ländern wie Deutschland diesbezüglich alles andere als eine allgemein problemfreie Zone.

(2.) Diskriminierung und Kriminalisierung haben den Umgang mit Phänomenen wie Homo- und Transsexualität etc. auch hierzulande über Jahrhunderte und bis in die jüngere Geschichte hinein geprägt. Viele queere Zeitgenossen (auch der Verfasser dieser Zeilen) haben all das noch am eigenen Leib erlebt. Wie sollte eine solche existenzielle Ausgrenzung als prägendes biographisches Faktum plötzlich vergessen sein? Und kann und will man vergessen, dass man als queerer Mensch zu einer Population gehört, die durch eine Geschichte von Sich-Versteckenmüssen, Ausgegrenzt- und Kriminalisiertwerden über Jahrhunderte gesellschaftlich unterdrückt worden ist?

(3.) Ja, es stimmt, in Ländern wie Deutschland hat sich ganz vieles für lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, intersexuelle und andere vom Heteronormativen abweichende Menschen dramatisch verbessert. Aber wir müssen den Blick nicht allzu weit in die Ferne lenken, um zu sehen, dass das wahrlich nicht überall so ist. Im Gegenteil: schon in einigen Ländern der EU gibt es zum Teil klare politische Tendenzen, die diesen Menschen das Leben systematisch schwerer machen und sie ausgrenzen. Zum Beispiel in Polen, wo sich viele Gemeinden gar nicht genug damit hervortun können, sogenannte "LGBT-freie Zonen" eingerichtet zu haben – ein Wort, das einen an so unsäglich menschenverachtende nationalsozialistische Begriffe wie "judenfrei" erinnert. Und es geht auch nicht 'nur' um gesellschaftliche Ausgrenzung: In 69 Ländern auf diesem Planeten ist Homosexualität Stand heute immer noch verboten, in 15 Ländern, darunter Iran, Saudi-Arabien und Teilen Nigerias steht sogar die Todesstrafe darauf, während homosexuelles Verhalten in anderen Ländern in Asien und Afrika 'einfach nur' mit Gefängnis und Peitschenhieben bestraft wird (queer.de berichtete)

Wer also meint, queere Lyrik brauche es heutzutage nicht mehr, weil ja für queere Menschen alles so schön in Ordnung sei, dessen Denken ist offenbar noch nicht weiter als bis zum eigenen Bauchnabel vorgedrungen – und selbst der wird geschichtslos verkannt.

Queere Lyrik wird gebraucht

Summa summarum muss ich daher feststellen, dass ich jede der drei Verneinungsthesen für, sagen wir es nett, wenig angebracht, sagen wir es deutlicher, für eine ausgesuchte Zumutung halte. Im Unterschied zu den drei Thesen behaupte ich: Nicht jede Lyrik ist queer; aber es GIBT queere Lyrik, und sie wird gebraucht! Das Wort "queer" verwende ich dabei im Sinne von nicht hetero oder cis. Es bezieht sich auf Menschen, die sich als lesbisch, schwul, bi- oder asexuell, inter- oder transgeschlechtlich oder nicht-binär verstehen, also nicht als heterosexuell und/oder cis-geschlechtlich. Das Kürzel LGBTIQ+ lässt sich als Synonym dieses Begriffsgebrauchs auffassen. Unter queerer Lyrik verstehe ich dann Lyrik, die von queeren Menschen mit expliziter oder zumindest impliziter Referenz auf queere Liebes- oder Lebensphänomene verfasst wird.

In der Literaturgeschichte ist queere Lyrik, die zumeist homosexuelle Lyrik war, ein sehr altes Phänomen. Viel früher als Prosa mit homosexueller Thematik gab es entsprechende Gedichte. Schon in der Antike wimmelt es davon und in den Epochen zwischen der Renaissance bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wimmelt es dann noch viel mehr. Viele große Dichter*innen haben queere Lyrik verfasst (was weder heißen soll, dass sie sie selbst so genannt hätten noch dass die Verfasser in jedem Fall im hier zugrunde gelegten Verständnis queer waren): Zum Beispiel Theognis, Vergil, William Shakespeare, George Byron, August von Platen, Walt Whitman, Paul Verlaine, Oscar Wilde, Jean Cocteau, Wystan Hugh Auden, Sappho, Renée Vivien, Sophia Parnok, Mascha Kaleko, Adrienne Rich und viele, viele andere. Die Texte nicht weniger von ihnen wurden erst spät, am Ende einer Karriere oder sogar erst posthum veröffentlicht. Dies wiederum hat unverkennbar damit zu tun, dass Homosexualität – anders als die 'reine platonische Liebe', bei der Sexualität gerade nicht vorgesehen ist – im offiziellen gesellschaftlichen Leben über die längste Zeit abendländischer Geschichte hinweg verpönt, verboten, verfolgt und bestraft wurde. Die alt-griechische Paiderastia, also die Liebe eines erwachsenen Mannes zu einem älteren Knaben oder Jüngling, bei der der Mann den Jungen nach einem strengen Kodex, der allerdings nicht selten übertreten wurde, auch erotisch ins Erwachsensein einführt, muss hier als Sonderfall gelten.

