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Heimkino

Sperma oder: Die Essenz des Seins

Lange galt Dietrich de Velsas einziger Film "Gleichung mit einem Unbekannten" als verschollen. Jetzt ist das Meisterwerk des queeren Hardcore-Kinos als Video on Demand und auf DVD erhältlich.


Nachdem "Gleichung mit einem Unbekannten" jahrzehntelang nicht mehr zu sehen war, hat Yann Gonzalez den Film von Dietrich de Velsa (alias Francis Savel) bei der Recherche zu seinem eigenen erotischen Psychothriller "Messer im Herz" wiederentdeckt – und restaurieren lassen (Bild: Edition Salzgeber)

Es könnte so einfach sein … und so romantisch: Boy meets boy. Unter einer ziemlich tristen Brücke irgendwo in einem Industrie- und Baugebiet am Rand von Paris kommen sie zusammen. Zwei Jungen in engen Blue Jeans und weißen Unterhemden, der eine blond, der andere schwarzhaarig. Ein paar kurze Blicke reichen, schon machen sie sich auf den Weg ins Abenteuer oder in eine gemeinsame Zukunft. Später sind sie zu zweit auf einem Fahrrad unterwegs. Der Dunkelhaarige fährt, der Blonde sitzt quer auf der Stange. Sie albern herum, pfeifen eine Melodie, genießen die Freiheit der Jugend, den Rausch ihrer Verliebtheit.

Diese beiden von sommerlichem Licht durchfluteten Szenen rahmen Dietrich de Velsas Porno "Gleichung mit einem Unbekannten" aus dem Jahr 1980 ein. Die Möglichkeit ungetrübten Glücks deutet sich kurz an und wird schließlich noch ein vielleicht letztes Mal beschworen. Für die Dauer einer ausgelassenen Fahrt durch die Straßen eines vergessenen Arbeiterviertels wird die Welt zum Idyll und die Liebe zur Gewissheit. Es gibt keine Zweifel und auch kein unbezähmbares, von einem zum anderen Körper wanderndes Begehren.

Wiederentdeckt von Regisseur Yann Gonzalez

Dieser Rahmen ist in vielerlei Hinsicht so rätselhaft wie de Velsas einziger Film insgesamt. Es gibt keinen eindeutigen Bezug zur restlichen Erzählung. Vielleicht sind es jüngere Versionen der "figure principale", der zentralen Figur des Films, und ihres Freundes, den sie, wie sie einmal voll Trauer gesteht, gerne als Einzigen lieben würde. Vielleicht aber auch nicht.

Dass wir uns nach über 40 Jahren diese und andere Fragen über diesen Solitär des queeren Hardcorekinos stellen können, verdanken wir dem französischen Filmmacher Yann Gonzalez. Gonzalez ist im Rahmen seiner Recherchen über die französische Schwulenporno-Szene der späten Siebzigerjahre im Zuge der Vorbereitungen zu seinem Film "Messer im Herz" (2018) auf "Gleichung mit einem Unbekannten" gestoßen. Zuvor galt de Selvas einzige Regiearbeit als verschollen. Gonzalez hat den Film in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque française restaurieren lassen und damit erstmals einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Wie sehr ihn "Gleichung mit einem Unbekannten" beeindruckt und beeinflusst hat, spiegelt sich beinahe in jeder Szene von "Messer im Herz" wider.

Cruising auf der Toilette, der Tankstelle und dem Fußballplatz


Poster zum Film: "Gleichung mit einem Unbekannten" läuft seit 14. Januar 2021 als VoD im Salzgeber Club und ist außerdem auf DVD erhältlich

"La figure principale" cruist auf seinem weißen Yamaha-Motorrad durch die Peripherie von Paris. Der lange weiße Schal und sein etwas distanzierter Blick verleihen dem jungen Mann etwas Dandyhaftes, obwohl er sonst eigentlich eher proletarisch wirkt. Es ist, als ginge ein Riss durch den von Gianfranco Longhi verkörperten Charakter. Er scheint selbst nicht genau zu wissen, in welcher Welt er eigentlich zuhause ist. Und gerade das macht ihn für die anderen jungen Männer, denen er in der Kabine eines Vorort-Fußballplatzes, auf der Toilette einer kleinen Bar, an einer Tankstelle und in einem nächtlichen Industriegebiet begegnet, so verführerisch.

