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Kassel
Berufungsprozess gegen Professor Kutschera hat begonnen
Der 66-Jährige Evolutionsbiologie aus Kassel hatte Homosexuellen eine Neigung zu sexuellem Kindesmissbrauch unterstellt.

Professor Ulrich Kutschera war in der Vergangenheit Gast in Talkshows, um auf die Gefahren des Kreationismus hinzuweisen. 2015 schwenkte er auf das Thema "Gender-Ideologie" um und wetterte vor allem gegen Homo- und Transsexuelle – damit wurde er schnell zum Darling von Rechtsaußen (Bild: Screenshot 3Sat)
- 4. Februar 2021, 11:55h 3 Min.
Vor dem Landgericht Kassel hat am Donnerstag der Berufungsprozess gegen einen Universitätsprofessor begonnen, der in einem Interview mit einem katholischen Internetportal gegen Homosexuelle gehetzt hatte. Die Anklage wirft dem 66-jährigen Ulrich Kutschera Volksverhetzung, Beleidigung und Verleumdung vor. Darüber hinaus muss sich der Evolutionsbiologe, der bei der staatlichen Universität Kassel arbeitet, wegen Fahrerflucht verantworten.
In dem im Juli 2017 veröffentlichten Interview hatte er homosexuellen Menschen unter dem Vorwand angeblicher "biowissenschaftlicher Fakten" eine grundsätzliche Neigung zum sexuellen Missbrauch von Kindern vorgeworfen. Homosexuelle Paare bezeichnete der 66-Jährige unter anderem als "sterile, asexuelle Erotikduos ohne Reproduktionspotenzial". In gleichgeschlechtlichen Beziehungen lebende Kinder seien "bemitleidenswerte Befruchtungsprodukte", deren Erziehung durch "widernatürliche Frühsexualisierung" in Form "geistiger Vergewaltigung" erfolge.

Unter einem wissenschaftlichen Deckmantel verbreitet Ulrich Kutschera krude Theorien über Schwule und Lesben
Zum Adoptionsrecht von gleichgeschlechtlichen Paaren hatte Kutschera erklärt: "Sollte das Adoptionsrecht für Mann-Mann- beziehungsweise Frau-Frau-Erotikvereinigungen kommen, sehe ich staatlich geförderte Pädophilie und schwersten Kindesmissbrauch auf uns zukommen."
Die "Homoehe" eröffne "ein mögliches Horror-Kinderschänderszenario, über das man nicht weiter nachdenken möchte – die Ehe für alle drei wird dann kommen. Da lesbische Frauen in verstärktem Maße zur Pädophilie neigen, ergeben sich dort analoge Probleme."
Der 66-Jährige soll laut Anklage zumindest billigend in Kauf genommen haben, dass seine Ausführungen dazu bestimmt waren, Homosexuelle im Allgemeinen und gleichgeschlechtliche Paare im Besonderen in ihrem Ansehen gegenüber heterosexuellen Mitmenschen als ungleichberechtigte Personen herabzuwürdigen und zu verletzen. Das gelte insbesondere durch die Bezugnahme auf angebliche wissenschaftliche Erkenntnisse.
Im August zu 6.000 Euro Geldstrafe verurteilt
Das Amtsgericht Kassel verurteilte den 66-Jährigen im August 2020 wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe von 6.000 Euro. Die homosexuellenfeindlichen Äußerungen seien nicht wie von ihm vorgetragen durch die Freiheit der Wissenschaft gedeckt gewesen, so der Richter damals (queer.de berichtete). Ansonsten wurde er freigesprochen. Trotz des milden Urteils legte Kutschera umgehend Berufung ein (queer.de berichtete).
Vor dem Landgericht ist ein Fortsetzungstermin für den 16. Februar angesetzt.
Bereits vor der Verurteilung hatte Kutschera immer wieder mit neuen homo- und transphoben Aussagen für Empörung gesorgt. Er sitzt auch im Kuratorium der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung und verbreitet seine "wissenschaftlichen" Thesen über Homo- und Transsexualität etwa im Protal "Freie Welt", eine Propaganda-Seite von Beatrix von Storch und ihrem Ehemann (queer.de berichtete). Dabei stilisiert er sich und andere Homo-Hasser*innen gerne zu Opfern einer angeblich linken Meinungsdiktatur hoch. Erst vor wenigen Monaten behauptete er etwa, dass die "links-grüne Gender-Ideologie" die neue deutsche "Staatsreligion" sei (queer.de berichtete).
In einem Kommentar beklagte er auch "Gender-Indoktrination" in der Kinderserie "Sesamstraße": Zu der Meldung, Ernie und Bert könnten schwul sein, betonte er, "die gleichgeschlechtliche Veranlagung von Männern" basiere "in aller Regel auf hormonellen bzw. immunologischen Entwicklungsprozessen, die vorgeburtlich nicht so verlaufen sind wie bei ca. 98 % der Heteronormalen". Es sei "unakzeptabel, Kindern eine auf 'developmental disorders' basierende Homo-Verhaltensweise als 'freiwilligen Lebensstil' zu vermitteln." (AFP/dk)

Immer wieder schwelgt Kutschera im Von-Storch-Portal in seinem angeblichen Opferstatus (Bild: freiewelt.net)