Merkmale einer verdrängten Außenseiterkultur

Sieht man vom poetischen Ausdruck der Paiderastia ab, zeigt queere Lyrik faktisch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts in der abendländischen Geistesgeschichte die Merkmale einer verdrängten Außenseiterkultur. Dies gilt für ihre karge Rezeption; dies gilt für den literaturwissenschaftlichen Umgang mit ihr, der bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein ignorierend und abwertend war. Queere Texte wurden gerne statt als 'echte Literatur' als rein psychologisch zu betrachtender Ausdruck ihrer Autor*innen gesehen. Dies gilt besonders aber auch, wenn man auf die Themen queerer Lyrik schaut.

Das historisch häufigste Thema ist die lyrische Erhöhung des/der unerreichbaren Geliebten, unerreichbar weil die über alles geliebte Person diese Liebe abweist oder diese Liebe als auch mit Sexualität verbundener Partnerschaft als grundsätzlich unmöglich wahrgenommen wird. Vor allem im 20. Jahrhundert kommen dann Themen hinzu wie die zum Teil sehr ungeschminkte Referenz auf queere Sexual- und Lebensformen (zum Beispiel bei Pier Paolo Pasolini, Allan Ginsberg oder Hubert Fichte) und die Auseinandersetzung mit dem Verlust durch Aids (zum Beispiel bei Detlev Meyer oder Mario Wirz). Dies ist der Kern der thematischen Spannungsfelder, aus denen queere Lyrik über lange Zeit ihre Kraft und Besonderheit geschöpft hat.

Die Themenfacetten queerer Lyrik sind weiter geworden

Je weiter sich die Lebensverhältnisse queerer Menschen in den letzten Jahrzehnten international in verschiedene Richtungen entwickelt haben zwischen gesellschaftlich akzeptiert (z.B. in den meisten europäischen Ländern, in den USA, Neuseeland oder Australien) bis hin zu verfolgt, terrorisiert und mit dem Tod bedroht (wie etwa im Iran, in Saudi Arabien, Nigeria oder Tschetschenien), desto mehr haben sich auch die Themen queerer Lyrik auseinanderentwickelt und diversifiziert: Queere Begegnungen im Alltag, persönliche Wahrnehmungen, Sehnsüchte und Phantasien, Beziehungsträume und -wirklichkeiten oder Formen von queerem Sex können dabei ebenso im Mittelpunkt stehen wie Erfahrungen von Ausgrenzung, Mobbing, Gewalt sowie im eigenen oder gesellschaftlichen Umfeld wahrgenommene Reaktionen auf Coming-out, queere Liebe, Aktivismus, Krankheit, Sterben, Tod und vieles mehr. Die Palette in queerer Lyrik auftauchender Phänomenbezüge ist damit deutlich weiter geworden. Das zeigen etwa Verknüpfungen von queeren Themenfacetten mit Themen wie Emigration und Emigrationsgeschichte, wofür etwa die Gedichte des vor allem durch seinen Roman "Auf Erden sind wir kurz grandios" berühmt gewordenen amerikanischen Autors vietnameischer Abstammung Ocean Vuong ein Beispiel geben; oder das in der Lyrik früher kaum präsente Thema der Intersexualität, wie es etwa die ungarischen Autoren Zoltán Lesi und Mátyás Dunajcsik in ihren poetischen Arbeiten in den letzten Jahren fokussiert haben.

Haben sich so die inhaltlichen Referenzpunkte queerer Lyrik stark erweitert, so lässt sich das von ihrer Wahrnehmung und Rezeption leider nicht sagen. Die bleibt auch weiterhin ziemlich spärlich, selbst wenn man berücksichtigt, dass Lyrik generell und Gegenwartslyrik ganz besonders ein Feld ist, das nur äußerst wenige selbst der grundsätzlich lektüreinteressierten Menschen noch zu begehen bereit sind. Hat es Lyrik also schon an sich schwer wahrgenommen zu werden, so gilt dies für queere Lyrik in geradezu potenzierter – oder müsste man vielleicht sagen – homöopathisch minimierter Weise. Bis zum Entstehen dieser Zeilen (Juli 2020) kennt etwa das deutsche Wikipedia, das doch sonst nahezu alles zu kennen beansprucht, nicht einmal den Begriff "queere Lyrik" oder "queere Poesie".