Er ist der Unbekannte, der jede Situation, jede Gleichung, noch einmal durcheinanderbringt und in Frage stellt. Mehr noch als die übrigen Protagonisten, die sich von Begegnung zu Begegnung, Blowjob zu Blowjob, Fick zu Fick treiben lassen, ist er ein Rätsel, eine Leerstelle: Er liebt seinen Freund. Es zieht ihn aber auch fortwährend zu diesen kurzen, intensiven Momenten mit Fremden.

Und selbst in diesen Augenblicken des Begehrens bleibt er gespalten: Er verliert sich in den Körpern der anderen und scheint sich zugleich dabei zu beobachten. Er kann sich nicht ganz fallen lassen. Nur in seinen Gedanken, seinen Träumen, die schließlich in einer großen Orgie kulminieren, ist er wirklich bei sich. Aus dieser Distanz, die auch eine Distanz zur Wirklichkeit ist, die nie dem gerecht werden kann, wovon wir träumen, erwächst eine ganz eigene Stimmung, die "Gleichung mit einem Unbekannten" einzigartig in seinem Genre macht.

Eine gloriose Huldigung jugendlicher Schönheit

Aber nicht nur dieser Motorradfahrer ist ein Unbekannter. Auch sein Schöpfer, der Regisseur und Drehbuchautor Dietrich de Velsa ist "un inconnu". Nicht wegen dieses Pseudonyms, denn das ist kein Geheimnis: Hinter ihm verbirgt sich der Maler und Kabarett-Besitzer Francis Savel, der als Frantz Salieri an "Monsieur Klein" (1976) und "Don Giovanni" (1979), zwei Filmen von Joseph Losey, mitgearbeitet hat. De Velsa/Savel ist ein Enigma, weil er sich wie "la figure principale" wieder und wieder denen entzieht, die er mit seinen Gemälden und seinen Filmbildern verführt.

"Gleichung mit einem Unbekannten" ist eine gloriose Huldigung jugendlicher Schönheit. "La figure principale" und die, die er auf seinen Fahrten durch die Stadt und dem Umland trifft, gleichen mit ihren weichen Gesichtszügen, ihrem welligen Haar Engeln. Sie erzählen von einer Zeit, die uns nun, 40 Jahre später, unendlich fern scheint. Einer Zeit, in der die Lust keine Angst kannte und schwuler Sex eben nicht stets vom Tod überschattet wurde. Kurz bevor Aids alles verändern sollte, hat Savel mit seinem Film einer Ära absoluter Freiheit ein berauschendes Denkmal gesetzt.

Die bittersüße Leere nach dem Orgasmus

Aber neben der Schönheit und der Freiheit schwingt noch etwas anderes in Savels so perfekt komponierten Filmbildern mit: ein Wissen um die Flüchtigkeit der Erfüllung, die in der Lust liegt. Seine Figuren werden noch nicht vom Tod bedroht, aber sie bleiben doch jedes Mal allein zurück wie der tätowierte Tankwart, den "la figure principale" nach den Ausschweifungen der Nacht einfach auf einer Landstraße stehen lässt. Oder wie der junge Mann in der Bar, der, von seinen Liebhabern verlassen, in sich zusammengesunken auf der Toilette sitzt und sehnsüchtig darauf wartet, dass jemand kommt, dem er einen Blowjob geben kann oder der ihn nimmt. Selbst in der großen Traumsequenz steht er lange Zeit nur mit dem Gesicht zur Wand. Er hat sich und seinen Körper verschenkt, nun bleibt ihm nichts mehr.

Dieses Bild von einem jungen Mann, der an der Wohnungswand lehnt und niemanden ansehen kann, weckt Erinnerungen an ganz andere Filmbilder. 1964 hat der französische Filmemacher Guy Gilles in seinem Kurzfilm "Le journal d'un combat" Francis Savel dabei beobachtet, wie er ein großflächiges Gemälde erschafft. Im Lauf dieses von Alain Delon erzählten Essaysfilms sieht man Savel meist nur von hinten oder leicht angeschnitten im Profil. Er verweigert sich den Blicken der Kamera. Wie später seine Protagonisten in "Gleichung mit einem Unbekannten" existiert er einzig und allein in dem, was aus ihm herausfließt. Die Formen und Farben, die nach und nach die Leinwand füllen, sind größer und wahrer als ihr Schöpfer.

