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Interview

"In einer Armee gibt es immer homoerotische Aspekte"

Regisseur Oliver Hermanus über seinen aufwühlenden Film "Moffie", der von der Demütigung und ersten Liebe eines jungen schwulen Rekruten im Südafrika der Apartheid erzählt.


Szene aus "Moffie": Nick muss wie alle 16-jährigen weißen Südafrikaner zwei Jahre zur Armee. Der Drill setzt ihm und allen Kameraden zu. Viel schwieriger ist jedoch seine Anziehung für Dylan, die ihn in Lebensgefahr bringen könnte (Bild: Edition Salzgeber)

Der 1989 in Kapstadt geborene Regisseur Oliver Hermanus hat ein Abo auf Festivals. Sein Debütfilm "Shirley Adams" startete 2009 in Locarno. Sein zweites Werk "Skoonheid" wurde 2011 in Cannes mit der Queer Palm ausgezeichnet. Der dritte Streich "The Endless River" feierte Premiere in Venedig als erster südafrikanischer Film, der jemals in den dortigen Wettbewerb eingeladen wurde.

Mit "Moffie" war Oliver Hermanus erneut in Venedig dabei. Erzählt wird die Geschichte des jungen schwulen Rekruten Nicholas, der in der südafrikanischen Armee zur Zeit der Apartheid durch Vorgesetzte und Kameraden sadistischen Qualen ausgesetzt ist (queer.de rezensierte).

Der Titel "Moffie" bezeichnet das südafrikanische Schimpfwort, mit dem queere Menschen beleidigt werden. Das Drama wird in Kritiken als Mischung aus Kubricks "Full Metal Jacket" und "Beau Travail" von Claire Denis bezeichnet. Noch bis 31. Januar 2021 ist "Moffi" in der queerfilmnacht zu streamen und ab 28. Januar auch auf DVD zu haben.

Wir sprachen mit dem Regisseur am Telefon.


Olivier Hermanus wurde 1983 in Kapstadt geboren, "Moffie" ist sein vierter Film (Bild: IFFR)

Herr Hermanus, mit welchen Gefühlen inszeniert man solche Demütigungen, die Sie zeigen?

Es kann bisweilen schon schwierig sein, solche Szenen von Quälereien zu inszenieren. Andrerseits geht es darum, ein möglichst authentisches Bild jener damaligen Verhältnisse zu zeigen, das sich für das Publikum realistisch anfühlt. Aber keine Sorge, es ist bei uns ja nur gespielt. Alle Darsteller waren nach Drehschluss wieder die beste Freunde! (lacht)

In Deutschland hat die Regierung einen Gesetzentwurf zur Entschädigung diskriminierter homosexueller Militärangehöriger beschlossen. Wie ist die Situation in Südafrika?

Entschädigungen gibt es nicht, denn diese Armee aus Apartheidzeiten existiert nicht mehr. In der Wahrheits- und Versöhnungskommission wurden solche Vorfälle von damals zwar angesprochen, aber angesichts der vielen gravierenden Missstände während der Apartheid, war das keine eigenes Thema bei diesen Anhörungen.

Haben Sie sich beim Drehbuch auf die Roman-Vorlage von André Carl van der Merwe verlassen oder selbst noch eigene Recherchen unternommen?.

Der Roman war für uns nur der Ausgangspunkt, dem viele Recherchen folgten. Wir machten uns auf die Suche nach weiteren Geschichten von Betroffenen, um ein möglichst realistisches Bild jener Zeit zu zeichnen. Mit damaligen Offizieren zu sprechen, war allerdings kaum möglich, weil die sich damit nicht konfrontieren lassen wollten. Wer mag schon zugeben, Teil eines Systems gewesen zu sein, das so böse war wie die Apartheid.


Poster zum Film: läuft "Moffie" läuft seit 7. Januar 2021 in der queerfilmnacht online sowie über die Seiten der Partnerkinos

Was halten Sie von Vergleichen von "Moffie" mit Kubricks "Full Metal Jacket" und "Beau Travail" von Claire Denis?

Ich habe bewusst vermieden, mir vorab Filme über dieses Thema anzuschauen, um nicht unfreiwillig davon beeinflusst zu werden. Wenn "Moffie" als Kind der Liebe zwischen "Beau Travail" und "Full Metal Jacket" bezeichnet wird, macht mich das natürlich sehr glücklich!

Wie bei Claire Denis gibt es auch bei "Moffie" etliche Szenen nackter Körper, die recht erotisch ausfallen...

Es liegt in der Natur der Sache, dass es in einer Armee immer homoerotische Aspekte gibt. Ich wollte auch nicht zu maßlos sein, bei diesem warmen Klima in Südafrika haben die Leute allgemein meist so gut wie nichts an.

Ist das Volleyball-Spiel eine augenzwinkernde Anspielung auf "Top Gun"?

Ich war ziemlich überrascht, als ich zum ersten Mal von diesem Vergleich hörte. Das lag keineswegs in meiner Absicht – ich habe "Top Gun" seit mindestens 25 Jahren nicht mehr gesehen.

Was hat es mit dem Titel "Moffie" auf sich?

"Moffie" ist ein drastischer, abwertender Ausdruck in Afrikaans für "schwul". Er ist eine südafrikanische Waffe, um schwule oder effeminierte Männer zu beleidigen. Wenn man dieses Wort das erste Mal hört, versucht man, sich davor zu verstecken. Man beginnt, sich zu verstellen, man tut so, also wäre man jemand anderes. Die Schande ist sofort real, man merkt, dass man entdeckt und aussortiert wurde. Das Wort sagt, du bist schlecht, du hast kein Recht, akzeptiert oder gemocht zu werden, und jeder kann dich zurückweisen. Zur Zeit der Apartheid war man, genau wie schwarze Menschen, kriminell.