Queere Lyrik muss um Wahrnehmung kämpfen

Als Ende März 2020 (auch noch mitten im Corona Lockdown in Deutschland) die vom Verfasser dieser Zeilen herausgegebene und im Geest-Verlag erschienene Anthologie "So gerade / nicht. Queere Lyrik 2020" mit Beiträgen vieler namhafter und preisgekrönter Autor*innen erschien und damit das seit über 20 Jahren erste allgemeinere Sammelwerk queerer Lyrik im deutschsprachigen Raum überhaupt, erhielt diese Publikation zwar in queeren Medien wie queer.de, männer* oder "Mannschaft Magazin" sofortige Aufmerksamkeit, ebenso auch auf den Seiten der Signaturen als Forum für autonome Poesie und sogar in der ja eher etwas konservativeren "Welt am Sonntag"; gleichzeitig wurde das Buch aber auf der im deutschsprachigen Raum bislang reichweitenstärksten Plattform für aktuelle Lyrik, Fixpoetry zu keinem Zeitpunkt auch nur mit einer Silbe erwähnt, obwohl natürlich auch dieses Medium über das Erscheinen rechtzeitig informiert war.

Queere Lyrik muss offenbar besonders darum kämpfen, wahrgenommen zu werden. Ist der Weg vieler queerer Menschen sich zu trauen, der Welt ihr Gesicht zu zeigen, oft schon lang und beschwerlich, so scheint er für queere Schreibende, wenn sie dabei auch Gedicht zu zeigen bereit sind, noch viel länger und beschwerlicher, sodass man zwischendurch denken könnte: "Vielleicht lassen wir es besser bleiben". Und natürlich, das könnte man. Man könnte aber auch die Schlussfolgerung ziehen: "Fangen wir also jetzt erst richtig an!"

Queere Lyrik MUSS Gesicht zeigen

Solange es queere Menschen gibt, die in den Familien, Umwelten und Ländern, in denen sie leben, ausgegrenzt, gemobbt, mit Gewalt bedroht und drangsaliert werden, MUSS queere Lyrik Gesicht zeigen.

Solange es queere Menschen gibt, die ihre besonderen Wahrnehmungen und Erfahrungen auch lyrisch artikulieren, MUSS queere Lyrik Gesicht zeigen.

Solange es Menschen gibt, die jenseits heteronormativer Vorstellungen leben, MUSS queere Lyrik Gesicht zeigen.

Solange es Menschen gibt, die Menschen des anderen oder des gleichen Geschlechts begehren und lieben und ihr Begehren und Lieben in Worte fassen, MUSS queere Lyrik Gesicht zeigen.

Und Gesicht zeigen muss sie auch, weil es sich lohnt, dass sie das tut: Queere Lyrikschreibende weisen, wie man sagen könnte, gegenüber hypothetisch anzunehmenden 'Normalos' einen doppelten existenziellen Riss auf: dadurch, dass sie queer sind UND dadurch, dass sie lyrisch denken. Darin liegt aber zugleich auch ein doppeltes Potenzial für kreative Reibung, Perspektivenvielfalt und schillernde Buntheit. Queerness bedeutet immer auch, aus etablierten Mustern und Formen aussteigen zu können und Anderes, Schräges, Unerwartetes, auch Unpassendes zu tun. Und queere Lyrik darf all das erst recht. Sie darf auch anders sein als andere Lyrik. So kann sie zum Beispiel genauso spröde sein, wie es Gegenwartslyrik gerne ist; das muss sie aber nicht – vor allem nicht flächendeckend. Sie kann auch anders: Sie darf experimentieren, provozieren, ätzen und brennen. Sie darf schrill, kitschig, expressiv und emotional sein. Und natürlich zwischendurch auch wieder ganz prosaisch-konstruiert-gelassen. Queere Lyrik darf der Welt Gesicht zeigen. Und sie darf auch Gesichter zeigen, die vollkommen unterschiedlich und gleichzeitig eigenständig, selbstbewusst und geküsst von Geist, Sinnlichkeit und Spielfreude sind, sodass auch gänzlich coole poetische Heten erahnen: frappierend vielgestaltig erscheint queeres Ged/sicht.

