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"Die Entscheidung des BFV war wegweisend"

Fußball für alle? Berlin macht Alleingang

Fußball soll laut DFB für jeden da sein. Eine institutionelle Form der Ungleichbehandlung hat sich vor kurzem der Berliner Fußballverband vorgenommen – und steht damit bisher deutschlandweit alleine.


Fußball-Enthusiastin Michaela Jessica Tschitschke und LSVD-Bundesvorstandsmitglied Christian Rudolph (Bild: Berliner Fußballverband)

  • Von Jonas Klüter, dpa
    27. Januar 2021, 10:08h, noch kein Kommentar

Teamgeist, Wettkampf, Zusammenhalt. Dinge, die für viele im Sport selbstverständlich sind, wurden der Berlinerin Michaela Jessica Tschitschke lange vorenthalten. "Da ich selbst transident bin, war es bei mir lange so, dass ich immer wieder Probleme mit Spielordnungen und Spielrecht hatte", sagt die 43-Jährige.

Zunächst spielt Tschitschke Hockey, macht eine Hormonbehandlung und lässt Name und Geschlecht im Pass ändern. "Dann wollte ich im Frauenteam mitspielen – das hat man mir komplett verweigert". Ein Jahr lang stritt sie eigenen Angaben zufolge mit dem Verein und wechselte letztendlich zum Fußball. "Aber auch da gab es viel Diskriminierung."

Heute spielt Tschitschke bei dem 2012 gegründeten queer-feministischen Verein DFC Kreuzberg. "Ich fühle mich da wohl, weil ich da kein Fremdkörper bin", sagt sie. Als der Berliner Fußballverband (BFV) im Sommer 2020 mit einer Änderung der Spielordnung deutschlandweit einen Alleingang macht, ist Tschitschke daran beteiligt.

"Bei unserer Regelung in Berlin kann nun die Person selbst entscheiden, wo sie spielen möchte", erklärt Tschitschke. Menschen mit dem dritten Geschlechtseintrag "divers" werden laut Verbandsangaben in Berlin seit Juni 2020 bei der Vergabe von Spielberechtigungen einbezogen. Davor wurde die Zulassung lediglich entsprechend dem Geschlecht "männlich" oder "weiblich" erteilt.

Twitter / DFB

"Die Entscheidung des BFV war wegweisend", sagt die Diversity-Managerin des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), Claudia Krobitzsch. Demnach war der BFV bisher der einzige von 21 Landesverbänden, der trans- und intergeschlechtlichen Menschen einen Zugang zum Fußball ermöglicht. Die deutschlandweite Umsetzung dauere an.

Nur eine trans oder diverse Person pro Team erlaubt

Ganz reibungslos habe es in Berlin aber nicht funktioniert, sagt Tschitschke. "Im Berliner Fußball haben wir irgendwann gesagt, dass wir die Zahl an Personen pro Team begrenzen, um dem Argument des Wettbewerbsvorteils entgegenzuwirken". Demnach darf auf dem Spielfeld lediglich eine Person pro Team divers oder transgender sein. Ein unliebsamer – aber notwendiger Kompromiss, wie Tschitschke betont. "Wir reden zwar über den Amateursport, aber selbst der ist für manche Menschen gefühlt wie Leistungssport."

"Für einen Fußballverband ist es wichtig, jeden mitzunehmen", sagte der Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD) Berlin-Brandenburg, Christian Rudolph. Dass es dabei auch mal unerwartet Gegenwind geben kann, habe Hertha BSC erlebt. Nachdem der Bundesligist zusammen mit dem LSVD symbolisch die Regenbogenflagge gehisst hatte, kam es zu einem Shitstorm, wie Rudolph berichtet. "Da gab es dann plötzlich ziemlich heftige Reaktionen im Netz. Haltung zu zeigen wurde für den Verein dann aber umso wichtiger".

Wegen der Corona-Krise sei die tatsächliche Wirkung des BFV-Vorstoßes gerade noch nicht überall zu beobachten, sagt Pia Mann, Gründungsmitglied von DFC Kreuzberg. "Zunächst wurde wegen der Pandemie der Spielbetrieb ja eingeschränkt und später hieß es dann, dass wir nur eine Hinrunde spielen". Gerade einmal fünf Spiele hätten sie seit Sommer 2020 in der Bezirksliga gehabt, betont die Mittelfeldspielerin.

"Ich glaube schon, dass der Vorstoß des BFV diesen unangenehmen Situationen ein bisschen Einhalt gebietet", sagte Mann. In der Vergangenheit habe es Vorfälle gegeben, bei denen Vereine ganz gezielt den Spielerpass von einzelnen Teammitgliedern sehen wollten. "Das ist eine schlimme Situation, wenn auf einmal die eigene Identität in Frage gestellt wird", erinnert Mann.