Wird das Schimpfwort "Moffie" mittlerweile von Betroffenen geentert und umgedeutet wie "queer"?

Diese Entwicklung gibt es auf alle Fälle, deswegen trägt der Roman und unser Film diesen Titel. Diese Waffe der vermeintlichen Schande ist entschärft, der Giftzahn ist diesem Wort gezogen.

Was sagen Sie zur Debatte, wonach queere Figuren nur von queeren Menschen gespielt werden?

Bei "Moffie" ist die Hauptfigur zunächst überzeugt, dass sie heterosexuell ist. Insofern habe ich kein Problem, dass ein heterosexueller Schauspieler diese Rolle spielt, die erst langsam ihr Schwulsein entdeckt. Die Forderung, wonach queere Figuren nur von queeren Schauspielern und Heteros nur von Heteros gespielt werden sollten, könnte in der Zukunft zu kreativen Einschränkungen führen,

Ihr Kollege Francis Lee beklagt sich, dass er als schwuler Regisseur nach "God's Own Country" und "Ammonite" ständig darauf angesprochen wird, warum er queere Geschichten erzähle. Geht es Ihnen bisweilen ähnlich?

Medien suchen eben gerne nach Schubladen. Kein Filmemacher möchte auf eine Sache reduziert werden. Auch ich möchte nicht ausschließlich nur queere Geschichten erzählen, gleichwohl wird mir dieses Etikett oft angeheftet.

Was sollte das Publikum aus "Moffie" mitnehmen?

Ich hoffe, das Publikum wird eine ganz persönliche Erfahrung machen. Der Film kommt von Herzen und ist emotional. Er wird bei manchen Erinnerungen an ihre eigene Zeit beim Militär wachrufen, aber ich glaube, in erster Linie drückt der Film auf die Tränendrüse. Ein paar Tränen wären nicht schlecht. (lacht)

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Infos zum Film

Moffie. Drama. Südafrika 2019. Regie: Oliver Hermanus. Darsteller*innen: Kai Luke Brummer, Ryan de Villiers, Matthew Vey. Stefan Vermaak. Hilton Pelser. Laufzeit: 103 Minuten. Sprache: Originalfassung in Englisch und Afrikaans mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Edition Salzgeber. Seit 7. Januar 2021 in der queerfilmnacht online sowie über die Seiten der Partnerkinos.
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Moffie
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#1 AtreusProfil
  • 20.01.2021, 10:25hSÜW
  • Es wird immer lächerlicher. Alles ist genial, alles ein Meisterwerk, weil schwul. Wie inflationär längst nicht mehr nur hier mit Superlativen um sich geworfen wird, finde ich absurd. Noch absurder finde ich, dass man tatsächlich einen Vergleich zu Full Metal Jacket gezogen hat. Da frage ich mich schon, was das für Kritiker sein sollen? Auch ohne einen Kubrick-Hausaltar fühle ich mich fast schon genötigt, letzteren "in Schutz" zu nehmen, da die Filme weder stilistisch, noch thematisch, noch visuell, noch aural einen Vergleich erlauben.

    Moffie ist mittelmäßiges bis (punktuell) gutes Depressivkino, dass daran krankt, dass man alle Themen (Apartheid, Südafr. Grenzkrieg, Homosexualität, Outing, Homophobie, Rassismus, militärischer Drill und Männlichkeitsbilder, Suizidalität) in den cineastischen Thermomix geworfen und es dadurch letzlich versäumt hat, auch nur ein einziges Thema auszuerzählen. Quälender ist nur noch, dass jeder Anflug von Hoffnung im Keim erstickt wird.
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#2 YannickAnonym
  • 20.01.2021, 12:27h
  • Ich selbst war nie beim Bund, aber ein ehemaliger Kommilitone, der damals noch kurz vor der Abschaffung seinen Wehrdienst leisten musste, hat mir mal erzählt, dass die 4 jungen Männer von seiner Stube immer mal wieder zusammen zu Pornos gewichst haben.

    Die anderen haben sich an dem Film aufgegeilt und er an seinen Stubenkameraden...
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#3 seb1983
#4 MeckieAnonym
  • 20.01.2021, 18:14h
  • "In einer Armee gibt es immer homoerotische Aspekte" - Diese Aussage alleine ist doch schon schlichtweg einfach nur falsch! "Immer" sicher nicht! Der Typ, der den Satz sagte, war wohl nie in einer Armee???
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#5 KaiJAnonym
  • 20.01.2021, 18:34h
  • Eine schauspielerische Rolle sollte danach beurteilt werden wie sie emotional ausgefüllt wurde und nicht wie mensch sich selbst etikettiert.
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#6 WanndererAnonym
  • 20.01.2021, 18:35h
  • Antwort auf #4 von Meckie
  • Kommt auf die Definition darauf an. Jane Ward hat, meiner Meinung nach, überzeugend dargelegt, dass das Homosexuelle gerade in Armee-Kontexten genutzt wird, um das Normale zu schaffen.
    Und dass gerade Initiationsriten etc "schwules" aufnehmen, um sich als Heteros zu inszenieren.
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#7 FbvvAnonym
#8 MertAnonym
  • 21.01.2021, 10:38h
  • Für Soziologen und homoerotische Schwärmereien mag das ein interessantes Feld sein.
    Armee verbinde ich aber als erstes mit dem Aspekt Krieg und Gewalt. Auch wenn die meisten Armeen heutzutage der Abwehr dienen und nicht wegzudenken sind, finde ich den sexuellen Aspekt unter dem Gesichtspunkt wozu diese Institutionen überhaupt existieren, nichtig.
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