Dieses Essay ist zuerst in Issue 4 von "ARIEL Literature OptoArt Multilingual" mit dem Schwerpunktthema "Gesicht zeigen" auf Deutsch und Englisch erschienen zusammen mit queeren Gedichten bekannter queerer Autor*innen in insgesamt sieben Sprachen.

Literatur zum Thema

• Anders, Klaus (2018): Sappho träumt. Edition Rugerup. ISBN 978-3942955744
• Büngen, Alfred. & Hölscher, Stefan [Hg.] (2015): Queerlyrik. Siegertexte und Platzierte des 1. Queerlyrik-Wettbewerbs. Geest Verlag, Vechta-Langförden. ISBN 978-3-866855069
• Campe, Joachim [Hg.] (1994): Matrosen sind der Liebe Schwingen. Homosexuelle Poesie von der Antike bis zur Gegenwart. Insel Verlag. Frankfurt a.M. ISBN: 978-3-458332992
• Crauss (2018): Die harte Seite des Himmels. Verlagshaus Berlin. ISBN: 978-3-945832240
• Graeff, Alexander (2019): Die Reduktion der Pfirsichsaucen im köstlichen Ereignishorizont. Verlagshaus Berlin. ISBN: 978-3-945832301
• Hölscher, Stefan (2020): Was ist eigentlich "queer"? Wie ein kleines Ereignis eine große Frage aufwerfen kann. Erschienen auf queer.de
• Hölscher, Stefan [Hg.] (2020): Queere Lyrik 2020. So gerade / nicht. Geest Verlag, Vechta-Langförden. ISBN 978-3-866857667
• Hölscher, Stefan (2019) Queere Lyrik – wen juckt's? Essay erschienen u.a. in "Signaturen. Forum für autonome Poesie"
• Kennel, Odile: Hors Texte. Verlagshaus Berlin. ISBN: 978-3-945832325
• Kuryanovich, Elizaveta (2019): Danke. Spasibo. Größenwahn Verlag. Frankfurt a.M. ISBN: 978-3-957712363
• Marciniak, Steffen (2019): Erzengelgesänge. Anthea Verlag. Berlin. ISBN 978-3-899983241
• Salomon, Peter: Mylord (2019): Schwule Gedichte. Rimbaud Verlag. Aachen. ISBN 978-3-890862712
• Stempel, H. & Ripkens, M. [Hg.] (1997): Ach Kerl, ich krieg dich nicht aus meinem Kopf. Männerliebe in deutschen Gedichten unseres Jahrhunderts. Deutscher Taschenbuch Verlag. München. ISBN: 978-3-423200158
• Vuong, Ocean (2020): Nachthimmel mit Austrittswunden. Hanser Literaturverlag. München. ISBN: 978-3-446266438
• Zoltán Lesi (2019): In Frauenkleidung. Edition Mosaik. Salzburg. ISBN: 978-3-950446692


#1 saltgay_nlProfil
  • 02.01.2021, 13:22hZutphen
  • Ich verstehe die Stoßrichtung dieses Essays nicht. Worum geht es denn wirklich? Lyrik ist eine literarische Ausdrucksform. Sie unterscheidet sich von der Prosa grundlegend. Wenn es aber eine Ausdrucksform ist, dann tritt sie in ganz verschiedenen Varianten auf. Queere Lyrik ist eine Variante davon. Wozu also der Versuch dies besonders hervorzuheben, ja gar zu isolieren?

    Es gibt gute und schlechte Lyrik. Letztere überwiegt bei weitem. Das gilt auch für queere L;yrik, die sich noch nicht einmal auf dem unterirdischen Niveau eines dichtenden Paul Niemösers (Das ist der Lover vom Klavierlehrer Konrad Stubenburg, gezeichnet von Ralf König) bewegen muss. Es gibt auch solche Elaborate anerkannter Dichter wie August von Platen.

    Es ist daher eine Bewertung nach Sparten ziemlich sinnlos. Vielmehr entsteht da bei mir ein anderer Verdacht.

    Man muss hellhörig werden, wenn Kunst instrumentalisiert wird. Die Lyrik einer Agnes Miegel ist nicht wertfrei, selbst wenn sie auch noch nach dem Krieg in deutschen Schullesebüchern zu finden war und ist. Dieser Nazi-Apologetik sind viele Lyriker erlegen, ebenso wie nach dem Krieg dem sozialistischem Realismus in zahlreichen Oden und Gesängen an die Arbeiterklasse.