Und so ist es auch in "Gleichung mit einem Unbekannten". Das Sperma, das seine Protagonisten verspritzen, ist mehr als nur Samenflüssigkeit. In ihm liegt die Essenz ihres Seins, ihrer Freiheit, die so vergänglich ist wie ein Orgasmus und immer in einer bittersüßen Leere gipfelt. Einer Leere, die kaum ein anderer Filmemacher je so präzise und so poetisch eingefangen hat wie Francis Savel.

Der Text erschien zuerst auf sissymag.de.

Vimeo / Salzgeber Club | Trailer zu " Gleichung mit einem Unbekannten" und Möglichkeit, den Film direkt anzuschauen

Infos zum Film

Gleichung mit einem Unbekannten. Spielfilm. Frankreich 1980. Regie: Dietrich de Velsa. Darsteller*innen: Gianfranco Longhi, Jean-Jacques Loupmon, Reinhard Montz, Tony Weber, Jamie Sutherland. Laufzeit: 99 Minuten. Sprache: französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Verleih: Edition Salzgeber. Seit 14. Januar 2021 als Video on Demand im Salzgeber Club


12 Kommentare

#1 IckeAnonym
  • 15.01.2021, 08:36h
  • Vielen Dank für den Einblick in diesen Film. Der klingt tatsächlich sehr interessant und das im Trailer schon sehr extreme Sexszenen gezeigt werden wundert mich. Steife Schwänze, auch wenn sie halb im Mund sind, sind in Trailern doch eher selten, zeigt aber wohl in welche Richtung es geht. Ein Hardcore Spielfilm hab ich bisher nur einen gesehen, nämlich Shortbus. Von dem Film kann man halten was man will, man kann aber über ihn Diskutieren. Was Liebe ist und wie wichtig der Orgasmus für die Liebe ist. Dieser Film scheint ähnlich ausgelegt zu sein, schwule Einsamkeit gibt es auch oder gerade heute zuhauf. Die Wegwerfgesellschaft ist ja gerade bei Schwulen gang und gebe. Kein XL? Kein Sixpack? Ein kleines Problem? Nächster bitte. Ein Film der diese Jagd nach Liebe durch Sex und die dudurch niemals richtige Erfüllung thematisiert, einfach weil der Orgasmus vergänglich ist, finde ich interessant. Werde ich wohl mal ein Blick drauf werfen.
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#2 HagenAnonym
  • 15.01.2021, 11:07h
  • Geile Melancholie aus längst vergangenen Zeiten. Wie gut, dass wir auch ein schwules Leben mit wertschätzender Liebe hinkriegen.
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#3 Aachener WeiherinAnonym
  • 15.01.2021, 11:45h
  • Das ist ein traumhaftes Pörnchen premiere qualité, cheris!!
    Gönnt euch das auf jeden Fall mal.
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#4 StaffelbergblickAnonym
#5 Dolly BusterAnonym
#6 WanndererAnonym
  • 15.01.2021, 14:26h
  • Aber wahrscheinlich sind die meisten schon durch die modernen Pornos "verdorben", oder?
    Hat jemand "Messer ins Herz" gesehen? Ist der gut?
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#7 StaffelbergblickAnonym
#8 Dolly BusterAnonym
#9 Still_Ith
  • 16.01.2021, 21:55h
  • Also, ich geb zu, sexy Atmosphäre hat der Trailer, aber, äh, "Hardcore"?
    Vielleicht hab ich als SMer da einfach andere Maßstäbe, aber was man da sieht, würd ich eher als soft bezeichnen.
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#10 IckeAnonym
  • 16.01.2021, 23:24h
  • Antwort auf #9 von Still_Ith
  • Hardcore zeigt halt den Sex, Cumshot, alles was dazu gehört. Softporno würde halt keine Erektion zeigen oder das eindringen von irgendwas in Körperöffnungen. Hardcore bedeutet halt nicht zwingend dass da SM gezeigt wird oder fisten oder sonstige härteren Sachen.
    Es wundert mich daher dass der Trailer Oralverkehr kurz zeigt, wegen Jugendschutz und so. Aber ich denke die Welt wird von nem Schwanz aus den 80ern schon nicht untergehen.
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