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Roman

"Der trans Himmel muss wundervoll sein"

Camila gehört zu einer Gruppe argentinischer trans Frauen, die sich in einem Park prostituieren. "Im Park der prächtigen Schwestern" von Camila Sosa Villada erzählt die Geschichte der Frauen, die von Gewalt, aber auch grenzenloser Solidarität geprägt ist.


Vergnügungspark in jeder Hinsicht: Riesenrad im Parcque Sarmiento in Córdoba (Bild: Juandrovandi / wikipedia)
  • Von Fabian Schäfer
    18. Januar 2021, 02:50h, noch kein Kommentar

Der Parcque Sarmiento ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten im argentinischen Córdoba. Weitläufig, mit Zoo und Kunstmuseen, Ententeich und einem Riesenrad dient er als Oase für Tourist*innen wie Einheimische. Doch der Park hat auch ein anderes Gesicht. Für Camila und ihre Wahlfamilie, ihre Schicksalsgenossinnen, Kolleginnen, Freundinnen, Konkurrentinnen ist er Heimat, Zuflucht, Arbeitsplatz.

Im Park Sarmiento warten die trans Frauen auf ihre Kundschaft, hier steigen sie in Autos und verstecken sich in den Gräben vor Polizeirazzien. Hier nehmen die anderen Prostituierten die junge Studentin Camila auf, die als auktoriale Erzählerin des Romans "Im Park der prächtigen Schwestern" fungiert. Den Park beschreibt sie als "Brutstätte der Gelüste, ein Biotop für Sex ohne Scham".

Ihre Körper, "Tempel des Nichts"

Fast wie in einer Chronik berichtet Camila von der Geschichte der Frauen, der selbst erlebten Ablehnung von Kindesbeinen an, von den Demütigungen, der Solidarität, der Fürsorge der Mutter Tía Encarna, die sogar ein Kind aus dem Park rettet und aufzieht, und vor allem der Gewalt. Denn Hass, Schläge, Verfolgung und der Tod sind ständige Begleiter der Frauen. "Der trans Himmel muss wundervoll sein", sagt Camila deshalb.

Geradezu distanziert lässt die Autorin Camila Sosa Villada die junge Camila über ihren Körper schreiben, der sich verändert habe, zum "Tempel des Nichts" geworden sei. Für sie ist die Prostitution eine Ermächtigung: "Jetzt übernehmen wir selbst die Regie." Immerhin verkaufe sie ihren Körper, um als Frau leben zu können. Fast abgeklärt stellt sie fest, dass die Freier wie die trans Huren Heuchler*innen seien, "die wir für Geld alles besteigen, was sich bewegt."

Eine Welt, so faszinierend wie abstoßend


Die deutsche Erstausgabe von Camila Sosa Villadas Roman ist am 18. Januar 2021 bei Suhrkamp erschienen

Autorin Camila Sosa Villada weiß, wovon sie schreibt. Sie hat selbst als Prostituierte gearbeitet, bevor ihr mit dem selbst produzierten Theaterstück über ihr Leben als trans Frau der Durchbruch als Schauspielerin gelang. Ihre Sprache ist roh, manchmal verträumt, nie bewusst traurig oder bedrückend, sondern direkt und unverbraucht. Sie nimmt keine Opferhaltung ein. Es ist bemerkenswert, wie sie es schafft, die vielen Facetten des Lebens zu ergründen, die vom unendlichen Schmerz bis zur unbändigen Ekstase reichen. "Ein Transjahr entspricht sieben Menschenjahren", schreibt sie treffend.

Immer wieder verleiht die Erzählerin Camila ihrem Chronik-Stil etwas Fantastisches. Sie reichert hier und da den realistischen Bericht an um märchenhafte Elemente, etwa wenn der gehörlosen María plötzlich winzige graue Federn sprießen und sie sich allmählich in einen Vogel verwandelt. Sie entwickelt ihre ganz eigene Geschichte voller Tragik und doch geprägt vom Drang der Befreiung.

"Im Park der prächtigen Schwestern" wird so eine Melange aus Roman und Märchen, die uns eine Welt näherbringt, die so faszinierend wie abstoßend ist. Ein Mikrokosmos des Prekären, der sich dessen ganz genau bewusst ist, Demütigungen erträgt, verachtende Blicke und schmerzhafte Tritte aushält, und dennoch die Freude am Leben und der Gemeinschaft nicht verliert.

Infos zum Buch

Camila Sosa Villada: Im Park der prächtigen Schwestern. Roman. Aus dem Spanischen von Svenja Becker. 220 Seiten. Suhrkamp Verlag. Berlin 2021. Taschenbuch: 14,95 € (978-3-518-47118-0). E-Book: 12,99 €