    Lyrik kann also auch zur ideologischen Propaganda missbraucht werden und am Ende will man beweisen, dass es nur die eine Kunst gibt, welche die wahre ist. Diese "wahre" Kunst ist dann nichts anderes als die Illustration der eigenen Selbstwahrnehmung und -überschätzung, da man ja die Wahrheit gepachtet hat. Das perverseste Beispiel dazu ist die "Blut- und Boden" Kunst, oder die "artreine" Musikrichtung eines verklemmten schwulen Kulturnazis wie Staatsrat Hans-Severus Ziegler.

    Also, es ist darauf zu achten, dass die Kunst in ihrer Vielfalt erhalten bleibt, frei und unbeeinflusst des Zeitgeistes. Dort ist auch genau der Raum für Lyrik, die sich im "queeren" Raum bewegt. Wer versucht dies in ideologischer Verengung zu einer "Kunsterziehung des Volkes" zu manipulieren, schlimmstenfalls "im Dienst der guten Sache", der begeht Frevel und am Ende zeigt er, dass er von Freiheit gar nichts hält.
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#2 KaiJAnonym
#3 AthreusProfil
#4 gayofcultureAnonym
  • 03.01.2021, 11:30h
  • Die deutsche, queere Lyrik bietet auch mehr, als man vermuten könnte. Vieles verrottet in Archiven und ist selbst vielen queeren Menschen nicht bekannt. So z.B., dass der Fotograf Jürgen Baldiga auch Lyriker war, wann erscheint diese Lyrik endlich gesammelt in einem Band? Oder Eberhard Bechtle, dass Talent deutscher schwuler Lyrik, heute völlig vergessen, auch weil seine Lyrik verstreut in diversen Magazinen und Anthologien vor sich hin dümpelt. Schwule deutsche Lyriker sind überschaubar: Neben dem Alibi-Grafen August von Platen sind es die erwähnten Detlev Meyer und Mario Wirz, beide sind leider ebenfalls tot. Unter den Lebenden fällt mir noch Andreas Reimann ein, über den die SZ mutig einen kleinen Artikel schrieb und der MDR zur vorletzten Buchmesse einen Dreiminuten-Clip in ihrer Kultursendung brachte, der schneller aus der Mediathek verschwand, als ein Olympiasieger laufen kann. Ich glaube, es ist sehr wichtig, die verschütteten und verborgenen ans Licht zu holen, um queerer Lyrik mehr Gewicht zu geben.

    Da sind unsere südeuropäischen Nachbarn doch ein wenig weiter, da in diesen Ländern Lyrik allgemein einen größeren Stellenwert hat als in Deutschland. Griechenland mit Kafavis, Italien mit Passolini, Spanien mit Luis Cernuda oder Jaime Gil y Biedma oder Portugal mit Fernando Pessoa, Antonio Botto und Eduardo Pitta zeigen, dass queere bzw. schwule Lyriker in den Mainstream vordringen können, wenn man nur will, wenn man gesellschaftlich auch anders mit Lyrik umgeht.

    Vielen Dank für dieses wunderbare Essay und das aus dem Vergessen- holen dieses Themas!
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#5 LarsAnonym
  • 06.01.2021, 12:22h
  • "Sieht man vom poetischen Ausdruck der Paiderastia ab, zeigt queere Lyrik faktisch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts in der abendländischen Geistesgeschichte die Merkmale einer verdrängten Außenseiterkultur."

    Das ist aber genau ein Problem, wenn man den Begriff Queerness im heutigen Sinne auf vergangene Zeiten anwendet. Das Verständnis früherer Zeiten von Sexualität lässt sich weder im Positiven noch im Negativen so einfach auf die heutige Zeit und heutige sexuelle Identitäten übertragen. Man kann nicht einfach "davon absehen." Denn das Übergewicht z.B. von asymmetrischen Machtstrukturen und Chauvinismus in der Lyrik ist nicht nur in sogenannter queerer Literatur, sondern auch in der von Männern dominierten Hetero-Literatur vor 1900 zu hinterfragen.

    Ich finde darüberhinaus es befremdlich, wenn der Herausgeber einer wenig rezipierten Anthologie mit großem rhetorischen Aufwand einfordert, dass man seine Sammlung mehr rezipieren solle. Da missbraucht man aufklärerisches Pathos für Eigenwerbung.

    Sichtbarkeit allein reicht auch hier nicht. Literatur muss gut ausgewählt, inhaltlich gut strukturiert und verständlich kommentiert werden. Es wäre zu reflektieren, ob das in der erwähnten Anthologie der Fall ist.
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