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Von "Meine Stricher" bis "Mein Genet"

Der schwule Chronist wird 81: Happy Birthday, Edmund White!

Stonewall-Veteran, Aktivist, intellektuelle Tratschtante – US-Autor Edmund White ist der schwule Mann für alle Fälle. Zu seinem 81. Geburtstag freuen wir uns auf seinen Band "Meine Leben".


Feiert am 13. Januar 2021 seinen 81. Geburtstag: Edmund White (Bild: Michael Taubenheim / Albino Verlag)

Wer über Edmund White spricht, redet immer auch über schwule Geschichte. White erlebte Ende der Sechziger die New Yorker Stonewall-Unruhen mit, hatte in den Siebzigern Robert Mapplethorpe zum Freund, war zu Beginn der Achtziger an der Gründung der ersten Aids-Organisation "Gay Men's Health Crisis" beteiligt, veröffentlichte in den Neunzigern viel beachtete Biografien über Jean Genet und Marcel Proust und wurde in den 2000ern Namensgeber eines Literaturpreises, mit dem inzwischen jedes Jahr Debütromane ausgezeichnet werden, die sich mit queeren Themen befassen.

Dass White außerdem Autor der schwulen Kultromane "Selbstbildnis eines Jünglings" und "Das schöne Zimmer ist leer" ist, und in seinen persönlichen Bänden konsequent offen über sein Leben, seine sexuellen Vorlieben und seine HIV-Infektion plaudert, hat ihm zu Recht den Ruf eines schwulen Chronisten eingebracht. Er hat viel erreicht in seinem Leben. Aber müde ist er noch lange nicht.

Dank "Time" und Susan Sontag ist White in aller Munde

Wenn White am 13. Januar 81 Jahre alt wird, ist wohl nur Corona Schuld daran, dass es ein eher stilles Fest werden dürfte. Der Jubilar selbst ist rührig wie eh und je. Gerade wurde sein im August in den USA erschienener Roman "A Saint from Texas" vom "Time Magazine" in die Liste der "The 100 Must-Read-Books of 2020" gewählt, und dank des Susan-Sontag-Hypes, den Benjamin Mosers Bestseller-Biografie "Sontag: Her Life and Work" ausgelöst hat, geistert Whites Name durch Unmengen von Rezensionen und Zeitungsartikeln, denn er war in den Siebzigern mit Susan Sontag befreundet und hat dieser Freundschaft in seinen Erinnerungen "City Boy" ein ganzes Kapitel gewidmet.

Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart


"Meine Leben" erscheint im April im Albino Verlag

Bei uns steht im Frühling derweil die Veröffentlichung der deutschen Übersetzung der White-Memoiren "My Lives" an. Auf das Buch kann man sich schon mal freuen. Nicht nur berichtet der Autor dort in zehn eloquent-anekdotenreichen Kapiteln über seine Reifung vom stockschwulen Dreikäsehoch zum gefeierten Schriftsteller, er überrascht auch durch eine Struktur, die den Reifeprozess nicht chronologisch abbildet, sondern anhand zentraler Lebensthemen nachvollzieht – darunter "Meine Stricher", "Meine Blonden" und "Mein Genet".

Der Effekt dieser Herangehensweise ist verblüffend. Indem sich die Themen, Protagonisten und Lebensphasen im Laufe der Lektüre allmählich wie ein Puzzle zu einem Gesamtbild zusammenfügen, gelingt es White, eine Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart zu erzeugen. In der Figur des Erzählers sind sie alle permanent präsent: der tuntige Muttersohn Edmund Valentine White III., der dauerverknallte junge Schwule, der erfolglose Hippie-Künstler, der aufstrebende Schreiber, der frisch diagnostizierte HIV-Positive, der Liebhaber, der Freund. Eine clevere und universelle Art, um die Vielschichtigkeit einer menschlichen Persönlichkeit zu verdeutlichen – und gerade zum Geburtstag eine schöne Erinnerung daran, dass wir mehr sind als die Summe unserer Jahre.

Zum Geburtstag: Einmal Vorfreude und drei Bücher

"Meine Leben" erscheint im April bei Albino. Für alle, die sich an Whites 81. Geburtstag nicht mit Vorfreude begnügen wollen, hat der Verlag außerdem "City Boy" und die White-Bände "Der Flaneur" und "Die Gaben der Schönheit" im Programm. Happy Birthday!

