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Literatur

Eine schwule Liebe inmitten von Homohass und Bomben

Ahmad Danny Ramadans berührender Roman "Die Wäscheleinenschaukel" erzählt die Geschichte zweier schwuler Syrer, die sich im Bürgerkrieg kennenlernen und gemeinsam nach Kanada fliehen.


Der schwule Schriftsteller und LGBTI-Aktivist Ahmad Danny Ramadan flüchtete 2012 selbst von Syrien nach Kanada

Die "Wäscheleinenschaukel", die Ahmad Danny Ramadans Roman seinen Namen gibt, hängt an einer Leine auf dem Balkon der Kindheit einer der beiden schwulen Syrer, deren Leben auf dem Sterbebett des einen noch einmal an den Leser*innen vorbeiziehen.

Auf dem Sitzkissen der Schaukel wurde einmal Jasmin ausgesät, so dass sie im Frühjahr lieblich duftete. Neben solchen eher poetischen Bildern spielt aber auch der Krieg in Syrien immer wieder in die Biografien der beiden Männer hinein, mal als selbstverständliche und immer vorhandene, unangenehme und folgenreiche Begleiterscheinung im Alltag, mal in all seiner Härte und Brutalität. Er ist es auch, der die beiden auf Umwegen nach Kanada flüchten lässt – eine autobiografische Parallele zum in Vancouver lebenden Autor.

Ein teils sehr poetisches Buch über Liebe und Familie


"Die Wäscheleinenschaukel" ist auf Deutsch im Orlanda Verlag erschienen

Einer der beiden Freunde ist ein hakawati – ein arabischer Geschichtenerzähler. In vielen kleinen Episoden, zum Teil in umgekehrter Reihenfolge erzählt oder beliebig eingestreut, lernen wir das Leben des hakawati kennen, die schwierige Beziehung zum Vater, rauchen manchen der Joints mit, die es in Vancouver schlussendlich mit Ausweis und auf Kreditkarte in der Apotheke gibt, wir hören etwas über arrangierte Hochzeiten in der näheren und weiteren Familie, über Krankheiten, Verrücktsein und Tod.

"Die Wäschenleinenschaukel" ist weniger ein Buch über Sex und Beziehungen, sondern eher eines über Liebe und Familie – und daher passt auch der zeitweise blumige oder poetische Stil gut. Gleichwohl kommt es zu sehr konkreten Szenen: Eine Mutter schlägt einen Mann in der Öffentlichkeit, der ihr gegenüber übergriffig wird, und sie setzt sich damit erfolgreich durch. Die beiden Partner finden sich auf der Flucht vor Bombenangriffen in der Badewanne aufeinander liegend wieder. Derartige Szenen reißen die Leser*innen immer wieder aus der Familien- und Beziehungsgeschichte raus, die sich als roter Faden durch das Buch zieht.

Neidisch ist der Protagonist auf einen ebenfalls in Vancouver lebenden Freund mit jüdisch-syrischen Wurzeln, der eine Art Vaterrolle für ihn wahrnimmt, und ein völlig unproblematisches Coming-out und unterstützende Eltern erlebte. Diese Sehnsucht nach einem freieren Leben kommt auch in den intensiven Erinnerungen an die wenigen mutigen heimlichen Küsse an öffentlichen Orten zum Ausdruck, die der Protagonist aus seiner Jugend schildert. Im Vordergrund stand aber die Angst erwischt zu werden – wozu es auch kam…

Infos zum Buch

Ahmad Danny Ramadan: Die Wäscheleinenschaukel. Roman. Aus dem Englischen von Heide Horn und Christa Prummer-Lehmair. 250 Seiten. Taschenbuch. Orlanda Verlag. Berlin 2021. 22 €. ISBN 978-3-944666-74-7


#1 AtreusProfil
  • 10.01.2021, 12:29hSÜW
  • Vielen Dank, Ansgar, für diesen Buchtipp. Das wäre, obwohl ich eigtl. alles aufsauge, tatsächlich an mir vorbeigegangen. Kenne nicht einmal den Verlag. Bin gespannt, ob es mit "Guapa" von Haddad oder "Selamlik" von Alesmael mithalten kann. Toll jedenfalls, dass ehemalige Flüchtlinge aus dem Nahen Osten ihre persönlichsten Erlebnisse mit uns teilen und von Grauen und Torturen berichten, die wir uns nicht einmal ansatzweise vorstellen können. Das hilft, die eigenen sogenannten Probleme ins richtige Licht zu rücken.
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#2 LarsAnonym
  • 10.01.2021, 12:57h
  • Das hört sich sehr interessant an. Das Eingebundensein in große Familienverbände bzw. die Abhängigkeit von diesen Strukturen ist sehr typisch für viele Menschen in und aus dem Nahen Osten. Die Auseinandersetzung mit dem Image der Familie spielt für queere Menschen dort vielleicht eine noch größere Rolle als z.B. die Auseinandersetzung mit Religiosität.

    Als westlich-modern geprägter Mensch ist es manchmal nicht einfach, sich in diese Strukturen hineinzudenken, was oft zu Unverständnis gegenüber den (Über)lebensstrategien von queeren Menschen aus diesem geographischen und kulturellen Raum führt. Bücher, die einen sensiblen Einblick in diese Gesellschaften und Familien geben, sind deshalb sehr wichtig.
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