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Heimkino

Schwuler Teenager zwischen jüdischem Gebet und Aidskrise

Ein junger, russischer, jüdischer und schwuler Immigrant im New York der späten Achtziger: Im Coming-of-Age-Drama "Minjan" muss sich David zwischen Hormonen, Familienerwartungen und HIV zurechtfinden.


David stammt aus einer russischen Einwandererfamilie und nimmt als guter Sohn regelmäßig an den Gottesdiensten seiner jüdischen Gemeinde teil, um das Quorum zu erreichen (Bild: Edition Salzgeber)
  • Von Fabian Schäfer
    1. Februar 2021, 13:16h, 1 Kommentar

Manchmal ist Nirgendwo genau der Ort, an dem man sich verkriechen möchte. Der 17-jährige David geht deshalb erst zaghaft, später selbstbewusster in die New Yorker Schwulenbar "Nowhere". Dort kann er seinem Stadtteil Brighton Beach, seiner russisch-jüdischen Einwandererfamilie genauso wie der jüdischen Schule entfliehen. Und zwei Wodka kippen und mit dem Barkeeper flirten.

Kurz zuvor hat er seinem Großvater Josef Broszky geholfen, eine subventionierte Wohnung zu erhalten. Dafür musste er dem Rabbi zusichern, künftig an den Gottesdiensten des jüdischen Wohnkomplexes teilzunehmen. Als dann zehnter Mann erfüllte er das Quorum, um einen vollständigen jüdischen Gottesdienst abzuhalten – der Minjan, die Betgemeinde, war dank ihm vollständig.

Die Nachbarn seines Großvaters sind Itzik und Herschel, ein ehemaliger Soldat und ein Intellektueller. Sie leben zusammen, seit ihre Frauen gestorben sind. Schnell wird David klar, dass die beiden mehr als nur eine Freundschaft verbindet. Was genau er von dem Paar hält, bleibt vage.

Beim Sex mit dem Barkeeper ist David nervös


Poster zum Film: "Minjan" läuft im Februar 2021 in der queerfilmnacht online

Wie so vieles in diesem Drama. Denn die meisten Emotionen und Erlebnisse erfahren wir nur in Anspielungen. "Minjan", der bei der Berlinale im vergangenen Jahr seine Premiere feierte, reiht eine Auslassung an die andere. Das Drama erzählt langsam und fast wahllos und ohne Ziel von David, seiner Familie, seinem Aufwachsen. Die Kamera bleibt meist nah an Samuel H. Levine, der David die schüchtern-unsichere Art gibt, die diese Rolle braucht.

Seine Mutter war in Russland Zahnärztin, hat aber keine Zeugnisse mehr, arbeitet deshalb als Sprechstundenhilfe und behandelt Patient*innen, sobald der Arzt weg ist, sein Vater war früher Boxtrainer, verdient sein Geld jetzt als Physiotherapeut. Seine Teenagerzeit ist geprägt von ihren Erwartungen, aber auch der Sorge, die sich seine Mutter um den Sohn macht. "An einer jüdischen Schule werden Juden nicht geschlagen!", nennt sie ihm als Begründung, warum er keine öffentliche Schule besucht.

Cruising-Erlebnisse in der Nähe eines offenbar als Treffpunkt bekannten Donutladens bleiben darauf reduziert, dass David einem Mann hinterherblickt und einige Schritte ins Gebüsch folgt. Als der Kellner aus dem "Nowhere" ihn jedoch nach einer ziemlich durchzechten Nacht nach Hause nimmt, wird jedoch kaum etwas ausgelassen. Der Schüler ist nervös, aber genießt schnell. Die aufkommende Aids-Krise wird dem Neuling nach dieser Nacht – nicht selbst, aber indirekt – schmerzhaft bewusst.


Samuel H. Levine gibt David die schüchtern-unsichere Art, die diese Rolle braucht (Bild: Edition Salzgeber)

Intellektueller Kontrast zum Streaming-Einheitsbrei

"Minjan" ist der erste Langfilm von Regisseur Eric Steel. Das Drama basiert auf einer Kurzgeschichte des lettisch-kanadischen Schriftstellers David Bezmozgis, verlegt die Handlung jedoch von Toronto in den jüdisch geprägten New Yorker Stadtteil Brighton Beach. So verwebt er die Handlung mit seinen eigenen Erfahrungen als schwuler Jugendlicher in der von Aids gezeichneten Metropole.

Dabei verzichtet er auf große, starke Szenen, die einem lange im Gedächtnis bleiben, genauso wie auf einen besonders ausgeprägten Spannungsbogen. Umso auffälliger ist dafür der Soundtrack von Kathleen Tagg und David Krakauer, der Klarinettensoli und Klezmer-Musik sehr harmonisch miteinander verbindet und klare Akzente setzt.

Manchen wird "Minjan" zu langatmig sein. Der Film, der in diesem Monat in der queerfilmnacht online läuft, nimmt sich viel Zeit, in der ersten Hälfte vielleicht zu viel. Er spricht wenig direkt aus, obwohl er viele Fragen rund um Identität, Religion und Vereinbarkeit stellt. Dem Drama würde die große Leinwand sicher besser stehen, bietet sich aber auch als intellektueller Kontrast zur Streaming-Sehgewohnheit an.

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Infos zum Film

Minjan. Drama. USA 2020. Regie: Eric Steel. Darsteller*innen: Samuel H. Levine, Ron Rifkin, Christopher McCann, Mark Margolis, Richard Topol, Brooke Bloom, Alex Hurt. Laufzeit: 118 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Edition Salzgeber. Im Februar 2021 in der queerfilmnacht online sowie über die Seiten der Partnerkinos.


#1 lindener1966Profil
  • 02.02.2021, 01:13hHannover
  • Auf diesen Film warte ich schon lange. Leider leider kommt natürlich-erstmal- nicht ins Kino.
    Er hat auf "film-rezensionen" eine super gute Kritik bekommen. 9 von 10 Punkten.

    www.film-rezensionen.de/2020/09/minjan/

    Cinematographie von Ole Bratt Birkeland, der auch "Judy" in Szene gesetzt hat.
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