Infos zum Buch

Edmund White: Meine Leben. Deutsche Übersetzung von Joachim Bartholomae. 620 Seiten. Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen. Albino Verlag. Berlin 2021. Erscheinungstermin: April 2021. 28 €. ISBN 978-3-8630-0301-2


#1 Ralph
  • 13.01.2021, 10:04h
  • Edmund White bezeichnet Schriftsteller als berufsmäßige Exhibitionisten. Auf ihn trifft das ganz sicher zu. Die meisten Bücher von Edmund White haben verdeckt oder offen die selbe Hauptfigur: Edmund White. Und Scham kennt er nicht. Kaum jemand entblättert sich öffentlich so wie er. Und wie er das tut, ist ein sprachliches Wunder. Einer der ganz Großen unter den Schriftstellern und einer der ganz Großen unter den Schwulen. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und noch viele produktive Jahre wünsche ich ihm und freue mich darauf, sein nächstes Buch meiner Sammlung hinzuzufügen.
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#2 AthreusProfil
#3 WanndererAnonym
#4 AthreusProfil
  • 13.01.2021, 13:24hSÜW
  • Antwort auf #3 von Wannderer
  • Ich würde mit "Das Selbstbildnis eines Jünglings" anfangen. Wie Ralph schon schrieb, sind eigtl. all seine Werke persönlich, aber das ist wohl das autobiographischste von allen. Danach würde ich "Und das schöne Zimmer ist leer" lesen, das man als Fortsetzung des "Jünglins" bezeichnen kann. Mein liebstes ist "Jack Holmes und sein Freund". Die zuletzt erschienenen haben leider etwas Qualität eingebüßt.
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#5 antosProfil
#6 Ralph
  • 13.01.2021, 16:55h
  • Wer White-Fan werden will, kann zwei Wege wählen. Erst mal kann er sozusagen beim frühen White einsteigen und "Staaten der Sehnsucht" (eine Beschreibung des schwulen Lebens in den USA in den 70ern) lesen und "Notturno für den König von Neapel" (1978). Oder er kann sich dem Autor biographisch nähern mit -wie schon sehr richtig empfohlen wurde- "Selbstbildnis eines Jünglings", "Und das schöne Zimmer ist leer" und "Abschiedssymphonie", den drei Teilen seiner eigenen Lebensbeschreibung. Letzteres ist allerdings eine Schwarte von 734 Seiten, die er vor 23 Jahren veröffentlicht und die er noch mal vollgepackt hat in der Sicherheit seines nahen Todes - so kann man sich irren. Dazu "City Boy" über sein Leben in New York und "Der Flaneur" über seinen Aufenthalt in Paris (etwas atypisch und gar nicht so recht schwul, wie man ihn sonst kennt). Wunderbare Romane sind auch der schon erwähnte "Jack Holmes und sein Freund" und "Die Gaben der Schönheit" (ein großartiges Stück Literatur! und erst vor vier Jahren geschrieben, auf der Höhe seines Schaffens, um mal pathetisch zu werden). Dann ist da noch "Hotel de Dream", das ich bisher gemieden habe, weil ich Romane nicht mag, die sich so ganz auf Krankheit und Sterben konzentrieren. Und noch was: Stellenweise (wirklich nur stellenweise) wird White sehr deutlich, was seine -nicht ausnahmslos salonfähigen- sexuellen Gewohnheiten angeht. Daran sollte man sich nicht stoßen. Wenn man's vorher weiß, ist man allerdings vorbereitet. Ich bin selbst ein bisschen bieder in solchen Dingen - und wenn ich das aushalten kann, sollte es jeder können.
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#7 AthreusProfil
  • 13.01.2021, 17:40hSÜW
  • Antwort auf #6 von Ralph
  • Den Flaneur kenne ich noch gar nicht. Lässt sich das Buch mit Isherwoods Berlin-Romanen vergleichen? Die Inhaltsangabe fand ich etwas abschreckend und las sich eher wie ein literarisierter Reise- und Gastronomieführer.
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#8 Ralph
  • 14.01.2021, 09:37h
  • Antwort auf #7 von Athreus
  • Ja, Dein Eindruck ist nicht falsch. Mit Isherwoods Berlin-Romanen lässt sich gar kein Vergleich ziehen. Nicht nur wegen der unterschiedlichen Zeiten und politischen Verhältnisse, sondern "Der Flaneur" plaudert von seinen ganz persönlichen Erlebnissen in Paris, beschreibt die Stadt und die mitunter skurrilen Menschen, die er dort kennengelernt hat - für White eigentlich ganz untypisch und erstaunlich unschwul. Wer einen "echten" White erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein - oder sich freuen, auch mal eine andere Seite des Autors kennenzulernen. Eben fällt mir ein wahrscheinlich doch gar zu hochtrabendes Wort ein, aber ich benutze es doch mal: Kulturanthropologie. In die Richtung scheint mir das Buch ein bisschen zu gehen. Wer "Staaten der Sehnsucht" gelesen hat, kann vielleicht nachvollziehen, was ich meine. "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" in Paris. Puh - ein sehr schräger Vergleich. Ich meine nur: kein bloßer Reiseführer, sondern echte Literatur, aber eigentlich auch kein Roman. Ansonsten: Meine ganz persönliche Ansicht ist sowieso, dass Isherwood und White in verschiedenen Ligen spielen. White ist besser. Bei ihm habe ich immer das Gefühl, er ist im Raum, wenn ich ihn lese. Isherwod kann mir dieses Gefühl nicht vermitteln. Er bleibt für mich kalt, rational, kann mich nicht ansprechen, geschweige denn begeistern. Aber das ist ein rein subjektives Urteil, für das ich keine allgemeine Gültigkeit beanspruche.
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#9 AthreusProfil